The History of the Anthroposophical Society 1913–1922

GA 251 — 6 February 1913, Berlin

3. Diskussion über eine zu gründende Handelsgesellschaft «Ceres»

[Architekt Schmid: Wir wollen das tägliche Brot im weitesten Sinn schaffen, nicht die Karikatur dessen, was es eigentlich sein soll. So wie jede Säule am Johannesbau der einzige, richtige, beste Ausdruck dessen ist, was sie darstellen soll, so sollte es mit unserer ganzen Umgebung sein. Nicht darum handelt es sich, den billigen Kaffee und so weiter zu schaffen, sondern den richtigen Kaffee, Kakao und so weiter. Der Name den man wählt, ist ja Maja; für Gleiches Geld das Richtige bieten, das sollen wir.

Viele Redner sprechen, dann Herr von Rainer: Ich musste das Brot fragen, ob es sich so verkaufen lassen will. Es hat mir gesagt: Das ist ein wunder Punkt. - Das passt dem Brot nicht, davon will das Brot auch nichts wissen. Möglichst niedrige Preise, [das] passt auch dem Brot nicht. Das Brot ist ein Gegner gegen alle diese Vergünstigungen, weil sie in einem gewissen Sinne gegen das okkulte Gesetz verstoßen, unter dem es steht. Das wäre ja nur eine weitere Zone des Egoismus. Das Brot ist nämlich sehr anspruchsvoll und will eine gute und liebevolle Behandlung. Es ist gegen alle modernen Geschäftsverbindungen und hat lieber einen guten Verschleißer. Das Brot will von einer Reklame nichts wissen. Die Sache darf keine festen Formen annehmen einerseits, andererseits hat man den Wunsch, anderen zu helfen, wenn das Prinzip des Altruismus im Gegensatz zum Egoismus durchgeführt werden kann.]

Rudolf Steiner: Wir sollten es durchaus vermeiden, auf unbestimmte Weise etwas in die Welt zu setzen. Vor allen Dingen müssen wir uns klar sein, dass es notwendig ist, dass wir praktisch vorgehen, [dass wir] etwas Lebensfähiges in die Welt setzen. Gewiss ist manches ja, was an allgemeinen Grundsätzen entwickelt wird, schr nützlich, und es handelt sich um eine praktische Sache. Wenn wir nicht wollen an den Sachen vorbeireden nämlich, haben wir etwas Wichtiges zu berücksichtigen. So wenig es aussieht darnach, dass das gerade die praktische Ader der Sache berührt: Herr von Rainer hat vorgebracht, dass das Brot sich beleidigt fühlt, und Herr Schröder hat um Entschuldigung gebeten. Das Brot kann nichts entschuldigen seiner Wesenheit nach. Es ist notwendig, dass wir mit den realen Faktoren absolut rechnen.

In dem Augenblicke, wo später ein solcher Fehler, wie er jetzt zu entschuldigen ist, aber ich meine, wenn später ein solcher Fehler gemacht wird, handelt es sich darum, dass sich dieser Fehler in Realität umsetzt. In dem Augenblicke, wenn dergleichen gemacht wird, haben wir es gleich zu tun mit den materiellen Folgen davon. Wir müssen praktisch vorgehen, wir reden in vielen Punkten ohne Grund und Boden. Dasjenige, was wir reden sollten, wäre: In welcher Weise kann sich eine Handelsgesellschaft begründen, wie hat sie sich zu verhalten zu denjenigen unter unseren Freunden, welche auf irgendeinem Gebiete produzieren, irgendetwas zu liefern haben, wie ist ein Verständnis zu gewinnen bei den Konsumenten? Wir können im Grunde genommen keine Kommission wählen, wir können als Anthroposophische Gesellschaft kein Konsumverein werden, die Dinge müssen sich sachgemäß so entwickeln, dass jemand aus seinen Impulsen Anregung findet und andere dazu gehen. Eine Kommission zu wählen, wäre ein Fehler. Wir müssen Verständnis dafür bekommen und aus der ursprünglichen Initiative handeln. Wir können als Anthroposophische Gesellschaft nur verständnisvolle Konsumenten sein. Wir können unsere Ansichten austauschen. Da sind viele Dinge zu berücksichtigen. Es ist außerordentlich wichtig, dass sich dieser Handelsverein nicht auf [einen] bloß materiellen Standpunkt stellt, sondern vor allem sich auf diesen Standpunkt stellt, der guten sachgemäßen Produktion eine Hilfe zu bieten. Die Schwierigkeiten, die durch das heute kommerzielle Wesen da sind, dass der, der im materiellen Leben drinnen steht, nicht anders kann, als Grundsätze zu entwickeln, wenn er ein noch so guter Mensch ist, [dass der] gar nicht anders kann, als die Grundsätze entwickeln, wie sie Herr Schröder geschildert hat, dass sie in England gelten, wonach ein Fehler ärger wäre, als ein Verbrechen.

Aber ich frage Sie, was soll denn der Kaufmann, der Vermittler heute machen gegenüber dem Umstande, dass er zu rechnen hat mit der Billigkeit der Ware und nicht mit der Güte. Die Leute wollen billiges Brot, ohne dass das Brot sachgemäß richtig und gut ist. Wertmesser sind im Grunde genommen falsch, und wenn wir Verständnis gewinnen wollen, so müssen wir uns dieses Verständnis dadurch verschaffen, dass wir im Grunde nicht uns gerade auf eine solche Basis stellen, die im Grunde nicht eine Verbesserung der sozialen Ordnung gegeben hat. Die Anthroposophie muss vorwärtsbringen die Menschheit, und wir müssen uns auf einen Boden stellen, der vorwärtsbringt. Wir können selbstverständlich eine solche Sache ganz sachgemäß tun, aber wir müssen sie praktisch anfassen; sie muss etwas ergeben, was fruchtbar ist. Muster gehen uns gar nichts an. Wir müssen aus dem sachgemäß Vorliegendem arbeiten; wenn wir nach alten Mustern arbeiten, so kann uns nichts anderes passieren, als dass wir etwas Altes erreichen. Wir können nicht eine Gesellschaft zur Unterbringung des Rainer-Brotes begründen, aber wir können Verständnis verbreiten, dass wir dieses Brot essen! Der Handelsverein soll ein Vermittler sein in der denkbar praktischsten Weise.

Ganz unpraktisch würde es sein, in der Weise vorzugehen, wie wir es für eine rein ideelle Sache tun, dass wir Sammlungen veranlassen würden. Für eine Sache, die auf materieller Grundlage beruht, handelt es sich nicht darum, dass man von vornherein kein Vertrauen zu ihr hat, das würde von vornherein ein Armutszeugnis sein, sondern es handelt sich darum, dass eine tatsächlich fundierte Sache ins Leben gerufen wird, und es handelt sich darum, dass die Leute, die Verständnis dafür haben, mit Aussicht auf Verzinsung und Rentabilität sich daran beteiligen. Solche auf materielle Basis gestellten Dinge, die nach ein paar Jahren verkracht sind, haben wir nicht gewollt, trotzdem sie mehrfach begründet worden sind. Es soll nicht für eine ideelle Sache Kapital beschafft werden, sondern es soll alles auf einer praktischen Grundlage ruhen. Diese Dinge müssen dabei berücksichtigt werden; sie sind sehr schön, wenn sie richtig gemacht werden, aber sie sollten es so auffassen, dass wir Herrn Schröder so gegenüberstehen, dass wir ihm Ratschläge geben, und er uns Ratschläge gibt, und sollen nicht von Egoismus und Altruismus reden.

Nach einigen anderen [Rednern] ergreift Herr Dr. Steiner wieder das Wort und sagt nach einigen einleitenden Worten:

Gewiss, ich betrachte es als selbstverständlich, dass alle für diesen Handelsverein sind. Wir sind für alles Gute, und [es ist auch selbstverständlich,] dass wir Herrn Schröder für einen für die Sache tüchtigen Mann halten. Es ist sehr schön, wenn solcher Enthusiasmus für die Sache da ist. Ich möchte doch gleich betonen: Es ist mir nicht darum zu tun, jemanden

zu korrigieren, aber ich habe genau das Gegenteil von dem erlebt, was Frau Wolfram behauptet hat: Die Lehre von Saturn, Sonne und Mond bringt man ganz gut an; die Menschen nehmen sie gerne hin. Wenn man ihnen aber sagt, bei dem Schuster die Schuhe machen zu lassen, oder einen ganzen Sack von Rainer-Brot kommen zu lassen, das ist schwieriger als die Lehre von Saturn, Sonne und Mond unterzubringen. — Vor allen Dingen ist es notwendig, dass die Theosophen rationell zu denken beginnen und sich für praktische Sachen nicht bloß begeistern, sondern auf die Dauer dabei aushalten.

Dass anfangs alles Mögliche nicht stimmt, [ist normal]; man finder [üblicherweise] sehr schwer Verständnis, wenn das oder jenes nicht stimmt. Man soll bei Theosophen [berücksichtigen] - und das soll das Neue sein —, dass die Dinge, die gut sind, zuerst mit gewissen Schattenseiten auftreten ist ja selbstverständlich. Wie oft haben wir hören müssen das, was auf unrichtigem Anfassen der Sache beruht; einige Brote von Rainer-Brot schimmelten; dass es schimmelte ist ein Zeichen, dass es gut ist, meine lieben theosophischen Freunde, denn nur auf gutem Grunde wachsen Vegetabilien. Es handelt sich nur darum, dass wir einer solchen Sache entgegenarbeiten, Auf der anderen Seite müssen wir uns klar sein, dass auch in der Sache liegende Schwierigkeiten vorhanden sind. Ich sehe gar nicht ein, warum wir die Sache nicht nüchtern betrachten. Die Geschichte ist ja gar nichts Neues, etwas, was wir im kleinen Kreise immer schon hatten. Es gab schon viele unter uns, welche zu anderen sagten: Lasst Eure Schuhe bei diesem Schuster machen, kauft das Brot dort oder da. - Es gab auch solche, die sich hergaben, das Nötige zu besorgen, um zu Zyklen zu reisen, Zimmer bestellten und so weiter. Das ist alles schon gemacht worden.

Herr Schröder hat eingesehen, dass etwas organisiert werden soll, und die Zeitung ist auch nur ein Ausdruck von Systemisierung, wo man sich am besten hinwendet, Systemisierung der Sache, dass man rationeller arbeiten kann, wenn man eine Sache organisiert, als wenn sie dem Zufall überlassen bleibt. Denn wir haben den Glauben, dass wenn Anthroposophen etwas richtig machen, wird es schon eine schöne und ideale Sache; sie werden die Sache ganz anders machen, die Anthroposophen nämlich. Ich meine ein In-Verbindung-Treten derjenigen, die etwas anzubieten haben - seien es Lebensmittel, sei es etwas anderes -, die sollen in Verbindung treten mit dem Handelsverein, da wird die Sache angeboten. Es wird sich zeigen, dass die Sache florieren wird. Ich sage es rücksichtslos: Das einzig Mögliche ist, dass die Sache sich rentiert im rationellen Sinne. Wenn jemand etwas gut machen oder besorgen kann, wird der Handelsverein kommen, um ihm eine Existenz zu verschaffen. Dass unter uns Produzenten als solche gewisse Schwierigkeiten haben, ist begreiflich. Ein Produzent kann sich nicht darauf einlassen, dass er mit einer bloß anthroposophischen Kundschaft rechnet. Es werden in Einzelheiten manche Dinge zu berücksichtigen sein.

Nach weiteren Zwischenreden ergreift Herr Dr. Steiner nochmals das Wort:

Es ist nur notwendig, dass dieser Standpunkt gleich in Praxis umgesetzt wird, gleich beginnt damit, dass dasjenige, was da ist, verkauft werden kann; und dann immer Neues und Neues dazufügen. Wir brauchen dasjenige, was heute gesprochen worden ist, als nichts anderes auffassen als eine Äußerung der Konsumenten gegenüber den Produzenten.

Eine Vertagung brauchen wir aus dem Grunde nicht, weil das Übrige, was geschehen soll, vom Handelsverein selbst auszugehen hat. Er hat sich in Verbindung zu setzen mit unseren Produzenten, und [er hat] die Sache in Schwung zu bringen. Das, was wir von den anderen Freunden gerne hätten, dass sie sich angewöhnen, die Dinge etwas ernsthafter zu machen - der Handelsverein kann gar nichts machen - und so vorzüglich in Ordnung sein als nur möglich, wenn ihm niemand etwas abkauft. Dafür brauchen wir uns etwas zu unterreden, dass Verständnis dafür gefasst wird und nicht bloß bleibt im engen Kreise der Anwesenden, welcher Kreis für 2500 Mitglieder ein enger ist. Versuchen Sie Verständnis zu verbreiten, wenn Sie selbst damit einverstanden sind, für diese konkrete Sache. Dann werden wir tatsächlich auf diesem Gebiete weiterkommen, und dann ist die Sache gar nicht so unendlich wichtig, ob wir mehr oder weniger sagen: Wir berücksichtigen die anderen Menschen oder diejenigen, die unter uns sind. — Schließlich ist es ganz richtig, dass wir die Anthroposophie hinaustragen sollen und uns nicht materiell abschließen können. Wir werden aber auch das tun sollen, was notwendig ist, um unsere materiell produzierenden Freunde zu unterstützen; wichtiger ist es, einen auf irgendeinem Felde produzierenden Freund, der in der Gesellschaft steht, entgegenzukommen, als einem anderen, der uns alles tut, um unserer Bewegung zu schaden, nur weil es uns bequemer ist. Altruismus ist nicht dasjenige, was uns vorwärtsbringt, sondern bei der Stange bleiben.

Nach weiteren Zwischenreden sagt Herr Dr. Steiner Folgendes:

Bezüglich der von Herrn Schröder geplanten Ausgabe einer Zeitung, welche nur einen Extrakt der Begebenheiten eines gewissen Zeitraumes bringen soll: Es ist nicht leicht, einen solchen Extrakt herauszubringen. Denken Sie sich nur: Wir sollten Telegramme redigieren über den Balkankrieg, die objektiv wahr sein sollen. Man müsste rein hellseherisch vorgehen — und das wäre schwarze Magie in diesem Falle, [das] wäre kein Mittel des physischen Planes, um ein rein objektives Bild zu geben.

Die Reklamegeschichte ist eine fragliche Sache. Wir müssen uns auf den Standpunkt stellen, dass das praktisch gemacht wird, das wird schon nach und nach herauskommen. Bezahlte Reklameannoncen sind nicht praktisch. Und wenn es doch heute versucht wird, so wird es in einem Jahre anders sein. Das Annoncen-Wesen wird anders sein müssen. Die Zeitung wird gar nicht guttun, wenn sie sich auf den Boden anderer Zeitungsunternehmungen stellt. Die großen Zeitungen leben von den Annoncen, sie sind aber auch darnach. Eine Zeitung kann gar nicht anders, als eine bestimmte Konfiguration annehmen, wenn sie von Annoncen lebt. Nehmen Sie ein großes Zeitungsunternehmen. Ich möchte wissen, wie viele Leser da sind, die diese Annoncen lesen, ja glauben Sie, dass diejenigen, welche Geld auf Annoncen ausgeben, dies nicht auch wissen, was ich eben gesagt habe. Die, die diese Annoncen hineingeben und mit schwerem Gelde bezahlen, haben ganz bestimmte Gründe, warum sie diese Annoncen hineinsetzen. Und wenn diese Annoncen auch nicht die ersten Male einen Erfolg haben, so wirken sie doch auf mancherlei Umwegen. Dass die Zeitungen auf Annoncen zugestutzt sind, muss natürlich sein. Kurz: So wird es sich gar nicht als praktisch herausstellen. Eigentlich so, wie man es haben möchte, kann nur eine Zeitung dastehen, die nichts auf Annoncen zu geben hat, die von Abonnenten leben kann. Diejenige Zeitung, die sich nur auf eine einzige Annonce stützen muss, kann unmöglich auf gesundem Boden stehen. Sie können sagen, dazu sind wir Anthroposophen, dass wir das Annoncenwesen reformieren. Da möchte ich, dass Sie mit praktischen Grundsätzen einsetzen. Die unpraktischen Menschen halten sich für die praktischsten, weil sie sich in diesem Fache auskennen. Wenn sie etwas Neues einrichten, sind sie gar nicht praktisch. Man muss dazu berücksichtigen, dass die Dinge wirklich praktisch gemacht werden müssen. Da wird es sich herausstellen, dass eine große Menge Dinge, die wir uns vorstellen von der Sache, nicht gehen.

Es könnte leicht heute einer sagen: Wir sind Anthroposophen, wir können die Sache leicht einrichten, alles soll auf gesunde Basis gestellt werden. Gewisse Dinge liegen in der Natur der Sache. Das Annoncenwesen lässt sich nicht reformieren. Wenn man eine Sache auf Basis des Annoncenwesens stellt, das lässt sich nicht reformieren. Gewisse Dinge haben innere Notwendigkeit. So ist es bei mancherlei Dingen, die bei der Sache in Betracht kommen, die lassen sich nicht reformieren, die muss man wegnehmen. Es lässt sich nichts reformieren auf kommerziellem Gebiete. Der Handelsverein hätte keinen Sinn, wenn er die Grundsätze von Konsumverein und Genossenschaft in sich aufnehmen würde. Unsere Aufgabe ist, dass das, was wir bekommen, rationell und sachgemäß herbeigeschafft werde, das Kommerzielle muss in den Hintergrund treten. Wir müssen nüchtern und praktisch urteilen. Unsere Arbeit muss darauf sehen, dass wirklich das zur Ausführung kommt, dass der gesunden sachgemäßen Produktion die Wege geöffnet werden zum Konsumenten. Auf kommerziellem Gebiete gibt es keine Reform. Wenn man es von vornherein zu tun hat mit einer gewissen Art von Dingen, kann man nur sagen: Ich will mit dem Artikel nichts zu tun haben, oder ich muss sagen, dass es gut ist. Wir müssen der gesunden sachgemäßen Produktion helfen wollen.

[Herr Selling: macht aufmerksam auf «Lucifer- Gnosis», Heft 30-32, da finde man die Grundlagen des Verständnisses.

Dr. Steiner: Das Rainer-Brot ist eben praktisch, das soll gerade gegessen werden.

H. Klepran: Wenn nicht alle sich daran ergötzen können, so liegt es eben darin, dass es lebendiges Brot ist, im Gegensatz zum toten Brot, das man gewöhnt ist zu essen.

Dr. Steiner: Ein sehr feines kleines Taschentuch gefunden. Wirklich nett! Ich glaube also, dass es einer Besitzerin gehört.]

German original of Discussion About the Founding of a Trading Company “Ceres” · ← Previous · Next →