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GA 246 — 15 August 1914, Dornach

Samariterkurs Vortrag III

Ich möchte Sie gleichsam zur Vorbereitung der Betrachtung, die wir morgen anstellen werden, erinnern an vor vier Jahren: Da hatten wir ja ungefähr um die Zeit, in der wir uns anschickten, hierherzukommen, am [Maria-]Himmelfahrts-Tage, in München gerade hinter uns die Aufführung des Mysteriums «Die Pforte der Einweihung». Das war heute vor vier Jahren am [Maria-]Himmelfahrts-Tage. Vielleicht hat mancher von Ihnen sich daran erinnert. Auf einige Stellen möchte ich Sie noch hinweisen, weil sie eine Vorbereitung sein können auf das, was wir morgen vor unsere Seelen führen können in Bezug auf die jetzige Zeit. Das, was wir auch in dieser Form vor die Seele bringen wollen, hat wirklich tiefe Bezüge zu unserer Zeit, und vielleicht wird man manches von dem, was da gerade auch in diesem Rosenkreuzermysterium enthalten war, besser verstehen, wenn man die Zusammenhänge erfassen wird zwischen menschlichen Gedanken, menschlichen Bestrebungen und demjenigen, was so jäh hereingebrochen ist. Es gibt einen Zusammenhang, meine lieben Freunde, zwischen den menschlichen Gedanken und demjenigen, was jetzt hereingebrochen ist. Wenn man versucht, diese menschlichen Gedanken zum Beispiel festzuhalten mit den Worten der Sophia im Mysterium:

.... du willst eben nicht begreifen, dass da erst das reichste Leben sein kann, wo du nur ausgeklügelte Gedanken siehst. Und dass es Menschen geben darf, welche deine lebensvolle Wirklichkeit dann arm nennen müssen, wenn sie nicht gemessen wird an dem, woraus sie eigentlich hervorsprudelt. Es mag dir manches herb klingen an meinen Worten. Allein unsere Freundschaft fordert ungeschminkte Aufrichtigkeit. Du kennst, wie so viele, von dem, was Geist genannt wird, nur das, was Träger des Wissens ist; du hast nur ein Bewusstsein von der Gedankenseite des Geistes.

Ja, meine lieben Freunde, solange man nur einen Begriff hat von der Gedankenseite des Geistigen, solange nur das vorhanden ist, was wie ein äußerer Abklatsch des Wirklichen erscheint, haben wir das, was in den Naturwirkungen dargestellt ist in der Szene zwischen Capesius, Strader und dem Geist der Elemente. Sophia:

Auf den lebendigen, den schöpferischen Geist, der Menschen gestaltet mit elementarer Macht, wie Keimeskräfte in der Natur Wesen gestalten, willst du dich nicht einlassen. Du nennst wie so viele zum Beispiel in der Kunst das naiv und ursprünglich, was den Geist in meiner Auffassung verleugnet. Unsere Art der Weltauffassung vereinigt aber volle bewusste Freiheit mit der Kraft des naiven Werdens. Wir nehmen bewusst in uns auf, was naiv ist, und berauben es dadurch nicht der Frische, Fülle und Ursprünglichkeit. Du glaubst, man könne sich nur Gedanken über einen menschlichen Charakter machen: dieser aber müsse sich gleichsam von selbst formen. Du willst nicht einsehen, wie der Gedanke in den schaffenden Geist taucht, an des Daseins Urquell rührt und sich entpuppt als der schöpferische Geist selbst. - So wenig die Samenkräfte die Pflanze erst lehren, wie sie wachsen soll, sondern sich als lebendig Wesen in ihr erweisen, so lehren unsere Ideen nicht: Sie ergießen sich, Leben entzündend, Leben spendend in unser Wesen. Ich verdanke den Ideen, die mir zugänglich geworden sind, alles, was mir das Leben sinnvoll erscheinen lässt.

Man möchte, dass viele Menschen lernen so zu sagen, damit wieder bessere Zeiten kommen.

Ich verdanke ihnen den Mut nicht nur, sondern auch die Einsicht und die Kraft, die mich hoffen lassen, aus meinen Kindern Menschen zu machen, die nicht nur im hergebrachten Sinne arbeitstüchtig und für ein äußeres Leben brauchbar sind, sondern die innere Ruhe und Befriedigung in der Seele tragen werden. Und, um nicht in alles Mögliche zu verfallen, will ich dir nur noch sagen: Ich glaube zu wissen, dass die Träume, welche du mit so vielen teilst, sich nur dann verwirklichen können, wenn es den Menschen gelingt, das, was sie Wirklichkeit und Leben nennen, anzuknüpfen an die tieferen Erfahrungen, die du Phantastereien und Schwärmereien so oft genannt hast.

Das wollten wir, meine lieben Freunde, an diesem Hügel bauen in Formen und in anderem, was so viele Menschen nur Phantastereien und Schwärmereien nennen.

Es mag dir sonderbar erscheinen, wenn ich dir gestehe, dass ich so manches, was dir echte Kunst dünkt, nur als unfruchtbare Lebenskritik empfinde. Denn es wird kein Hunger gestillt, keine Träne getrocknet, kein Quell der Verkommenheit geschaut, wenn man bloß die Außenseite des Hungers, der tränenvollen Gesichter, der verkommenen Menschen auf den Brettern zeigt. Wie das gewöhnlich gezeigt wird, steht den wahren Tiefen des Lebens und den Zusammenhängen der Wesenheiten unsäglich ferne.

Auf diesem Hügel wollen wir etwas errichten, meine lieben Freunde, was den Zusammenhängen der Wesenheiten unsäglich nahesteht. Wenn Sie sich erinnern an die Worte, die hier in unseren Betrachtungen an diesem Orte gesprochen worden sind, dass mit unseren Formen etwas geschaffen werden sollte, woraus die einheitliche Sprache der Götter zu uns dringen soll, die zu uns dringen will ..., dann werden Sie doch in diesem Bau etwas ersehen, was gewissermaßen vielleicht in der aufregenden Flucht der Erscheinungen in der gegenwärtigen Zeit, wie es sich auch gestalten mag, durch die Gedanken schon, aus denen es hervorgegangen ist, ein ruhender Pol sein kann. Wie wenig ist man heute geneigt zu glauben, dass es wahr ist, was Strader vor dem Geist der Erde zu seiner Verwunderung erfährt. Aber gedenken wir heute nach vier Jahren noch einmal der Worte des Strader, als Blitze und Donner aus Tiefen und Höhen kommen:

Warum erbebt die Tiefe
Warum erdröhnt die Höhe,
Da schönste Hoffnungsträume
Entringen sich der jugendlichen Seele?

Mögen die Träume noch so schön sein - wenn sie nicht im Zusammenhang stehen mit dem Geist der Menschheit, antwortet der Geist der Elemente:

Euch Menschenträumern
Erklingt gar stolz solch Hoffnungswort;
Doch ruft in Weltentiefen
Des irren Denkens Wahn
Solch Echo immerdar.
Ihr hört es nur in Zeiten,
Die euch in meine Nähe führen.
Ihr glaubt der Wahrheit
Erhabne Tempel zu erbauen,
Doch eurer Arbeit Folge
Entfesselt Sturmgewalten
In Urwelttiefen.
Es müssen Geister Welten brechen,
Soll euer Zeitenschaffen
Verwüstung nicht und Tod
Den Ewigkeiten bringen. Strader: So wäre vor den Ewigkeiten
Ein irrer Wahn,
Was Wahrheit scheint
Dem besten Menschenforschen! Geist der Elemente:
Ein irrer Wahn,
So lang der Sinn nur forscht
Im geisterfremden Reich.

Wir haben es vor vier Jahren zuerst gehört, und wir dürfen uns vielleicht heute daran erinnern, so daran erinnern, dass wir verstehen auch die tragische Figur des Capesius, der mit der ganzen tiefen Tragik am Schlusse dasteht, weil in dieser Zeit seiner Entwicklung, in der er hier stehen muss, er sehen muss, da das Vergangene in ihm nicht den lebendigen Geist erkundet hat, sondern nur das, was nach dem Muster desjenigen (gebildet ist), was wir unserer Zeiten Geist nennen, von Epoche zu Epoche bei den Menschen, die an Äußerlichkeiten doch nur kleben, wenn sie auch in die Tiefen dringen wollen, was diese Menschen doch nur fassen können. Capesius kommt schon darüber hinaus in späteren Zeiten. (Aber am Schlusse des ersten Mysteriums spricht er die Worte:)

Ich konnte dir ein guter Bote niemals sein.
Du gabst mir Kraft, das Menschenleben darzustellen.
Ich konnte schildern, was die Menschen
Zur einen oder andern Zeit begeistert;
Doch war es mir nicht möglich,
Den Worten, welche das Vergangne malten,
Die Kraft zu geben, Seelen ganz zu füllen.

Wenn sich die Seelen ganz füllen, dann finden sie auch das, was wirklich als Meditation gut gebraucht werden kann in unseren Zeiten, in unseren Zeiten, wo von vielen Seiten her eine so verschiedene Sprache gesprochen wird. Ich möchte Sie heute erinnern an das, was dazumal von den Lippen des Benediktus kam am Schlusse des siebten Bildes, das ja wirklich eine Art Himmelfahrt der Maria darstellt:

Des Lichtes webend Wesen, es erstrahlet
Von Mensch zu Mensch,
Zu füllen alle Welt mit Wahrheit.
Der Liebe Segen, er erwarmet
Die Seele an der Seele,
Zu wirken aller Welten Seligkeit.
Und Geistesboten, sie vermählen
Der Menschen Segenswerke
Mit Weltenzielen;
Und wenn vermählen kann die beiden
Der Mensch, der sich im Menschen findet,
Erstrahlet Geisteslicht durch Seelenwärme.

Das sind die Worte, die gut, gut in die Seelen strömen sollten gerade in unserer Zeit. Dann werden wir - wir werden morgen noch darauf zurückkommen - verstehen, dass dasjenige, worauf dazumal hingewiesen werden sollte, wahr ist, wie viele Stürme auch noch bis zu seiner Verwirklichung herankommen möchten. Mögen auch noch so viele Disharmonien möglich sein, gerade diese Disharmonien werden eine deutliche Sprache sprechen, sodass die Menschen verstehen lernen werden zur rechten Zeit dasjenige, worauf Theodora hinweist:

Es drängt zu sprechen mich:
Vor meinem Geiste steht ein Bild im Lichtesschein,
Und Worte tönen mir aus ihm;
In Zukunftzeiten fühl ich mich,
Und Menschen kann ich schauen,
Die jetzt noch nicht im Leben.
Sie schauen auch das Bild,
Sie hören auch die Worte,
Sie klingen so:
Ihr habt gelebt im Glauben,
Ihr ward getröstet in der Hoffnung,
Nun seid getröstet in dem Schauen,
Nun seid erquickt durch mich.
Ich lebte in den Seelen,
Die mich gesucht in sich,
Durch meiner Boten Wort,
Durch ihrer Andacht Kräfte.
Ihr habt geschaut der Sinne Licht
Und musstet glauben an des Geistes Schöpferreich.
Doch jetzt ist euch errungen
Ein Tropfen edler Sehergabe,
O fühlet ihn in eurer Seele. Ein Menschenwesen
Entringt sich jenem Lichtesschein.
Es spricht zu mir:
Du sollst verkünden allen,
Die auf dich hören wollen,
Dass du geschaut,
Was Menschen noch erleben werden.
Es lebte Christus einst auf Erden,
Und dieses Lebens Folge war,
Dass er in Seelenform umschwebt der
Menschen Werden.
Er hat sich mit der Erde Geistesteil vereint.
Die Menschen konnten schauen ihn noch nicht,
Wie er in solcher Daseinsform sich zeigt,
Weil Geistesaugen ihrem Wesen fehlten,
Die sich erst künftig zeigen sollen.
Doch nahe ist die Zukunft,
Da mit dem neuen sehen
Begabt soll sein der Erdenmensch.
Was einst die Sinne schauten
Zu Christi Erdenzeit,
Es wird geschaut von Seelen werden,
Wenn bald die Zeit erfüllt wird sein.

Ja, meine lieben Freunde, wir wollen morgen eine Betrachtung anstellen, die uns Mut geben kann zu glauben das, was uns aus diesen Worten in die Seele fließen kann:

Was einst die Sinne schauten
Zu Christi Erdenzeit,
Es wird geschaut von Seelen werden

wie auch bis zu jenem Ziele die Zeiten und die Menschenherzen in sich noch erbeben mögen.

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