Der Seelen Erwachen — Fünfzehntes Bild
GA 14
Dasselbe Zimmer wie im vorigen Bild. Es sitzt da wartend die Pflegerin des Doktor Strader. Nachdem der Vorhang aufgegangen ist, tritt der Sekretär in das Zimmer; später Benedictus. Ahriman. SEKRETÄR: Es wird wohl Benedictus bald erscheinen, Um eure Botschaft selbst euch abzunehmen. - Er war verreist, soeben kam er an. Er war ein großer Mann, der Doktor Strader. Ich hatte anfangs keinen rechten Glauben An Gottgetreus gewalt'gen Arbeitsplan; Doch da ich oft zugegen war, wenn Strader Ihm zeigte, was dem Werke nötig ist, Verlor mir jeder Einwand schnell an Kraft. Stets geistvoll und mit stärkstem Sinn für alles, Was möglich und auch zielessicher ist. Dabei bestrebt, das letzte Ziel doch stets Sich aus der Sache sinngemäß zu holen; Nichts schon gedankenhaft vorauszusetzen. Der Mann verhielt sich ganz nach Mystenart. Wie Menschen, welche eines Fernblicks Schönheit Von eines Berges Gipfel schauen wollen, Die warten, bis sie oben angelangt, Und sich nicht vorher schon ein Bild ersinnen. PFLEGERIN: Ihr habt im Strom des Lebens einen Mann Von großen Gaben und von starkem Geiste Erkannt; ich habe in der kurzen Zeit, In der ich ihm die letzten Erdendienste
Erweisen durfte, seine hohe Seele Bewundern können. Diese liebe Seele, Die außer sieben Jahren seltnen Glücks Stets einsam durch das Erdenleben ging. Die Mysten boten ihm die Weisheit. Er Bedurft' der Liebe -; seine Lust nach Taten, Sie war doch Liebe, - die sich viele Formen Im Leben schafft, um sich zu offenbaren. Was diese Seele mystisch suchte, war Dem edlen Feuer ihres Wesens nötig, Wie Schlafesruh5 dem Leib nach Schaffenszeiten. SEKRETÄR: Ihm war die Mystenweisheit auch der Quell Des Schaffens; - alles war bei ihm von ihr Im schönsten Sinne doch stets ganz erfüllt. PFLEGERIN: Weil er naturgemäß stets lieben mußte Und mit der Seele allem sich vereinen, Was ihm zum Lebensinhalt werden wollte. Sein letztes Denken galt dem Werke noch, Dem er in Liebe sich gewidmet hatte. Wie Menschen sich von Wesen trennen, die Sie lieben, so verließ die Seele Straders Das Erdenwerk, dem ihre Liebe galt. SEKRETÄR: Er lebte doch im Geiste wesenhaft, Und Theodora stand wie lebend stets Vor ihm -; so fühlen wahre Mystenseelen. PFLEGERIN: Weil sie die Einsamkeit mit ihm verband. Sie stand im Tode noch vor ihm. - Von ihr Zu seines Werks Vollendung abberufen Nach Geisteswelten, so erschien er sich. Für Benedictus schrieb er wenig Stunden, Bevor er starb, die Worte, die ich jetzt Dem Mystenführer überbringen will. So muß das Leben unsrer Erdenzeit Sich weiterführen, rätselvoll; - erhellt Jedoch durch Sonnenmenschen seiner Art, Von welchen andre nach Planetenweise Das Licht empfangen, welches Leben weckt. (Benedictus betritt das Zimmer; der Sekretär geht aus demselben.) PFLEGERIN: Es schrieb die wenig Zeilen Strader noch, Bevor die Kräfte ihm gering geworden. Ich überbringe sie dem Mystenfreunde. BENEDICTUS: Und als er diese Worte hingeschrieben, Wo weilte seine Seele noch zuletzt? PFLEGERIN: Erst lebte noch der letzte Lebensplan In seinem Denken; dann war Theodora Im Geist mit ihm vereint; erfühlend dies, Entrang sich seine Seele sanft der Hülle. BENEDICTUS: Hab' Dank, du treues Wesen, für den Dienst, Den du ihm hast auf Erden noch geleistet. (Die Pflegerin geht ab. Benedictus liest die letzten Worte Straders.)
«Mein Freund, da ich zerschmettert fast mich sah, Erkennend, daß der Widerstand nicht nur Von außen meinem Schaffen sich erzeugt', Daß innre Mängel sich im Grundgedanken Der Arbeit hemmend in den Weg gestellt, Da schaut' ich wieder jenes Bild, von dem Ich euch vor kurzem sprach. Doch anders war Des Bildes Ende dann. Nicht Ahriman Erstand als Kämpfer mir; ein Geistesbote Erschien an seiner Stelle, dess' Gestalt Sich als mein eignes irrtumvolles Denken Mir deutlich fühlbar gab. Da mußt' ich mich Erinnern jener Worte, die ihr spracht Von Stärkung meiner Seelenkräftemacht. Doch dann verschwand sogleich der Geistesbote. -» Noch wenig Worte folgen, - sie zu lesen Vermag ich nicht - ein Chaos deckt sie mir, Gedankenschleier wirksam webend, zu. (Ahriman erscheint; Benedictes erblickt ihn.) Wer bist du, der du dich aus meinem Chaos Im Seelenkreise schattenhaft belebst? AHRIMAN (für sich): Er schaut mich wohl, doch kennt er mich jetzt [nicht. So bringt er mir noch nicht den SchreckensWenn ich an seiner Seite wirken will, [schmerz, (Zu Benedictus.) Ich kann dir weiter künden, was dir Strader Vertrauen will zu deinem eignen Heil Und auch für deiner Schüler Mystenweg. BENEDICTUS: Verbunden wird sich stets mein Mystenkreis Der Seele Straders wissen, wenn auch ferner Das Sinnensein die Brücke nicht mehr bildet. Doch will ein Geistesbote sich uns nahn, Der sich aus seinen Welten offenbart, So muß er erst Vertrauen sich erwerben. — Er kann es nur, wenn er sich voll erkennbar In unsrer Geistesschau bezeugen will. AHRIMAN: Ihr strebt doch nur die Selbsterkenntnis an; Dann müßte fremdes Geistessein, das euch Sich dienstbar will erweisen, eurem Selbst Als Teil sich erst ergeben, sollt' es nur Erkennbar euch zur Seite stehen dürfen. BENEDICTUS: Wer du auch sei'st, dem Guten dienst du nur, Wenn du in dir nicht selber streben willst, Wenn du im Menschendenken dich verlierst Und so im Weltenwerden neu erstehst. AHRIMAN: Es ist jetzt Zeit, daß ich aus seinem Kreise Mich schnellstens wende; denn sobald sein Schauen Mich auch in meiner Wahrheit denken kann, Erschafft sich mir in seinem Denken bald Ein Teil der Kraft, die langsam mich vernichtet. (Ahriman verschwindet.) BENEDICTUS: Jetzt erst erkenn' ich Ahriman, der selbst Von hier entflieht, doch seines Wesens Kunde Gedankenhaft in meinem Selbst erschafft. Er strebt das Menschendenken zu verwirren,
Weil er in ihm die Quellen seiner Leiden Durch einen altvererbten Irrtum sucht. Er weiß noch nicht, daß ihm Erlösung nur In Zukunft werden kann, wenn er sein Wesen Im Spiegel dieses Denkens wiederfindet. So zeigt er sich den Menschen wohl; doch nicht Wie er in Wahrheit wesenhaft sich fühlt. Sich offenbarend, doch sich auch verbergend, Versuchte er des Augenblickes Gunst Bei Strader jetzt in seiner Art zu nutzen. Er wollt' in ihm auch dessen Freunde treffen; Doch wird er Schülern meines Mystenwerkes Sein Wesen künftig nicht verhüllen können. - Sie sollen ihn in Wachsamkeit auch denken, Wenn er in ihrem Schauen walten wird. — Sie sollen seine vielen Formen deuten, Die ihn verbergen wollen, wenn er sich Den Menschenseelen offenbaren muß. Du aber, Straders sonnenreife Seele, Die du durch Stärkung deiner Geisteskräfte Den Irrtumsboten zum Verschwinden zwangst, Du wirst als Geistesstern den Freunden leuchten, Du wirst Marias und Johannes' Sein Mit deinem Licht in Zukunft stets durchdringen; So werden sie durch dich noch stärker sich Zu ihrem Geisteswerke rüsten können Und sich als Seelenlichtes Offenbarer Gedankenkräftig auch noch dann bezeugen, Wenn über vollerwachtes Geistesschauen Der finstre Ahriman, die Weisheit dämpfend, Des Chaos Dunkelheit verbreiten will. (Vorhang fällt.) WEITERFÜHRENDE LITERATUR AUS DEM GESAMTWERK RUDOLF STEINERS Über die Mysteriendramen «Die Pforte der Einweihung» und «Die Prüfung der Seele» Drei Vorträge, Basel 17. 9. 1910, Berlin 31. 10. 1910 und 19. 12. 1911 108 Seiten, kartoniert Entwürfe, Fragmente und Paralipomena zu den vier Mysteriendramen 456 Seiten, Gesamtausgabe 44 daraus als Einzelausgabe: Entwürfe zu dem Rosenkreuzermysterium «Die Pforte der Einweihung» 191 Seiten, kartoniert Weltenwunder, Seelenprüfungen und Geistesoffenbarungen Elf Vorträge, München 18. bis 28. August 1911, gehalten im Zusammenhang mit der Uraufführung des zweiten Mysteriendramas «Die Prüfung der Seele» 264 Seiten, Gesamtausgabe 12