Community Life, Inner Development, Sexuality and the Spiritual Teacher
GA 253
Resolving the Case
In Vorstands- und Mitgliederversammlungen am 25. und 26. August 1915, an denen jedoch Rudolf und Marie Steiner nicht teilnahmen, wurde der Beschluß gefaßt, Heinrich und Gertrud Goesch und Alice Sprengel nicht mehr als Mitglieder der Gesellschaft anzuerkennen. Aus diesen Versammlungen heraus entstand die folgende Kundgebung an Marie Steiner:
Am 10. September begannen die 7 Vorträge des vorliegenden Bandes über die Lebensbedingungen einer anthroposophischen Gesellschaft. Am 11. September fand aufgrund der dazwischen laufend stattgefundenen Mitgliederbesprechungen, an denen Rudolf und Marie Steiner jedoch nicht teilnahmen und von denen keine Aufzeichnungen vorliegen, eine Sitzung des Zentralvorstandes statt. Es wurde beschlossen, eine ausführliche Darstellung des Falles Goesch-Sprengel für die Mitgliedschaft zu erstellen und den Vollzug des Ausschlusses zu verschieben, bis dieses Schriftstück vorliege. Anderntags (12. September) fand eine Mitgliederversammlung statt, die als Ersatz-Generalversammlung bezeichnet wurde, da infolge des Krieges Mitglieder aus anderen Ländern nicht teilnehmen konnten. Von dieser Versammlung, die die Beschlüsse des Vorstandes bestätigen sollte, gibt es kein Protokoll, nur ganz wenige Stichwortnotizen, aus denen hervorgeht, daß an dieser Versammlung auch Rudolf Steiner teilgenommen hat.
In den folgenden Tagen wurde das beschlossene Schriftstück erstellt. Es umfaßt 20 Maschinenseiten und enthält eine ausführliche Inhaltsangabe des Briefes von Heinrich und Gertrud Goesch, eine Charakterisierung der drei Persönlichkeiten sowie die Feststellung, daß Rudolf und Marie Steiner an dem Beschluß des Ausschlusses nicht beteiligt waren. Alles Wesentliche aus diesem Schriftstück ist in der vorliegenden Dokumentation berücksichtigt worden und teils sogar vollständiger wiedergegeben. Es ist anzunehmen, aber nicht zu belegen, daß dieses Schriftstück dem am 23. September an Heinrich und Gertrud Goesch sowie an Alice Sprengel gegangenen Schreiben des Zentralvorstandes der Anthroposophischen Gesellschaft beigefügt wurde:
Am nächsten Tag, den 24. September 1915, fand die am 17. September beantragte Frauenversammlung statt. Man wollte aufgrund der Ausführungen Rudolf Steiners im Vortrag vom 15. September über die Stellung der Frau im Verhältnis zu den okkulten Bewegungen in alten Zeiten und heute sprechen. Marie Steiner war gebeten worden, den Vorsitz zu übernehmen. Nach den von ihr vorliegenden handschriftlichen Notizen führte sie folgendes aus:
Marie Steiner-Von Sivers
Ansprache bei der Frauenversammlung Dornach, 24. September 1915
Eine Anzahl weiblicher Mitglieder, die die Anregung gaben zu der heutigen Versammlung, haben mich gebeten, den Vorsitz zu übernehmen. Trotzdem ich in den vergangenen Wochen kaum die Zeit gehabt habe, mich auf mich selbst zu besinnen, will ich der Aufforderung gern entsprechen, falls dies dem Wunsch auch der übrigen Anwesenden entspricht.
Es sind nicht viele schriftliche Beiträge eingelaufen. Wir werden sie nacheinander durchnehmen. Ich beginne mit der Verlesung des Antrages, der die Veranlassung zu unserem heutigen Beisammensein gegeben hat, und werde daran einige Worte knüpfen.
[Es wurde der Antrag auf Einberufung einer solchen Frauenversammlung verlesen.]
Was als Grundgedanke in diesem Antrag zum Ausdruck kommt, ist auch dasjenige, was mich am meisten beschäftigt: Hier sind wir, eine Anzahl Frauen, denen dasjenige gegeben worden ist, was bisher dem weiblichen Geschlecht vorenthalten wurde, was die Menschheit regenerieren soll - höchstes geistiges Gut. Wie können wir uns dessen würdig erweisen? — Es ist gut, einmal in Gemeinsamkeit den Ernst unserer Lage und unsere Aufgabe ins Auge zu fassen, unsere Stellung innerhalb der allgemeinen Frauenbewegung zu prüfen.
Draußen kämpfen die Frauen für Gleichberechtigung mit den Männern, für die Möglichkeit ihrer freien Entwickelung. Mit unsäglichen Schwierigkeiten ist dieser Kampf geführt worden. Viele von uns haben einst ihre besten Kräfte darin aufgerieben, die einen im Kampf mit den sich entgegentürmenden materiellen Schwierigkeiten, die andern zusammenbrechend, noch bevor sie sich befreien konnten, unter der Last der Konventionen, der Vorurteile, der Despotie traditioneller Gesinnungen.
Mit einem Male, mitten in diesem Kampfe, bei welchem es schien, daß nur Einzelne oder künftige Geschlechter die Frucht gegenwärtiger Anstrengungen pflücken könnten, ist uns ein Lichttor geöffnet worden, eine Wirkungsstätte geschaffen, die alle Erwartungen übertrafen, die uns hinweisen auf unsere wahren Wege und Ziele, hinaushoben über die unausbleiblichen Verirrungen einer überreifen und deshalb verwesenden oder verholzenden Kultur. Nun konnten wir der Gefahr entgehen, im bloßen Nachahmungstriebe zu ersticken, gleichsam die Affen zu werden innerhalb der Männerkultur, indem wir preisgaben unser Ewig-Weibliches, unser Geistig-Seelisches, in der Jagd nach den äußeren Kulturformen, die durch die Männer geprägt worden waren.
Diese Kultur hatten wir mitbefruchten, mitinspirieren können, gerade dadurch, daß wir nicht ihre Diener, ihre ausübenden Glieder waren. In uns selbst gekehrt, auf uns selbst gewiesen, konnten wir jene Eigenschaften entwickeln, die der notwendige Gegenpol waren zu dem, was der Mann zu leisten hatte: Innerlichkeit, Vertiefung, Seelenwärme, Weichheit, Zurückhaltung. Wir konnten bezähmen, anfeuern, trösten, stützen, heilen, tragen, zusammenhalten, Leben spenden nach innen und außen - fürwahr, kein kleines Gebiet. Und der Mann eroberte unterdessen die äußere Welt.
Nun hatte er sie erobert. Nun war sie sein. Er durchmaß ihre Weiten, er zerlegte ihre Teile, er wurde ihr Herr. Da überschlug sich seine Intelligenz. Hohnlachend schob er die Quellen seiner Kraft, die alten Götter beiseite.
Nun merkten auch wir auf, denn der Boden, auf dem wir bis jetzt gefußt hatten, wankte. Tot die alten Götter? Das äußere Leben allein maßgebend? Ein Wahn, was in unsern Seelen quellend regsam lebte und uns instinktiv das bloß Symbolische des vergänglichen Lebens hatte fühlen lassen? Dann hinaus mit uns! Dann mußten auch wir die Riegel sprengen dürfen, erkennen, wirken dürfen, aus eigenem Antrieb, aus eigener Überzeugung. Dann wollten wir auch uns messen an dem Maßstab dieser äußern Welt. Das Leben in uns forderte sein Recht. Wir stürmten auf den Kampfplatz.
Wir fanden zweierlei. Einerseits die harten, starren Formen, die vom Mann geprägten. Um die zu erobern, mußten wir uns einer eisernen Disziplin unterwerfen. Einigen gelang es. Nicht alle waren dadurch befriedigt.
Das zweite, was wir fanden, war die äußere Freiheit; wir standen plötzlich da, jung und aufatmend, inmitten brandenden Lebens, weit hinter uns die alten drückenden Ketten. Da mußten wir unsern Maßstab in uns selbst finden, unsere unverrückbare Richtschnur.
Nicht alle konnten das. Viele Frauen wurden wie von einem Wirbel erfaßt. Das ungezügelte ihrer Wesensart brach durch. Das Studium, die harte Arbeit, die trockene Routine des Berufslebens genügten nicht mehr, wurden gar manchen in den nachfolgenden Scharen zur Last. Freies Ausleben wurde gefordert. Gleiche Rechte mit den Männern auch auf dem Felde des Genusses.
Die Woge des Materialismus schlug hinein und erfaßte die Frauen, riß sie mit sich. Als ihr sicheres Gefühl für die Realität einer geistigen Welt starb, brach ihr Triebleben mit elementarer Gewalt durch, verzerrt durch die Verirrungen ihrer Intelligenz.
Den Theorien einer Laura Marholm folgten die Exzesse einer Dichterinnenschar, als deren Repräsentanten ich nur zu nennen brauche Namen wie Marie Madeleine, Dolorosa, Margarete Beutler usw. Wohl in jedem Lande unseres europäischen Kontinents gab es die entsprechende Erscheinung.
Die Literatur gab den Beweis, daß die wildeste erotische Phantastik der Männer nicht solche Exzesse zutage förderte wie das, was wir als Produkt der überhitzten Phantasie von Frauen vor uns hatten.
Das mußten wir schaudernd erleben: Getrieben von Eitelkeit und Ruhmsucht, aber arm an Geist und Wissen, preßten solche Frauen in die längst geprägten fertigen Formen unserer Sprache das hinein, was ihr aufgestacheltes Sinnenleben ihnen eingab. In literarischen Vereinen rezitierten sie selbst diese Produkte, wenn ihnen von den dazu aufgeforderten Männern die Antwort gegeben war, daß diese sich schämten, es zu tun.
So war die Aussicht trüb; von der einen Seite drohte Vertrocknung und Verödung, von der andern Verrohung und Sittenlosigkeit. Wo war der Heiler, der das Wort des Lebens bringen konnte, das der Menschheit weiterhalf?
Da geschah etwas Wunderbares: In dieser Zeit der Überkultur, des sittlichen Verfalls, des stumpf gewordenen Denkens, des krassesten Egoismus, traten aus dem Verborgenen an die Menschen heran Lehren, die früher nur wenigen gegeben worden waren, die jetzt Gemeingut werden durften; Lehren, an denen sich die Menschheit wieder emporranken konnte aus der geistigen Verödung zum Geist-Erleben. Und an dieser Arbeit durfte sich die Frau beteiligen; hier lag, wenn sie wollte, wenn sie sich dazu würdig machte, ihr neues Wirkungsfeld.
Sie brachte dazu mit eine natürliche Hingabe zum Ideellen, eine größere Beweglichkeit des Denkens und dadurch - Aufnahmefähigkeit. Was ihr fehlte, war die Disziplin des Denkens, die Exaktheit und Genauigkeit, das positive Wissen, der Respekt vor dem positiven Wissen, der Tatsachensinn, den die Männer gezwungen sind, in ihrem Geschäftsleben einzuhalten. Grob gesprochen, waren ihre Fehler: Das Schwätzen, das Verwuseln, Verwaschen, alles ins Sentimentale, ins Persönliche ziehen, die Eitelkeit. Ihre Vorzüge: der Enthusiasmus, die Opferfreudigkeit. - Mit diesen zwei Eigenschaften konnte sie, wenn sie als Gattungswesen über sich selbst hinauswuchs, einer erstarrenden Kultur Leben einhauchen helfen; sie konnte, wenn sie ihr Persönliches vergaß, sachlich wurde, an der Zukunft mitbauen, innerhalb der werdenden Kultur ein dem Manne gleichbedeutender, gleichberechtigter, gleichbelasteter Faktor sein.
Hat sie die erwähnten zwei Bedingungen erfüllt?
Ihr Persönliches, ihr Gattungswesen an zweite Stelle gerückt? Ist sie sachlich geworden? Ich fürchte, wir haben als Gesamtheit versagt.
Nur wenn wir unsere Fehler in die Sphäre des Bewußtseins rücken, wenn wir den Willen haben zu erkennen, dann können wir sie auch überwinden und können zerstörende Kräfte in produktive umwandeln.
Eine Aufgabe liegt vor uns, ein Arbeitsgebiet, größer als es sich den weitgehendsten Wünschen früher zeigte. Aber wir dürfen nicht den festen Boden unter den Füßen verlieren. Nicht schwärmen, sondern erkennen und arbeiten müssen wir. Zum ersten Mal, seitdem esoterisches Wissen den Menschen gegeben wird, dürfen wir in Gemeinschaft mit dem Manne dieses Wissen empfangen; dürfen durch diese gemeinschaftliche Arbeit eine neue Aera inaugurieren.
Damit diese neue Aera der Menschheit sich erfüllen könne, muß die Frau — es sei mir gestattet, dies zu wiederholen - innerhalb der geisteswissenschaftlichen Arbeit über ihr eng Persönliches und ihr Gattungswesen hinauskommen; sie muß das Geistesgut rein erhalten, unberührt von ihrer Wunschnatur, ihren Trieben, von unsauberen Gedanken.
In erschreckender Weise zeigte sich, daß sie das nicht ohne weiteres konnte. Immer wieder warf sie das Niedere mit dem Hohen durcheinander, immer wieder mußte sie das Sinnliche mit dem Geistigen bemänteln, um als das zu erscheinen, was es nicht war. Immer wieder erschienen, eng miteinander verknüpft, diese drei bösen Kräfte: Eitelkeit, Erotik, Lüge.
Weil das unter uns geschehen ist, sind wir hier miteinander versammelt und versuchen, unsern Fehlern ins Antlitz zu sehen.
Die Frage tritt an uns heran: Werden wir als unreif befunden werden? Wird durch uns verscherzt worden sein, was die Menschheit zu ihrer Wiederbelebung braucht?
Was sollen wir tun, wenn uns noch eine Frist gewährt wird, die Zeit uns zu besinnen? Was sollen wir tun, damit ungestört Männer und Frauen zusammenarbeiten können?
Dieses sind die Fragen, die wir uns zu stellen haben, zu deren Beantwortung wir alle beitragen sollten.
Als Reaktion auf die Orientierung des Zentralvorstandes treffen in der Folgezeit aus vielen Teilen der Gesellschaft Vertrauenszeugnisse für Rudolf Steiner und Marie Steiner ein. Sogar die beiden Brüder Paul und Fritz Goesch und des letzteren Frau, alle drei ebenfalls Mitglieder der Gesellschaft, distanzierten sich von dem Vorgehen ihres Bruders Heinrich. Paul Goesch unterschrieb im September 1915 eine «Erklärung der Mitglieder des Berliner Zweiges der Anthroposophischen Gesellschaft», in der diese «ihre tiefste Mißbilligung und schmerzliche Entrüstung über die unerhörte Art des Auftretens von Herrn und Frau Dr. Goesch» aussprechen.
Wie souverän Rudolf Steiner und Marie Steiner über dem Fall standen, beweist die Tatsache, daß Marie Steiner Alice Sprengel nach deren Ausschluß und Weggang von Dornach nochmals eine Unterstützung zukommen ließ, wie aus folgendem Brief an ein Fräulein Wernicke, welche mit Alice Sprengel noch in Verbindung stand, hervorgeht:
Dornach, den 29. Sept. 1916 Sehr geehrtes Fräulein Wernicke, Fräulein Waller zeigte mir einen Brief, den sie von Ihnen erhalten hat und in welchem Sie sie bitten, sich für Frl. Sprengel zu verwenden, um das Geld einzutreiben, das ihr einige Mitglieder noch schulden sollen. Da Sie selbst annehmen, daß sich nicht viele für die Situation interessieren werden, in die sich Frl. Sprengel selbst durch ihre maßlosen Verirrungen gestürzt hat, und Frl. Waller auch erklärt, daß sie nichts damit zu tun haben will, wird wohl nichts anderes übrig bleiben, als daß ich aus allgemein menschlichem Mitgefühl für die geschilderte Notlage die Deckung jener Schuld übernehme. Freilich müßte ich Sie dabei bitten, meinen Namen gar nicht zu erwähnen, denn 1. würde dies Frl. Sprengel selbst nicht angenehm sein, 2. möchte ich nicht in den Geruch kommen, Frl. Sprengel irgendwie entgegenkommen zu wollen. Ich erlaube mir also auf Grundlage des Briefes von Frau von Strauß die von ihr angeführten Schuldposten zu begleichen und bitte Sie, bei Überweisung des Geldes Frl. Sprengel zu informieren, daß es die Deckung jener Schuld bedeute, daß Sie aber nicht in der Lage wären, Namen zu nennen. Mit vorzüglicher Hochachtung
Marie Steiner
Damit war der Fall vom Sommer 1915 vorläufig erledigt.
Goesch blieb, obwohl die Verbindung mit Alice Sprengel bald darauf beendet wurde, ein unfairer Gegner. Er verbreitete, wo er konnte, gehässige Unwahrheiten. Im Jahre 1923 trat er in Berlin als «nichtanthroposophischer Kenner der Anthroposophie» öffentlich wieder gegen Rudolf Steiner auf. Dieser Zusammenhang wird in dem Band zur Gesellschaftsgeschichte, der das Jahr 1923 betrifft, behandelt werden.