Supplements to Member Lectures
GA 246 — 7 April 1908, Copenhagen
Das Esoterische Leben
Wo wir, Mitglieder der Theosophischen Gesellschaft, zusammenkommen, stehen wir nie fremd einander gegenüber, wir finden uns immer zurecht, wie in einer gemeinsamen Heimat. Durch das esoterische Leben soll eine geistige Heimat erschlossen werden, danach sehnen wir uns ... Der Mensch strebt danach, die Gebiete der geistigen Welten kennenzulernen und ihre Quellen zu erforschen. Die moderne Wissenschaft bedient sich unendlich vieler feiner Instrumente, die immer mehr verfeinert werden, ...
Auf dem geistigen Gebiete wird nur ein Instrument gebraucht, und das ist die Seele des Menschen, sein Geist. Die Verfeinerung dieses Instrumentes kann durch das innere Leben zustande kommen. ... Was geschieht mit dem gewöhnlichen Menschen, wenn er sich vom äußeren Leben zum inneren wendet? Da ist nichts Verzaubertes, nichts Traumhaftes, es ist eine regelmäßige Fortsetzung vom alltäglichen in das geistige Gebiet hinein. ...
Der Mensch ist mit seinen Gliedern und Sinnesorganen im physischen Leibe nur ein Teil von sich selber. Wir finden die gleichen Stoffe in den Mineralien, in den Pflanzen und in den Tieren. Im Menschen gibt es doch die am meisten komplizierten Zusammenhänge von chemischen Stoffen, die beim Tode vernichtet werden. Diese Zusammenhänge sind nur möglich, weil diese physischen Stoffe von einem anderen Glied, dem Ätherleib, beseelt werden. Dieser verhindert, dass der physische Leib zugrunde geht - und dieser, der Ätherleib, ist wie der Mensch selber ein Kämpfer gegen die Vernichtung. Den Ätherleib haben wir gemeinsam mit Pflanzen und Tieren. Dagegen haben wir einen dritten Leib, den Astralleib, der nicht gemeinsam ist mit dem Mineral und mit den Pflanzen, sondern nur mit den Tieren, und dieser ist Träger von Leidenschaften und Trieben. ...
Das vierte Glied nennen wir das Ich der eigenen Seele. Das ist der Gott der menschlichen Seele. Nicht Gott selber. Aber ein Tropfen aus dem göttlichen Meer! Dieses Ich, die Seele, finden wir beim Durchschnittsmenschen, beim Idealisten, beim Heiligen. ...
Aber da sind große Unterschiede. ... Der Wilde folgt seinen Trieben und Leidenschaften, die ausarten können bis zum Verzehren seiner Mitmenschen. Der Durchschnittsmensch unterdrückt seine Triebe. ...
In einem intellektuell entwickelten Menschen finden wir deshalb schon zwei Teile vom Astralleib, nämlich den alten und den, der schon erleuchtet worden ist, der schon unter der Herrschaft des Ich steht. Höher steigen wir zum Idealmenschen auf, der gelernt hat, den einen Teil des Astralleibes, Manas, zu beherrschen, und auch gelernt hat, an seinem Astralleib zu arbeiten. (Danach wird ein Beispiel gezeigt.)
Eigenschaften des achtjährigen Kindes, wie zum Beispiel Heftigkeit und Wut, ... finden wir im reifen Alter wieder. Erst dann können diese Eigenschaften geändert werden, wenn der Impuls vom Ewigen kommt, wenn der Antrieb zum Ändern des Temperamentes da ist. Hierbei werden schöne Eindrücke von Kunst und Musik und vor allen Dingen die Religion uns helfen können. Wieder ein Beispiel:
Die Pflanze ist ein Wesen, die einen physischen und einen Ätherleib besitzt, wir sehen ihren Aufbau von Blatt zu Blatt in ständiger Wiederholung. ... Aber von außen wird die Pflanze von astralischer Materie umweht und diese bewirkt, dass das Wachstum in Fruchtbildung übergeht. Das Ätherische bewirkt Wiederholung und das Astrale das Abschließende. Beim Menschen sehen wir im Rückgrat Wiederholungen von Rückenwirbeln, welche im Gehirn, in der Gehirnkapsel ihren Abschluss finden. Im Wachstum finden wir das Prinzip der ständigen Wiederholung.
Soll der Ätherleib wachsen und sich entwickeln, so muss durch ständig fortgesetzte Beschäftigung mit religiösen Problemen und [durch] Meditation dazu beigetragen werden. Das Gebet «Vater unser» bekommt erst seinen Wert durch Wiederholung und führt uns zu einem befriedigenden Verständnis. Und dadurch wird der ursprüngliche Ätherleib umgebildet zum Lebensgeist oder Buddhi, der bis in den physischen Menschen hineinarbeiten kann. In der okkulten Anatomie lernt der Mensch sich selber zu betrachten. Er wird sich seiner Nerven, seiner Blutbewegung und seines Atmungsprozesses innerlich bewusst.
Eine Einführung zu diesem Studium ist notwendig. Wir können damit anfangen, indem wir bewusst gewisse kleine äußere Gewohnheiten ablegen oder ändern, das ist von großem Wert für das esoterische Leben, wichtiger als das eigentliche Studium. Das ist die Anleitung, um die geistigen Erkenntnisorgane sich erwerben zu können. Während der Mensch nachts in traumlosem Schlafe liegt, besteht er bloß aus physischem Leib und Ätherleib. Herausgehoben hiervon ist der Astralleib, dieser hat nur Gefühlsorgane, solange er mit dem physischen Leib verbunden ist. Aber wir können ihm durch starke Erlebnisse in der symbolischen Welt Gefühls- und Empfindungsorgane verschaffen.
Denken wir uns eine Pflanze. Die ist ein schlafendes Wesen, zusammengesetzt aus Wurzel, Blättern und dem reinen Pflanzensaft. ... Aus dem schlafenden Wesen, also der Pflanze, ist der Mensch später hervorgegangen, aber er hat den reinen keuschen Pflanzensaft mit seinen Begierden und Leidenschaften durchdrungen, sodass nicht mehr der reine Pflanzensaft, sondern das rote, von Begierden und Leidenschaften durchdrungene Blut jetzt durch unsere Adern fließt. ... Es ist jetzt neu unsere Aufgabe, wieder dieses Blut zu reinigen. Unsere Begierden sollen hinsterben, und wir sollen zu einem höheren Bewusstsein aufsteigen, wie die rote Rose, die sich um das schwarze Kreuz heraufschlingt (das Rosenkreuzersymbol).
Weil wir wissen, dass wir von niederen Reichen aufgestiegen sind, sollen wir uns in Demut vor diesen neigen, welches wir angedeutet finden im Johannes-Evangelium, 13. Kapitel, wo Christus Jesus sagt, dass er sein Dasein den Zwölfen schuldig ist, ohne jene konnte er nicht sein - und nicht das sein, was er jetzt ist. ...
Diese Vorstellungen wirken auf den Astralleib und in der Wiederholung dieser demütigen Gefühle wird ein Abdruck auf den physischen und den ätherischen Leib angestrebt, wodurch diese harmonisiert werden. Denn was ist Müdigkeit, worüber jetzt so viel geschrieben und gesprochen wird? Das ist eine Disharmonie zwischen dem Leiblichen und dem Geistigen. - Der Astralleib arbeitet nachts am Wegschaffen der Müdigkeit. Allmählich sollen wir versuchen, ein Leben ohne Disharmonie zu leben, in allem, was uns begegnet, ein kleines Goldkörnchen zu finden, wie in der Legende von Christus und dem toten Hund; wo Christus in dem schon verwesenden Tiere, von welchem sich die Jünger mit Abscheu abwenden, doch die schönen Zähne des Tieres bewunderte.
Wie in unserem Beispiel Jesus Christus, so sollen wir verstehen, in allem, sogar in dem Unschönen, das Gute und Schöne zu finden.
Des Menschen Aufstieg in neue Welten. Vier Erkenntnisstufen:
- die äußere Erkenntnis, das objektive Denken
- die imaginative Erkenntnis
- Inspirationen
- Intuitionen
Was ist Imagination? Die Dinge um uns herum zeigen Farben, Töne, Wärme, Kälte, Geschmack, Geruch. ... Diese Dinge und Eigenschaften sollen wir jetzt lernen zu erleben ohne die Dinge selber. Betrachten wir eine Pflanze, das grüne Blatt, die rote Rose, sehen wir nicht allein die grüne und rote Farbe, sondern wir empfinden auch etwas, was auf unser Fühlen Eindruck macht. Das Grüne ruft einen anderen Eindruck hervor als das Rote. Es ist nicht leicht, einen Gefühlseindruck festzuhalten, aber dies ist notwendig. Und wir müssen dennoch unterscheiden, was das Rote und was das Grüne in uns hervorruft. Diese Gefühle müssen wir uns vergegenwärtigen ... ohne Gegenstände.
Stehen Sie- nach geduldig wiederholten Versuchen - vor dem grünen Blatt und der roten Rose, dann sehen Sie Blatt und Rose durchsichtig. Die grünen und roten Schattierungen stehen wie Imaginationen vor Ihnen. Sie schauen in das Innere der Gegenstände hinein. Sie sehen es frei schwebend im Raume. Die geistigen Wesenheiten, die immer um uns herumschweben und die noch nicht für uns sichtbar geworden sind, sollen wir auch auf diese Weise kennenlernen, wie wir auch lernen sollen, die Aura zu sehen. Dies ist spirituelle Erkenntnis. Führen Sie das Experiment weiter aus. Wenden Sie es dem Samenkorn gegenüber an, worin schon die ganze Pflanze verborgen ist. Lassen Sie das Samenkorn auf sich wirken. Es soll dann geistig für Sie hervorwachsen. Alle Wesenheiten um uns herum sind mehr, als wir ahnen, nämlich was latent in ihnen enthalten ist. Betrachten wir das Herz mit seinen quergestreiften Muskelfibern: Das ist in der Anatomie ein Kreuz und unwillkürlich in seinen Bewegungen. Die Hand dagegen ist willkürlich, also bewusst in ihren Bewegungen und [ebenso quergestreift]. Was die Hand jetzt ist, will in der Zukunft das Herz werden.
Betrachten Sie die Dinge, schauen Sie sich an, was sie sind, dann kommt man zu Inspirationen. Diesen Versuch, den wir der Pflanze gegenüber gemacht haben, können wir auch Tönen und Farben gegenüber anwenden. Beobachten Sie das Gefühl, das Sie haben beim Anhören eines Klanges. ... Durch geduldig wiederholtes Zurückrufen dieser Empfindung wird Tonlosigkeit, die absolute Stille sich einfinden. ...
Aber nach der Stille kommt der geistige Ton, die geistige Musik. Nach dem Beobachten von Farben soll absolute Finsternis herrschen, nach der Finsternis kommen die Antworten von der anderen Seite. Man soll Vorsicht walten lassen beim Unterscheiden des physischen und geistigen Tones, sodass man sie nicht zusammenmischt, was zu schlimmen Irrtümern, ja zu Verrücktheit führen kann. Durch jeden Versuch verliert etwas vom Niederen seinen Wert!
Der Ton verliert sich zuerst. Wir erreichen zuerst die Stille, die Farbeindrücke bleiben länger, die Geruchsempfindung hält sich am längsten. Alles dies liegt der Inspiration zugrunde. Die Intuition kommt dann von selber, man ist dann innerhalb aller Dinge. Im Allgemeinen ist der Mensch außerhalb aller Gegenstände, nach den Übungen lernt der Mensch die Seele aller Dinge zu verstehen. Wir lernen die Seele kennen bei einem Tier, einer Pflanze und einem Mineral, und wenn wir erst gehen gelernt haben, geistig gesprochen, auf dem astralen Plan - ich bitte Sie an diesem Ausdruck nicht Anstoß zu nehmen -, so werden wir da diese Seele als Gruppenseele finden. Die am meisten hervortretende Eigenschaft der Gruppenseele ist Weisheit, und diese finden wir viel größer als beim Menschen. Betrachten wir die Vögel, wenn sie im Herbst wegziehen. Der Biber in seiner komplizierten Behausung, (kein Ingenieur vermag mit noch so viel Scharfsinn einen Brückenbau nachzuahmen, wovon uns der Biber ein Beispiel gibt). sehen wir die Bienen ihren Honig zubereiten, welche Weisheit ist wohl darin enthalten!
Was wir aber nicht bei der Gruppenseele der Tiere finden, das ist die Liebe. Die Gruppenseele des Tieres ist eine weise, aber eine kalte Wesenheit. Die Liebe findet man erst bei einzelnen individuellen Tieren und beim Menschen.
Wie die Tiere, so haben auch die Pflanzen gemeinsame Seelen. Die Pflanzen sind selber der Mittelpunkt der Erde. Wir sehen die Wurzeln der Pflanzen nach unten gerichtet, die Blüten aufwärts gerichtet. Jetzt müssen wir die Wurzel mit dem menschlichen Haupte vergleichen. Der Mensch ist die umgekehrte Pflanze. Diese hat ihre Befruchtungsorgane dem Lichte entgegengerichtet, der Sonne entgegen, aber den Kopf gegen die Erde. Der Mensch aber hat den Kopf zur Sonne gewendet und die Befruchtungsorgane gegen die Erde.
Vergleichen wir diese drei Reiche mit einem Kreuz, so finden wir die Pflanze zuunterst, das Tier in der Mitte (das Tier mit seinem horizontalen Rückgrat), den Menschen nach oben, vom Lichte angezogen. Das Mineral ist der Grund, aus welchem die Pflanze als Gruppe hervorsprießt.
Wenn wir Blätter und Blüten abpflücken, so geschieht es nicht, ohne dass die Pflanzenseele dies empfindet. Sie fühlt dabei ein Wohlbehagen, denn sie ist [die Milch] der Erde und gibt sich hin, wie die Kuh dem Kalb Milch gibt. Reißt man dagegen eine Pflanze mit der Wurzel aus, so erlebt die Pflanzenseele Schmerz (die Entwicklung ist mit Schmerz verbunden wie die Geburt). (Verschiedene Begriffe für das Ergrauen des Haares.) Wenn der Bauer im Herbst ... «sehend» und erkennend wäre, dann würde er lauter Wohlbehagen erleben, denn die Erde schenkt mit Lust und Wohlbehagen ihre Gaben der Welt. Erkenntnis von diesem gibt Intuition.
Auch die Seele des Steines soll vom Menschen erkannt werden. Wir finden diese Seele des Steines im oberen Devachan. Die Arbeiter in Steinbrüchen konnten bei Sprengungen von Steinen Lustgefühle und Freude beobachten. Würden sie dagegen versuchen das Zersprengte wieder zusammenzusetzen, es zu verdichten, würde dies der Seele des Steines Schmerz bereiten. (Beispiel mit Salz im Wasser. Die Auflösung ist Lustgefühl, die Kristallisation ist Schmerz.)
Es geht uns hierbei wie mit religiösen Dokumenten: Erst beim Verständnis von diesen geht uns der Sinn auf (Beispiel mit der Sintflut). Vor dieser war alles in Nebeldünste eingehüllt, es gab keinen Regen, keinen Sonnenschein, es war die Nebelheimat (Nebelheim, Niflheim, Nibelungenheim). Nach der Sintflut wurde die Luft gereinigt, und der Regenbogen kam zur Erscheinung. In ferner Vergangenheit war die Temperatur der Erde viel höher als jetzt. Die Metalle waren fließend, geschmolzen. ...
Damit der Mensch auf der Erde wohnen konnte, wurde das Fließende durch Leid und Schmerz auskristallisiert. Die Erde wird durch ihre weitere Entwicklung später vergeistigt werden. Die festen Stoffe lösen sich auf, es wird ein Prozess der Seligkeit werden, ein Hineilen zur Erlösung. Römerbrief 8. Kapitel, 21. bis 22. Vers. Wenn der Mensch verstehen gelernt hat, alle Wesen zu verstehen, dann ist er von Illusionen befreit, von Maya und allen Schranken. - «Ihr sollt die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit soll euch erlösen!» Johannes 8,32.