The History of the Anthroposophical Society 1913–1922
GA 251 — 30 May 1918, Vienna
31. Ein erwartungsvolles Leben führen
Sie haben gesehen vielleicht in diesen Tagen, und man kann dies auch den öffentlichen Vorträgen entnehmen, dass die Meinung bei mir stehen muss, gerade in der Gegenwart hinzuweisen auf wichtige Notwendigkeiten in Bezug auf das Umwandeln gewisser Vorstellungen, Begriffe und Ideen. Wir haben weiter zu durchleben eine katastrophale Zeit, eine Zeit, der gegenüber ja so viel immer wieder und wieder darauf hinwies, wie sie eigentlich unvergleichlich ist allem, was an ähnlichen Ereignissen in der Zeit sich abgespielt hat, gewöhnlich in der schulmäßigen, weltgeschichtlichen Fassung.
Es ist zwar durchaus festzuhalten, dass auch dann, wenn über das Bedeutungsvolle, Einzigartige dieser Zeit gesprochen wird, leider die Phrase recht sehr herrschend geworden ist, und dass dasjenige, was gesprochen wird nicht gerade immer, wenn auch manchmal, aus der Tiefe des Herzens, doch nicht aus der Tiefe des Verständnisses kommt; aber wahr ist ja sehr vieles, was aus dieser Richtung kommt. Aber nicht viel wird über ein anderes gesprochen. Darüber, wie sehr uns diese Zeit mahnen sollte, in unseren Vorstellungen und Begriffen, in unseren Ideen und Empfindungen einen Wandel zu vollziehen.
Zwar uns, die wir in dieser Bewegung seit Jahren stehen, wird diese Notwendigkeit nicht ganz ferne liegen, denn gerade Sie, meine lieben Freunde in Wien, darf ich daran erinnern, dass ich darauf hingewiesen habe in einem Vortragszyklus, der vor dem Krieg hier gehalten wurde, dass im sozialen Leben und Weben über die Erde hin eine Art Karzinom — eine Krebskrankheit — geht. Das war im Hinblick auf die schweren Ereignisse, die bevorstanden. Man konnte nicht mit Knütteln hinweisen auf das, was da kommt, und es hängt ja bei der Zeitbetrachtung nichts davon ab, dass man wahre Prophetie, sondern es hängt gerade davon ab, dass man diejenigen Dinge hervorbringt, welche geeignet sein können, das Wollen und die Absichten der Menschen zu impulsieren. Wenn wir heute auf manches zurückblicken, was wir in den letzten Jahren erlebt haben, ist der wichtigste Eindruck in einer gewissen Richtung wohl der, dass wir uns sagen müssen, mancherlei von dem, was unserer Seele recht nahe lag vor dem Jahre 1914, es ist so ferne unserer Seele in vieler Beziehung geworden, wie Verhältnisse, die vielleicht Jahrhunderte zurückliegen. Ich muss immer wieder an eines dabei denken. Ich habe öfter in meinen Vorträgen hingewiesen auf einen Geist mit einer ganz bedeutsamen Weltanschauung, Herman Grimm. Wenn ich in den Jahren, die 1914 vorangegangen sind, auf ihn hingewiesen habe, so war es mir so, wie wenn er neben mir gestanden hätte. Dessen Anschauungen waren dazumal ein Gegenwärtiges, etwas, was man wie ein Gegenwärtiges behandeln konnte; ja, meine lieben Freunde, das ist nicht mehr so. Jetzt kommt einem das, was einem dazumal recht modern erschien, so vor, nicht wenn es durch Jahrzehnte, sondern durch Jahrhunderte von einem getrennt wäre. Man möchte es als Geschichte auffassen. Ich glaube nicht, dass jemand sagen kann, der in aller Intensität das gefühlt hat, was sich in den Jahren für die Entwicklung der Menschheit ergeben hat. Es ist ja noch nicht alles da, was sich ergeben hat; /Lücke in der Mitschrift] Das ist ein allgemeines Zeichen, welches uns gerade in diesen Jahren so betrüblich erscheint, dass das materialistische Zeitalter die Gedanken der Menschen so abgestumpft hat, dass selbst dem eindringlichst Sprechenden der weltgeschichtlichen Entwicklung gegenüber zahlreiche Menschen schlafen. Unter Schlafen verstehe ich, nicht bloß ein dumpfes Dahinleben, das ja auch bei vielen Menschen der Fall ist in der Gegenwart, die alles an sich herankommen lassen, was geschieht - unter Schlafen verstehe ich auch den geringen Antrieb, die Ereignisse der Gegenwart zu bewerten, diese Ereignisse der Gegenwart richtig ins Auge zu fassen. Ich könnte sehr, sehr viele Beispiele anführen für diese Art des Schlafens. Ich werde mich mit einem begnügen, denn Sie werden an dem einen sehen, was ich eigentlich veranschaulichen will.
Sehen Sie, es war im vorigen Herbst, da gingen durch die Zeitungen aller den Mittelmächten gegenüber neutralen Länder merkwürdige Nachrichten, unter anderem ein sehr merkwürdiges Interview, das jemand hatte - und das eigentlich über die ganze Welt hinzog -, das jemand hatte in Petersburg mit Rasputin. In diesem Interview war nicht nur geschildert alles dasjenige, was ein deutliches Licht warf auf die ganze Stellung, welche Rasputin in den Zeitereignissen der Gegenwart eingenommen hatte, das würde ich sogar nicht einmal für das allerwichtigste halten, sondern in diesem Interview war deutlich vorausgesagt, dass es nicht lange dauern wird - selbstverständlich so, wie man etwas in einem Interview voraussagt —, es war deutlich vorausgesagt, dass es nicht mehr lange dauern wird, da wird Rasputin nicht mehr sein, und der Ermordung des Rasputin werden ganz andere, viel höher stehende Persönlichkeiten betreffende Ereignisse nachfolgen. Über die ganze Welt hin ging diese Nachricht, das heißt eine ziemlich große Anzahl von Menschen über die ganze Welt hin konnte vom Herbst ab eigentlich ziemlich gut unterrichtet sein über das, was sich im nächsten Frühling vollzog. Ich hatte dann später Gelegenheit, mit einer Persönlichkeit zu sprechen, welche, na, irgendwo, sagen wir geradezu als Autorität gilt über russische Verhältnisse; die man hört, wo es sich darum handelt, sich über russische Verhältnisse aufzuklären. Ich versuchte auf alle mögliche Art anzuknüpfen an dieses Interview. Der Betreffende verstand gar nichts, durchschaute gar nichts, worauf es eigentlich ankam.
Gewiss, so etwas ist nur ein Symptom, aber Sie werden aus dem gestern gehaltenen Vortrag erkennen, dass unsere Geschichtsbetrachtung nötig hat, überhaupt eine symptomatische Vorstellungsweise aufzunehmen. Dass wir gar nicht zu einer heilsamen Entwicklung kommen können, wenn wir nicht lernen, dieses oder jenes Ereignis wichtiger oder unwichtiger zu nehmen, um das einzelne Ereignis so betrachten zu können, dass wir durch dieses Ereignis hindurchschauen [und] wichtige Entwicklungsimpulse ins Auge fassen, auf welche [es] Licht werfen [kann]. Symptomatologie wird im Wesentlichen werden müssen Geschichtsbetrachtung. Aber um Symptomatologie zu betreiben, muss der Mensch geschärft haben seine inneren Seelenkräfte, seine Erkenntniskraft, durch das, was ihm Geisteswissenschaft geben kann, denn diese Geisteswissenschaft will nicht nur so genommen werden, wie sie dem Inhalt nach ist, dann wäre sie wieder nur bloße Theorie. Das soll sie auf keinen Fall sein. Was dem Inhalt, dem Wortlaut nach aus der Geisteswissenschaft mitgeteilt wird, was in den Büchern steht, mag nachgeprüft werden - vieles wird vielleicht in einer ganz anderen Weise gesagt werden müssen. Obwohl wir schon heute einen gewissen Grundstock für lange Zeit bleibender Wahrheit haben, glaube ich doch, dass die Nachprüfung manches ergeben wird, was im Wortlaut anders sein wird müssen, als wie es heute gesagt wird. Aber der Inhalt, das theoretisch Ausschauende, ist es nicht, worauf es ankommt. Eine gewisse Art des Vorstellens, des Denkens muss sich der Mensch aneignen, [er] muss das Denken loslösen von aller Engherzigkeit, eingeschränkt auf die nächsten Interessen, sodass er genötigt ist, seinen Horizont zu erweitern, innerhalb eines großen Gesichtskreises sich zu orientieren, dass er untertauchen muss in die Wirklichkeit. Heute ist es geradezu welthistorisch geworden, nicht untertauchen zu wollen in die Wirklichkeit. Heute redet man von allem Möglichen, was man als Ideal hinstellt; gewiss, man kann begreifen, dass die Leute eine gewisse intellektuelle Wollust empfinden, wenn sie von diesem oder jenem Ideal sprechen können. Aber bei den Idealen kommt es darauf an, ob man mit der Bildung, mit der Formung dieser Ideale in der wirklichen Wahrheit drinnen steht. Derjenige zum Beispiel, der wirklichkeitsgemäß denkt, liest eine Botschaft von Wilson und sagt sich: Was da drinnen steht und so viele Menschen bewundern, ist ja uralt, das kann man beinahe im Grunde genommen schon historisch nennen. Das sind Dinge, die als Phrase durch alle Jahrhunderte gehen, die man überall sagen und anwenden kann. Darauf kommt es nicht an, dass man solche Dinge in die Menschengemüter hineinbringt, sondern darauf, dass man dasjenige anschlägt an Ideen, was in einem gewissen Zeitalter wirklichkeitsgemäß ist.
Allerdings, um im hsten Leben - in diesem Leben, das auf die Gegenwart folgt - wirklichkeitsgemäß zu leben, werden sich die Menschen mancherlei aneignen müssen, wovon sie sich heute noch nicht viel angeeignet haben.
Wir haben letzten Sonntag davon gesprochen, dass da kommen muss eine Weltanschauung, die Geisteswissenschaft zu begründen, welche gewissermaßen den Menschen fähig macht, alt zu werden, ein erwartungsvolles Leben zu führen. Nehmen wir eine solche Sache durchaus nicht leicht; denn gerade eine solche Sache ist außerordentlich wichtig. Wir haben — wie wir gesehen haben letzten Sonntag — heute wirklich nur die Gabe, bis in die Zwanzigerjahre hinein an das wachsende, sprossende Leben zu glauben, dann wollen wir fertig sein, gleichsam im selben Zug das Leben weiter leben; dann haben wir — der eine eine Universität durchgemacht, der andere ein Handwerk, der Dritte hat auch nichts gelernt, lernt auch nichts hinzu -, alle betrachten aber als fertig, alles was sie bis in die Zwanzigerjahre hinein in den Menschen eingefügt haben. Wir müssen wieder lernen, unser ganzes Leben hindurch zu warten auf das, was kommt, wir müssen lernen zu sagen: Wenn ich 25 Jahre alt bin, dann ist einfach durch die Tatsache, dass ich 25 Jahre alt [bin, ] gesagt: Das 35. [Lebensjahr] wird mir neue Geheimnisse offenbaren können, das 45. wieder neue. Ein erwartungsvolles Leben führen, das müssen wir lernen. Das hat nicht nur für den Einzelnen Bedeutung, das hat eine soziale Bedeutung. Diese Dinge, die Einrichtung, die Regelung des gegenseitigen Verhältnisses der Menschen kann man drehen, der Sozialismus tut es und andere Vereine — für was gründet man nicht alles Vereine — haben es getan, aber meine lieben Freunde, wir müssen es uns immer wieder sagen, das Reden von gewissen Dingen ist zwar eine Sache, die, wie gesagt, ein intellektuelles, wollüstiges Vergnügen geben kann, das man als etwas Notwendiges beweisen kann, aber es führt zu nichts. Wenn noch so viele ethische und soziale Forderungen auftreten, dass das Verhältnis des Menschen - sei es aus ethischen oder sei es aus wirtschaftlichen Gründen - so oder so geordnet sein soll, dass diese oder jene Stellung ideal sei, wenn noch so viel gepredigt wird, nützt es nicht mehr, als wenn sie dem Ofen sagen: Du bist ein Ofen, und als Ofen hast du die Pflicht, das Zimmer warm zu machen, also mache das Zimmer warm! — Er macht es aber nicht warm; nur wenn sie Holz hineinlegen und anfeuern, dann macht er warm. Die größten Kanzelredner sind es oft, die von solcher Gesinnung getragen sind. Das, worauf es ankommt, das ist, dass wir aus unserer Weltanschauung eine reale Kraft herausschöpfen, die unserer Seele Leben gibt, Gefühlsleben, Willensleben gibt.
Unter den mancherlei Gesichtspunkten schöpferischer, realer Kraft ist der, dass wir eben lernen, durch sie an das ganze Menschenleben zu glauben, lernen, ein erwartungsvolles Leben zu führen. Denken Sie sich aber, wenn das nicht eine Theorie ist, nicht eine Lehre, wenn das innerliche Lebenskraft ist, wenn das in den Seelen lebt, dann ist das ganz selbstverständlich, dass das auch bedingt, dass die Menschen nicht in das abstrakte Verhältnis von Mensch zu Mensch treten, sondern sie sehen, dass das auch da wieder eine Rolle spielt, dass mancherlei konkrete Verhältnisse eine Rolle spielen, wenn es wichtig ist, dass sie eine Rolle spielen. Das, was soziale Kultur ist, kann man nicht regeln, das kann man nur begründen, indem in der Begründung das gegeben wird, was Kraft und Leben gibt unserer Seele. Und nehmen Sie dazu manches von dem, was ich auch am letzten Sonntag gesprochen habe: Wir können an einen Gedanken vom letzten Sonntag, der sich bezog auf das Zusammenleben der hier im physischen Leben befindlichen Menschen mit den Seelen der durch die Pforte des Todes gegangenen, wir können an diesen Gedanken unmittelbar anknüpfen. Was Unsterblichkeitsidee ist, auch, das hat im Laufe der Zeit mehr oder weniger einen ziemlich egoistischen Charakter angenommen. Eigentlich interessiert den Menschen an der Unsterblichkeit kaum etwas mehr, als wie es mit der eigenen Seele sein wird, wenn er durch die Pforte des Todes gegangen sein wird. Ja, das ist gewiss eine schr wichtige und wesentliche Sache, die weiter wirkt, wenn wir das richtig durchschauen; aber es kommt etwas anderes, wenn wir real fassen den Gedanken, dass wir durch unser ganzes Leben hindurch einen Sinn dieses Lebens zu erkennen haben, dass unsere Entwicklung nicht mit zwanzig Jahren abgeschlossen ist, sondern dass uns jedes Lebensjahr etwas Neues offenbaren kann und dass es für uns reales Erleben wird, was es werden kann; dann wird uns auch der andere Gedanke nicht ferne liegen, wahrhaftig nicht ferne liegen, dass das Leben, das Lebensereignis, das sich äußerlich als Todesereignis darstellt, im Grunde auch die Entwicklung unserer Erde nicht aufhält. [Dem], der geistig forschen kann, dem ist das für den gegenwärtigen Entwicklungszyklus der Menschheit besonders klar. Wenn die Menschen verstehen werden, dass sich eigentlich Geistiges durch alle Jahrzehnte hindurch offenbart, wenn sie nicht glauben, dass das Leben den Sinn verloren hat, wenn der Mensch durch die Pforte des Todes gegangen ist. Nicht nur, dass da der Mensch einen bestimmten Inhalt, eine bestimmte Essenz in die andere Welt trägt, sondern er ist in gewisser Weise mit reichster Lebenserfahrung dann ausgestattet, wenn er das Leben hier schließt. Wenn Sie auch gegen das Alter zu das Leben mit Verlust des Gedächtnisses nicht ausleben können, das, was Sie an Lebensweisheit gewonnen haben, in ihrer Seele ist es doch, und das hat nicht nur Bedeutung für die Menschen, die durch die Pforte des Todes gegangen sind an sich, das hat eine Bedeutung auch für die folgenden Erdenleben. Der Mensch hat noch nicht alles dasjenige ausgelebt, was in ihm ist, wenn er im heutigen Menschheitszyklus durch die Pforte des Todes geht. Seine Lebensweisheit kann noch praktisch werden, wenn man nur nach solcher Lebenspraxis sucht.
Ich tue es nicht gerne, aber gerade bei dieser Sache führe ich doch immer gern ein persönliches Erlebnis an. Diejenigen, die mich länger kennen, wissen, dass ich mich in meinen ersten Jahrzehnten als Schriftsteller viel damit beschäftigt habe, Goethes Gedanken für unser Zeitalter fruchtbar zu machen. Ich habe das nicht so getan wie die Goetheforscher, ich habe versucht, sie weiter auszugestalten. Das, was ich auf meinem Gebiet in dieser Richtung getan habe, ist nur hervorgegangen aus dem Impuls, nicht dem toten Goethe gegenüberzusitzen, sondern dem gegenüberzustehen, was Goethe 1832 an Lebensweisheit erworben hatte und was weiter sich entwickeln kann, was fruchtbar werden kann für die Erde. In diesem realen Sinne versuchte ich zu schreiben so über die eine oder die andere Sache, über die Goethe in einer späteren Zeit sich geäuRert hat. So darinstehen in einer solchen Sache kann man nur, wenn man sich klar ist darüber, dass dasjenige, was sich ein Mensch bis zu seinem Tode erarbeitet hat, auch für die Erde weiter von Wichtigkeit ist. Damit spreche ich einen Gedanken aus, der heute den Menschen noch ganz paradox erscheint, der aber immer wichtiger und wichtiger wird; und ich bin überzeugt davon, die Zeit muss kommen, wo man zum Beispiel das Folgende machen wird, wo man sich sagen wird: In unserer Zeit ist diese oder jene Frage für das soziale Zusammenleben oder für etwas anderes wichtig geworden. Fragen wir nicht nur unsere Zeitgenossen über eine solche Frage, fragen wir auch Geister der Vergangenheit, aber fragen wir sie so, wie sie heute zu uns sprechen würden, wenn die von ihnen errungene Lebensweisheit sich erweitert hätte.
Ich weiß schon, dass viele Menschen das nicht als einen der Menschheit wirklich nützenden Gedanken betrachten würden. Wenn in dem Parlament der Gegenwart nicht nur der Herr So-und-so gehört würde, sondern wenn in dem Parlament auch Goethe oder Schiller gehört würden, aber real gehört würden. Kurz: Ich meine, der Unsterblichkeitsgedanke kann noch in ganz anderer Weise gefasst werden als im egoistischen Sinne. Er kann so gefasst werden, dass wir nicht nur glauben an das Vorhandensein desjenigen, was ein Mensch in seiner Seele verarbeitet hat nach dem Tode, sondern auch an das Fruchtbarsein, an das wirksame Hereinströmen dessen, was von ihm jetzt verarbeitet worden ist in das Leben. Es widerstrebt manchmal, solch eine Sache ins Allgemeine zu tragen; denn unter den Gedanken, von denen ich letzten Sonntag gesagt habe, dass sie aus den Untergründen der Seele heraufzutauchen scheinen, wie unsere Einfälle, sind eben manche Gedanken der Toten. Wir müssen uns das selbstverständlich machen, dass - während wir meinen, einen Einfall zu haben - ein Toter zu uns spricht. Wer sich einlebt in diesen Gedanken, weiß ganz gut: Mancher Tote spricht nach seinem Tode durch das Herz eines lebenden Menschen hindurch das, was er erst nach seinem "Tode aussprechen kann. Mancher Mensch kann in seiner leiblichen Organisation bis zu seinem physischen Tode ein Hindernis gehabt haben, um klarzusehen. Wenn sein Lebensorganismus abgefallen ist, spricht er sich über diese Sache so aus, wie es seiner Lebenserfahrung entspricht. Dann muss man ihm nur entgegenkommen, dann muss man von der Eitelkeit frei werden können, manches nicht als einen Einfall zu nehmen, den man selber hat, sondern als den Ausspruch eines Toten, den er vielleicht nach drei bis vier Jahren macht.
An das Hineintragen der Wirksamkeit der durch die Pforte des Todes Gegangenen zu glauben, das muss ein Teil des zukünftigen Unsterblichkeitsgedankens werden. Meine lieben Freunde, nichts wird es der Menschheit der Zukunft nützen, wenn sie bloß überzeugt ist davon, dass es ein geistiges Leben gibt. Nützen wird es der Menschheit der Zukunft, natürlich nicht im trivialen Sinne, nützen wird es der Menschheit nur, wenn sie weiß, dasjenige, was die Toten noch nach ihrem Tode leisten, für die Lebenden fruchtbar zu machen, wenn begründet werden kann ein Zusammenleben zwischen Lebenden und Toten. Das wird sein können, wenn man Geisteswissenschaft nicht wie eine Theorie, [sondern] wenn man sie aufnehmen wird wie etwas, das unsere Empfindungen befruchtet, was unser ganzes Seelenleben durchdringt. Wir werden allerdings dann uns daran gewöhnen müssen, mit den Toten zu verkehren!
Nun haben wir ja mancherlei angeführt in unseren Betrachtungen über den Verkehr der Lebenden mit den Toten, aber immer muss ich auf eines hinweisen. Wir müssen festhalten, dass wir verbunden bleiben mit denen, die weggehen von der Erde und mit denen wir irgendwie karmisch verbunden worden sind. Die Verbindung darf keine abstrakte sein. Die Verbindung sollte eine konkrete werden, denn das, was das Auffallendste im Seelenleben nach dem Tode ist, ist, dass das Seelenleben nach dem Tode bildhaft verläuft, dass das, was als Gemeinschaft begründet werden soll zwischen der Seele eines Lebenden hier und der Seele eines Toten, eingekleidet werden muss ins Bildhafte. Sich erinnern, schlägt keine Brücke. Nur wenn wir uns konkret erinnern, dass wir uns erinnern so deutlich, als wenn wir es lebend vor uns hätten, an Lebenssituationen, in denen wir mit dem Toten waren, dass wir ihn sehen, uns sehen, den Klang seiner Worte hören, aber Worte, die er wirklich ausgesprochen hat — was wir auf diese Weise von ihm gestaltet haben, ist ein Bild, das einmal da war, das einmal wirklich auf Erden gelebt hat. Gehen wir dazu über, innerhalb dieses Bildes uns so zu verhalten, wie wir uns verhalten hätten, wenn der "Tote noch lebte; wir richten an ihn eine Frage, wir teilen ihm dieses oder jenes mit; er wird uns zunächst nicht antworten, aber auf solche Art, wie wir es Sonntag angedeutet haben, werden wir unter Umständen Antwort erhalten. Es kommt alles auf das Bild an und darauf, dass man die Bilder wirklich ausgestaltet, in sich vollendet vor die Seele stellt. Man kann nicht dabei kalt bleiben; dabei beteiligt sich unsere ganze Seele. Wer ein Bild so ausgestaltet, der wird genau dieselbe Liebe ausleben, die er hier ausgelebt hat, als der Tote noch um ihn war. Wenn diese Liebe nicht ausgelebt wird, ist es nur, weil wir uns nicht bemühen, das Bild so lebendig zu machen. Regen wir auf diese Weise an unser Gemüt, sich in konkreter Weise, in bildhafter Weise, in gemütsdurchtränkter Weise an den Toten zu wenden, gewinnen wir die Möglichkeit, die Brücke zu schlagen von uns zu jenem Reich hinüber, in dem die Toten leben und weben, dann gewinnen wir allmählich die Möglichkeit, in lebendiger Weise hereintragen zu können die Impulse, die von den Toten ausgehen. Unser soziales Leben und unser ethisches Leben müssen ein solches werden, dass die Toten als Seelen unter uns leben, dass sie weiterwirken, aber sie können nicht auf Gespensterweise wirken. Nur indem wir unsere Seele ihnen öffnen, dann kommen sie in einen wirklichen Wechsel. Auf diesem Gebiet sich ein gesundes Urteil anzueignen, ist von unendlicher Wichtigkeit, denn gerade auf diesem Gebiet ist im einzelnen Falle das zu beobachten, was ich im Allgemeinen gesagt habe.
Die Menschen haben heute schon die Sehnsucht, das instinktive Bedürfnis, mit der geistigen Welt in Beziehung zu kommen, sie lehnen nur diejenigen Wege ab, die die einzig möglichen sind gegenwärtig. In dieser Beziehung erweisen sich selbst die aufgeklärtesten Leute als sehr starrköpfig. Ein Beispiel, das Sie vielleicht schon kennen, das ich Ihnen aber doch vorführen will.
Sehen Sie, ein sehr bedeutender englischer Naturforscher ist Sir Oliver Lodge. Er hat sich viel beschäftigt mit Gedanken über den Zusammenhang des Menschen mit der geistigen Welt, namentlich mit dem Teil, in dem die sogenannten Toten sind. Nun brachte ihn gerade der Krieg dazu, sich mit diesem Fall ganz besonders zu beschäftigen. Der Sohn des Herrn Lodge wurde einberufen, an der französisch-deutschen Front zu dienen. Und während der Sohn des Herrn Lodge dort diente, bekam der Vater von Amerika herüber einen Brief, in dem ihm mitgeteilt wurde, dass sein Sohn in der nächsten Zeit, also im Westen im Herbst 1915 in einer schwierigen Lage sein wird, dass aber nachträglich, nachdem die Katastrophe eingetreten sein wird, der alte Freund Myers, der längst gestorben ist, schützend seine Hand über den Sohn halten werde.
Wer die Machinationen auf diesem Gebiete kennt, der wird, nicht verwundert sein /Lücke in der Mitschrift]. Dieser Brief konnte unter anderem in zwei Fällen richtig sein. Der eine konnte sein: Der Sohn des Herrn Lodge kommt an der Front in die Lage, fast getötet worden zu sein, aber entgeht der Gefahr, dann hätte der, der in Amerika diese Mitteilung machte, gesagt: Myers habe aus dem Jenseits seine schützende Hand gehalten, dass er nicht erschossen wurde. Wäre er aber erschossen worden, was auch geschehen ist: Man hat geglaubt, dass, wenn /Lücke in der Mitschrift] werde Herr Myers seine Hand schützend darübergehalten haben. Aber die meisten Menschen sind mit solchen allgemeinen Dingen sehr zufrieden. Nun gut. Der Sohn des Herrn Lodge fiel, und die Wellen aus Amerika verfolgten die Sache weiter. Er bekam weitere Briefe, dass Myers seine Hand halte über die Seele und dass die Seele des Sohnes Sehnsucht habe, in eine Verbindung zu kommen mit Lodge und seiner Familie. Wie man es so macht in einem solchen Falle, es geschieht ja alles von selbst, aber die Fäden werden hinter den Kulissen gezogen. Es kamen gleich mehrere Medien in das Haus des Lodge und benahmen sich dort eben als Medien. Alles Mögliche wurde nun mitgeteilt, was die Seele des Sohnes des Herrn Lodge an die Familie mitteilen wollte. Lodge hat ein dickes Buch darüber geschrieben. Es ist in einem gewissen Sinne mustergültig aus dem Grunde, weil Lodge ein tüchtiger Naturforscher ist und die naturwissenschaftliche Methode beherrscht. So ist alles gewissenhaft durchgeführt, dass man wirklich überall in diesem Buche die Möglichkeit hat, vor sich zu sehen, was vorhanden war. Das Buch hat ungeheures Aufsehen gemacht. Es war ja wie ein Zeugnis vom Bestand, einer Welt, die sich anknüpft an die unsere, in der die Toten leben, von der die Menschen sich sehnen, etwas zu wissen. Aber für denjenigen, der das Buch liest mit dem entsprechenden kritischen Geist, sind diese Dinge nicht überzeugend.
Das meiste Aufsehen hat gemacht folgende Stelle. Das eine Medium hat als Mitteilung gebracht von dem Sohne des Herrn Lodge, dass sich dieser Sohn 14 Tage bevor er an der Front gefallen ist, mit einer Gruppe von Kameraden fotografieren ließ, und das Medium hat genau beschrieben: So saß er mit den Kameraden, der Fotograf hat zwei Aufnahmen gemacht, und [auf der ersten] Aufnahme, da hielt der Sohn des Herrn die Hand seines Nachbarn so, dann die Veränderung, die vorgenommen wurde mit der Hand, mit der ganzen Geste des Sohnes des Herrn Lodge - [all das] hat es genau angegeben. [Es hat] kurz [gesagt] die Fotografie in ihren verschiedenen Aufnahmen beschrieben. Das Merkwürdige war, dass diese Fotografie noch nicht in England angekommen war, niemand konnte in der Familie etwas wissen von der Fotografie, also von einer Gedankenübertragung konnte nicht die Rede sein. Es war frappierend. Es war gewissermaßen ein experimentum crucis. Denn vierzehn Tage bis drei Wochen hinterher kamen erst die Fotografien an, so wie das Medium sie beschrieben hatte. Das ist gewissermaßen die Krönung dieses dicken Buches, das ungeheures Aufsehen gemacht hat in England und Amerika. Ein gewissenhafter Naturforscher, meine lieben Freunde, alles Mögliche liegt uns vor, und man kann begreifen, dass Laien es wirklich schwer haben, wenn von einem gewissenhaften Naturforscher das beschrieben wird, herauszukommen aus dem Fangnetz, das da gesponnen wird. Bei Lodge war ich aber doch etwas verwundert, dass er nichts Genaues weiß. Denn was lag eigentlich hier vor? Es lag vor ein sehr charakteristischer, schöner Schulfall von Ferngesicht. Jeder kennt, der die geisteswissenschaftliche Literatur kennt, die Fälle, wo nicht nur [räumliche], sondern auch [zeitliche] Ferngesichte auftreten, wo jemand heute etwas sieht, was in vierzehn Tagen sich zuträgt. Das Medium hat nichts weiter geleistet, als beschrieben die Fotografien, die 14 Tage oder drei Wochen nachher vor den Leuten liegen werden. Die ganze Kundgebung ist nicht der geringste Beweis dafür, dass die Seele des Sohnes des Herrn Lodge sich kundgegeben hat. Ein Ferngesicht, dass in Lodges Haus in London gesehen wurde vor drei Wochen, was geschehen würde. Das Sehen ging nicht über den physischen Plan hinaus. Es war ein Sehen, aber es ging nicht über den physischen Plan hinaus. Gerade eine solche Unterscheidung muss gelernt werden, wenn man wirklich geisteswissenschaftlich [Lücke in der Mitschrift] Äußerliche Veranstaltungen können selbst den trügen, der ein großer Praktiker auf medialem Gebiete ist.
Naturerkenntnis muss man erlebt haben, sodass man sich durch diese Erlebnisse sagen kann: Sie kann einen nicht hineinführen in die geistige Welt, selbst wenn sie solche Tatsachen zutage bringt, zu denen andere Kräfte notwendig sind als diejenigen, die der Mensch gewöhnlich besitzt. Erst dann wird die Geisteswissenschaft von dem rechten Sinn, den sie haben soll, durchzogen sein. Sie darf nicht weniger kritisch und nicht weniger genau sein als die Wissenschaft. Man muss sich hüten vor dem, was selbst einem gelehrten Naturforscher durch Täuschung zuteil wird; aber man wird sich nach und nach in solchen Dingen auskennen. Das wird dazu führen, dass geisteswissenschaftliche Methoden, die hier gemeint sind, wirklich dazu führen, die Unsterblichkeitsideen fruchtbar zu machen. Mit diesem Gedanken muss man sich vertraut machen, dass die Toten mitten unter uns wandeln, mit uns die sozialen und ethischen Strukturen der Menschen zusammensetzen.
Ich habe gestern, weil solche Gedanken höchstens für diejenigen gesagt sein müssen, die sich anregen lassen, ich habe gestern hingewiesen auf ein gewisses Grundgesetz. Während wir nämlich anstreben müssen von unserem Menschheitszyklus aus in der Seele selbst die Impulse zu suchen, welche uns gestatten, ein erwachendes Leben zu führen auch nach den Zwanzigerjahren, war in den älteren Zeiten der Menschheitsentwicklung nach der atlantischen Katastrophe dies ein naturgemäßes Elementarisches, dass der Mensch miterlebt sein Alter. Es war wirklich in der ersten nachatlantischen Zeit so, dass er seinen Zahnwechsel, seine Geschlechtsreife so erlebt, dass sein Geistiges abhängig war vom Körperlichen bis in die Fünfzigerjahre, in der persischen Zeit bis in die Vierzigerjahre, in der ägyptisch-chaldäischen Zeit bis zum 25. bis 32. Jahre; gewissermaßen wird die Menschheit immer jünger und jünger; sie muss sich selbst älter machen können durch innere geistige Schulung. Davon haben wir auch Sonntag hier, soweit es [...] in einem öffentlichen Vortrage gesprochen werden kann, gesprochen. Wenn sie sich nicht verlassen auf die durchaus recht wenig richtigen äußeren historischen Dokumente, werden sie finden im siebten bis achten Jahrhundert vor dem Mysterium von Golgatha, dass vor dem Zeitraum durch die besondere Art der Seelenverfassung, die vorhanden war, in der Tat die Menschen deshalb wussten von den wiederholten Erdenleben, weil ihnen das Mitleben mit dem Körperlich-Leiblichen über das 35. Jahr hinaus das von selbst gab. In den alten Zeiten war es für diejenigen, die nicht schliefen, ein Selbstverständliches, von wiederholten Erdenleben zu sprechen. Erst nach dem siebten bis achten Jahrhundert vor Christus hört für die Menschheit die Möglichkeit auf, durch atavistische Anschauung von den wiederholten Erdenleben sprechen zu können.
Worauf beruht dieses? Sehen Sie, dieses menschliche Leben, auch wie wir es hier auf der Erde finden zwischen Geburt und Tod, ist eigentlich eine recht komplizierte Sache. Wir sind ein Mikrokosmos und in diesen Mikrokosmos spielt herein der Makrokosmos. Wer glaubt, das Menschenleben ist etwas Einfaches, will nur seiner Bequemlichkeit folgen. Wenn wir das 35. Jahr überschritten haben, geht unser leiblicher Organismus über in ein gewisses organisches Stadium, das man dadurch bezeichnen kann, während vorher - allerdings nur in den feinen Strukturen, auf die die Anatomen aber nicht kommen -, ist es so, dass das Leben wirklich abwärts geht, dass da früher sprießende, sprossende Kräfte waren. Die erleben wir heute nicht mehr mit, denn wir erleben nur bis zum 27. Jahr. Dadurch aber, dass wir das nicht miterleben, erleben wir heute tatsächlich im bewussten Sinne nicht das, was uns geben kann Gewissheit von den wiederholten Erdenleben. Diese Gewissheit hatten bis zum siebten bis achten Jahrhundert alle Leute über das 35. Jahr hinaus. Von diesem 35. Jahr ab, da wird es so, dass die ahrimanischen Kräfte stark hereinspielen in unser Leibesleben. Diese ahrimanischen Kräfte haben die Aufgabe, die andere Niedergangserscheinung zu bewirken. Lebt man sie mit und verwandelt sie in Erkenntnis, so hat man Ahriman den richtigen Platz angewiesen. Die Ägypter erlebten die Niedergangserscheinung, erlebten Ahriman. Sie erlebten an dem, was Ahriman anrichtet in der Niedergangserscheinung des Lebens, die Erkenntnis der wiederholten Erdenleben. Dann wurde Ahriman gewissermaßen unspürbar, unempfindbar, man konnte nicht mehr durch inneres Erleben die wiederholten Erdenleben wissen. Aber es wird eine andere Zeit kommen, ungefähr im Jahre 4000 der christlichen Zeit, also von jetzt an noch eine ziemlich lange Spanne Zeit. Um 3500 herum wird, indem die Menschheit immer weiter herunterrückt - heute bis 27 /Lücke in der Mitschrift] bis zum 15. [Lücke in der Mitschrift] 28. [Lücke in der Mitschrift] immer herunterrückt -, die Entwicklungsfähigkeit in rein physischer Beziehung — es muss immer mehr durch Geistig-Seelisches nachgeholfen werden, ersetzt werden.
Im Jahre 4000 wird ein anderer Einfluss da sein. Da werden die Menschen dasjenige, was nun im Anfange ihres Lebens am stärksten ist in dieser Beziehung, [da werden die Menschen das Luziferische] gewahr werden, weil so früh aufhören wird die Entwicklungsfähigkeit. Aber das Sprossende des Kindes verdeckt heute das Luziferische. In uns lebt die physisch sprossende, wachsende Kraft; das überfällt und übertäubt den luziferischen Einfluss. Er wird dann nicht übertäubt werden können. Man wird ihn gewahr werden. Der wird sich frei ausleben. Mit dem Organismus des Menschen wird die Veränderung vor sich gegangen sein, indem der Mensch viel früher seine Entwicklungsfähigkeit abschließen wird. Die Folge wird sein, dass von diesem Zeitpunkt ab die Kräfte, die den Organismus regeln, nicht mehr das ganze Gehirn werden durchorganisieren können. Ein gesondertes, verhärtetes Gehirn wird entstehen. Und von da ab wieder wird der Mensch auf eine andere Art die wiederholten Erdenleben einsehen, wenn er nicht Idiot sein will. — So etwas ist auch ein wirkliches Ergebnis der Geisteswissenschaft.
Ein anderes wirkliches Ergebnis, das ja — das werden Sie vielleicht [Lücke in der Mitschrift] finden -, obwohl es für den Geistesforscher ein gewaltiges und bestürzendes Ereignis ist, es kennenzulernen, wenn es noch weiter heruntergeht in das siebentausendste Jahr hinein ungefähr, wo das Leiblich-Körperliche noch weniger hergeben wird. Die Frauen werden unfruchtbar sein im siebentausendsten Jahr. Diejenige Art der Menschenvermehrung, die jetzt ist, wird nicht mehr sein können. Eine andere Art der Vermehrung wird eintreten. Die Umwandlungen, die mit der Erde vorgehen, werden groß sein. Diese Dinge klingen für die heutigen Menschen, die die heutigen Denkgewohnheiten haben, verrückt.
Ein Professor in London hat einen sehr geistreichen Vortrag gehalten. Dewar hat beschrieben den Endzustand der Erde, der nach Jahrmillionen eintreten wird. Er hat also ausgerechnet nach ganz richtigen physikalischen Methoden, gegen die gar nichts einzuwenden ist vom Standpunkte des Physikers - absolut nichts -, dass natürlich, weil sich die Erde so und so viel abkühlen wird, die Luft, in der wir heute atmen, verflüssigt sein wird. Was heute Meer ist, wird die flüssige Luft sein, als Flüssigkeit wird sie die Erde bedecken. Andere Gase werden dichter geworden sein. Und nun beschreibt er sehr geistreich, wie die anderen Stoffe sich verändert haben werden. Gewisse Drähte, weil sie dünn sind, können heute nur ein paar Kilogramm aushalten, werden dann Tonnen tragen, weil sich das durch den anderen Gaszustand ergibt. Alle Stoffe werden andere Eigenschaften haben. Lumineszent werden andere Stoffe sein, das Eiweiß, es wird in der Nacht leuchten können. Und nun wird man, wie er sehr geistvoll sagt, wird Zeitungen lesen können bei dem Licht, welches dann entsteht durch die mit Eiweiß bestrichenen Wände.
Der zu denken verpflichtet ist, wird sich denken, wie es geschehen wird, dass die festgewordene Milch gemolken wird, von den Zeitungen, wie die Zeitungen gedruckt werden - kurz: Man kommt mit der Sache nicht zu Ende. Aber die Rechnung stimmt, die Methode ist wissenschaftlich. Gegen das Physikalische ist nichts einzuwenden. Aber wie ist das gemacht? Sie können verfolgen die feinere anatomisch-physiologische Struktur des Magens oder eines anderen Organes des Menschen, wie es ist in seinem 21., 22. Jahre und so weiter. Sie können weiterrechnen und ausrechnen, wie das Organ sein wird in 300 Jahren. Sie können sagen: Nach 300 Jahren wird der Magen diese Struktur haben — nur wird der Mensch nach 300 Jahren den Magen nicht mehr haben. So ist es mit den Rechnungen, die auf wissenschaftlicher Grundlage beruhen; wissenschaftlich sind sie, aber nicht wirklichkeitsgemäß. Es werden die Wände bestrichen werden können, es wird das sein, dass man Zeitungen lesen kann bei lumineszentem Eiweiß, es wird das sein, dass die Milch fest wird - aber die Erde wird zugrunde gegangen sein.
Das werden die Menschen lernen müssen, nicht nur wissenschaftlich richtig, sondern wirklichkeitsgemäß zu denken. Weil man nur da erfassen kann, in unmittelbarer geistiger Anschauung erfassen kann, was geschieht. Da sind aber solche Gesetze, wie ich sie Ihnen jetzt geschildert habe. Die Menschheit muss lernen, nicht zurückzuschrecken vor dem, was ihr heute paradox erscheint. Sogar die Art des Denkens. Der gesund empfindende Mensch hat immer schon sich aufgelehnt gegen so etwas wie die Laplace’sche Theorie. Grimm sagt: Lange schon war zu Goethes Jugendzeit bekannt, was man später Laplace’sche Theorie genannt hat; es soll sich die Sonne mit den Planeten gebildet haben in einer bestimmten Zeit, dann der Mensch, die Tiere; nichts anderes hat dabei zu geschehen, als dass die Sonne bei entsprechender Temperatur erhalten wird. Grimm fügt hinzu: Ein Stück Aas, um das ein hungriger Hund herumkreist, ist ein appetitlicheres Stück als diese Theorie Laplaces.
Gerade die grundlegendsten Sachen der Gegenwart, dass an die Stelle des heute sicher geglaubten, aber gerade eben fanatischen /Lücke in der Mitschrift] Wahrheit. Aber da werden die Leute oft lernen müssen, sich an die Wahrheit zu halten, Wahrheit wirklich aufzunehmen in ihre Seele, sodass es Grundcharakter des Wesens wird, nicht mehr sich an die Ausrede zu halten: So und so habe ich es gehört, ich habe es nicht anders wissen können. Verpflichtung zur Wahrheit.
Vielleicht wird man glauben, die Entwicklung macht, dass auf keinem anderen Gebiete die Verpflichtung der Wahrheit so ferne liegt als auf dem Gebiete der gegenwärtigen Wissenschaftlichkeit. Da erlebt man recht betrübliche Dinge. Ich will von solchen Dingen nicht sprechen, die gewissermaßen uns selbst wie persönlich naheliegen. Ein schönes Pröbchen finden Sie in dem zweiten Kapitel der «Seelenrätsel», wo ich gezeigt habe, wie ein Forscher der Gegenwart liest; ein weiteres Pröbchen von derselben Art in der zweiten Auflage derselben Schrift des betreffenden Schriftstellers. Da sagt der Betreffende damals, meine «Philosophie der Freiheit» sei mein Erstlingswerk. Kein Mensch kann das anders nehmen als meinen, das sei mein erstes Werk. Er hat nachgeschaut und redet sich heraus. Er habe nicht gemeint, das könne man ganz leicht sehen, dass dies mein erstes Buch sei, sondern mein erstes theosophisches Buch. Der die Tatsachen kennt, kann darüber nur lachen.
Ich will sprechen von einem Beispiel vielleicht, das ich in anderer Weise anschaulich machen kann. Ich habe einen öffentlichen Vortrag gehalten, wo ich genötigt war, etwas zu veranschaulichen, dass ich zeichnete, wie der menschliche physische Organismus ein Wunder ist geradezu. Wie er so wirkt, dass man wirklich sehen kann: Was da im Inneren des Menschen nur in einem Teil des Organismus vor sich geht, ist etwas unendlich viel Wunderbareres als das, was äußerlich auf einem Musikinstrument, wenn das wunderbarste Stück gespielt wird, vor sich geht. Wer verfolgt, wie das [Lücke in der Mitschrift] Gehirnwasser, in das das Gehirn eingebettet ist, bei jedem Atemzug durch den Rückenmarkskanal hinauf und hinunter getrieben wird, durch Stellen, die sich mehr oder weniger verengen oder erweitern können, der wird etwas wie Zusammenwirken mit den Häuten des Rückenmarkkanales — bald weitet sich eine Haut mehr, bald weniger —, der wird wirklich dazu kommen, einzusehen, [dass man den menschlichen Organismus als Abbild des Makrokosmos ansieht]. Ich war dabei genötigt, vom Gehirnwasser zu sprechen, und ich war im selben Vortrag genötigt, zurückzuweisen die bloß symbolische Betrachtungsweise. Der Berichterstatter hat unter anderem Folgendes geschrieben: Ich hätte zwar das Symbolische zurückgewiesen, aber ich würde selbst an den unmöglichsten Stellen die unmöglichsten Begriffe verwenden, zum Beispiel «das Gehirnwasser».
Meine lieben Freunde! Das Gehirnwasser ist etwas recht Reales, sonst würde das Gehirn die Blutadern, die darunter liegen, erdrücken. Das Gehirnwasser macht es dem Gehirn möglich, so viel von seinem Gewicht zu verlieren, dass es nicht die Adern erdrückt. Aber der Mann, der das schreibt, hat keine Idee davon, dass das Gehirnwasser etwas Reales ist und nichts Symbolisches, um etwas zu bezeichnen, was gar nicht wahr ist.
Solche Beispiele könnte man vertausend-, vermillionenfachen. Ich will damit nur hinweisen auf das, was so notwendig ist, auf das, dass wir uns verpflichtet fühlen zu dem, was wir sagen, die Voraussetzung zu geben [Lücke in der Mitschrift]
Man wird sich wahrhaftig über einiges klarer werden müssen, als man heute geneigt ist zu sein. Wir wissen ja alle, die Entwicklung des Christentums, aber sehen Sie, meine lieben Freunde, das ist auch notwendigerweise damit verbunden, dass man nun die äußere Seite des Kirchlichen auch in ihrer Wahrheit verfolgt, dass man da auch hineinschaut in alles dasjenige, was anders werden muss, wenn es nicht noch mehr zum Unheil ausfallen soll. Aber der Zusammenhang, der da besteht, den kennen manche Menschen gar nicht. Zwischen den Zeilen der populären Literatur lebt es und schleicht sich in die Menschenseele hinein. Es wissen nicht nur nichts die äußerlich lebenden Menschen, es wissen auch diejenigen nicht, deren Beruf es ist. Da gehen ganz merkwürdige Dinge vor, und wir müssen es in der Gegenwart als unsere Aufgabe betrachten, auf solches hinzuschauen. Sie wissen, dass man zu nichts kommt, wenn man die Menschen gliedert in Leib und Seele. Die Philosophie behauptet, sie wäre eine voraussetzungslose Wissenschaft. Prüft man die einzelnen Glieder, kommt man zu merkwürdigen Dingen. Wundt: «Leib und Seele» - er hat keine Ahnung, wie wenig vorurteilslos diese Gliederung ist. Wo rührt sie denn her? Zum Dogma wurde sie erhoben nach dem Konzil 869 zu Konstantinopel: Es hat nicht gelehrt zu werden, der Mensch bestünde aus drei, sondern aus zwei Gliedern. Davon wurde es so, dass im Mittelalter die Trinität verpönt wurde, verketzert war, und daran zehren die Philosophen.
Neulich hat sich ein wunderbares Stück ereignet. Ein eigentlich rechter Durchschnittsprofessor, der nichts macht, schreibt ein Büchelchen in der Sammlung von «Natur und Geisteswelt», in dem er so sprach, wie es sich schickt für einen Herrn Doktor [der Altphilologie, der Astrologie und der Astronomie]. In dem Schlusskapitel sprach er sich aus über das Goethe’sche Horoskop. Er sprach über das, was es Gesamtes ist, er will nur zeigen, dass im Laufe des Goethe’schen Lebens sich diese Dinge so gestellt haben, dass die Sache mit dem Horoskop übereinstimmt. Er sagt nicht: Wer an eine [Lücke in der Mitschrift] glaubt, ist ein Rhinozeros; aber er sagt doch ganz deutlich, dass das seine Meinung ist. Mauthner ist ganz wild geworden, dass der Professor überhaupt über ein Horoskop schreibt, und hat nicht bemerkt, weil er wütend war, dass er von demselben Standpunkt schreibt, und schrieb ein wütendes Feuilleton gegen dieses Buch. Derjenige, der dieses Buch kennt und das Feuilleton, konnte sich nicht denken, warum der Mauthner so schrecklich wütend wird. Er meint doch genau dasselbe.
Da kam der Professor und schickte seine Rechtfertigung ein, indem er ausführt, dass er ganz einverstanden sei mit Mauthner, dass das also auf einem Missverständnis beruht. Das betreffende Journal schrieb: Sie hätten nichts dazu zu sagen; sie hätten sich nicht überzeugen können, dass ein Missverständnis vorliegt. Sie hätten Mauthner den Aufsatz eingesandt und der hätte auch nicht gefunden, dass er etwas dazu zu sagen hätte. Die Leute sind einverstanden, platzen aber aufeinander los.
Das ist aber bezeichnend, was heute auf allen möglichen Gebieten geschieht. Die Leute bekriegen sich, die Leute befehden sich, und manchmal sind die Sachen so wie zwischen diesem Herrn und Mauthner. In ihrem tiefsten Herzen wissen sie nicht warum, weil man weit entfernt ist, solche Ideen, solche Vorstellungen zu fassen, die in das Leben untertauchen, die wirklichkeitsgemäß sind. Eine Sache kann sehr logisch, aber nicht wirklichkeitsgemäß sein.
[Dazu gehört, meine lieben Freunde, dass ein gewisser innerer Mut die Seele durchglühe, ein Mut, von dem die Menschen heute nichts wissen. Wenn wir in der Gegenwart darauf hinweisen, wie Geisteswissenschaft gegenüber [Lücke in der Mitschrift] Weltanschauung, die glaubt Wirkliches zu bieten, die aber davon weit entfernt ist, wie Geisteswissenschaft die Seele dazu zu bringen hat, in die Wirklichkeit unterzutauchen, mit dem Wirklichen zu leben. Wenn wir lehren [Lücke in der Mitschrift] mit den [Lücke in der Mitschrift] zu leben, zu erfassen, dann wird einiges von dem sich vollziehen können, was die Menschheit so sehr braucht, um aus der /Lücke in der Mitschrift] herauszukommen, und an der nicht zum geringsten Teil der Unwirklichkeitssinn, das unwirkliche Denken Schuld ist. Versuchen wir, in dieser Art unser Verhältnis zur Zeit uns zur Richtschnur zu machen, dann werden wir Geisteswissenschaft nicht bloß theoretisch, sondern [Lücke in der Mitschrift] verstehen. Wieder ist es hier auch [Lücke in der Mitschrift] besonders berechtigt, dass nicht nur das unter Ihnen lebt, was [Lücke in der Mitschrift] ist, dass die Absicht weiterlebt und sich verwirklicht. Das Wichtigste an der Geisteswissenschaft ist, dass sie in unseren Seelen als lebendiger Impuls wirkt, in unserer Seele weiter [Abbruch der Mitschrift]]