Der Seelen Erwachen — Sechstes Bild
GA 14
Geistgebiet in der gleichen Art wie im vorigen Bilde. Die Beleuchtung warm und nuanciert, doch nicht zu hell. Links stehen die Sylphen. Vorne Philia, Astrid, Luna. Capesius' Seele, Romanus' Seele, Felix Baldes Seele; dann Torquatus' und Bellicosus' Seele; die andre Philia mit Theodoras und Frau Baldes Seele; später: Benedictus' und Marias Seele; der Hüter der Schwelle; Lucifer mit Johannes' Seele; zuletzt der Geist von Johannes' Jugend. CAPESIUS' SEELE (steht rechts gegen die Mitte zu): Das Bild, das sich zur Sonnenzeit mir zeigte, Das Gnade strahlte, Güte milde wirkte, - Es waltet mir im Wesen auch noch jetzt, Da andres Weisheitslicht dies Geistgebiet Mit vieler Farben Strahlung übergießt. Doch kraftet aus dem Bilde jetzt noch mehr; Es will, daß ich für künft'ge Erdenzeiten Aus ihm mir ziehe, was im Sinnensein Die Seele einst mir gab, die sich im Bilde Bedeutsam meiner Sphäre offenbart. Doch führt mich wirksam kein Gefühlestrom Zu dieser Seele hin. ROMANUS' SEELE (in einer Gestalt, so daß der ganze Oberkörper bis zu den Hüften zu sehen ist, mächtige rote Flügel, die sich so fortsetzen, daß sie um den Kopf zu einer roten, in das Blaue nach außen verlaufenden Aura sich umbilden; steht in der Nähe von Capesius' Seele; Bellicosus' und Torquatus' Seelen sind in der Nähe): In dir errege Des Juden Bild, der Haß und Spott nur stets Von allen Seiten hörte; der jedoch
Dem Mystenbunde treue Dienste tat, Zu dem du einst auf Erden dich gefunden. CAPESIUS' SEELE: Es dämmern jetzt Gedankenbilder auf, Die mich mit starker Kraft erfassen wollen. Es taucht mir Simons Bild aus Seelenfluten. — Doch tritt zu ihm noch andres - Seelensein. Ein Büßer, - könnt' ich den mir ferne halten. (Felix Baides Seele erscheint.) ROMANUS' SEELE: Er kann hier nur zur Weltensonnenzeit Sein Werk verrichten; einsam wandelt er, Von Finsternis umzogen, wenn Saturn Erleuchter dieses Geistesreiches ist. CAPESIUS' SEELE: O, wie mich dieser Büßer jetzt beirrt. - Es bohren seine Seelenstrahlen brennend In meine eigne Seelenhülle sich. — So wirken Seelen, welche andren Seelen In tiefste Wesensgründe schauen können. FELIX BALDES SEELE (mit dumpfer, wie umflorter Stimme): «Mein lieber Kühne, ihr erwieset euch Stets treu ...» CAPESIUS' SEELE: Ich selbst, - mein eignes Wort, - von ihm, — Als Widerhall - im Geistgebiet - ertönend!! Ich werde diese Seele suchen müssen. Sie kennt mich gut, - durch sie muß ich mich finden. (Capesius' Seele verschwindet; von links erscheinen die «andre Philia» mit Theodoras Seele, hinter ihr Frau Baides Seele.) ROMANUS SEELE: Zwei Seelen nähern sich dem Büßer dort, Der Geist, den sich die Seelen durch die Liebe Zum Führer stets erwerben, schreitet vor. Der Sanftmut Licht entströmt der Einen Seele; Es fließt zur andern hin, die selbst sich uns Als Büßerin erbildet. Das Bild erstrahlet Der Schönheit Glanz, der hier als Weisheit lebt. TORQUATUS' SEELE (Gestalt bis zur Brust zu sehen, blaue Aura, grüne Flügel): Du schaust der Sehnsucht Widerschein, die ich Aus meinen Seelenhüllen - deiner Sphäre Im treuen Geistesbunde strahlen lasse. Des Schicksals Urgewalten haben mich Zum Wirker deiner Milde dir gegeben. So dienen geistig Seelen andern Seelen. Allein erwürbest du zum harten Sinn Des Mitgefühles Lebensgabe nie. BELLICOSUS' SEELE (Gestalt wie Torquatus' Seele, doch blauviolette Aura, blaugrüne Flügel): Erkraftet euch zum Geistgehör; - es spricht Die Seele, die im Licht der Sanftmut strahlt. Am Glanz Saturns entlockt sich hier den Seelen Dies Scheinen holder Geistesseligkeit. THEO DO RAS SEELE (engelartige Gestalt, weiß mit gelben Flügeln und blaugelber Aura): Du meine treue Geistgefährtin, ströme Die Liebe deiner Seelenhülle ihm In sanftem Glänze zu; sie mildert ihm Der Einsamkeit verzehrend Feuerkraft —. Und lenke ihm Gedankenstrahlen her
Von jenen Schattenseelen dort, die jetzt In Geisteswelten sich die Kräfte sammeln, Daß ihre Seelenleiber lebend glimmern Und so aus ihrem Glimmerglanzesschaffen Den Menschenseelen Wachstums-Werdesinn Im Erdenleben sich erkraften möge. FRAU BALDES SEELE: Du Geist im Schein des Büßers, fühle mich; Empfange Sternenkraft, du Sonnenseele. - Bis deine Geisteshülle sich entringt Dem Banne Lucifers, - geleit' ich dich Durch deine Einsamkeit und trage dir Die Kräfte zu, die ich von Stern zu Stern Im Weltall wandelnd für dich sammeln will. THEODORA: Vergangnes Erdendenken regt sich glimmend Am Seelenufer dort ... Ein menschlich Bild ... So sah ich's erdenhaft; es folgt hieher; Es widerhallet einst Gehörtes hier: «Aus Gottessein erstand die Menschenseele; Sie kann in Wesensgründe sterbend tauchen; Sie wird dem Tod dereinst den Geist entbinden.» (Während der letzten Sätze erscheinen Lucifer und Thomasius' Seele.) DIE ANDRE PHILIA: Dies tönend Wesensbild, es trägt hieher Aus edler Bruderliebe Wirkenskraft, Die du auf Erden treu entfaltet hast. Ich will es dir in Seelenkraft verwandeln. Der Schattenwesen Glimmerlicht empfängt Das Wort, das ich in deine Seele lenke. Sie werden dir im Erdensein erregen, Was sie in Ewigkeiten sinnen dürfen. - Und du, des Geisterlandes Büßerin: Die Seelenschritte lenk zu Sternen hin; Dämonen sehnen sich nach deinem Werk, Aus dem sie Phantasie in Seelen strahlen Und so dem Erdenleben Flügel schaffen. FRAU BALDES SEELE: Ich folge dir, du meine Seelenschwester, Du meine Philia, die Liebe schafft, Von Stern zu Stern, von einem Geist zum andern. Ich folge dir zu Sternenwelten hin, Ich trag' dein Wort zu manchen Weltensphären, Im Geisteswirken mich auch selber bildend Für meine künft'ge Erdenwanderschaft. (Felix Baldes Seele, geführt von Frau Baldes Seele, verschwindet langsam; Theodora bleibt starr eine Weile stehen, sieht Johannes' Seele an, dann verschwindet auch sie, ebenso Thomasius' Seele mit Lucifer.) ROMANUS' SEELE: Daß wir an diesem Geistesorte jetzt Das Wort der Liebe mit dem Wort des Schaffens Zum Bund sich einen sahen, dies erkraftet In unserm Wesen Keime, deren wir Im spätem Erdensein bedürftig werden. (Romanus', Torquatus', Bellicosus' Seelen verschwinden - es erscheinen Benedictus' Seele und Marias Seele an der Seite des Hüters der Schwelle.) DER HÜTER: Erkennet eure Weltenmitternacht! Ich halte euch im Bann gereiften Lichts,
Das jetzt Saturn euch strahlt, bis eure Hüllen In stärkrem Wachen, durch des Lichtes Macht Euch selbst erleuchtend, ihre Farben leben. MARIAS SEELE: Die Weltenmitternacht im Seelenwachen? Es war zur Mondeszeit, da sprach die Sonne Das ernste Schicksalswort: Die Menschenseelen, Die Weltenmitternacht im Wachen leben, Sie schauen Blitze, die im schnellsten Zucken Notwendigkeiten blendend überleuchten, Daß Geistesblicke im Erkennen sterben — Und sterbend sich zu Schicksalszeichen formen, Die ewig wirksam sich in Seelen prägen. Es hören solche Seelen Donnerworte, Die in den Weltengründen dumpf verrollen Und rollend jeden Seelenwahn bedrohen. (Lucifer und Thomasius' Seele erscheinen wieder.) BENEDICTUS' SEELE: Es dringt aus ewig leeren Eisgefilden Des Mystenfreundes Schicksalsruf zu uns. — Wenn wir die Weltenmitternacht erkennen, Erreichen wir der Seele Geisteskreis. MARIAS SEELE: Die Flammen nahn, - sie nahn mit meinem DenVon meinem Welten-Seelen-Ufer dort; [ken - Es naht ein heißer Kampf; - mein eignes Denken, - Es kämpft mit Lucifers Gedanken; In andrer Seele kämpft mein eignes Denken, — Es zieht das heiße Licht - aus finstrer Kälte, - Wie Blitze flammt - das heiße Seelenlicht, — Das Seelenlicht - im Welten-Eis-Gefilde -: LUCIFER: Erkenn das Licht, - mein heißes Weltenlicht, - Und schau die Blitze, die dir eignes Denken - Aus Lucifers Gewaltenkreisen schlägt. Die Seele, der du langverbunden warst, Ich bring' sie dir in deinen Blickekreis, Da du die Weltenmitternacht erlebst. Du mußt des Suchens Richtung künftig ändern, Wenn du dich dieser Seele nahen willst. Du Seele, die du mir hieher gefolgt, Gebrauch die Lichteskräfte, die Saturn In ihre Weltenmitternacht erstrahlt. — JOHANNES' SEELE (engelartige Gestalt, rosarot, fußlos mit blauroten Flügeln): Ich fühle Seelen, doch noch brauch' ich Kraft, Ihr Licht in mir zur Wesenheit zu stärken. Sind sie mir auch ganz nah, so zeugen sie Doch Denken, das mir nur im Fernen leuchtet. Wie heb' ich Sie zu meiner Geistesschau? PHILIA: Du wirst sie schauen, wenn du schnell ergreifst, Was sie im Weltenlichte selbst erleuchten; Doch wenn du schaust, so nütz den Augenblick; Es schwindet dieses Leuchten bald dahin. JOHANNES' SEELE: Was jenes Führers Seele spricht zum Schüler, Zur mir so nahen, lieben Schülerseele, Soll mir beleuchten meinen Seelenkreis. BENEDICTUS' SEELE: In dieser Geistesmitternacht erzeug'
Den Willen, den du wieder fühlen willst, Wenn deiner Form die Erdenkraft ersteht. Dein Wort, es wird der Freundesseele leuchten. MARIAS SEELE: So sei im Weltenlicht das Wort erkraftet, Das ich zur Weltenmitternacht vertrau' Der Seele, die mir Lucifer gebracht. Was mir in Seelentiefen teuer ist, Ich will es schauen, will es schauend sprechen, Daß dieser Seele sich's zum Tone bilde, Den sie im Erdensein in ihrem Wesen Erfühlen und ihn liebend leben mag. Was schaue ich in Seelentiefen jetzt? Es leuchtet mir erhab'ne Flammenschrift. Die Liebe zu der Führerseele flammt, Die mich im Erdensein, die mich im Geist Durch langer Zeiten Folge hat geleitet; Die mich stets fand, wenn meines Betens Inbrunst In Erdgefahr sie sucht', auch wenn sie selbst In Geisteshöhen weilte; leuchtend hell Erscheint mir diese Liebe, töne mir Du Wort der Liebe hin zur andern Seele. — Doch welche Flammen weckt das Wort der Liebe? Sie leuchten milde; und die Milde strahlet Erhab'nen Ernst; es zucken gnadevoll Der Weisheit Blitze durch den Weltenäther, — Und Seligkeit ergießt sich freudewebend Durch alle Weiten meines Seelenkreises. O Zeitendauer, ich erflehe mir: Ergieße dich in diese Seligkeit, Und laß den Führer, laß die andre Seele Mit mir in dir jetzt friedevoll verweilen. DER HüTER: So mögen Blitze jetzt in nichts zerrinnen, Die grell Notwendigkeiten überleuchten, Wenn Seelen wach erleben Welten-Norden. Es soll der Donner seinen Schall verlieren, Der mahnend rollt zur Weltenmitternacht. - Dir, Astrid, sei ein ernst Gebot erteilt: Bewahre dieses Seelen-Ungewitter, Bis ihre nächste Weltenmitternacht Im Strom der Zeit die Seele wachend findet. Sie soll dann anders vor sich selber stehn, — In altrer Zeiten Bild ihr Selbst erschauen, Erkennen, wie zum Geisteshöhenflug Die Schwingen auch im Seelensturz erstarken. Es darf die Seele niemals stürzen wollen; Doch muß sie Weisheit aus dem Sturze holen. ASTRID: Ich will die Blitz- und Donnerkraft bewahren, Daß sie im Weltensein erhalten bleiben, Bis sich Saturn der Seele wieder neigt. MARIAS SEELE: Verweilend fühl' ich Sternenseligkeit, Betreten darf ich sie im Strom der Zeit. Ich will im Gnadewalten schaffend leben Mit diesem langverbundnen Seelenwesen. LUNA: Ich hüte dir dein Schaffen hier im Geiste, Daß dir im Erdensein die Früchte reifen. JOHANNES' SEELE: In meinem Seelenkreise - dieser Stern!
Er leuchtet Seligkeiten, - strahlet Gnade -, Ein Seelenstern - im Weltenäther - schwebend; - Doch dort, - im matten Licht, - ein andrer Stern, Er tönt mir leise; doch ich will ihn hören. {Bei den letzten Worten erscheint der Geist von Johannes' Jugend. Engelartig, silberlicht.) DER GEIST VON JOHANNES* JUGEND: Ich nähre deiner Wünsche Sein mit Leben; Mein Atem wird in deinen Jugendzielen Erleuchtend kraften, wenn dich Welten locken, In welche ich dich freudig führen kann. Verlierst du mich in dir, muß ich den Schatten Mit wesenlosem Sein mich lebend opfern. Du Blüte meines Seins, - verlaß mich nicht! LUCIFER: Er wird dich nicht verlassen, - ich erschaue In seines Wesens Tiefen Lichtbegierden, Die nicht der andern Seele Spuren folgen. - Wenn diese mit dem Glanz, den sie erzeugen, Im Seelengrunde sich zum Sein erkraften, Wird er die Früchte, die sie zeugen müssen, In jenem Reiche nicht vergeuden wollen, Wo Liebe ohne Schönheit herrschen will. (Langsam Vorhang.)