The History of the German Section of the Theosophical Society 1902-1913

GA 250 — 4 July 1903, London

5. Theosophie und Deutsche Kultur

Autoreferat von Rudolf Steiner, «Luzifer» Nr. 5/1903

Hier soll in einem kurzen Auszuge wiedergegeben werden, was Dr. Rudolf Steiner (als Generalsekretär der Deutschen Sektion der Theosophischen Gesellschaft) am 3. Juli des Jahres in London anlässlich der ersten Versammlung der Föderation europäischer Sektionen der Theosophischen Gesellschaft ausgeführt hat (vergleiche Heft 3 des «Luzifer», S. 126): Die europäischen Sektionen sind übereingekommen, alljährlich zur gemeinsamen Pflege der theosophischen Bewegung sich zu versammeln. Bei diesen Gelegenheiten wird ein Zusammenfluss der einzelnen Beiträge stattfinden, welche die verschiedenen Gegenden Europas zu unserer großen internationalen Aufgabe zu leisten vermögen, und die Vertreter der einzelnen Sektionen werden die Anregung der Kongresse in ihr Heimatgebiet mitnehmen, um sie dort weiter wirken zu lassen. Unsere Deutsche Sektion ist noch nicht einmal ein Jahr alt. Es ist daher naturgemäß, dass sie nur auf geringe Erfolge in der Vergangenheit verweisen kann. Aber man darf sagen, dass wir die besten Hoffnungen für die Zukunft der Theosophie in Deutschland hegen dürfen. Denn das ganze Wesen des deutschen Volksgeistes drängt zur Theosophie. Da, wo die deutsche Geisteskultur ihre schönsten Blüten getrieben hat, da lag überall eine verborgene, aber deshalb nicht weniger wirksame theosophische Gesinnung bei den Trägern dieser Kultur zugrunde. Denn nicht nur ist die tiefe Mystik eines Meister Eckhart und Tauler, eines Valentin Weigel, Jakob Böhme, Angelus Silesius und der geheimen mystischen Gesellschaften aus dieser Gesinnung und Denkweise erflossen; sondern auch die Weltbetrachtungen unserer neueren deutschen Denker, Fichtes, Schellings, Hegels ruhen auf diesem Grunde. Und was in diesen hervorragenden Persönlichkeiten zum Ausdruck kam, das hat seine Wurzel in den Tiefen der deutschen Volksseele. Deshalb war auch der größte neuere deutsche Dichter, Goethe, von solcher Gesinnung, von solcher Vorstellungsart durchdrungen. Man kennt Goethe erst vollkommen, wenn man die nicht an der Oberfläche, sondern in den Tiefen seiner Schöpfungen zu entdeckende theosophische Betrachtungsart durchschaut. Diese Seite in Goethes Wirken ist fast ganz unverstanden geblieben. Wird sie einmal verstanden, dann wird das, was Goethe geschaffen hat, ein bedeutsamer Förderer der theosophischen Bewegung in Deutschland werden. Goethes ganze Naturanschauung ruht auf theosophischem Grunde. Vieles von dem, was er, nach seinem eigenen Ausspruche, in seinen «Faust» ‚«hineingeheimnisst» hat, sind theosophische Wahrheiten. Und außerdem hat er ja noch seine Weltauffassung zusammengefasst in seinem tief symbolischen Märchen von «der grünen Schlange und der schönen Lilie». Dieses Märchen ist geradezu die «geheime Offenbarung» Goethes. Man muss es lesen, wie man esoterische Schriften liest, man muss seinen Sinn studieren, wie man den Sinn geheimer Darstellungen tief verborgener Wahrheiten studiert. Solange man das nicht getan hat, kennt man den ganzen Goethe nicht. Unter dem Einflusse solchen Studiums wird auch auf manches andere in Goethes Leben und Schaffen ein neues Licht geworfen; und es wird vor allem bewiesen, dass die Deutschen in ihm einen theosophischen Dichter haben. - Und man blicke auf Novalis, dessen «magischer Idealismus» ja auch theosophisch ist; man blicke endlich auf Schelling, der in den vierziger Jahren an der Berliner Universität auftrat mit seinen durch langes, tiefes Forschen gewonnenen Ansichten in den Vorträgen über «Philosophie der Mythologie» und «Philosophie der Offenbarung». Nur eines fehlt in allen diesen theosophischen Bestrebungen der Deutschen: ein tieferes Verständnis der großen Weltgesetze von Reinkarnation und Karma. Denn wenn auch Jean Paul aus seiner Intuition heraus die Lehre der Wiederverkörperung vertrat; mit den vorhin genannten Strömungen ist sie niemals organisch verbunden gewesen. Diese umfassenden Wahrheiten wird die theosophische Bewegung der deutschen Kultur einverleiben. Sie wird dadurch den Deutschen ihre großen Persönlichkeiten, ja ihre eigene Volksseele nahebringen; und die Theosophie selbst wird von dieser Seite die schönste Befruchtung erfahren. So wahr es ist, dass das deutsche Leben von der Theosophie viel zu erwarten hat, so wahr ist es auch, dass es selbst ein gutes Scherflein zu der theosophischen Weltbewegung beizubringen hat.

German original of Theosophy and German Culture · ← Previous · Next →