Awakening to Community
GA 257 — 30 January 1923, Stuttgart
Zweiter Vortrag
Es war eigentlich meine Absicht, heute nur Sachliches aus dem Gebiete der Anthroposophie hier vor Ihnen vorzutragen, nachdem ich ja dasjenige, was über unser schmerzliches Ereignis und über andere laufende Angelegenheiten der Anthroposophischen Gesellschaft zu sagen ist, vor acht Tagen hier entwickelt habe. Allein es ergibt sich mir doch die Notwendigkeit, wenigstens einleitungsweise einiges vorauszuschicken über anthroposophisch-gesellschaftliche Angelegenheiten, weil ich gestern wenigstens noch bei dem zweiten Teile der hier abgehaltenen Versammlung anwesend war und da gesehen habe, wie leicht doch mißverständliche Auffassungen von Dingen heraufkommen, die mit dem Wesen der Anthroposophischen Gesellschaft, so wie ich es ja vor acht Tagen hier charakterisiert habe, zusammenhängen und die, wie ich glaube, nicht schnell genug eine Korrektur erfahren sollen. In einem gewissen Sinne wird daher dasjenige, was ich so einleitungsweise heute abend zu sagen habe, trotzdem mit dem Wesen anthroposophischer Lebensauffassung zusammenhängen und vielleicht doch manches enthalten, was dem einen oder dem andern nützlich sein kann.
Es handelt sich mir vor allen Dingen darum, anzuknüpfen an dasjenige, was gestern gesagt worden ist über die Urteilsbildung innerhalb der Anthroposophischen Gesellschaft. Unabhängig von demjenigen, was ich selber sage, ist aufgefordert worden, sich als einzelnes Mitglied der Anthroposophischen Gesellschaft selbständige Urteile über die verschiedenen Angelegenheiten, auch die Gesellschaft betreffend, zu bilden. Nun ist ja selbstverständlich nichts berechtigter als dieses. Allein es handelt sich darum, wenn eine solche Forderung vorgebracht wird, die, wie gesagt, prinzipiell in sich so berechtigt ist, als es nur irgend möglich sein kann, gegen die auch in der Definition, wie das gestern vorgebracht worden ist, von mir nicht das Geringste eingewendet werden soll, die ich nur bekräftigen will -, so hat man es nicht allein zu tun mit dem Inhalte des Vorgebrachten, sondern mit dem ganzen Zusammenhang, in dem eine solche Sache vorgebracht wird. Etwas kann wahr sein, aber es handelt sich darum, ob in einem bestimmten Zusammenhange eine Veranlassung ist, eine vielleicht auch selbstverständliche Wahrheit vorzubringen. Man kann jede Wahrheit isoliert vorbringen, das ist ja natürlich. Aber wenn ein gewisser Zusammenhang vorliegt, dann bekommt diese Wahrheit ihre unmittelbare Färbung durch diesen Zusammenhang und dann kann eben gerade durch die Stelle, innerhalb welcher man eine solche Wahrheit vorbringt, das ärgste Mißverständnis hervorgerufen werden.
Diese Anschauung über die Urteilsbildung wurde vorgebracht im Zusammenhang mit dem Vortrag, den ich am 30. Dezember des vorigen Jahres in Dornach gehalten habe über die Beziehungen der Anthroposophischen Gesellschaft zu der Bewegung für religiöse Erneuerung. Und es wurde bemerklich gemacht, daß sich die Mitglieder unabhängig machen sollen mit Bezug auf ihre Urteilsfällung von demjenigen, was ich selber als ein solches Urteil abgebe. Nun, wie gesagt, das ist ganz berechtigt. Aber so, wie es vorgebracht worden ist, verstößt es in intensivstem Sinne gegen diejenige Gesinnung, die eigentlich aus der Erfassung des Kernes anthroposophischer Weltanschauung folgen muß. Denn bei der anthroposophischen Weltanschauung handelt es sich nicht darum, daß wir von dem einen Bild einer Weltanschauung, das wir heute durch die äußere Kultur gewinnen können, vielleicht den Blick abwenden und ihn hinführen zu einem andern Bild, das wir dann in derselben Begriffsart, in derselben Vorstellungsweise auffassen wie das erste Bild, welches eben nur eine andere Weltauffassung ist, sondern — und das wird ja aus der ganzen Haltung, die anthroposophische Weltanschauung einnimmt, klar sein müssen — es handelt sich bei der Anthroposophie darum, nicht nur in vieler Beziehung anderes zu denken als sonst gedacht wird, sondern vor allen Dingen dieses andere auf eine andere Art zu denken, in einer anderen Seelenverfassung zu empfinden. Umdenken und umempfinden, das ist dasjenige, was zur AnthroposoPhie notwendig ist, nicht bloß anderes denken und anderes empfinden.
Wer die Neigung dazu hat, die Haltung der überwiegenden Mehrzahl meiner Vorträge zu prüfen, der wird finden, daß ich mich strengstens daran halte, dasjenige zu beobachten, was ich jetzt eben ausgesprochen habe, und daß es in der Eigentümlichkeit anthroposophischer Weltanschauung selber liegt, die Dinge so hinzustellen, daß die eigene Urteilsbildung schon durch diese Art der Hinstellung nicht in irgendeiner Weise beeinträchtigt wird. Gehen Sie die Mehrzahl meiner Vorträge durch, selbst diejenigen, die über ein solches Thema handeln, wie das des Vortrages vom 30. Dezember 1922, so werden Sie finden, daß der hauptsächlichste Inhalt aller meiner Vorträge die Angabe von Tatsachen ist, daß ich Tatsachen vorbringe, Tatsachen der übersinnlichen Welt oder Tatsachen auch wohl, die aus der sinnlichen oder historischen Welt stammen, und daß ich die Darstellung dieser Tatsachen so einrichte, daß auf Grundlage dieser Tatsachen der Zuhörer oder Leser imstande ist, immer sein eigenes Urteil zu bilden, weil ich darauf verzichte, dieses Urteil auch nur im geringsten zu beeinflussen. Einer der in Dornach gehaltenen Vortragszyklen trägt sogar den Untertitel: Darstellung von Tatsachen, die zu einer Urteilsbildung vorgelegt werden — oder so etwa. Weil das der Fall ist, stellt sich ja oftmals etwas ganz anderes ein, als daß man sagen könnte, er hat dieses oder jenes als das Richtige hingestellt. Es stellt sich vielmehr das andere ein, daß der eine sich dieses Urteil, der andere sich jenes Urteil aus meinen Vorträgen herausholt, und jeder glaubt Recht zu haben, hat vielleicht auch von seinem Gesichtspunkte aus Recht, weil es sich mir niemals darum handelt, irgendein Urteil in eine bestimmte Richtung zu bringen, sondern weil es sich mir immer darum handelt, die Tatsachengrundlage zu geben zur Bildung eines Urteils. Ich setze mich daher ganz absichtlich der Gefahr aus, daß der eine in meinen Tatsachenreihen das eine, der andere ein anderes lesen mag. Denn mir handelt es sich wirklich nur um die Mitteilung von Tatsachen, und wer die Neigung hat, die Dinge zu beobachten, wird sehen, daß ich eigentlich nur Urteile ausspreche, wenn es sich um Richtigstellungen oder Abwehrungen handelt.
Dies muß so sein, aus dem Grunde, weil eine solche Weltanschauung, wie die anthroposophische es ist, sich stark bewußt bleiben muß des Zeitenzusammenhanges, in den sie hineingestellt ist. Wir leben im Zeitalter der Entwickelung der Bewußtseinsseele, das heißt derjenigen inneren Seelenverfassung, in der vor allen Dingen alles darauf ankommt, daß die Menschen als Individuen sich aus den Impulsen ihrer Seelen heraus selber ihr Urteil bilden, daß die Menschen lernen, die Tatsachen in unbefangener Weise auf sich wirken zu lassen, um aus dem vollen Bewußtsein heraus ihr Urteil zu bilden. Aus diesem Bewußtsein des Eintrittes der Menschheit in die Entwickelung der Bewußtseinsseele ist der Stil meiner Darstellungen genommen. Daher eben ist es, wie gesagt, daß der eine sich dieses, der andere sich jenes Urteil bilden kann. Die Tatsachen versuche ich so klar wie möglich hinzustellen. Von einem Sollen oder Nichtsollen ist auf keinem Gebiete die Rede. Denn Anthroposophie ist nicht zum Agitieren da, Anthroposophie ist da zum Mitteilen der Wahrheit. Ich habe oftmals dieses für andere Gebiete betont. Ich habe betont, daß ich weder für Fleischnahrung noch für Vegetarismus agitiere. Wenn ich darstelle, wie Vegetarismus auf den Menschen wirkt, wie Fleischnahrung auf den Menschen wirkt, so geschieht es, um die Wahrheit darzustellen, um die Tatsachen darzustellen. Kennt ein Mensch die Tatsachen genügend, so kann er sich eben im Zeitalter der Bewußtseinsseelenentwickelung sein Urteil bilden. Es gehört schon zum Wesen anthroposophischer Weltauffassung, daß man sich über diesen Punkt vollständig klar ist.
Und so habe ich auch damals am 30. Dezember 1922 in Dornach eben einfach zu entwickeln versucht, wie das Verhältnis der Anthroposophischen Gesellschaft zu der Bewegung für religiöse Erneuerung ist, habe mich bei der Stilisierung nicht gerichtet an die Bewegung für religiöse Erneuerung, sondern an die Anthroposophische Gesellschaft. Aus dieser, ich möchte sagen, Adresse und aus meinem allgemeinen Grundsatz, so viel als möglich bei den Tatsachen stehenzubleiben, ist dieser Vortrag von damals verfaßt, und wer ihn liest, wird das empfinden. Ob man nun das eine oder das andere tun soll, das steht durchaus im freien Ermessen eines jeden einzelnen; das wird man aus diesem Vortrag ersehen, und ich habe mich ja vor acht Tagen hier darüber mit aller Deutlichkeit ausgesprochen.
Es ist also notwendig, wenn man auf anthroposophischem Felde unter Verantwortung eine Behauptung aufstellt, daß man den Zusammenhang ins Auge faßt, daß man also nicht in Anknüpfung an dasjenige, was gerade im strengsten Sinn sich auf den Boden der Anthroposophie stellen will, die Bemerkung macht, man bilde sich ein Urteil unabhängig von dem, was Steiner spricht. Denn wenn dieser nicht in der Abwehr ist oder sonst genötigt wird, das eine oder das andere zu korrigieren, so wird er immer so sprechen, daß auch, wenn er gesprochen hat, der einzelne sogar gezwungen ist, sich sein eigenes Urteil zu bilden, weil ihm die Möglichkeit der Bildung eines abhängigen Urteils gar nicht gegeben ist. Dies zu betonen ist viel wichtiger und wesentlicher für die ganze anthroposophische Gesinnung, als dasjenige, was gestern von einigen hier betont worden ist und was eben durch seine Deplaciertheit viele Keime von Mißverständnissen hervorrufen kann. Das ist außerordentlich wichtig, daß ich einmal dieses als etwas prinzipiell zur Anthroposophie Gehöriges hier vorbringe.
Dann aber kommt noch etwas anderes in Betracht, Bei der Bildung eines eigenen Urteils kommt es ja nicht bloß darauf an, daß man sicher ist, man habe dieses Urteil selbst gebildet, sondern ebenso sehr, daß man sicher ist, wenn man dieses Urteil ausspricht, man habe alles dasjenige berücksichtigt, was zur Bildung eines solchen Urteils führen kann. Ein eigenes Urteil kann schließlich jeder haben. Das eigene Urteil muß zutreffend sein, soweit es zutreffend sein kann nach den Beobachtungsmöglichkeiten der Tatsachen, die zugrunde liegen, oder auch nach der Ausschließungsnotwendigkeit der Tatsachen, die offenbar nicht stimmen können, weil sie nicht so sind, wie sie sein müßten, wenn das entsprechende Urteil ausgesprochen wird. Und so muß ich schon betonen - ich sage ausdrücklich, daß ich das, was ich heute einleitungsweise sage, nur pflichtgemäß, nicht neigungsgemäß sage: Wenn gestern gesagt worden ist, daß allerlei Mitteilungen über die andere Seite, nämlich über die religiöse Bewegung, nach Dornach gekommen seien und auch dasjenige, was ich gesprochen habe, irgendwie beeinflußt oder nuanciert gewesen sein könnte von solchen Mitteilungen, so ist das nicht richtig. Denn ganz unabhängig - das wird jeder, der unbefangen auf die Sache eingehen will, dennoch einsehen -, ganz unabhängig von solchen Mitteilungen ist dieser Vortrag verfaßt. Und das dritte, was auch in Anknüpfung an diesen Vortrag vorgebracht worden ist, ist dieses, daß die eine Seite Gelegenheit gehabt hätte, über die Angelegenheiten zu sprechen, die andere nicht. Und wenn ich nicht irre, so ist zum Beispiel die Waldorfschul-Lehrerschaft genannt worden, die immer Gelegenheit gehabt hätte, mit mir über die Angelegenheit zu sprechen. Die Wahrheit ist, daß ich überhaupt nicht mit der Waldorfschul-Lehrerschaft bis zur Abhaltung dieses Vortrages hin über die Angelegenheit gesprochen habe. Es ist wieder ein Urteil gefällt worden, das mit den Tatsachen nicht stimmt. Man könnte ja glauben, weil ich selbstverständlich öfter zusammenkomme mit der Waldorfschul-Lehrerschaft, daß ich mit ihr öfter Gelegenheit gehabt hätte, über diese Angelegenheit zu sprechen. Allein bei solchen Zusammenkünften bilden, wie es naturgemäß ist, pädagogische und didaktische Probleme den Inhalt desjenigen, was verhandelt wird. Und vor allen Dingen bildet bei diesen Verhandlungen jedenfalls kein anthroposophischer Klatsch irgendwie einen Inhalt. Pflichtgemäß, sage ich, müssen diese Dinge betont werden, weil sie mit dem Wesen des anthroposophischen Wirkens zusammenhängen und weil wir ja jetzt gerade daran sind, das wenigstens herbeizusehnen, was das anthroposophische Wirken innerhalb der Anthroposophischen Gesellschaft zu einer gewissen Gesundung bringen kann. Selbstverständlich konnte ich verlangen, daß von maßgeblicher Seite, die dazu in der Lage war, gleich nach der Begründung der Bewegung für religiöse Erneuerung innerhalb der Anthroposophischen Gesellschaft die nötigen Aufschlüsse gegeben würden. Mir selbst fiel das nicht zu. Das kann derjenige am besten wissen, der in gebührender Weise meine Schlußworte gehört hat, die ich, nachdem die religiöse Erneuerung auf die Bahn geleitet war, gesprochen habe. Mir ist es immer sehr fatal, wenn ich gezwungen werde, von der Mitteilung der Tatsachen abzuweichen und solche Dinge auszusprechen, wie sie mir gestern abgenötigt worden sind. Allein in dieser Gegenwart wälzt sich mir die ganze Schwere desjenigen, was mit dem anthroposophischen Wirken verbunden ist, auf die Seele. Und wenn nicht in einem ausreichenden Maße zur Berichtigung gerade derjenigen Mißverständnisse beigetragen wird, die nicht so leicht bemerkt werden wie die groben, dann kommen wir im anthroposophischen Wirken doch eben nicht weiter. Und wir müssen weiterkommen im anthroposophischen Wirken, sonst müßte es selbstverständlich dabei bleiben, daß der Dornacher Bau abgebrannt ist. Ein Wiederaufnehmen der Arbeit hängt ganz und gar ab davon, daß die Anthroposophische Gesellschaft in sich erstarkt, daß sie sich vor allen Dingen von denjenigen Mißverständnissen freimacht, die an ihren Lebensnerv gehen. Und an ihren Lebensnerv geht es, wenn man zum Beispiel nicht beachtet, welches Prinzip darinnen liegt, gegenüber den Anforderungen des Zeitgeistes bei der Entwickelung der Bewußtseinsseele wirklich ehrlich in dem Sinne zu sprechen, wie ich dieses Sprechen für das wirklich Ethische unserer Zeit in meiner «Philosophie der Freiheit» angedeutet habe. Ich habe wahrhaftig dazumal mich nicht in leichter Weise jenem Vorwurf ausgesetzt, der von banausischer Seite selbstverständlich gefällt wird gegen das, was ich gegen die Gebotsethik vorgebracht habe. Aber jeder einzelne meiner Sätze — ich bemühe mich dessen immer - ist so geformt, daß er die Freiheit im Menschen streng achtet, selbst nur in bezug auf die Gedanken- und Empfindungsbildung, die in meiner «Philosophie der Freiheit» gemeint ist. Daher muß ich darauf aufmerksam machen, daß es deplaciert ist, im Zusammenhange mit einem solchen Vortrag, wie ich ihn am 30. Dezember 1922 gehalten habe, die Frage der Beeinflussung des Urteils der Mitglieder der Anthroposophischen Gesellschaft vorzubringen. Gewiß, bei vielen andern, bei reichlich andern Gelegenheiten kann das vorgebracht werden. Wenn es aber im Zusammenhang mit einem solchen Vortrag geschieht, dann ruft man Mißverständnisse hervor, weil man die Wahrheit zudeckt, die von mir als eine heilige erstrebt wird: daß niemandes Urteil beeinflußt werde gegenüber dem, was ich selber als ein Wichtigstes innerhalb der Anthroposophischen Gesellschaft zu sagen habe. Auch damit wollte ich ja nur meine Intentionen aussprechen, daß dasjenige, was der Formulierung dessen, was ich zu geben versuche, zugrunde liegt, immer darauf hinausläuft, niemandes Urteil zu beeinflussen. Daher braucht auch im Zusammenhang mit meinem Vortrag niemand davor gewarnt werden, sich dieses Urteil frei zu erhalten.
Nun, ich möchte sagen, in demselben Geiste fortfahrend, aus dem heraus ich dieses gesprochen habe, möchte ich heute zunächst einiges vorbringen über die Bildung eines geisteswissenschaftlichen Urteils überhaupt, ich meine eines solchen Urteils, das eine geisteswissenschaftliche Wahrheit aussprechen will. Es berührt einen immer sehr eigentümlich, wenn man merkt, wie wenig Gefühl vorhanden ist für den Ernst, mit dem geisteswissenschaftliche Wahrheiten ausgesprochen werden. Für das Aussprechen irgendeines Urteils innerhalb der alltäglichen Welt, die man durch seine Sinne beobachtet, da gilt es, dieses Urteil durch Beobachtung oder Logik in einem bestimmten Zeitpunkte seines Lebens zu gewinnen. Und es ist voll berechtigt, wenn man durch Beobachtung und Logik ein solches Urteil über Dinge der sinnlichen oder der geschichtlichen Außenwelt gewonnen hat. Beim Geisteswissenschaftlichen kann es eigentlich so nicht sein. Da genügt es nicht, einmal sich der Bildung eines Urteils unterzogen zu haben, sondern da ist wesentlich ein anderes notwendig. Da ist notwendig dasjenige, was ich die zweimalige Umschmelzung des Urteils nennen möchte. Und diese Umschmelzung geschieht in der Regel nicht nach kurzen Zeiträumen, sondern meistens nach langen Zeiträumen. Man faßt irgendein Urteil nach den gewöhnlichen Methoden, die Sie ja kennen aus meiner Darstellung in «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» oder aus dem zweiten Teil meiner «Geheimwissenschaft»; man gelangt, sage ich, durch solche Methoden zu irgendeinem Urteil über geistige Vorgänge oder geistige Wesenheiten. Man hat jetzt eigentlich die Verpflichtung, dieses Urteil zunächst bei sich selbst zu behalten, es nicht auszusprechen. Ja man hat sogar die innere Verpflichtung, dieses Urteil vor sich selbst so zu behandeln, daß man es zunächst als eine bloße Tatsache hinnimmt und ihm weder mit Zustimmung noch mit Ablehnung entgegenkommt. Dann wird man nach einiger Zeit, vielleicht nach Jahren erst, dazu kommen, in dem eigenen Seelenleben die erste Umschmelzung dieses Urteils vorzunehmen, es zu vertiefen, ja es in vieler Beziehung zu verwandeln. Es wird dieses Urteil, selbst wenn es inhaltlich dasselbe bleibt nach dieser Umschmelzung, eine andere Nuance von innerem Anteil, von innerer ihm zuerteilter Wärme zum Beispiel, annehmen. Es wird unter allen Umständen nach dieser ersten Umschmelzung sich in anderer Weise als beim ersten Fassen in das Seelenleben einverleiben, und man wird nach dieser ersten Umschmelzung das Gefühl haben: Du hast dich selber in einer gewissen Weiße von dem Urteil getrennt. - Wenn es zu der ersten Umschmelzung Jahre dauert, so kann man ja auch nicht immerfort dieses Urteil in seiner Seele weiterwälzen. Dieses Urteil geht natürlich ins Unbewußte hinunter. Dieses Urteil führt unabhängig von dem Ich ein eigenes Leben. Das ist notwendig. Solch ein Urteil muß unabhängig von dem eigenen Ich ein selbständiges Leben führen. Man muß gewissermaßen ein solches Urteil leben lassen, ohne daß man dabei ist. Dadurch schmilzt man aus dem Urteil die Egoität heraus. Man übergibt es demjenigen, was in einem selber objektiv ist, während beim ersten Beobachten und bei dem ersten logischen Zusammenstellen des Urteils eben die Egoität, das eigene Ich, immer mitwirkt und mitspielt. Und dann, wenn das Urteil zum ersten Male — wie gesagt, vielleicht nach Jahren - umgeschmolzen ist, dann wird man merken: Dieses Urteil kommt wieder, kommt einem aus den Seelentiefen so zu, wie irgendeine Tatsache der Außenwelt. Man hat es in der Zwischenzeit verloren gehabt, man findet es wieder. Man findet es wieder so, daß es einem jetzt sagt: Du hast mich unvollkommen, du hast mich vorerst vielleicht irrtümlich gefällt; ich habe mich selber richtiggestellt. - Dieses Urteil wird der wahre Geisteswissenschafter suchen, dieses Urteil, das sein eigenes Leben in der menschlichen Seele entfaltet. Geduld, viel Geduld gehört zu einem solchen Umschmelzen des Urteils, denn, wie gesagt, es ist oftmals erst nach Jahren möglich, diese Umschmelzung herbeizuführen, und die Gewissenhaftigkeit, die bei der Geisteswissenschaft entfaltet werden muß, die verlangt eben durchaus, daß man nicht sich sprechen läßt, sondern daß man die Dinge sprechen läßt.
Aber nun, meine lieben Freunde, wenn man ein Urteil also umgeschmolzen hat, dann erlangt man gerade diesem umgeschmolzenen, ich möchte sagen, aus der Objektivität wieder an einen herantretenden Urteile gegenüber das starke Gefühl: Man ist mit diesem Urteil, trotzdem man es sich objektiv hat wiedergeben lassen, dennoch in sich. Und noch immer kann es durchaus so sein, daß man sich durchaus außerstande fühlt, ein solches Urteil über eine geisteswissenschaftliche Angelegenheit schon abzugeben. Denn man hat eben die Aufgabe, die Dinge sprechen zu lassen und nicht sich sprechen zu lassen. Daher wartet man auf die zweite Umschmelzung des Urteils, bis zu der es unter Umständen wiederum Jahre dauern kann. So daß man also nach der zweiten Umschmelzung des Urteils eine dritte Gestalt des Urteils hat. Da wird man einen bedeutsamen Unterschied merken zwischen dem, was vorgeht in dem Zeitraum zwischen der ersten Fassung des Urteils und der ersten Umschmelzung, und zwischen der ersten Umschmelzung und der zweiten Umschmelzung. Man wird nämlich merken, daß man in einer verhältnismäßig leichten Weise zwischen dem ersten Fassen und der ersten Umschmelzung das Urteil wiederum in ‚das Gedächtnis heraufbringen konnte. Zwischen der ersten Umschmelzung und der zweiten Umschmelzung hat man die größte Mühe, das Urteil wieder in Erinnerung zu bringen, denn es geht in tiefe, tiefe Seelenuntergründe hinunter, in Seelenuntergründe, in die ein zunächst an der Außenwelt leicht geschürztes Urteil gar nicht hinuntergeht. Ein so umgeschmolzenes Urteil geht in tiefe Seelenuntergründe hinunter, und da lernt man erst kennen, wenn man dann ein solches Urteil zwischen der ersten Umschmelzung heraufbringen will in die Seele, wie es oft eines Ringens bedarf, um ein solches Urteil ins Gedächtnis zu rufen. Unter dem Urteile meine ich jetzt die Anschauung der ganzen Tatsache, wenn es sich auf eine geisteswissenschaftliche Tatsache bezieht. Und dann, wenn man das Urteil in der dritten Gestalt bekommt, dann weiß man, dieses Urteil ist bei der Sache oder bei dem Vorgang gewesen, auf den es sich bezieht oder auf die es sich bezieht. Das Urteil zwischen dem ersten Fassen und der ersten Umschmelzung ist noch bei einem selbst geblieben, aber zwischen dem ersten und zweiten Umschmelzen ist das Urteil untergetaucht in die objektiv geistige Tatsache oder die objektiv geistige Wesenheit, und man merkt: die Sache selber gibt einem mit dieser dritten Gestalt das Urteil, das eben eine Anschauung ist, zurück. Und jetzt erst fühlt man sich eigentlich gegenüber den geisteswissenschaftlichen Tatsachen berufen, Mitteilung von der Anschauung beziehungsweise dem Urteile zu machen. Mitteilung macht man erst dann, wenn man diese zweifache Umschmelzung vollzogen hat und dadurch die Gewißheit erhalten hat, daß dasjenige, was man erst angeschaut hat in der ersten Fassung, durch die Seele selber den Weg genommen hat zu den Tatsachen, zu den Dingen hin und von diesen wiederum zurückgekommen ist. Ja, ein Urteil, das abgegeben wird in gültiger Weise auf geisteswissenschaftlichem Gebiete, ein solches Urteil hat man erst geschickt zu den Tatsachen oder Wesenheiten, über die es sprechen will.
Sehen Sie, dem, was ich jetzt gesagt habe, wird man nicht fernestehen, wenn man über wesentliche und bedeutungsvolle geisteswissenschaftliche Tatsachen die Darstellungen richtig auffaßt. Wenn man freilich Zyklen so liest, wie man moderne Romane liest, dann wird man nicht aus der Fassung selber erkennen, daß das Wesentliche, der eigentliche Beweis in dieser zweimaligen Umschmelzung des Urteils liegt. Und man wird dann sagen, das sei eine Behauptung, das sei kein Beweis. Ja, ein anderer Beweis als das Erleben, aber das gewissenhafte Erleben nach zweimaliger Umschmelzung des Urteils, ein anderer Beweis kann für Geistiges nicht aufgezeigt werden. Denn das Beweisen des Geistigen besteht in einem Erleben. Das Begreifen nicht. Das Begreifen ist dem gesunden Menschenverstande nach einer hinlänglichen Darstellung überall zugänglich. Aber diese hinlängliche Darstellung muß die Möglichkeit geben, aus der Fassung der Sache eben dem gesunden Menschenverstande alle Anhaltspunkte zu liefern, damit er aus dieser Art der Darstellung sich überzeugen kann, daß durch das «Wie» des gegebenen Urteils seine Wahrheit verbürgt ist.
Es macht immer einen höchst eigentümlichen Eindruck, wenn Leute kommen und sagen: Geisteswissenschaftliche Wahrheiten sollen in derselben Weise bewiesen werden, wie etwa Behauptungen über äußerlich sinnliche Tatsachen. Menschen, die dies fordern, kennen eben noch gar nicht den Unterschied zwischen dem, was eine Anschauung auf dem geistigen Gebiet ist, und demjenigen, was eine Anschauung auf dem Sinnes- oder gewöhnlichen historischen Gebiete ist. Derjenige, welcher Anthroposophie kennenlernt, wird bemerken, wie die einzelne Wahrheit, die vertreten wird, sich in den Zusammenhang der ganzen Anthroposophie hineinstellt. Und er wird einfach in demjenigen, das er im Zusammenhang kennengelernt hat, eine Bekräftigung einer neuen Wahrheit finden, die er hört. Und wiederum: die neue Wahrheit wird zurückwirken auf dasjenige, was er schon gehört hat. Und so ist mit Anthroposophie bekannt werden ein fortwährendes Wachsen in der Überzeugung von der Wahrheit der Anthroposophie. Von einer mathematischen Wahrheit kann man im Augenblick überzeugt sein, aber sie hat deshalb auch kein Leben. Das Anthroposophische ist Leben, daher ist auch die Überzeugung nicht in einem Augenblick abgeschlossen, das heißt, sie lebt, sie vergrößert sich fortwährend. Ich möchte sagen, die anthroposophische Überzeugung ist zunächst ein Baby, wo man noch ganz unsicher ist, wo man fast nur einen Glauben hat oder nur einen Glauben hat; dann wächst sich diese Überzeugung, indem man immer mehr und mehr kennenlernt, allmählich auch immer sicherer und sicherer aus. Dieses Auswachsen der anthroposophischen Überzeugung ist eben ein Zeuge von ihrer inneren Lebendigkeit.
Und auch daran muß man erkennen, wie man nicht nur anderes empfindet und denkt auf anthroposophischem Felde als auf andern heute gebräuchlichen Gebieten, sondern wie man anders denken muß, anders empfinden, anders fühlen, anders gestimmt sein muß als auf andern Gebieten. In diesem Anders-Gestimmtsein liegt das Wesentliche des Verständnisses für Anthroposophie, und von diesem Gestimmtsein aus kann Anthroposophie, ich möchte sagen, ihre Kreise ziehen in die verschiedensten Gebiete des Lebens.
Das werden vor allen Dingen diejenigen zu berücksichtigen haben, die sich zum Beispiel als Wissenschafter in die anthroposophische Bewegung hineinbegeben haben. Als solche Wissenschafter sollten sie nicht nur anstreben, ein anderes Weltenbild zu entwerfen, als dasjenige ist, welches die sogenannte äußere Wissenschaft anstrebt, sondern sie sollten sich klar sein, daß sie vor allen Dingen das anthroposophische Gestimmtsein und innerlich Lebendigsein in die verschiedensten Wissenschaften hineinzutragen haben. Dann würden sie viel weniger in Polemik gegen die andern Wissenschaften geraten als vielmehr in ein Ausgestalten desjenigen an den andern Wissenschaften, was eben ohne Anthroposophie nicht ausgestaltet werden kann. Ich muß dies betonen in einer Zeit, in der wir in einer Krise der Anthroposophischen Gesellschaft leben, in einer Krise, die nicht zum wenigsten herbeigeführt wird durch das Verhalten wissenschaftlicher Kreise innerhalb der Anthroposophischen Gesellschaft. Ich muß es auch hier an dieser Stelle betonen, daß durch den Atomismusstreit in der «Drei» die naturwissenschaftliche Diskussion auf ein totes Geleise geführt worden ist. Denn so sollte dieser Streit, diese Diskussion niemals geführt werden, daß, ich möchte sagen, mit denselben Gedankenformen hinüber- und herübergeschlagen wird und unter Umständen mit dem Wichtigsten sogar der sogenannte Gegner noch Recht hat. Dasjenige, um was es sich heute handelt, ist, daß gerade zum Beispiel die physikalische Wissenschaft in ihren Tatsachen - wenn man sie nimmt, wie sie ist, ohne daß man wider sie polemisiert - gerade die allerwichtigste Grundlage gibt für die anthroposophische Auffassung, während das Polemisieren, ohne das Hineintragen des anthroposophischen Gestimmtseins, eben auf ein totes Geleise führt, wie es führen mußte und wie es geführt hat in der Polemik, die in der «Drei» entfaltet worden ist.
Ich möchte dieses auch aus dem andern prinzipiellen Grund hervorheben, damit ersichtlich wird, daß ich auch in dieser Beziehung durchaus sagen darf: Nicht mir darf man alles in die Schuhe schieben, was auf anthroposophischem Felde getan wird! Denn ich achte die Freiheit der Menschen - aber wenn irgend etwas zur Schädlichkeit führt, dann muß ich auch mein freies Urteil haben, dieses aussprechen zu können. Auf anthroposophischem Felde muß völlige Unabhängigkeit herrschen, nicht etwa irgendein Opportunismus und am wenigsten eine Kameraderie in dem Sinne, wie es sonst vielfach in der Behandlung von wissenschaftlichen Fragen sogar der Fall ist.
Nun, meine lieben Freunde, ich habe gesagt, man muß sich, wenn man Anthroposophisches ausspricht, immer klar sein darüber, daß wir im gegenwärtigen Zeitpunkte in der Entwickelung der Bewußtseinsseele leben, das heißt aber: Das Rationelle, das Intellektuelle ist die vorzüglichste Seelenverfassung der Menschen geworden. Wir urteilen eigentlich - die Anfänge davon liegen bei Anaxagoras im alten Griechenland — in der neueren Zeit so, daß wir alles, auch die Beobachtungsresultate, durchgehen lassen durch die Intellektualität. Und nehmen Sie das, was Sie heute als rationelle Wissenschaft haben, nehmen Sie die rationellsten Wissenschaften, die mathematischen, nehmen Sie aber auch dasjenige, was in den übrigen Wissenschaften durch den Rationalismus, der die Empirie bearbeitet, vorhanden ist, dann können Sie sich die Vorstellung bilden von dem eigentlichen Denkinhalt unserer Zeit. Aber dieser Denkinhalt unserer Zeit, wie ihn schon die kleinsten Kinder in der Schule aufnehmen - denn so ist es -, dieser Denkinhalt unserer Zeit ist, approximativ genommen, in einem bestimmten Zeitpunkte in der Entwickelung der Menschheit eingetreten. Wir können deutlich auf das erste Drittel des 15. Jahrhunderts hinweisen: da ist mit aller Deutlichkeit erst dieser Intellektualismus heraufgekommen. Früher haben die Menschen, auch wenn sie sogenanntes Wissenschaftliches gedacht haben, viel mehr in Bildern, welche die Wachstumskräfte der Dinge selber darstellten, gedacht, nicht in abstrakten Begriffen, wie wir das heute selbstverständlich tun müssen. Nun, diese abstrakten Begriffe, die uns innerlich zum reinen Denken erziehen, wovon ich gerade in meiner «Philosophie der Freiheit» gesprochen habe, diese abstrakten Begriffe, sie machen es möglich, daß wir freie Wesen werden. Als die Menschen noch nicht in Abstraktionen denken konnten, waren sie mit ihrer ganzen Seelenverfassung determiniert, abhängig. Frei können sich erst die Menschen entwickeln, nachdem sie innerlich durch nichts bestimmt sind, nachdem die moralischen Impulse — Sie können das nachlesen in meiner «Philosophie der Freiheit» - im reinen Denken erfaßt werden können. Reine Gedanken sind aber keine Realität, sondern sie sind Bilder. Bilder können uns nicht zwingen, wir selber müssen unser Handeln bestimmen; Bilder haben nichts Zwingendes. Die Menschheit hat sich auf der einen Seite zum abstrakten Gedanken, auf der andern Seite zur Freiheit entwickelt. Das habe ich von andern Gesichtspunkten aus öfter dargestellt.
Aber nun, bevor die Menschheit fortgeschritten war dazu, im Erdenleben den abstrakten Gedanken zu fassen, im Erdenleben durch dieselbe Fähigkeit, die den abstrakten Gedanken fassen kann, zur Freiheit zu kommen, wie war es denn damals mit ihr? Da hat die Menschheit im Leben auf der Erde zwischen der Geburt und dem Tode nicht abstrakte Gedanken gefaßt; selbst im alten Griechenland war das noch nicht möglich, geschweige denn in früheren Zeiten. Da hat die Menschheit durchaus in Bildern gedacht und war demgemäß auch nicht mit dem innerlichen Freiheitsbewußtsein ausgestattet, das eben heraufgezogen ist mit dem reinen, das ist abstrakten Gedanken. Der abstrakte Gedanke läßt uns kalt. Dasjenige, was uns der abstrakte Gedanke an moralischer Fähigkeit gibt, das macht uns im intensivsten Sinne warm, denn das stellt im höchsten Sinne unsere Menschenwürde dar.
Wie war es, bevor der abstrakte Gedanke mit der Freiheit über die Menschheit kam? Nun, Sie wissen, wenn der Mensch durch die Pforte des Todes geht, dann hat er in den ersten Tagen, nachdem er seinen physischen Leib verlassen hat, noch den ätherischen Leib an sich, und er hat wie in einer umfassenden Rückschau, nicht in Detailmalerei, aber in ausgleichenden universellen Bildern seinen ganzen Lebensgang, den er durchgemacht hat, soweit er sich zurückerinnert, vor sich. Dieses Lebenstableau hat der unmittelbar Verstorbene durch mehrere Tage vor sich als Bildinhalt. Ja, meine lieben Freunde, so ist es heute. In derjenigen Zeit, in der die Menschen hier auf der Erde Bildinhalt hatten, hatten sie unmittelbar nach dem Tode das, was der heutige Mensch erlebt, das Rationelle, die logische Erfassung der Welt, die sie zwischen Geburt und Tod nicht hatten, in der Rückschau vor sich. Das ist etwas, was uns im eminentesten Sinne hineinführt in das Verständnis der Menschenwesenheit. Dasjenige, was der Mensch einer älteren Geschichtsepoche sogar, nicht nur der Urzeit, erst nach dem Tode hatte: einen kurzen Rückblick in abstrakten Begriffen und den Impuls der Freiheit, der ihm dadurch dann blieb für das Leben zwischen dem Tode und einer neuen Geburt, das hat sich hereingeschoben während der Menschheitsentwickelung in das Erdenleben. Das gehört zu den Geheimnissen des Daseins, daß sich Übersinnliches fortwährend hereinschiebt in das Sinnliche. Was heute ausgedehnt ist über das Erdenleben, die Fähigkeit der Abstraktion und Freiheit, das war etwas, was bei einer älteren Menschheit nach dem Tode erst in den Menschenbesitz kam mit dieser Rückschau, während heute der Mensch während des Erdenlebens zwischen der Geburt und dem Tode die Rationalität, die Intellektualität und die Freiheit hat und daher eine bloße Bildrückschau nach dem Tode. So schieben sich die Dinge ineinander. Fortwährend schiebt sich real Konkret-Übersinnliches in das Sinnliche herein.
Daran können Sie ersehen, wie Anthroposophie, rein objektiv aus der Beobachtung des Geistigen, die Tatsachen holt, von denen sie spricht, wie nichts zunächst einfließt von subjektiver Willkür in die Behandlung dieser Tatsachen. Aber wenn wir diese Tatsachen haben, wirken sie nicht auf unser Gefühl, wirken sie nicht auf unsere Willensimpulse? Können wir bei Anthroposophie sagen, daß sie eine bloße Theorie sei? Wie theoretisch nimmt es sich aus, wenn wir bloß sagen, der Gegenwartsmensch ist der Mensch der Abstraktion und der Freiheit! Wie durchdrungen von künstlerischem Empfinden und religiöser Innigkeit wird es, wenn wir wissen lernen: Dasjenige, was uns als heutige Menschen in diesem Erdenleben die Freiheit und die Fähigkeit der Abstraktion gibt, das ist das, was durch die Pforte des Todes in entgegengeserzter Richtung von der, in welcher wir selbst gehen, wenn wir durch diese Pforte des Todes ziehen, aus himmlischen Welten in irdische hereingezogen ist. Wir ziehen durch das Tor des Todes hinaus in geistige Welten. Unsere Freiheit und unsere Abstraktionsfähigkeit ist ein himmlisches Geschenk, das hereingezogen ist in die irdischen Welten aus den übersinnlichen Welten. Das durchsetzt uns mit einem Erfühlen desjenigen, was wir als Menschen sind, indem es uns eben innig durchdringen kann mit dem Bewußtsein nicht nur, daß wir ein Geistiges in uns tragen, sondern woher wir dieses Geistige haben. Wir schauen hin auf den Tod und sagen: Was jenseits dieses Todes liegt, das hat eine ältere Menschheit in einer ganz bestimmten Weise nach dem Tode kennengelernt, es ist jetzt hereingezogen, und der Mensch der Gegenwart lernt es zwischen der Geburt und dem Tode kennen. —- Und indem so dieses Himmlische, die Intellektualität und die Freiheit, in das irdische Leben eingezogen ist, ist für die Menschheit ein anderes Aufblicken zur Göttlichkeit notwendig geworden, als das früher der Fall war. Und dieses andere Aufblicken zur Göttlichkeit ist für die Menschheit möglich geworden durch das Mysterium von Golgatha. Indem der Christus eingezogen ist in das irdische Leben, kann er heiligen dasjenige, was aus übersinnlichen Welten eingezogen ist und was sonst den Menschen zur Hoffart und zu allem möglichen verführen würde. In einer Zeit leben wir, wo wir einsehen müssen: Von dem Christus-Impuls muß durchdrungen werden dasjenige, was unser Heiligstes in diesem Zeitalter ist: die Fähigkeit, reine Begriffe zu fassen, und die Fähigkeit der Freiheit. Das Christentum ist nicht vollendet, das Christentum ist gerade dadurch groß, daß die einzelnen Entwickelungsimpulse der Menschheit nach und nach von diesem Christus-Impuls durchtränkt werden müssen. Der Mensch muß lernen, mit Christus rein zu denken, mit Christus ein freies Wesen zu sein, weil er sonst nicht in der rechten Weise dasjenige, was für ihn aus der übersinnlichen Welt in die sinnliche herübergezogen ist, im Zusammenhang mit der übersinnlichen Welt wahrnimmt. Hier stehen wir als Menschen, wenn wir auf uns selber schauen, und wissen als moderne Menschen: das Übersinnliche ist durch die Pforte des Todes in der Richtung entgegengesetzt jener, in der wir selber ziehen, wenn wir durch die Pforte des Todes gehen, in das irdische Leben hereingezogen. Das ist dasjenige, was in uns Menschen vor sich geht. Was in der Welt vor sich geht, ist, daß aus geistigen Höhen der Christus, die Geistsonne heruntergezogen ist in irdische Welten, damit dasjenige, was menschlich aus dem Übersinnlichen in das Sinnliche gezogen ist, sich finde mit dem, was kosmisch aus dem Übersinnlichen in das Sinnliche gezogen ist, auf daß der Mensch in der richtigen Weise sich zusammenfinde mit dem Geiste des Kosmos. Denn nur dann kann der Mensch in der richtigen Weise in der Welt stehen, wenn der Geist in ihm richtig den Geist außer ihm findet. Der Geist, der für die alte Menschheit jenseits des Todes gelebt hat, kann von der Menschheit der Gegenwart richtig nur in Besitz genommen werden im irdischen Leben, wenn der Mensch zugleich von demjenigen bestrahlt und beschienen wird, was als Christus auf die Erde herabgezogen ist aus jenen Welten, aus denen Rationalität und Intellektualität und Freiheit in das menschliche Leben zwischen Geburt und Tod herabgezogen sind.
So beginnt Anthroposophie überall mit Wissenschaft, belebt ihre Vorstellungen künstlerisch und endet mit religiöser Vertiefung; beginnt mit dem, was der Kopf erfassen kann, geht heran an dasjenige, was im weitesten Umfange das Wort gestalten kann, und endet mit dem, was das Herz mit Wärme durchtränkt und das Herz in die Sicherheit führt, auf daß des Menschen Seele sich finden könne zu allen Zeiten in seiner eigentlichen Heimat, im Geistesreich. So sollen wir auf dem Wege der Anthroposophie ausgehen lernen von der Erkenntnis, uns erheben zur Kunst und endigen in religiöser Innigkeit.
Daß man das heute nicht will, das schafft der Anthroposophie ihre Gegner. Diese Gegner haben manche Eigentümlichkeit. Ich habe Ihnen Ernstes vorgeführt, ich kann, weil es so nahe liegt, nicht mit Ernstem schließen, obwohl die Dinge ernster sind, als man gewöhnlich meint. Aber es soll schon der Kontrast recht oft vor unsere Seele treten zwischen dem Ernste wahren anthroposophischen Strebens und demjenigen, was unsere Mitwelt vielfach aus diesem anthroposophischen Streben macht. Da kommt manchmal allerdings etwas Groteskes, vielleicht, wenn wir nicht so nötig hätten, uns dagegen zu wehren, auch bloß Komisches heraus. Ich bin schon genötigt, manchmal auch auf die Außenwelt ein kleines Schlaglicht zu werfen, worüber sich dann jeder auch das seinige denken mag, und so will ich denn mit einer nicht ganz seriösen Bemerkung die heutige sehr seriös gemeinte Betrachtung schließen.
Es war vor einiger Zeit, da brachte mir unser lieber Freund Wachsmuth nach Dornach ein grobes Pamphlet gegen Anthroposophie und namentlich gegen mich und einige mir nahestehende Persönlichkeiten, und er sagte dazumal, er wolle mir dieses Buch nicht lassen, weil er mich nicht verletzen will mit der Zumutung, es zu lesen, denn es sei eine gröbere Mache als manche andere. Nun, ich habe das Buch auch nicht wieder zu Gesicht bekommen. Herr Wachsmuth hat es damals mitgenommen, und ich habe mich nicht weiter darum gekümmert. Dagegen fuhr ich gestern in Begleitung von Frau Dr. Steiner und Herrn Leinhas durch Freiburg; wir hielten uns dort ein wenig auf, saßen an einem Tisch. An einem Nachbartisch saßen zwei Herren, von denen einer [unklare Textstelle, siehe Hinweis auf S. 217]. Wir hatten uns nicht sonderlich für die Leute interessiert, sie gingen etwas früher weg als wir, und nachdem sie weggegangen waren, brachte mir der Kellner ein Buch, er solle es mir abgeben von den beiden Herren, die da gesessen haben. Herr Leinhas erkundigte sich, wer die Herren waren,und erfuhr, daß der eine Herr Werner von der Schulenburg war. Vor dem Titelblatt, auf dem Schurzblatt steht: «Beste Empfehlungen, der Verfasser».
Sehen Sie, meine lieben Freunde, das passiert einem auch. Man bekommt daraus vielleicht eine Vorstellung, welche Begriffe von Takt gegenwärtig - von allem übrigen abgesehen — unter denen, die sich als unsere Gegner aufspielen, herrschen. Ich habe ja in der letzten Zeit wirklich nicht die Möglichkeit gehabt, mich viel mit meinen Gegnern zu befassen; denn derjenige, welcher ein wenig meine Tätigkeit in der letzten Zeit verfolgt hat, wird gesehen haben, wie sehr ich damit beschäftigt war, manche neue Wahrheiten zu den alten hinzuzufügen. Und das braucht Zeit, die man sich nicht verderben lassen kann, selbst wenn das Gegnerische noch so wild wird. Denn es ist für die Erringung anthroposophischer Wahrheiten so, wie ich es heute im Laufe des Vortrages geschildert habe. Wird sich die Anthroposophische Gesellschaft von diesem Bewußtsein durchdringen, dann wird sie manches von der Kraft erhalten, die in der jetzigen Zeit notwendig sein wird zur Reorganisation dieser Gesellschaft. Und die, meine lieben Freunde, die ist gar sehr notwendig. Nehmen Sie mir nicht übel, wenn ich es Ihnen nachdrücklich auch heute noch einmal wiederhole.