The History of the German Section of the Theosophical Society 1902-1913

GA 250 — 2 June 1906, Paris

26. Über den Fall Leadbeater

Mündliche Mitteilung von Rudolf Steiner für die deutschsprachigen Teilnehmer am Theosophischen Kongress

Am 2. Juni 1906, halb elf Uhr versammelte Dr. Steiner die anwesenden Deutschen, um ihnen eine geschäftliche Mitteilung zu machen.

Es war die niederschmetternde Nachricht, dass Leadbeater veranlasst worden ist, aus der Gesellschaft auszutreten. Dr. Steiner wollte nicht, dass wir, ohne davon Kenntnis zu haben, in den Kongress eintreten sollten. Was er uns über diesen traurigen Fall mitteilen konnte, war Folgendes. Es waren von Amerika aus schwere Anklagen über Leadbeater eingegangen, die Olcott veranlasst haben, ein Komitee zu berufen, bestehend aus französischen und englischen Mitgliedern und Mr Leadbeater. Vor diesem Forum hatte er sich zu verantworten. Der Schluss war, dass er veranlasst wurde, seinen Austritt zu erklären, was er bereitwillig getan hat. Da dieses für unsere Gesellschaft eine sehr wichtige Sache ist, so lud uns Dr. Steiner zum 7. [Juni] ein, um nach dem Kongress noch einmal über diese Sache zu sprechen, was dann auch in ausgiebiger Weise geschehen ist. Zunächst lag die Frage nahe: [Wenn] Leadbeater gefallen ist, was haben wir dann von seinen Schriften zu halten, die uns bisher Wegweiser gewesen sind? — Da gilt es zunächst zu bedenken, dass wir das, was uns in den Schriften der Okkultisten gegeben wird, nicht als Offenbarungen, als Dogma zu betrachten haben, sondern als Erzählung von Selbsterlebtem.

Um zurechtzukommen über den Fall, ist die Frage noch nicht reif. Wichtig ist es bei der Untersuchung, das Werk von dem Menschen zu trennen und nicht beides miteinander zu verurteilen.

Die Tatsache des Ausschlusses steht als solche fest. Sie geschah am 16. Mai 1906 in London. Formal kann man Olcott nach den Statuten der Gesellschaft nichts anhaben.

Grundsatz der Gesellschaft ist, dass das Privatleben des Einzelnen die Gesellschaft nichts angeht. Es fragt sich demnach, ob seine Handlung mit seinem öffentlichen Wirken in Beziehung steht, ob er öffentlich Ärgernis erregt hat. Durch diese Sache hat sich die Gesellschaft einen Fall geschaffen, zu dem die Leute sagen können: Ihr vertretet die Lehren eines, den ihr selbst ausgeschlossen habt. - In seinen Büchern steht nichts Unwahres. Da die Sache so liegt, liegt die Frage vor: Was nun tun?

Es ist ein schwerwiegender Fall, den die Gesellschaft sich geschaffen hat.

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