Der Hüter der Schwelle — Siebentes Bild

GA 14

Eine Landschaft aus Phantasieformen. Majestätisch in ihrer Zusammensetzung aus wirbelnden Wassermassen, die sich zu Gestalten formen auf der einen Seite, aus lodernden Feuerwirbeln auf der andern Seite. In der Mitte ein Erdschlund, aus dem Feuer sprüht, das sich wie zu einem Tore auftürmt, welches sich vor einem aus Feuer und Wasser sich gestaltenden gebirgsartigen Gebilde befindet. Der Hüter, Thomasius, Maria, später Lucifer, dann die andre Philia. DER HÜTER: Welch ungestümes Wünschen tönt hierher; So stürmen Menschenseelen, die mir nahen, Bevor sie noch Gelassenheit sich voll errungen. Es treibt jedoch Begierde solche Wesen Und nicht die Kraft, die schaffend sprechen darf, Weil sie sich schweigend selber schaffen konnte. Die Seelen, welche hier sich so bezeugen, Ich muß zur Erde sie zurück verweisen. Sie können doch in Geistesreichen nur Verwirrung stiften und die Taten stören, Die Weltenmächte weise vorbereiten. Und auch dem eignen Wesen schaden sie. Sich selbst erzeugen sie Zerstörungstriebe, Die sie für Schöpferkräfte halten können, Weil sie den Wahn für Wahrheit nehmen müssen, Wenn Erdenfinsternis sie nicht mehr schützt. (Es erscheinen Thomasius und Maria.) THOMASIUS: Du siehst vor deiner Schwelle nicht die Seele, Die aus Thomasius, dem Geistesschüler Des Benedictus, sich dir öfter nahte, Obgleich sie doch Thomasius' Gestalt Auf Erden noch die ihre nennen muß. Der kam zu dir mit Wissensdurst erfüllt. Er konnte deine Nähe nicht ertragen. Er hüllte sich in seine Eigenheit, Wenn er dich fühlte; und so sah er oft In Welten, die ihm alles Daseins Ursprung Und alles Seins Bedeutung scheinbar zeigten. Er fand in ihnen Wissensseligkeit Und fand auch Kräfte, die dem Künstler gaben, Was ihm Gemüt und Hand in Schöpfungsspuren So lenkte, daß er wahrhaft glauben konnte, In ihm erlebten Weltenkräfte sich Und hielten ihre Wirkung bildhaft fest. Er wußte nicht, daß nichts vor ihm erstand In allem, was er schaffend denken konnte, Als nur der eignen Seele Wesensinhalt. Der Spinne gleich, die sich ins Netz verspinnt, So formte er sich selbst, als Welt sich fühlend. Er glaubte einst Maria geistig wirklich Sich gegenüberstehend; doch er schaute Das Bild, das sie in seine Seele erst Geprägt, und das als Geist sich offenbarte. Und als er dann für wenig Augenblicke Das eigne Wesen wirklich sehen durfte, Da hätte er sich selbst entfliehen mögen; Er glaubte sich im Geist und fand sich nur Als Wesenheit im eignen Blute vor. Er lernte kennen dieses Blutes Macht; Es war in Wahrheit, und nur Bild das andre. Und echtes Schauen gab ihm nur sein Blut. Es ward ihm wahrer Lehrer; es zeigte, Wer Vater ihm und wer ihm teure Schwester

In lang vergangnen Erdenzeiten war. Zu Blutsverwandten führte ihn sein Blut. Da wußte er, wie stark die Menschenseele Sich täuschen muß, wenn sie vom Stoff zum Geiste In Eitelkeit empor sich heben will. Solch Streben kann die Seele wahrlich fester Dem Stoff verbinden als das Tagessein, Das menschlich dumpf den Daseinstraum erlebt. Und als Thomasius als seine Lage Dies vor die Seele sich so stellen konnte, Da warf er jener Macht sich kräftig hin, Die ihn nicht trügen konnte, wenn sie auch Im Scheine nur sich zeigte; wüßt' er doch, Daß Lucifer selbst dann noch wirklich ist, Wenn er sich nur im Bilde zeigen kann. Die Götter wollen in der Wahrheit nur Dem Menschen nahn; doch Lucifer - der bleibt Er selbst, ob wahr, ob falsch der Mensch ihn schaut. Deshalb erkenn' ich auch, daß ich fürwahr Die Wirklichkeit erfühle, wenn ich glaube, Daß ich die Seele finden muß, die er In seinem eignen Reiche mir verband. Mit all der Kraft, die Lucifer verleiht, Gerüstet, will ich mich an dir vorbei Zu Theodora drängen, welche ich Im Lande jenseits dieser Schwelle weiß. DER HÜTER: Thomasius, bedenke, was du weißt. Was jenseits dieser Schwelle sich erlebt, Ist dir wohl unbekannt: vertraut jedoch Bist du mit allem, was ich fordern muß, Bevor du dieses Reich betreten kannst. Du mußt dich trennen erst von vielen Kräften, Die du im Erdenleibe dir erworben. Behalten kannst du doch von ihnen nur, Was sich in geistig reinem Streben dir Erschlossen und auch rein verblieben ist. Doch dieses hast du selbst von dir geworfen Und Ahriman als Eigentum gegeben. Was dir jetzt noch erhalten, das hat dir Für Geisteswelten Lucifer verdorben. Ich muß es an der Schwelle dir benehmen, Wenn du gerecht sie überschreiten willst. So bleibt dir nichts; - ein wesenloses Wesen, Das wirst du sein, wenn du dich geistig findest. THOMASIUS: Doch werd' ich sein und Theodora finden. Sie muß mir Quelle vollen Lichtes sein, Das ihrer Seele ohne Erdenwissen So reichlich stets sich offenbaren kann. Das ist genug. Und du wirst dich vergebens Mir widersetzen, auch dann, wenn die Kraft, Die ich auf Erden mir erworben habe, Der Meinung nicht entspricht, die sich in dir Vom guten Geiste einst gebildet hat. MARIA: Bekannt ist dir, der dieses Reiches Schwelle Behüten muß seit Erdenurbeginn, Was, um es zu betreten, Wesen brauchen, Die deiner Art und deiner Zeit gehören; Und auch die Menschen, welche dir begegnen, Sie müssen, wenn sie nur sich selber bringen Und rechtes Geistesgut nicht zeigen können, Von hier zurück ins Erdenleben gehen. Doch dieser hat die andre Seele dir

Mit sich an deine Schwelle bringen dürfen, Die ihm das Schicksal eng verbunden hat. Du bist bestellt von hohen Geistesmächten, Um viele Menschen hier zurückzuhalten, Die sich der Pforte dieses Reiches nahen, Und die Zerstörung nur sich selber brächten, Wenn sie die Schwelle überschreiten würden. Doch du vermagst sie jenen doch zu öffnen, Die sich durch ihres Wesens Eigenart Im Geistesreiche solcher Liebe neigen Und sich mit ihr auch ganz durchdringen können, Die deine Götter ihnen vorbestimmt, Bevor noch Lucifer zum Kampfe schritt. Vor seinem Throne stehend hat mein Herz Sich streng geloben dürfen, dieser Liebe In künft'gen Erdenzeiten so zu dienen, Daß ihr Erkenntnis, die von Lucifer In Menschenseelen strömt, nicht schaden kann. Und Menschen werden stets sich finden müssen, Die auf der Götter Liebeoffenbarung Mit starkem Sinne hören, wie sie einst Auf Lucifers Erkenntnisworte hörten. Johannes hat im Erdenleibe jetzt Gehör für meine Stimme nicht wie früher, Als ich in langvergangnen Erdenleben Ihm offenbaren durfte, was mir selbst Vertraut Hybernias Weihestätten hatten, Von jenem Gotte, der im Menschen wohnt, Und der einst über Todesmächte siegte, Weil er der Liebe Wesen leben konnte. Der Freund, er wird im Geistesreiche wieder Das Wort aus meiner Seele hören können, Für welches Lucifer sein Erdgehör Ihm trüben konnte durch die Wahneskraft. THOMASIUS (wie ein Wesen geistig schauend): Maria, siehst du dort im langen Kleid Den würdevollen Greis, das Antlitz ernst, Die Stirne edel, leuchtend seine Blicke. Er schreitet durch die Gassen, die von Menschen Gefüllt; doch alle weichen ehrerbietig Zur Seite, daß in Ruhe jener Greis Des Weges gehen könne und ihm nicht Des Denkens Lauf unsanft zerrissen werde. Denn sehen kann man, wie er ganz in sich Gedankenkräftig Wesenhaftes sinnt. Maria, siehst du ihn? MARIA: Ich sehe ihn, Wenn ich mit deinem Seelenauge blicke. Nur dir allein will er in dieser Zeit Bedeutungsvoll im Bild sich offenbaren. THOMASIUS: Ich kann ihm jetzt in seine Seele sehn; Bedeutungsvolles lebt in ihren Tiefen, Erinnerung an kurz vorher Gehörtes. Es steht ein weiser Lehrer ihm vor Augen. Er läßt durch seine Seele Worte ziehn, Die er von ihm gehört; er kommt von ihm. An alles Daseins Quellen rührt sein Denken; Wie einst die Menschen alter Erdenzeit Der Geistesschau noch nahe stehen durften, Doch traumhaft nur das Seelenleben war. Des Greises Seele folgt Gedankengängen, Die vom erhabnen Lehrer er vernommen. Und jetzt verliert er sich dem Seelenauge; O könnt' ich doch noch weiter ihn erblicken!

Ich sehe aus der Volkesmasse Männer Besprechend sich; ich höre ihre Worte. Von jenem Greise sprechen sie mit Achtung. Er war in jungen Jahren tapfrer Krieger, Es brannte Ruhmbegierde und der Ehrgeiz In seiner Seele; als der erste Kämpfer In seinen Reihen gelten, seine Lust. Er hat im Waffendienste Grausamkeiten Verrichtet ohne Zahl; er wollte glänzen. Es gab in seinem Leben solche Zeiten, In welchen er viel Blut vergossen hat. Es kam dann auch die Zeit, in welcher schnell Das Glück des Krieges sich von ihm gewandt. Er zog vom Kampfe schimpflich, schmachbeladen In seine Heimat; Hohn und Spott erfuhr Der Mann, und wilder Haß erfüllte ihm Seit dieser Zeit die Seele, die an Stolz, An Ehrbegierde nicht verloren hatte. Er sah in seinen Volksgenossen jetzt Nur Feinde, welche er vernichten wollte, Sobald Gelegenheit sich ihm ergebe. Doch weil des Mannes stolze Seele sich Gar bald gestehen mußte, daß ihm Rache An seinen Feinden während seines Lebens Nicht möglich sei, bezwang er sich nun selbst. Er kämpfte nieder Stolz und Ruhmbegierde. Im Greisenalter noch entschloß er sich, Dem kleinen Schülerkreise beizutreten, Der damals sich in seiner Stadt gebildet. Der Mann, der Lehrer dieses Kreises war, Besaß in seiner Seele alle Weisheit, Die von den Meistern alter Menschheitszeiten Den Eingeweihten überliefert ward. Das höre ich von Männern aus dem Volke. Ich fühle warme Liebe, wenn ich so Das Seelenauge wende zu dem Greise, Der nach den Siegen, die ihm Ruhmbegierde Errungen, den größten noch erkämpfen durfte, Der Menschen möglich, jenen über sich. - Weshalb erblicke ich an diesem Orte Den Menschen, welchem ich mich ganz ergebe, Auch wenn er nur im Bilde vor mir steht? Gefühle, wie sie sich aus mir erzwingen, Sie bildet nicht der Augenblick; verbunden Durch langvergangne Leben muß ich sein Der Seele, die ich lieben muß wie diese. Ich habe nicht in diesem Augenblicke In mir erregt, was so gewaltig ist, Wie solche Liebe, die ich jetzt erfühle. Erinnerung an alte Zeiten ist's; Gedanken fassen sie noch nicht, doch ruft Gedächtnis mir Gefühle jetzt herbei. Ich war wohl dieses Mannes Schüler einst Und blickte voll Bewundrung auf zu ihm. O wie ersehne ich, der Erdenseele, Die vormals diesen Leib den ihren nannte, In dieser Stunde wieder zu begegnen, Ob sie auf Erden, ob sie anderswo. Ihr soll meine stärkste Liebe sich bezeugen! Sie kann nur gute Kräfte mir erneuern, Die würdig ernste Menschheitsbande schufen. MARIA: Und bist du auch gewiß, Johannes, Daß diese Seele, wenn sie jetzt dir naht,

Sich auf der gleichen lichten Höhe zeigt, Auf der sie stand in jener alten Zeit, Die eben sich vor deine Seele malte? Vielleicht ist sie gefesselt von Gefühlen, Nicht würdig dessen, was sie einst gewesen. Es wandelt wahrlich mancher Mensch auf Erden, Der nur mit Schamgefühl erblicken würde, Wie wenig er in seiner Gegenwart Entspricht dem Leben, das er einst geführt. Vielleicht ist dieser Mann von Leidenschaft, Von Trieben aufgewühlt, und du erblicktest Ihn jetzt mit tiefer Trauer und Bestürzung. THOMASIUS: Maria, warum sprichst du diese Worte? Ich kann nicht sehen, was dazu dich führt; Bewegen hier Gedanken anders sich Als an den Orten, die der Mensch gewohnt? DER HÜTER: Johannes, was sich hier an diesem Orte Jetzt offenbart, ist Prüfung deiner Seele. In deines Wesens Untergründen schaue, Was du nicht wissend willst und doch vermagst. Was dir in deinen Tiefen sich verbarg, So lange du mit blinder Seele lebtest: (Lucifer erscheint.) Es wird vor dich nun treten und dir rauben Die Finsternis, in deren Schutz du warst. Erkenne, wer die Menschenseele ist, Zu der du dich in heißer Liebe neigst, Und die den Leib bewohnte, den du schaust. Erkenne, wem du stärkste Liebe geben kannst. LUCIFER: Versenke dich in deines Wesens Gründe; Erkenne deiner Seele starke Kräfte. Und lerne wissen, wie dich starke Liebe Im Weltenwerden aufrecht halten kann. THOMASIUS: Ja, jetzt erfühle ich das Seelenwesen, Das sich mir zeigen wollte — Theodora - Sie selbst, sie wollte sich mir offenbaren. Sie stand vor mir, weil ich sie sehen werde, Wenn diese Pforte sich mir öffnen wird. Ich darf sie lieben, ihre Seele stand Vor mir in jener andren Leibesform, Die mir gezeigt, daß ich sie lieben muß. In dir nur will ich jetzt mich wieder finden, In deiner Kraft die Zukunft mir erkämpfen. DER HÜTER: Ich kann dir nicht verwehren, was du mußt. Im Bilde sahst du schon das Seelenwesen, Das du am meisten liebst; du sollst es schauen, Wenn du die Schwelle überschritten hast. Erkenn' es und erlebe, ob es dir So heilsam bleiben darf, wie du erträumst. DIE ANDRE PHILIA (erscheinend): O höre nicht den strengen Hüter, Er führet dich in Lebensöden Und raubet dir die Seelenwärme; Er kann nur Geisteswesen schauen Und kennt nicht Menschenleiden, Die Seelen nur ertragen, Wenn Erdenliebe sie bewahrt

Vor kalten Weltenweiten. Die Strenge eignet ihm, Die Milde fliehet ihn, Und Wunscheskräfte, Die hasset er Seit Erdenurbeginn. (Vorhang fällt.)

German original of Scene 7 — The Guardian of the Threshold. · ← Previous · Next →