Der Hüter der Schwelle — Neuntes Bild

GA 14

Eine freundlich-sonnige Morgenlandschaft, im Hintergrunde eine Stadt mit vielen Fabrikgebäuden. Es besprechen sich, in freier Art auf und ab gehend: Benedictus, Capesius, Maria, Thomasius, Strader. CAPESIUS: Hier ist der Ort, an welchem Benedictus In mildem Morgensonnenlicht sich oft Den Schülern widmet, die in Weihestimmung Den Worten seiner Weisheit lauschen dürfen. Da drüben liegt, was Seelen mitleidlos Von allem herrlich Schönen trennen muß, Das Gottnatur hier segensvoll gewährt. Im Öden Häusermeere dieser Stadt Ist Benedictus gütig stets bemüht, Durch Liebestaten Menschenleid zu lindern. Doch wenn er seinen Schülern weisheitvoll Die Geisteswelt im Menschenworte kündet, Da will er Herzen finden, sonnenhaft Erschlossen durch die freien Schöpfermächte, Die hier sich seelenweckend offenbaren. Auch mir wird jetzt das Glück sich zeigen dürfen, Das seine Worte Menschen bringen können. Er hat die Bürde liebend übernommen, Mich geistig in die Geisteswelt zu führen. So bin ich denn, wenn ich in seiner Nähe Mich fühlen darf, mir wieder selbst gegeben. BENEDICTUS (hinzutretend): Es soll im Kreise meiner Schüler sich Durch deine und der andern freie Tat Ein Knoten künftig lösen aus den Fäden, Die Karma spinnt im Menschen-Erdenwerden. Was du erlebt, muß dieser Lösung dienen. In Menschenherzen, welche treu ergeben Der Weisung folgen, der ich selber diene, Kann deine Kraft die Helfer alle finden, Mit denen du vereint das Werk vollendest, Zu welchem du im Geiste vorbereitet. CAPESIUS: Ich habe euch erkannt und will euch folgen. Als ich in meiner Seele Einkehr hielt, Nachdem ich eure Worte wesenhaft In Geisteswelten habe hören können Und ihr mich wieder zu mir selbst gebracht: Da durfte ich im Geisteslichte schauen Die Ziele, welchen meine spätem Leben Im Lauf des Erdendaseins dienen sollen. Und wissen kann ich jetzt, daß ihr erwählt, Die rechten Wege mir zu offenbaren. BENEDICTUS: Thomasius und Strader, sie vermögen, Vereint mit dir, in Zukunft viel zu schaffen, Was Menschenheil im rechten Sinne fördert. Die Seelenkräfte, welche sie besitzen, Sie haben seit dem Erdenurbeginn In solcher Art sich wirksam vorbereitet, Daß sie im Weltenlauf mit deinem Geiste Sich kraftvoll jetzt zur Dreiheit schließen können. CAPESIUS: So hab' ich denn den strengen Schicksalsmächten, Die mir erst unverständlich bleiben mußten,

Zu danken, daß im rechten Augenblicke Mir meine Lebensziele sich erschließen durften. (Er macht eine Pause, sich besinnend.) Wie wunderbar habt ihr mich doch geführt; Erst schien es mir, als strebte ich vergebens, Mit meinem Geiste wirklich einzutreten In jene Welten, welche eure Worte Gedankenmäßig vor die Seele stellen. Ich konnte lange nur Gedanken finden, Wenn ich in eure Schriften mich vertiefte. Und dann, wie plötzlich, hatte ich um mich Die Geisteswelt in ihrer Wesenheit; Ich wußte kaum, mich noch zurechtzufinden In meiner frühern, mir gewohnten Welt. BENEDICTUS: Sie hätte dir nur stets das Geistesleben Durch ihre starke Wirkungskraft verborgen, Wenn dieses nicht durch stärkres Wesen sie Zum leichten Schattensein herabgedämpft. Du wirst deshalb mit voller Geistesschau An jener Schwelle dich erkennen müssen, Die andern erst das Seelenauge öffnet. (Es kommt Strader bei den letzten Worten des Capesius hinzu; die drei gehen hinweg, und nach kurzer Zeit kommt Benedictus mit Strader wieder zurück.) STRADER: Es war ein tiefer Schmerz, im Innern mir Sich wie zum schweren Seelendrucke bildend, Was ich empfand, als ich zu mir erwachte Und wieder in dem Leibe mich erkannte, Aus welchem eure Worte mich geführt. Vom dumpfen Seelenleben blieb die Qual Mir erst zurück, doch war sie nicht nur Leid; Denn sie gebar Erinnrung mir an alles, Was ich erlebt, bevor ich furchtbar sah, Wie ich vor Ahriman erfahren konnte, Daß alles Denken dort zum Stillstand kommt. Und fragen mußt' ich mich, warum versetzte Mich Benedictus' Wort in dieses Reich, Wo mit den Seelen nur gerechnet wird Und jede nur gewertet, wie sie sich Den Zielen fügen soll, welche jene Macht Aus meiner Leistung sich gestalten will. Sie wollte aus der Menschen Zahl sich zwölf Zu ihrem Werke weisheitvoll erwählen. BENEDICTUS: Bekannt ist dir doch wohl, warum die Seelen, Die Ahriman dir zeigte, sich dir nahten, Als er in ihr Geschick sich drängen wollte. STRADER: Auch dieses offenbarte mir der Schmerz. Er zeigte mir, was mich der Brüderschaft, Die jetzt sich in dem Mystenbund gefunden, Im langvergangnen Erdensein verband, Und wie die Menschen sich zu mir gestellt, Die sich in ihrem Wesen offenbarten. Und fühlen konnte ich, daß Ahriman Das Band benutzen will, das sie an mich Für weitre Leben sicher binden muß. BENEDICTUS: Die Weltenmächte lenken ihre Taten, Daß sie, nach Maß und Zahl gerecht, sich stets Dem Weltenwerden weisheitvoll vereinen.

Das Zeichen, wie die Ordnung sich vollzieht, Es weist den äußern Sinnen sich mit Klarheit, Wenn sie der Sonne folgen in dem Lauf, Den sie durch zwölf Gestirngestalten nimmt. Wie sie zu diesen Formen sich verhält, Das zeigt, wie auf der Erde sich die Dinge In langer Zeiten Folgelauf ereignen. So wollte Ahriman die Menschenseelen, Die dir verbunden, zu den Kräften formen, Aus welchen deine Arbeit leuchten kann. Er wollte nach dem Maße und der Zahl An ihre Seelenart die deine binden. STRADER: Da ich den Sinn von Zahl und Maß erkannt, So wird mir auch gelingen, meine Leistung Aus Ahrimans Bereich herauszuführen Und Erdengöttern wirksam darzubringen. BENEDICTUS: Du hast der Zahlen Sinn im Weltenall Durch Ahrimans Gewalt erkennen müssen; So war es deiner Seelenrichtung nötig. Die Geistesschülerschaft, sie führte dich In dieses Reich, das du erkennen mußtest, Soll deine Schaffenskraft dir recht erblühn. (Die beiden gehen hinweg; es kommen von der andern Seite Maria und Thomasius.) MARIA: Johannes, deine Seele hat Erkenntnis Aus kalten Wahrheitsreichen sich errungen. Und weben wirst du weiter bildhaft nicht, Was Seelen nur im Leibe traumhaft leben. Denn fern vom Weltenwerden sind Gedanken, Die aus sich selber nur sich zeugen wollen. THOMASIUS: Und daß sie's tun, geschieht aus Eigenliebe, Die sich als Wissensdurst gebärden will. MARIA: Wer sich dem Menschenwerden wirksam widmen Und Werke leisten will, die wesenhaft Ais Kräfte sich im Zeitverlauf verhalten, Der muß den Mächten sich erst anvertrauen, Die tief in Wirklichkeiten Maß und Zahl In Ordnung und in Wirrnis kämpfend bringen. In Wahrheit ist Erkenntnis Leben nur, Das in den Seelen offenbar kann werden, Wenn sie Erlebtes aus den Geistbereichen In Erdenleibern zur Erinnerung bringen. THOMASIUS: So ist mein Lebenslauf mir vorgezeichnet. Als Zweiheit muß ich fühlen, was ich bin. Durch Benedictus und durch deine Hilfe Bin ich ein Wesen, das für sich besteht Und dessen Kräfte meinem eignen Menschen, Der noch in mir sich regt, nicht angehören. Was ihr mir gäbet, ist ein Mensch für sich, Der andern Menschen willig reichen muß, Was ihm gewährt durch Geistesschülerschaft. Er soll der Welt sich widmen, wie er kann; Doch darf in diesem Menschen nichts vom andern Sich störend mischen, der am Anfang erst Der wahren Selbsterkenntnis sich erahnt. Der wird als Welt für sich sich weiter führen,

Wenn ihm die eigne Kraft und eure Hilfe In Zukunft schicksalformend sich erzeugen. MARIA: Ob du in Wahrheit oder Irrtum wandelst, Du kannst die Aussicht dir stets offen halten, Die deine Seele weiter dringen läßt, Wenn du Notwendigkeiten mutig trägst, Die aus des Geistesreiches Wesen stammen. {Vorhang fällt.)

German original of Scene 9 — The home of Benedictus, overlooking a factory town. The law of number. The Zodiac. · ← Previous · Next →