Supplements to Member Lectures
GA 246 — 24 January 1907, Berlin
Die Rosenkreuzer-Einweihung
Wir haben das vorige Mal von der orientalisch-indischen und von der christlich-gnostischen Einweihung gesprochen und wollen heute die europäisch-rosenkreuzerische Einweihung einer Betrachtung unterziehen.
Die okkulte Schulung ist keine allgemeine: Nur dadurch ist eine Entwicklung des Einzelnen möglich, dass man auf seine Individualität eingeht. Der Schüler muss schon so weit gekommen sein, dass es ihm nicht mehr Bedürfnis ist, Kritik zu üben. Daher muss er vorher lernen, was über das Vorhandensein der Hierarchien in den geistigen Welten zu lernen ist. Es gibt da kein demokratisches Prinzip. Der Schüler hat entweder die Vorschriften zu befolgen oder die Schulung zu unterlassen. Diese Dinge sind nicht etwa erfunden, sie sind nicht von wenigen, sondern von vielen erprobt und von den rosenkreuzerischen Wissenden dem Entwicklungszustand des heutigen Menschen entsprechend ausgestaltet.
Die erste Stufe ist das Studium. Bei der orientalischen Schulung wird die strengste Unterwerfung unter die Autorität des Lehrers verlangt. Es besteht dort ein persönliches Gemütsverhältnis des Einzelnen zu dem Lehrer. Der Schüler glaubt nicht nur an die Worte des Lehrers, sondern er nimmt auch an dessen Person innigsten Anteil. Der Rosenkreuzerschüler soll auch- abweichend darin von den andern Methoden -den richtigen Weg finden im äußeren Leben. Es handelt sich bei dieser Schulung nicht bloß um moralisches Tun und Wissen, sondern auch um eine auf Vertrauen begründete Kraft. Damit dieses Verhältnis eintreten kann, muss das Studium vorangehen. Die elementaren Lehren der Geisteswissenschaft bilden eine gute Grundlage. Wenn man sich von den Suggestionen freimacht, kann der sinnliche Verstand die Wahrheit der geisteswissenschaftlichen Lehren einsehen. Soll die Straffheit der Führung wegfallen, so muss der Schüler ein sicheres Denken ausbilden. Das Denken bleibt dem Schüler, die Wahrnehmung ändert sich. Erst auf dem Buddhiplane ändert sich auch das Denken. Das Studium ist also die erste Stufe.
Die zweite Stufe ist die Imagination. Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis -, das muss der Schüler überall durchfühlen. Er muss die Illusion der begrenzten Welt empfinden. Die äußere Welt muss dem Schüler als ein Gleichnis erscheinen. Die Rose ist ein Symbol der Schönheit, die Herbstzeitlose symbolisiert die Melancholie. Und so ist cs mit allen Pflanzen.
Die dritte Stufe ist das Lesen der okkulten Schrift. Die Unterweisung in der okkulten Schrift macht darauf aufmerksam, dass Strömungen die Welt erfüllen, die nach verschiedenen Richtungen flicRen. Die Schrift stellt solche Strömungen der Welt in ihren Linien dar. Der Wirbel ist zum Beispiel durch eine solche Zeichnung dargestellt:

Von diesem Wirbel ist die eine Strömung rot, die andere blau. Sie bedeuten auch das arterielle und das venöse Blut. Ein anderes wichtiges Zeichen ist der Schlangenstab, der Merkurstab.

[Der griechische Buchstabe Epsilon, unser E,] ist daraus entstanden. Die Schriftzeichen in den Staub schreiben, wie es der Christus Jesus in der biblischen Erzählung von der Ehebrecherin getan hat, heißt so viel als: Jesus hat das mystische Zeichen benutzt, um die Anklage der Menge in die richtige Form zu bringen.
Die vierte Stufe ist die Erlangung des Lebensrhythmus. Der Stundenplan unserer heutigen Schulen ist vielleicht der einzige Rhythmus des gegenwärtigen Kulturlebens. Der ursprüngliche Rhythmus hat zum Chaos werden müssen, damit sich der Mensch aus eigenen Kräften einen neuen Rhythmus schaffen kann. In bestimmter Weise zu atmen, ist das Bemühen, Rhythmus in sich zu bringen.
Die fünfte Stufe ist die Entsprechung von Mikrokosmos und Makrokosmos. Wenn der Mensch zum Beispiel mit einer bestimmten Vorstellung sich auf das Auge konzentriert, so kann er die Erfahrungen des Kosmos durch seine Seele ziehen lassen. Das Ich senkte sich einst in den Menschen hinein. Der Ätherkopf zog in den physischen Kopf hinein, und zwar so, dass sich zwei Punkte berührten und miteinander verbanden. Der eine Punkt ist der zwischen den Augenbrauen, an der Nasenwurzel, der andere liegt an dem sich beim Kinde schließenden Spalt an der Schädeldecke.
Die sechste Stufe ist die der Kontemplation. Das höhere Selbst spricht zu uns aus der geistigen Kraft des Jupiter und der Venus. Es gibt ja Theosophen, die von diesem Höheren als von ihrem höheren Ich sprechen. Das ist aber ein noch nicht erreichtes Ideal.
Die siebente Stufe ist die Gottseligkeit. Sie gibt sich auch äußerlich im Ausdruck kund als die Blüte des geläuterten inneren Lebens.
Was geht mit dem Menschen vor, wenn er diese sieben Stufen erklommen hat? Er hat dann die vier Glieder des Menschen umgearbeitet. Wenn der Geistesschüler diese Stufen durchschritten hatte, dann wurde er zu den höheren Einweihungen zugelassen. Der Einzuweihende muss eine vollkommene Macht über seine seelischen Eigenschaften gewinnen. Er muss es so weit bringen, dass er auch seine Bewegungen, seine Schrift und seinen Gang bewusst ändern kann. Wenn er seinen Ätherleib umgebildet hat, wird dieser zu Buddhi. Wenn er seine Bewegungen umgebildet hat, dann hat er schon Atma entwickelt. Der Geistesschüler beginnt, bewusst diese Arbeit in die Hand zu nehmen. Er kann das seelisch so Erworbene dann hineindrücken in den Ätherleib. Die Veredelung alles dessen, was der Astralleib enthält, ist ein ungeheuer wichtiges Moment. Dessen Begierden kann er in keinem Kamaloka abwerfen.
Der Einzuweihende wurde [in der vorchristlichen Einweihung] in einen lethargischen Schlaf versetzt. Da vollzog sich erwas Ähnliches wie beim Einschlafen. Beim Einschlafen tritt der Astralkörper aus dem physischen Leib und dem Ätherleib heraus. Beim Einweihungsschlaf traten jedoch Astralleib und Ätherleib aus dem physischen Leib heraus, der dann wie tot dalag, wie einer, der im Grabe liegt. Der Hierophant gab ihm zu seinem Flug in die geistige Welt noch als Geleitwort für sein Aufwachen den Spruch: «Mein Gott, mein Gott, wie hast du mich verklärt!» - Der Heilige Geist, schwebend im Äther als Taube über dem physischen Körper, ist das Bild dieses Mysteriums. Dieses Geheimnis haben Sie in die Welt hineingestellt im Johannes-Evangelium.
Die Auferweckung des Lazarus ist eine Initiation. «Johannes» bedeutet: der die Buddhi Verkündigende. Die Namen der Apostel entspringen den Beziehungen derselben zum Christus Jesus, was höchst interessant ist. Als die Sonne im Zeichen des Löwen war, da bildete sich das Herz heraus. Dadurch, dass jedes Organ mit einem neuen Sternbild entstanden ist, bildeten sich auch zwölf Kräfte im Menschen. Dem entsprechend haben wir auch zwölf Apostel um den Repräsentanten der Menschheit. Und Judas Ischariot bringt den Tod. Im Johannes-Evangelium heißt die Mutter Jesu in Wahrheit Sophia, die Weisheit.
Bei der Erweckung des Lazarus-Johannes lag dieser drei Tage im Einweihungsschlaf: Da hat er die geistige Welt durchschaut. Johannes ist das Herz, Petrus ist die Erde, der Fels; Judas Ischariot ist der Repräsentant des Egoismus und Bringer des Todes.
Der Rock, der bei der Kreuzigung nicht geteilt werden kann, symbolisiert den unteilbaren Luftkreis.
Eine andere tiefsinnige Stelle im Johannes-Evangelium ist: «Wer mein Brot isset, der tritt mich mit Füßen.» Die moralische Hebung der Menschheit hat eine physische Umwandlung der Erde zur Folge. Die Bedeutung des Christentums ist deshalb so groß, weil darin das Physische, Physiologische und Moralische ineinander spielen.
Die Schuld der Ehebrecherin schrieb Jesus mit dem Finger in die Erde hinein. Damit zeigte er an, dass alle Menschenschuld in der Akasha-Chronik eingetragen ist. Was sich in der Akasha-Chronik daraus bildet, das hängt mit dem Christus zusammen. Der Vater richtet niemanden: Alles Gericht hat er dem Sohne übergeben. Der Sohn stellt das Erdenkarma dar, Christus ist die Verlebendigung und endliche Tilgung des Karmas.