Community Life, Inner Development, Sexuality and the Spiritual Teacher
GA 253 — 21 August 1915, Dornach
The Goesch-Sprengel Situation - Address I
Ich muß heute eine Episode einschalten, wenn auch anderer Art als die gestrige. Heute morgen habe ich ein Schriftstück erhalten, und ich fühle mich nicht nur veranlaßt, sondern verpflichtet, dieses Schriftstück zur Kenntnis jedes einzelnen Mitgliedes zu bringen. Die Gründe, warum ich mich dazu nicht nur veranlaßt, sondern genötigt, ja geradezu gezwungen fühle, werde ich nachher vorbringen.
Nun, meine lieben Freunde, ich habe Ihnen dieses Schriftstück vorgelesen, weil es jeden einzelnen von Ihnen geradesogut angeht wie mich und weil es nach meiner Meinung selbstverständlich ist, daß jedem einzelnen von Ihnen ein Urteil zukommen muß darüber, wie weit diese Dinge den wirklichen Usancen in unserer Gesellschaft entsprechen. Es könnte sonst ja die Meinung entstehen, daß ich mich fürchten würde vor dem hier in dem Briefe erhobenen Vorwurf, zur «Verblödung» der Mitglieder zu wirken, und ich die Mitglieder nicht als so freie Mitglieder ansehen würde, daß ich jedem einzelnen sein unabhängiges Urteil in dieser Sache völlig überlasse.
Allein Sie werden einsehen, daß ein solcher Brief nicht in seiner Einzelheit genommen werden kann, sondern ein Symptom ist für dasjenige, was in unserer Gesellschaft waltet, und daher werde ich mich an der Diskussion über diesen Brief und über dasjenige, was zu geschehen hat, überhaupt nicht beteiligen. Es muß selbstverständlich zunächst den Mitgliedern überlassen sein, dasjenige zu tun und zu tun zu finden, was in dieser Angelegenheit notwendig ist. Deshalb möchte ich insbesondere nichts über den Passus sagen, in dem von Versprechungen, die nicht eingehalten werden, geredet wird. Denn wenn das Urteil jedem einzelnen anheimgestellt wird, so wird jeder einzelne auch wissen, wie es mit den Dingen steht; denn es muß jeder einzelne ja wissen, was ihm versprochen und nicht gehalten worden ist. Insofern muß ich erwarten und verlangen, daß die Gesellschaft als solche, die Gesellschaft, die um den Dornacher Bau herum wohnt, in der nächsten Zeit die bestimmteste Stellung zu dieser Angelegenheit nimmt. Ich werde mich an Diskussionen in dieser Sache absolut nicht beteiligen. Ich will nur einzelnes sagen und bitte Sie, das aufzufassen als dasjenige, was ich im Zusammenhang mit dem Vorgelesenen sagen muß, weil ja auch aus anderen Symptomen als nur aus diesem Briefe deutlich hervorgeht, daß gar mancherlei, was ich im Verlaufe der letzten Wochen und Monate hier innerhalb der verschiedenen Vorträge zu unseren Mitgliedern gesprochen habe, nichts genützt hat.
Zunächst möchte ich das Folgende betonen, meine lieben Freunde. Mein Recht, in dieser oder jener Weise meinen Verkehr mit den Mitgliedern zu regeln, kann ich mir von niemandem vorschreiben lassen. Es obliegt einzig und allein mir, zu bestimmen, in welcher Weise ich mit den Mitgliedern zu verkehren für nötig finde. Das ist nicht so zu betrachten wie etwas, was eine Richtschnur für Sie sein soll, sondern als etwas, was ich von mir aus ausspreche. Ich werde mir in keiner Art und von niemandem vorschreiben lassen, in welcher Weise ich mit den Mitgliedern zu verkehren habe, insofern sich der Verkehr auf die Unterlassungssünde, die ich gegenüber den Mitgliedern begangen haben soll, bezieht. Das hängt mit einer tiefen Notwendigkeit zusammen. Aus diesem Briefe, insbesondere aber auch aus mancherlei, das sonst in unserer Gesellschaft schon durch Jahre hindurch und in der letzten Zeit immer mehr und mehr zu Tage getreten ist, zeigte sich ja doch, daß sehr viele keine Vorstellung darüber gewinnen wollen, welche Verantwortung derjenige trägt, der okkulte Wahrheiten so ausspricht, daß er wirklich die Verantwortung dafür übernehmen will.
Was nötig ist, um manchmal einen einzigen Satz auszusprechen, davon scheinen sehr viele in unserer Gesellschaft sich denn doch keine Vorstellung machen zu wollen. Daß es neben der geistigen Vorarbeit, die notwendig ist, um einen Vortrag zu halten, nicht möglich ist, mit den verschiedenen Cliquen der Mitglieder etwa jede Nacht bis zwei Uhr zusammenzusitzen und über allerlei unnützes und überflüssiges Zeug zu schwätzen, das wird nicht in der richtigen Weise gewürdigt; manches andere auch noch nicht, was, wie es scheint, verlangt wird und was als Unterlassungssünde figuriert. Ich habe meine Zeit nötig, und ich habe sie noch in ganz anderer Weise nötig, als man verstehen zu wollen scheint. Wenn ich sie nicht so, wie ich es tue, anwenden würde, dann würden Sie von mir ebenso blödsinnige okkulte Anschauungen zu hören bekommen, wie man sie vielfach in der Welt zu hören bekommt. Soviel mit Bezug auf die Unterlassungssünden.
Ich weiß nicht, meine lieben Freunde, wie der Vorwurf, daß ich zu wenig christlich mit jedem einzelnen Mitgliede, mit jeder einzelnen Mitgliedergruppe, verkehre, sich zusammenreimt mit dem andern, daß ich mir nicht erlauben darf, ohne eine ungerechtfertigte, schwarzmagische Beeinflussung zu begehen, Sie in ein Gespräch zu ziehen oder einen Händedruck auszutauschen. Meinetwillen könnte ja mit Bezug auf diesen positiven Teil die Gesellschaft ihre Anschauung äußern. Denn es hängt selbstverständlich von dem einzelnen ab, ob er ein freundliches Gespräch mit mir führen oder einen Händedruck mit mir austauschen will. Wenn diese Ansicht beliebter werden sollte, so könnte es geäußert werden, damit solche Händedrucke für die zukünftige Zeit unterlassen werden selbstverständlich. Auf weiteres gehe ich, aus den gesagten Gründen, nicht ein; nur eines muß ich noch erwähnen, weil es charakteristisch ist.
Es wird in einem Passus dieses Briefes das Folgende gesagt: «Durch die geschilderten Geschehnisse sind meine Frau und ich Ihnen gegenüber in eine Lage gekommen, in welcher es unmöglich ist, daß wir uns noch einmal in der Weise begegnen, wie es das letzte Mal, für meine Frau am Sonntag, den 25. Juli in der Schreinerei, für mich am Donnerstag, den 5. August auf der Treppe zum Eurythmiesaal vorgekommen ist. Wir besaßen alle diese Erkenntnisse auch damals schon. Gleichwohl gaben Sie uns die Hand und zogen uns in ein Gespräch, als sei nichts geschehen. Dem gesunden Takt eines Nicht-Hellsehenden wäre dergleichen unmöglich gewesen. In Ihrem Falle erkenne ich in einer derartigen Handlungsweise den Versuch eines unzulässigen Eingriffs in meine Wesenheit.»
Ich will dazu nur erwähnen, daß am Freitag vor dem Sonntag, den 25. Juli, mir von einem unserer Mitglieder eine Anfrage von Frau Goesch in bezug auf ihr Kind gebracht worden ist, wobei mir gesagt wurde, daß das Kind heruntergefallen und sich irgendwie verletzt hätte. Daraufhin habe ich gesagt: Wenn eine Neigung dazu vorhanden ist, so kann ich sehen, was mit dem Kinde los ist. - Daraufhin brachte ein Mitglied unserer Gesellschaft Frau Goesch mit dem Kinde zu mir. Und dann folgte der Sonntag hier in der Schreinerei, wo ich den Eingriff in die Wesenheit von Frau Goesch begangen habe dadurch, daß ich Frau Goesch gefragt habe, wie es mit dem Kind gehe, und ihr dabei die Hand reichte. Die Begegnung am Donnerstag, den 5. August auf der Treppe zum Eurythmiesaal verlief so, daß ich zu Herrn Goesch auf seine Frage, ob das Kind, das ich eben vorher gesehen hatte - es stand nämlich unten an der Tür -, die Eurythmieübungen wieder mitmachen solle, sagte: Selbstverständlich solle die Sache nach dem Willen seiner Eltern behandelt werden, da ja der Wille der Eltern ganz einzig und allein in Betracht komme, ob man das Kind wiederum zur Eurythmie kommen lassen wolle oder nicht. - Ich habe dabei auch den Fehler gemacht, Herrn Goesch die Hand zu reichen. Das sind die beiden ungerechtfertigten, auf schwarzer Magie beruhenden Eingriffe in fremde Wesenheit.
Nun, meine lieben Freunde, hervorzuheben habe ich noch, daß am Schlusse dieses Schriftstückes steht: «Ich bin am Schlusse desjenigen, was ich zur Zeit sagen will. Ich habe diese Kenntnisse, die ich mir unter Anleitung des Siegelbewahrers der Gesellschaft für theosophische Art und Kunst, dessen Protektor Christian Rosenkreutz ist, erworben habe, noch nicht in die Form gießen können, die mir vorgeschwebt hat, weil die Widerstände für einen sich eben erst dem Banne Entstrickenden zur Zeit noch zu groß waren.»
Der sogenannte Siegelbewahrer ist, wie ich glaube, allen bekannt, und ich habe dazu nur zu bemerken, daß dieser Siegelbewahrer in den letzten Monaten eine Anzahl Briefe, zum Teil an mich, zum Teil an Frau Dr. Steiner, gerichtet hat. Ein Brief von diesem Siegelbewahrer ist auch noch heute bei Frau Dr. Steiner eingegangen.1 Ich will für heute auf die Angelegenheit des Siegelbewahrers nicht weiter eingehen und möchte nur darauf hindeuten, daß diese Briefe des Siegelbewahrers in mysteriöser Weise zu Weihnachten begannen.
Nun, meine lieben Freunde, dasjenige, was ich vielleicht dazu zu sagen haben werde, das möchte ich wirklich nicht heute sagen. Ich möchte, daß Sie unbeeinflußt zu einem Urteile kommen. Allerdings ist es fast unmöglich, den mysteriösen Zusammenhang dieses Schriftstückes mit dem Siegelbewahrer zu kennen und keine weiteren Mitteilungen zu machen. Aber es ist vielleicht doch nicht gut, dies heute schon zu tun oder irgend etwas in dieser Richtung heute schon zu sagen. Erwähnen möchte ich aber doch das: Es ist einmal zur Herbsteszeit verkündigt worden, daß, weil gewisse unmögliche Symptome in unserer Gesellschaft sich zeigten, es notwendig geworden sei, eine gewisse engere Gesellschaft noch zu begründen, wobei ich zunächst versucht habe, einer Anzahl von nahestehenden und in der Gesellschaft längere Zeit lebenden Persönlichkeiten gewisse Titel zuzuschreiben, indem ich von ihnen voraussetzte, daß sie im Sinne dieser Titel selbständig wirken würden. Ich habe dazumal gesagt: Wenn etwas geschehen soll, so werden die Mitglieder bis zum Dreikönigstage etwas hören. — Es hat keines etwas zu hören bekommen, und daraus geht hervor, daß die Gesellschaft für theosophische Art und Kunst überhaupt nicht besteht. Das ist eigentlich selbstverständlich, da niemandem eine Mitteilung gemacht worden ist, so wie es selbstverständlich gewesen wäre, daß die Mitteilung ergangen wäre, wenn die Sache realisiert worden wäre. Die Art und Weise, wie die Sache aufgefaßt worden ist, machte sie unmöglich. Es war ein Versuch.
Meine lieben Freunde, ich habe öfters darüber gesprochen, daß die Gesellschaft einen Sinn haben muß als Gesellschaft, wenn sie überhaupt irgendeinen Sinn haben soll. Um okkulte Lehren vorzutragen, könnte man auch andere Einrichtungen machen. Ich habe darauf hingewiesen, daß, wenn in unserer Gesellschaft gewisse Symptome weiter hervortreten, es unerläßlich sein wird, eine andere Form zu finden, weil dann diese Form, wie sie eingerichtet ist, nicht geht. Ich habe demjenigen, was in der Theosophischen Gesellschaft von dieser oder jener Seite herrschte, dadurch zu entgehen versucht, daß ich die Anthroposophische Gesellschaft begründete, bei der ich nicht Mitglied sein will, weil das notwendig ist für das, was ich für die geistige Bewegung zu tun habe.
Unsere Gesellschaft wird auch von außen viel angegriffen, und selbstverständlich wird auch derjenige angegriffen, der in dieser Gesellschaft Lehren vorzutragen hat. Daraus müßte unseren tätigen Mitgliedern die Pflicht erwachsen, die Sache zu verteidigen, wenn sie den Gesellschaftsbegriff in ernstem und würdigem Sinne auffassen. Aber Schmähschriften gehässigster Art sind erschienen, die zum Teil die unglaublichsten Verleumdungen enthalten, und ich überlasse es jedem, zu beurteilen, ob unser Gesellschaftsbegriff von allen, die tätig etwas tun könnten, so aufgefaßt worden ist, wie es notwendig wäre, wenn die Gesellschaft gegenüber diesen Attacken von außen bestehen soll.
Meine lieben Freunde, es ist nicht tunlich und nicht möglich, daß derjenige, der dafür etwas tun will, daß unsere Gesellschaft bestehen könne, vor allen Dingen - wie es seit Jahren und Monaten wirklich vorgekommen ist — zunächst den Weg einschlägt, daß er zu mir kommt und sich mit mir darüber besprechen will, was er zu meiner Verteidigung und zur Verteidigung unserer Sache zu tun hätte. Das sollte unter allen Umständen unterbleiben. Denn dadurch würde es vollständig zur Wahrheit, daß im Grunde genommen die Leute hier nur an ihren Platz hingestellt werden, daß ihnen ihr Platz zugeteilt wird. Ich muß die Selbständigkeit der Mitglieder respektieren, leider auch oftmals so, daß ich ihnen etwas versage; und es ist wirklich so nach dem, wie es bisher der Fall gewesen ist —, daß ich wahrhaftig vieles tun könnte, wenn ich nicht für mancherlei Dinge in Anspruch genommen würde, für die ein In-Anspruch-Nehmen nicht nötig wäre. Es ist wirklich, mindestens für dasjenige, was zugunsten und zum Besten unserer Gesellschaft geschehen sollte, ein Unding, sich erst mit mir über solche Dinge verständigen zu wollen. Denn wenn dasjenige geschehen soll für die Gesellschaft, was ich tun will, dann bitte ich mir die Zeit zu lassen, es selber zu tun. Der Begriff der Gesellschaft kann nicht darin bestehen, daß man sich immer an einen einzelnen wendet, sondern daß man das, was für die Gesellschaft zu tun ist, aus eigener Initiative heraus tut.
Deshalb auch, meine lieben Freunde, ist diese Episode heute als eine wichtige und wesentliche anzusehen. Deshalb habe ich das Schriftstück vorgelesen, das im Grunde genommen ja nur ein einzelnes Symptom ist für manches, was da und dort glimmt, und ich werde ruhig abwarten, was Sie, als Mitglieder der Gesellschaft, tun werden. Ich werde mittlerweile meine Pflicht tun; wir werden morgen unser Programm so haben, wie wir es sonst hatten. Aber es ist selbstverständlich, daß alles weitere davon abhängen wird, was die Gesellschaft zu dem, was sie heute gehört hat, für eine Stellung nimmt und was nicht als irgend etwas einzelnes zu betrachten ist, sondern als etwas, was gewissermaßen fundamental manches berührt, auf was ich schon hingewiesen habe in den mancherlei Auseinandersetzungen, die ich seit Monaten gegeben habe.
Nach diesen Ausführungen Rudolf Steiners fand eine Diskussion statt, bei der nicht mitstenographiert wurde. Dabei müssen wohl auch Stimmen zur Verteidigung laut geworden sein, so daß nach der Erinnerung einer Teilnehmerin Rudolf Steiner mit Marie Steiner den Saal verließ mit den Worten: «Mit solch einer Gesellschaft kann ich nichts mehr zu tun haben!» Die große Mehrheit der Anwesenden dürfte sich dieser Situation geschämt haben und verfaßte noch am gleichen Abend folgende Vertrauensadresse:
Diese Adresse war der rein menschliche spontane Ausdruck der Verbundenheit der Unterzeichner mit Rudolf Steiner. Das Sachliche der Situation kommt in den Ausführungen Rudolf Steiners zum Ausdruck. Die Schwierigkeit für die Mitglieder in der Beurteilung der Situation wurde von einem Arzt, Dr. Amann, in einem klinischen Beitrag (Basel, 14. September 1914) wie folgt beleuchtet:
Rudolf Steiner ging in Fortsetzung seiner Ausführungen vom 21. August am nächsten Abend, dem 22. August 1915, wie folgt weiter auf den Fall ein:
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Siehe Seite 126. ↩