Supplements to Member Lectures
GA 246 — 4 November 1908, Hanover
Okkulte Geschichte
Wenn man sich erst länger mit Theosophie beschäftigt hat, ist man in der Lage, mehr in sich aufzunehmen [von dem], was man vor etwa zwei Jahren noch für Ausfluss von Phantastereien hielt.
Ist das, was zwischen einer ägyptischen Inkarnation und einer griechischen liegt, ganz gleich dem, was zwischen einer griechischen und einer späteren liegt? Das wollen wir heute untersuchen.
Vom Hellsehen ist die Menschheit ausgegangen zum heutigen Bewusstsein. Genossen der Götter sind die Menschen gewesen zwischen Tod und neuer Geburt, und auch das Leben zwischen Geburt und Tod war ausgefüllt mit der Erinnerung an die Götter. Alle die Götter: Wodan, Baldur und so weiter waren sehr wohl wahrnehmbare Wesen damals für die Menschen. Im Schlafbewusstsein eröffneten sich den Menschen die geistigen Welten. Dieses Bewusstsein schwand allmählich immer mehr hin und das Bewusstsein für diese Welt hier entwickelte sich immer mehr.
Zuerst nach Atlantis ist die indische Kultur: Der Inder fühlt sich immer noch als Bürger der höheren Welten, das Irdische ist ihm Maya.
Zweitens: persische Kultur. Dort hat der Mensch schon etwas lieb gewonnen die physische Welt.
Drittens: die ägyptische Kulturepoche. Der Mensch hat sich eingelebt immer mehr und mehr in die physische Welt. Geometrie wurde schon gepflegt. Die Chaldäer sind die großen Sternkundigen. Der Ägypter lässt seinen Körper mumifizieren, er war darauf bedacht, den physischen Körper so lange wie möglich zu erhalten. Das hat Einfluss auf die Seele. Die Seele bleibt verbunden mit dem Körper, der hier mit aller Kunst zusammengehalten wird.
Viertens: Die griechisch-lateinische Kulturepoche. In Griechenland dringt der Mensch noch mehr ins Physische ein. Was hat der Grieche gebaut in seinen Tempeln? Diese sind etwas ganz anderes als gotische Dome. Wenn man verfolgt die Säulen - die tragen. Im Raume sind Kräftemassen, [das] weiß der, der okkult das erforschen kann. Der griechische Tempel stellt das dar, was auch geistig vorhanden ist. Er war herausgebaut aus den Linien, die im Raume sind.
Wenn durch Mann und Frau eine Gelegenheit gegeben wird, dass eine Seele sich im Physischen verkörpern kann, so kommt das Physische dem Geistigen entgegen, gibt dem Geistigen Gelegenheit, sich mit dem Physischen zu verbinden.
So, wenn auch in anderem Sinne, war es in der griechischen Baukunst. Das Physische wurde den geistigen Kräften nachgebildet. Der Gott wohnt in dem griechischen Tempel, da braucht kein Mensch dabei zu sein. Ein gotischer Dom ist etwas ganz anderes, er ist erst etwas Vollkommenes, wenn er erfüllt ist von der andächtigen Menge.
In den physischen Plan hineingebannt waren die Griechen. Und noch mehr verwachsen mit dem irdischen Plan waren die Römer. Erst bei ihnen taucht auf der Bürgerbegriff, der Sinn der Persönlichkeit. Die Persönlichkeit fühlt sich auf sich selbst gestellt auf dem irdischen Plan. Im Griechischen war Schönheit auf dem physischen Plan, Geist war hineingearbeitet in den physischen Plan. In demselben Maße, wie der Mensch sich die physischen Welt erobert, wird das Bewusstsein im Leben zwischen Tod und neuer Geburt immer blasser und blasser.
Der Inder liebte noch die geistige Welt und fühlte sich so als Bürger derselben. Je mehr der Mensch liebt die physische Welt, desto mehr entfremdet er sich der anderen Welt. Der Perser machte sich geschickter in dieser Welt, und dadurch wurde er ungeschickter sozusagen, zu handhaben die Instrumente der anderen Welt. Der Mensch fing allmählich an, sich als Fremdling zu fühlen in jener Welt - so bei den Ägyptern. Es war die Aufgabe, den physischen Plan zu erobern. Und Hand in Hand damit ging, dass immer schattenhafter wurde das Jenseits.
Eine Seele, die herausgezogen ist aus einem Körper, der als Mumie da unten lag, die fühlte sich immer noch hingezogen zum Physischen. Das war bewusst so eingerichtet von der hohen Kraft. Das Sehnen nach dem Jenseits der Inder sollte abgetötet werden. Gerade sollte sich die Seele verbunden fühlen mit dem physischen Plan. Am meisten war das in der griechischen Zeit. Die andere Seite des Lebens nahm sich so aus, dass einer der besten damals sagte: «Lieber ein Bettler im Diesseits als ein König im Reich der Schatten.» Es warf einen Schatten auf sein Kamaloka-Leben. Das Zusammenfühlen mit dem Physischen und auch das Leben im Devachan hat etwas Schattenhaftes.
Vermittelt wurden die Welten durch Eingeweihte. Ein Eingeweihter kann bewusst seinen Körper verlassen und bewusst tätig sein in den geistigen Welten. Er kann besuchen die Toten, er ist der Vermittler zwischen der physischen und der geistigen Welt. Sie konnten verfolgen die Entwicklung in der geistigen Welt, konnten sehen, wie die Seelen immer schattenhafter wurden drüben in der geistigen Welt.
Der Buddha konnte das Beste für die Welt tun, wenn er hinwies auf die Nichtigkeit des irdischen Daseins. Je mehr die Scele vom Daseinsinhalt durchzogen war, je weniger verbunden war sie mit dem Geistigen.
Hätte ein Eingeweihter zum Beispiel dem Achill [in der Unterwelt] erzählt von Griechenland, dann hätte Achill nur noch mehr vermisst, dass er nicht mehr im Physischen weilte, etwas Schmerzliches wäre es gewesen für die Seele dort im Jenseits.
Das Ereignis von Golgatha ist für die geistige Welt ein ebenso einschneidendes Ereignis wie für den physischen Plan. Dass Christus erschien dreieinhalb Tage in der geistigen Welt, das ist eine geistig erforschte Tatsache. Er fuhr in die Seelen hinein wie ein geistiger Funkenstrahl. Er war der Erste, der den Toten die Kunde brachte, dass das Leben den Tod besiegt, [dass es] triumphieren muss. Diese Kunde brachte er den Seelen.
Das ist ein Ereignis, das niemals vorher da war und niemals nachher da sein wird. Die physische Erdentwicklung ist dadurch gegeben, die wieder hinaufführt. Durch das Mysterium von Golgatha war die Möglichkeit geschaffen, dass das Physische etwas Unterphysisches erlebte. Das Geistige war nicht ins Physische hineingegossen, sondern Christus hatte etwas von dem physischen Plan in den geistigen Plan gebracht.
Zum ersten Mal geschah es hier, dass von dem physischen Plan etwas hinübergebracht wurde auf den geistigen Plan. Die Eingeweihten hatten bis jetzt nur vom geistigen auf den physischen Plan etwas bringen können. Erheben - und so weiter - und nicht umgekehrt: Christus war der Erste, der das konnte. Er konnte sagen, dass sich da drüben im Physischen etwas abgespielt hat, was Einfluss hat auf den geistigen Plan. Die Seele nimmt hier von Christus in sich auf, was sie mitnimmt auf den geistigen Plan. So wurde das Schattenreich immer lebendiger und lebendiger. Das christliche Leben gibt dem Menschen etwas mit für das Leben nach dem Tode.
Wenn man heute mit Seherblick sich versetzt in die geistige Welt beim Anblick eines griechischen Tempels, dann verschwindet dieser, es ist nichts für das geistige Leben in ihm. Aber das Johannes-Evangelium erlebt man auf dem physischen Plan ebenso wie auf dem geistigen, ja, hier ist es nur ein Keim zu einem noch tieferen Verständnis drüben.
Wir dürfen das, was drüben ist, nicht stationär machen, auch dort ist Geschichte. Ein richtiger geschichtlicher Niedergang ist da zu konstatieren bis zur griechischen Zeit und ein Umschwung durch das Ereignis von Golgatha. Gewaltiges ist geschehen für das Physische in diesem Ereignis, noch Gewaltigeres für die geistigen Welten.