The History of the Anthroposophical Society 1913–1922

GA 251 — 3 February 1913

2. Erste Generalversammlung der Anthroposophischen Gesellschaft

Wilhelmstraße 92/93, Architektenhaus

Bericht in den «Mitteilungen für die Mitglieder der Anthroposophischen Gesellschaft (theosophischen Gesellschaft), herausgegeben von Mathilde Scholl», Nr. 1/1913

Herr Dr. Steiner: Vielleicht darf ich davon sprechen, dass wir im gegenwärtigen Zeitpunkte am Ausgangspunkte stehen einer bedeutungsvollen, nicht neuen Arbeit; aber am Ausgangspunkte einer bedeutungsvollen Anstrengung zur Befestigung und Erweiterung der alten Arbeit. Ich habe schon in dasjenige, was ich gestern zu sagen hatte, alle Gefühle hineingebracht, welche ich legen möchte in Ihre Herzen und in Ihre Seelen als neue Farbe unserer Arbeit. Ich hoffe, dass wir die Mittel und Wege finden werden, dasjenige, was wir in der alten Form gepflegt haben, nicht in einer neuen Form, sondern in dieser neuen kommenden Zeit womöglich noch stärker, noch hingebungsvoller zu pflegen. Dasjenige, was so aus solchen Schwierigkeiten errettet ist, muss Ihnen ans Herz wachsen, und es wäre eine schöne Sache, wenn ein jeder von uns dies wirklich fühlte, der zusammengewachsen sein kann mit dem, was wir eigentlich wollen. Wenn wir fühlten, wie das, was wir als Anthroposophie bezeichnen, eine Notwendigkeit in unserer Zeit ist, und es auch so fühlen, wie es einfließen muss in unser gegenwärtiges Kulturleben, so, dass es ein Ferment werden will in allen einzelnen Gebieten; wenn wir fühlen, dass das alles Anthroposophie sein will und kann, dann werden wir die Möglichkeit finden, in der richtigen Weise zu arbeiten. Und das Beste, was heute zu alledem gebracht werden kann, sind nicht Worte, sondern Ihre Gefühle und Empfindungen, Ihre Vorsätze, die Grundsätze, die Sie in sich aufnehmen, um Ihre einzelnen Kräfte zu entfalten.

Das, um was es sich handelt, ist, die rechten Wege zu finden, um jeden, der herankommen will, den Zugang zu uns finden zu lassen. Es darf und soll niemandem verwehrt werden, zu uns zu kommen, wenn wir auch auf der anderen Seite sorgfältig wachen müssen über die Heiligkeit und Unantastbarkeit unserer Vorsätze. Es wird vielleicht mehr als sonst notwendig sein, dass wir uns gegenseitig voll verlassen können aufeinander, dass wir sicher sein können, dass diejenigen, die auf unseren Geistesweg treten, aus ihren Herzen heraus das Richtige finden werden, und dass diejenigen abgehalten werden, die nicht etwas für ihre Seele haben wollen, sodass alle, die zu uns kommen, auch in irgendeiner Weise wirklich dabei sind. Ernst und Würde soll in allen unseren Handlungen walten, dann können wir sicher sein, dass wir wirklich Vertrauen zueinander haben, dass wir das Persönliche überall fallen lassen, dass wir die Menschen nur ansehen auf das Objektive hin; dann werden wir vorwärtskommen. Es ist nicht leicht, das Persönliche fallen zu lassen. Das soll aber weniger dazu führen, dass wir gegen uns und andere nachsichtig werden, sondern vielmehr, dass wir uns immer wieder und wieder prüfen, ob nicht doch dieses oder jenes Persönliche mitspricht. Und wir werden finden in höherem Maße, als wir glauben, wie der Mensch schwer über das hinausgelangt, was als Persönliches in seiner Seele lebt. Gar mancher wird sich überzeugen, dass in dem Urteil, das er hatte, nicht so sehr objektive Gründe gesprochen haben, sondern Sympathie und Antipathie. Selbstprüfung gehört nun einmal dazu, wenn man mittun will in einer spirituellen Bewegung.

Ich möchte in diesen Worten weniger hervorgehoben haben dasjenige, was sie wortwörtlich bedeuten, als dasjenige, was sie werden können, wenn sie, so wie sie gemeint sind, ergriffen werden von Ihren Herzen. Vielleicht können sie zum Ausgangspunkte dienen des Weges, der Handhabung der Mittel, die wir brauchen, wenn wir fortschreiten wollen auf dem Wege, den wir uns einmal festgesetzt haben.

Herr Dr. Unger: Wenn wir in der Lage sind, die erste Generalversammlung der Anthroposophischen Gesellschaft zu eröffnen, so dürfen wir unseren herzlichen Dank aussprechen für die Geleitworte, die eben gesprochen worden sind. Es obliegt mir zunächst, Ihnen die Mitteilung zu machen, dass auf Wunsch des Zentralkomitees und mit einmütiger Zustimmung und Begeisterung des großen Komitees Herr Dr. Steiner das Ehrenpräsidium der Gesellschaft übernommen hat.

Wenn wir in die Generalversammlung nun eintreten wollen, so handelt es sich nur darum, dass wir einiges mitteilen können über den heutigen Stand der Gesellschaft. Heute bitte ich, nur einige Mitteilungen entgegennehmen zu wollen, und den Wert dieser ersten Versammlung darin zu erblicken, dass wir aufgrund dieser Mitteilungen einen Beweis haben dafür, dass die Arbeit des Komitees seither den Beifall unserer Freunde gefunden hat. Es wird nun meine Aufgabe sein, Sie zu fragen bei dieser Eröffnung, ob von Ihnen die Zustimmung zu den Handlungen des Zentralkomitees und des großen Komitees erteilt werden kann.

Fräulein von Sivers: Obgleich noch nicht alle Aufnahmeanträge angekommen sind, ist die Zahl unserer Mitglieder doch schon eine ziemlich große. 2557 Mitglieder zählt bereits die Gesellschaft. Wie die einzelnen Gruppen sich verteilen, wird sich erst im Laufe der Zeit zeigen können.

Ich habe noch zu verlesen ein Begrüßungsschreiben der Anthroposophischen Arbeitsgruppe in Schweden. Der skandinavische Generalsekretär, Oberstleutnant Kinell, hat sich in Folge der von ihm gemachten Erfahrungen, gezwungen gesehen, seine Demission einzureichen und hat die Leitung der Anthroposophischen Gesellschaft in Schweden übernommen.

Herrn Dr. Rudolf Steiner. Die jetzt gegründete Schwedische Abteilung der Anthroposophischen Gesellschaft beehrt sich hierdurch, Ihnen ihren vertrauensvollen Gruß zu übersenden. Stockholm, am 31. Januar 1913. Gustaf Kinell, Anna Wager-Gunnarsson, Gustaf Ljungquist. Fräulein Marie von Sivers. An Sie selbst und an die erste Generalversammlung der Anthroposophischen Gesellschaft sendet die neu gebildete Schwedische Abteilung ihre herzlichsten Grüße und besten Wünsche für die Zukunft. Stockholm, am 31. Januar 1913. Gustaf Kinell, Anna Wager-Gunnarsson, Gustaf Ljungquist.

Aus Frankreich ist folgendes Begrüßungstelegramm eingetroffen:

Au nom des membres français de la Societé Anthroposophique nous exprimons au docteur Steiner notre profond attachement et notre adhésion résolue au programme de la Societé. Edouard Schuré, Alice Bellecroix, Eugène Lévy.

Aus Prag:

Die erste Generalversammlung begrüßt herzlichst Prager Kreis.

Krkavec.

Von den zurückgebliebenen Mitgliedern der Branche Anglo-Belge in Brüssel:

46a, Boulevard de la Cambre, Bruxelles, den 29. Januar 1913. Die Mitglieder der Branche Anglo-Belge in Bruxelles, die, der Pflicht gehorchend, dem Triebe ihres Herzens heute unter Ihnen zu sein, nicht folgen konnten, senden zum Beginne einer neuen theosophischen Ära ihre ehrerbietigsten Grüße - dem hochverehrten Lehrer und Denker Dr. Rudolf Steiner - dem in Mut und Treue erprobten Vorstande der Anthroposophischen Gesellschaft! Die in Berlin anwesenden Leiterinnen unseres Studienkreises werden Ihnen sagen können, dass unter dem Drucke, der hier für uns so schwierigen Verhältnisse unsere Lebenskraft erstarkt im Aufblick zu dem, der uns durch Schrift und Wort so wunderbar geleitet. Je größer die Anfechtung von außen, je inniger gestaltet sich unser trauter Verein! Geistig Lieben ist Leben im höheren Sinne - den Kreis der anthroposophischen Freunde schließen wir ein in dieses Band - möge der kleine Keim sich zur herrlichen Blume entfalten! In dankbarer Verehrung die zurückgebliebenen Mitglieder der Branche Anglo-Belge in Bruxelles: Mathilde Schollmeyer, E. Kuneman,
E. Hagemann, R. H. Alexander, Cato Voûte,
für zwei momentan unerreichbare Mitglieder Frau Lotsy,
Mrs. A. de Fritsch.
(E. Hgm.)

Weimar:

Theosophische Gesellschaft,
Anthroposophische Gesellschaft Zweig Weimar. Weimar, den 1. Februar 1913. An den verehrlichen Vorstand der Deutschen Sektion der Theosophischen Gesellschaft Berlin. Der Zweig Weimar bittet den verehrlichen Vorstand der Deutschen Sektion der Theosophischen Gesellschaft anlässlich der Generalversammlung nachstehende Erklärung zur Verlesung zu bringen: «Die in der am 30. Januar 1913 stattgefundenen Versammlung der Mitglieder Anwesenden erkennen in dem vom Gesamtvorstande der Deutschen Sektion für notwendig erachteten Vorgehen gegen die Präsidentin der Theosophischen Gesellschaft, Frau Annie Besant, die einzige Möglichkeit, den Fortbestand der Gesellschaft auf ihrer von den Gründern H. P. Blavatsky und H. S. Olcott beabsichtigten Basis zu gewährleisten. Sie halten es für eine Ehrenpflicht der Präsidentin, ihre durch Duldung der gegen die Tätigkeit Dr. Steiners gerichteten Bestrebungen - insbesondere der Leitung des Ordens des Sterns im Osten für die Leitung der Theosophischen Gesellschaft unmöglich gewordene Person der Sache zum Opfer zu bringen und von der Präsidentschaft schnellstmöglich und freiwillig zurückzutreten. Sie schließen sich daher allen den zahlreichen Protesten anderer in- und ausländischer Zweige der Theosophischen Gesellschaft gegen die mit Wahrheitsliebe und theosophischer Gesinnung unvereinbaren Versuche, die so segenspendende, aufopferungsvolle Tätigkeit Dr. Steiners zu behindern und zu untergraben, vollinhaltlich an und halten die Mitgliedschaft zum Orden des Sterns im Osten für unvereinbar mit der Mitgliedschaft bei der Theosophischen Gesellschaft wegen der in dem genannten Orden zum Ausdruck kommenden unbrüderlichen Kampfstellung gegen die Person und die Lehren Dr. Steiners, die dem Prinzip der wahren Toleranz und Ehrlichkeit widerspricht. Die Mitglieder des Zweiges Weimar sind deshalb mit allen weiteren Maßnahmen des Vorstandes der Deutschen Sektion, die darauf gerichtet sind, der Wahrheit zum Siege zu verhelfen, im Voraus einverstanden und sprechen dem Vorstande der Deutschen Sektion ihr volles uneingeschränktes Vertrauen und den wärmsten Dank für sein bisheriges mutiges Vorgehen in dieser an sich so bedauerlichen Krisis der Theosophischen Gesellschaft aus. Weimar, den 1. Februar 1913,
der Zweig Weimar
Im Auftrag
Horst von Henning, 1. Vorsitzender,
Großherzoglicher $. Hofkonzertmeister,
Arthur Rösel, 2. Vorsitzender,
Frau Lina Schliephak-Uttner, Schriftführer.

Vom Zweig Bochum das Telegramm:

Herzliche Glück- und Segenswünsche. Zweig Bochum.

Vom Paulus-Zweig Mülhausen:

Paulus-Zweig sendet Dr. Steiner, Vorstand und Generalversammlung Anthroposophischen Gesellschaft herzlichste Gesinnungsgrüße.

Zwei Freunde sandten uns folgendes Telegramm: Budapest.

Zwei im Auslande weilende Mitglieder der Anthroposophischen Gesellschaft, denen es leider unmöglich war, nach Berlin zu kommen, bitten die erste Generalversammlung, dieser die innigsten Wünsche für einen würdigen und erhebenden Verlauf der unaussprechlich bedeutsamen Versammlung aussprechen zu dürfen. Möchte es allen Mitgliedern immer möglich sein, auch bei eventuell nötigen unerfreulichen Auseinandersetzungen jene Haltung zu bewahren, wie sie alleine angemessen ist solchen Seelen, welche sich hingeben wollen der über Parteilichkeit wie Lob und Tadel erhabenen Wahrheit. Valborg und Louis Werbeck-Svärdström.

Eben traf ein Schreiben ein aus Moskau, in dem die dortige Arbeitsgruppe ihre Zugehörigkeit zu uns erklärt. Und merkwürdigerweise erhielten wir in Folge unserer «Mitteilungen» mehrere warme Begrüßungsschreiben aus dem bisher nicht mit uns in Berührung gekommenen Spanien.

Herr Dr. Unger: Es darf wohl darauf aufmerksam gemacht werden, dass wohl noch viele Fragen auftreten werden, dass aber diese sich ganz von selbst mit der Zeit lösen werden. Es würde gut sein, wenn die einzelnen Kreise im Laufe der nächsten Zeit sich bei Fräulein von Sivers meldeten, um als Zweigbildung innerhalb unserer Gesellschaft anerkannt zu werden. Die übrigen Bestimmungen sind ja enthalten in dem «Entwurf der Grundsätze einer Anthroposophischen Gesellschaft». Es wird keinerlei Schwierigkeiten machen, wenn wir uns daran halten, dass es das Wesentliche ist, dass wir arbeiten. Die Ziele, die wir bisher hatten, bleiben auch ferner unsere Ziele.

Es ist vorgesehen, die einzelnen Gruppen zu chartern, sodass vorerst bei der nächsten Generalversammlung ein volles Bild der Gesellschaft vor uns haben können. Wir müssen alle daran denken, dafür zu sorgen, dass Mitteilungen dessen, was hier geschehen ist, was die Anthroposophische Gesellschaft will und bedeutet, möglichste Verbreitung finden. Es gibt viele Menschen, denen etwas vorgemacht wird. Viele wissen gar nicht, wohin sie sich begeben, wenn sie sich aus gutmütigen oder anderen harmlosen Rücksichten zum Beispiel das Sternchen anstecken. Nach und nach muss eben Aufklärung kommen.

Es geht meine Frage also dahin, ob mit den Resultaten, die bis jetzt vorliegen, die Versammlung einverstanden ist; ob die gedruckten vorläufigen Statuten Ihren Beifall finden.

Einstimmige Zustimmung der Versammlung.

Herr Günther Wagner: Ich möchte nur eine Mitteilung über die Bibliothek machen. In der vorletzten Vorstandssitzung im Dezember vorigen Jahres, hat der Vorstand der früheren Theosophischen Gesellschaft mir die Bibliothek überwiesen als mein Eigentum, mit dem Zwecke, sie für diejenigen zu retten, deren Beiträge diese Bibliothek geschaffen haben, und für die Bewegung, der wir treu bleiben. Was heute als Fall vorliegt, hat schon einmal stattgefunden, hat einen Präzedenzfall. In den Mitteilungen Nr. 4, Januar 1907, steht:

Zu Punkt IV: Endgültige Erledigung der Angelegenheit der Bibliothek der Deutschen Theosophischen Gesellschaft, berichtet der Generalsckretär, dass die Angelegenheit eine erfreuliche Wendung genommen habe; Graf Brockdorjf habe nämlich sämtliche Rechte, die ihm an der Bibliothek zustehen, Herrn Günther Wagner übertragen. Nach längerer Debatte überträgt Herr Günther Wagner seinerseits diese Rechte auf die Deutsche Sektion. Folgender Beschluss wird von der Generalversammlung hierzu gefasst: «Die Deutsche Sektion übernimmt die Bibliothek der ehemaligen Deutschen Theosophischen Gesellschaft auf Grundlage der Übertragung der ‚Rechte, die Graf Brockdorff an ihr besaß, an Herm Günther Wagner. Der Vorstand der Sektion will sich als Bibliorhekkommission betrachten und überträgt Herrn Günther Wagner die Maßnahmen zur wünschenswerten Installierung der Bibliothek und zu deren weiterer Verwaltung.» Auf Antrag des Herrn Tessmar wird Herr Günther Wagner aus Anerkennung seiner hochherzigen Handlungsweise von der Deutschen Sektion zum lebenslänglichen Verwalter der Bibliothek ernannt.

Ich möchte nur sagen, dass dieser Fall also schon einmal vorgekommen ist. Die Gesellschaft hat mir also nun die Bibliothek zurückerstattet, und ich überweise hiermit die Bibliothek der Anthroposophischen Gesellschaft.

Herr Dr. Unger: Wir danken Herrn Wagner für die hochherzige Handlungsweise. Das war die einzige Angelegenheit, die mir vorlag. Ist sonst noch eine dringende Angelegenheit vorhanden? Dies ist nicht der Fall.

So dürfen wir die erste Generalversammlung der Anthroposophischen Gesellschaft schließen mit dem Ausdruck des Wunsches und der Hoffnung, dass wir in unserer Arbeit weiterkommen mögen.

Ich schließe die erste Generalversammlung und wünsche guten Verlauf unseren anthroposophischen Angelegenheiten.

German original of First General Assembly of the Anthroposophical Society · Next →