Awakening to Community
GA 257 — 13 February 1923, Stuttgart
Vierter Vortrag
Die Entwickelung der Verhältnisse innerhalb der Anthroposophischen Gesellschaft lassen mir es doch wünschenswert erscheinen, auch heute abend wenigstens einige mit diesen Angelegenheiten zusammenhängende Probleme zu streifen. Es ist eigentlich niemals meine Absicht, auf die Entwickelungsbedingungen, die Organisation und dergleichen der Anthroposophischen Gesellschaft in Vorträgen einzugehen, da ich als meine Aufgabe betrachten muß, für die Anthroposophie selbst zu wirken, und gerne die Auseinandersetzungen über die Lebensbedingungen und die Entwickelungsfaktoren der Gesellschaft andern überlasse, welche da und dort die Leitung der Gesellschaft auf sich genommen haben. Nun hoffe ich aber, über das Thema, das ich vielleicht sonst heute hier behandelt hätte, gerade nächstens bei der Delegiertenversammlung ausführlicher sprechen zu können, und darf mir daher gestatten, aus der Notwendigkeit heraus, die zusammenhängt mit der Entwickelung eben der laufenden Angelegenheiten der Gesellschaft, heute einiges zu Ihnen zu sprechen in Ergänzung dessen, was ich vor acht Tagen über die drei Phasen der anthroposophischen Entwickelung hier vorzubringen mir erlaubt habe.
Ich möchte heute mehr über dasjenige sprechen, was nun wiederum diesen drei Phasen gemeinsam ist, deren Unterschied ich ja das letzte Mal zu charakterisieren versucht habe, wenn auch nur ganz skizzenhaft. Ich möchte ausgehen davon, wie eigentlich so etwas wie die Anthroposophische Gesellschaft zustande kommt. Es wird, wie ich glaube, das, was ich zu sagen haben werde, für manchen gerade als Vorbereitung zur angekündigten Delegiertenversammlung eine Art Hilfe zur anthroposophischen Selbsterkenntnis sein können. Gewiß ist auf der einen Seite für den, der die Entwickelung der Zivilisation und Kultur in der Gegenwart verfolgen kann, klar, daß die anthroposophische Vertiefung unseres Erkenntnislebens, unseres ethisch-praktischen und innerlich-religiösen Lebens eine Zeitnotwendigkeit ist. Aber auf der andern Seite ist so etwas wie die Anthrosophische Gesellschaft eine Art Vortrupp für das, was einfach aus der Notwendigkeit der Zeitverhältnisse heraus immer weitere Ausbreitung gewinnen muß. Und wie kommt dieser Vortrupp eigentlich zustande? Jeder wird vielleicht in dem, was ich zu sagen habe, wenn er in ehrlicher Weise an die Anthroposophische Gesellschaft herangekommen ist, ein Stück eigenen Schicksals darin erblicken. Im Grunde genommen, wenn wir die einbis zweiundzwanzig Jahre anthroposophischer Gesellschaftsentwickelung überblicken, so finden wir ganz gewiß, daß in der überwiegendsten Mehrzahl an die Anthroposophische Gesellschaft Menschen herankommen, die in irgendeiner Weise sich unbefriedigt fühlen von dem, was sie an geistigen, seelischen und auch äußerlich praktischen Lebensbedingungen umgibt in der äußeren Welt. Namentlich in den ersten, vielleicht sogar besseren Zeiten der Anthroposophischen Gesellschaft nicht im üblen Sinne ist das gemeint, sondern rein als Tatsache - ist schon etwas gewesen wie eine Art Flucht aus dem Gegenwartsleben in ein anderes Leben einer Menschengemeinschaft hinein, einer Menschengemeinschaft, wo auch ausgelebt werden kann dasjenige, was man aus der eigenen Seele heraus als das eigentlich Menschenwürdige empfindet. Dieses Sich-Entfremden gegenüber den äußeren, geistigen, seelischen und praktischen Lebensbedingungen muß man bei der Bildung der Anthroposophischen Gesellschaft durchaus ins Auge fassen. Denn diejenigen, die Anthroposophen wurden, sind ja zunächst Menschen, die eben das zuallererst empfinden, was ganz gewiß im Laufe einer verhältnismäßig gar nicht langen Zukunft Millionen und Millionen von Menschen recht deutlich empfinden und erleben werden: Es ist das Erleben, daß herkömmliche Formen, die sich durchaus nicht ungerechtfertigt, sondern mit historischer Notwendigkeit aus vergangenen Zeiten in die Gegenwart herauf gebildet haben, nicht mehr aus sich heraus das liefern, was der Mensch aus seinem Innenleben heraus heute fordert, fordert um seiner Menschenwürde willen, fordert deshalb, weil er nur durch diese Forderung ganz Mensch sein kann.
Wer unbefangen auf diese Dinge hinsieht, der wird namentlich bei einiger Selbstprüfung, wenn er eben ehrlich Anthroposoph geworden ist, finden, daß dieser Drang, in einer besonderen Menschengemeinschaft gegenüber den andern heutigen Menschengemeinschaften die Bedürfnisse seiner Seele zu befriedigen, wie etwas tief aus dem innersten Menschlichen Hervorquellendes ist, etwas, wovon man schon fühlen kann, daß es aus den ewigen Quellen alles Menschentums sich gerade in unserer Zeit an die Oberfläche der Seele heraufarbeitet. Und deshalb empfinden ja diejenigen, die ehrlich an Anthroposophie herangekommen sind, diesen Zusammenschluß mit einer anthroposophischen Gemeinschaft als wirkliche innere Herzensangelegenheit, als etwas, wovon sie, je ehrlicher sie sind, sich sagen, daß sie ohne ihn eigentlich doch nicht sein können. Nun müssen wir uns aber auch gestehen, daß aus der Deutlichkeit, aus der Klarheit - ich meine jetzt Klarheit im Fühlen, nicht-im Denken -, aus denen heraus dieser Anschluß an die anthroposophische Gemeinschaft entsteht, schon ersehen werden kann, wieviel in uns Unbefriedigendes für das Vollmenschliche in der heutigen äußeren Welt ist. Es würde ja der ehrliche Drang eines Menschen nicht mit jener Heftigkeit zur Anthroposophie hinneigen können, wenn nicht eben die Entfremdung mit den heutigen äußeren Verhältnissen, namentlich seelischer Art, so besonders stark wäre.
Aber sehen wir nach etwas anderem hin. Dasjenige, was ich bisher auseinandergesetzt habe, ist etwas, das man nennen könnte eine Umkehrung der menschlichen Willensimpulse. Wenn der Mensch so in eine gewisse Zeitepoche hineingeboren ist, wenn er hineinerzogen wird in eine bestimmte Zeitepoche, dann laufen ja zunächst seine Willensimpulse in die landläufigen, gewohnten Willensimpulse seiner Umgebung hinein. Der Mensch wächst auf, und er wächst, ohne daß sich innerlich viel in ihm regt, in die Willensrichtungen hinein, die auch die Willensrichtungen seiner Umgebung sind. Es muß sich schon in seinem Inneren, im tiefsten Herzen muß sich etwas regen, was innerlich gemüthaft Anstoß nimmt an den eigenen Willensrichtungen, die er sich durch eine gewisse Zeit seines Lebens gegeben hat nach den äußeren Lebensgewohnheiten seiner Umgebung, damit er die Willensrichtung, die sich eigentlich bis dahin nur veräußerlicht hat, nun nach innen wendet. Wenn er sie aber nach innen wendet, dann wird er durch diese Umwendung des Willens aufmerksam auf dasjenige, was eben, insbesondere in unserer heutigen Zeitepoche, wie aus ewigen Quellen der Menschenseele heraufquillt als ein Verlangen nach einem andern Sich-Hineinfügen in die Menschengemeinschaft, als es eben in den gewohnten Willensrichtungen liegt. Und alles, was mit dem Willen zusammenhängt, ist ja etwas Ethisches, ist etwas Moralisches, und so ist eigentlich wenigstens dem Willens- und Empfindungsimpuls nach dasjenige, was den Menschen in die Anthroposophische Gesellschaft hineintreibt, ein moralischer Impuls zunächst, ein ethischer Impuls. Und indem dann der Mensch sein heiligstes Inneres mit diesem ethischen Impuls berührt, indem er durch diesen ethischen Impuls herankommt an die ewigen Quellen seines seelischen Lebens, wird der ethische Impuls, der ihn in eine anthroposophische Gemeinschaft hineingetrieben hat, auch, ich möchte sagen, wie in seiner Fortsetzung ein religiöser Impuls. Und so wird eigentlich das, was sonst bei den Menschen sich betätigt in der Befolgung äußerer Sittengebote und Rechtsregeln und in der Befolgung der Lebensgewohnheiten, wodurch sie mehr oder weniger gedankenlos aufwachsen in der gewohnten Umgebung, es wird das, was in diesem Aufwachsen ethisch, moralisch, religiös ist, umgekehrt nach dem Inneren, und es wird das ein Streben nach moralisch-ethischer und religiöser Verinnerlichung. Aber der Mensch mit seiner vollen Menschlichkeit kann nicht ein bloß wollendes und etwa noch fühlendes Seelenleben entwickeln und dazu jede beliebige Erkenntnis hinnehmen.
Diejenigen Erkenntnisse, die wir heute schon, ich will nicht sagen mit der Muttermilch einsaugen, aber mindestens mit dem sechsten Lebensjahre als eine innere Seelentrainierung empfangen, welche sich dann immer weiter fortsetzt, alle diese Dinge, die unser Verstand, unsere Erkenntniskraft aufnimmt und die einen Gegenpol bilden müssen gegenüber dem Ethischen, Moralischen und Religiösen - aber einen solchen Gegenpol, der mit diesem Ethischen, Moralischen und Religiösen in Harmonie und Einklang ist -, alle diese Erkenntnisse sind ja nicht gleichgültig gegenüber dem religiösen Verinnerlichen des anthroposophischen Strebens. Gerade diejenige Lebensführung und Lebenspraxis, aus der der Anthroposoph moralisch, ethisch, religiös herauswill, sie ist ja diejenige Lebensführung und Lebenspraxis, die sich vorzugsweise in den letzten Jahrhunderten innerhalb der zivilisierten Menschheit heraufgebildet hat. Und eigentlich will der Anthroposoph, wenn er auch dann seine Kompromisse schließt, ja schließen muß mit demjenigen, was äußeres Leben ist, doch heraus aus dem, was die Menschheitszivilisation in den letzten Jahrhunderten heraufgebracht hat und was ja in die furchtbare Katastrophe der Gegenwart hineingeführt hat. Bei sehr vielen, die zur anthroposophischen Bewegung kommen, ist das gewiß mehr oder weniger instinktiv, allein es ist eben durchaus vorhanden.
Und nun seien wir uns doch klar darüber: Dasjenige, was sich als Wollensziele, als religiöse Impulse entwickelt hat im Laufe der letzten Jahrhunderte, das ist es ja, was auch hervorgebracht hat die ganze Richtung, die ganze Nuance des Erkenntnislebens der neueren Zeit. Nur wer in Vorurteilen befangen ist, steht ja heute in dem Erkenntnisleben so darinnen, daß er sagt: Wir haben eine objektive Physik, eine objektive Mathematik, eine objektive Chemie, streben nach einer objektiven Biologie und so weiter. - Das ist ein Vorurteil. In Wahrheit liegt die Sache so, daß dasjenige, was, wie gesagt, schon von seinem sechsten Lebensjahre ab heute den Menschen eintrainiert wird, doch das Ergebnis ist jener äußeren Willensformationen und religiösen Impulse, die sich in den letzten Jahrhunderten heraufgebildet haben. Wenn aber derjenige, der nach Anthroposophie strebt, heraus will aus diesen Willensimpulsen, ja auch aus dem, was sich in religiösen Formen als Krönung des moralischen Lebens abspielt, dann kann er auf der andern Seite nicht anders als auch nach einer Erkenntnis verlangen, welche entspricht nicht der Welt, die er verlassen will, sondern der Welt, die er suchen will. Das heißt, der Anthroposoph muß, da er seine Willensimpulse nach innen gewendet hat, auch nach einer Erkenntnisart streben, die diesem nach innen gewendeten Willen entspricht: also nach einer Erkenntnisart, die wegführt von jener äußerlichen Wissenschaft, die eben mit der Veräußerlichung des Lebens in den letzten Jahrhunderten innerhalb der zivilisierten Gebiete heraufgekommen ist. Und fühlen wird der Anthroposoph, wie er gedankenlos seinen Willen umwenden müßte, wenn er nicht zu gleicher Zeit seine Erkenntnis umwendete. Gedankenlos müßte er sein, wenn er sich nicht sagte: Ich fühle mich als Mensch fremd innerhalb derjenigen Lebensführung und Lebenspraxis, die da heraufgekommen ist, aber ich kann mich verwandt fühlen mit dem, was als Erkenntnis heraufgekommen ist. -— Die Erkenntnis, die sich die zu fliehende Welt erworben hat, kann auch nicht die befriedigende Erkenntnis für den die Willensimpulse umwendenden Menschen sein. Und dadurch kommt vielleicht wiederum mancher ganz instinktiv darauf, daß die Lebenspraxis, der er entfliehen will, ihre Form, ihre Gestalt gerade dadurch angenommen hat, daß sie nur noch glaubt an das, was äußerlich sichtbar und mit dem Verstande aus dem Sichtbaren zu kombinieren ist. Deshalb wendet sich der also Suchende nach demjenigen hin, was übersinnlichunsichtbar ist als Grundlage der Erkenntnis. Wie für eine veräußerlichte Lebensführung und Lebenspraxis eine nach dem Materialistischen hinschauende Wissenschaft das Entsprechende ist, so ist für den, der diese Lebensführung und Lebenspraxis nicht als das Vollmenschliche, sondern als das Untermenschliche ansehen muß, auch nicht das Rechte eine Wissenschaft, die ihren Glauben nur, ich möchte sagen, auf die andere Seite dieser Lebensführung und Lebenspraxis, auf das Äußerlich-Materielle und verstandesmäßig zu Erfassende richtet. Und so entsteht, nachdem der erste Akt im Seelendrama des Anthroposophen ein moralisch-religiöser war, der zweite Akt, der aber schon in dem ersten wie keimhaft darinnen liegt: der Drang nach der übersinnlichen Erkenntnis. Es bildet sich ganz von selbst heraus, daß die Hinnahme einer Botschaft von übersinnlicher Erkenntnis Inhalt einer Anthroposophischen Gesellschaft wird. Das alles, was in dieser Weise der Wille als sein Schicksal erfährt, was das Erkenntnisstreben als sein Suchen anerkennen muß, gliedert sich zusammen in Herz und Seele des Anthroposophen als ein Ganzes, als sein eigentlicher Lebens- und Menschenkern, und das alles bildet zusammen die Totalität seiner Gesinnung. Und mit dieser Gesinnung steht er dann zunächst innerhalb der Anthroposophischen Gesellschaft darinnen.
Aber nun betrachten wir die Lage, in die er dadurch versetzt ist, der anthroposophisch Gebildete. Er kann nicht ohne weiteres die äußere Lebensführung und Lebenspraxis verlassen. Er flüchtet sich zunächst in die Anthroposophische Gesellschaft hinein, aber die äußeren Lebensnotwendigkeiten bestehen, sie können nicht mit einem Schritt und einem Schlag verlassen werden. Und so entsteht ein Zwiespalt in der Seele des Anthroposophen mit Bezug auf sein äußeres Leben und mit Bezug auf dasjenige, das ihm als ein Glied der Anthroposophischen Gesellschaft ein Ideal des Lebens und ein Ideal des Erkennens wird. Dieser Zwiespalt kann, je nachdem der eine oder der andere eine tiefere oder oberflächlichere Natur ist, ein mehr oder weniger schmerzlicher, ja tragischer sein. Aber in diesem Schmerze, in dieser Tragik sind zugleich enthalten die wertvollsten Keime für dasjenige, was aufbauendes Leben in unserer niedergehenden Zivilisation sein muß. Schließlich wird alles das, was sich im Leben zur Blütenhaftigkeit, zur Fruchthaftigkeit entfaltet, dennoch aus Schmerzen und aus dem Leide geboren. Und vielleicht empfindet der am tiefsten die Mission der Anthroposophischen Gesellschaft, der das Hineinleben in diese Mission als sein Leid, als seinen Schmerz empfinden muß, wenn eben auch das eigentlich Kraftvolle in der Menschennatur allein darin bestehen kann, daß der Mensch die innerliche Macht findet, sich über Leid und Schmerz. so zu erheben, daß im Erleben, im Erfahren des Leides und des Schmerzes der Punkt erreicht werde, wo das Schmerzvolle, das Leidvolle zur Kraft des Lebens, zur bezwingenden Lebensmacht selber wird.
Und so, möchte ich sagen, besteht der Weg hin zur Anthroposophischen Gesellschaft zunächst in einer Umwendung des Willensimpulses, dann in einem Erleben der übersinnlichen Erkenntnis, dann aber im Miterleben des Zeitenschicksals, das Schicksal der eigenen Seele wird. Und man fühlt sich dann innerhalb der Menschheitsentwickelung darinnen gerade durch diese Umwendung des Willens, durch dieses Erfahren der Übersinnlichkeit alles Wahrheitswesens. Durch dieses Miterleben des eigentlichen Sinnes des Zeitalters fühlt man sich erst im vollen Sinne des Wortes als Mensch. Im Grunde genommen soll ja Anthroposophie nichts anderes sein als jene Sophia, das heißt jener Bewußtseinsinhalt, jenes innerlich Erlebte in der menschlichen Seelenverfassung, die den Menschen zum vollen Menschen macht. Nicht «Weisheit vom Menschen» ist die richtige Interpretation des Wortes Anthroposophie, sondern «Bewußtsein seines Menschentums»; das heißt, hinzielen sollen Willensumwendung, Erkenntniserfahrung, Miterleben des Zeitenschicksals dahin, der Seele eine Bewußtseinsrichtung, eine Sophia zu geben.
Das, was ich eben charakterisiert habe, es hat geführt zur ursprünglichen Entstehung der Anthroposophischen Gesellschaft. Diese ist ja nicht eigentlich begründet worden; sie ist ja entstanden. Durch irgendeine Agitation, wie sich das mancher vorstellt, kann man ja so etwas, was auf ehrlicher Innerlichkeit begründet ist, nicht machen. Anthroposophische Gesellschaft kann ja nur entstehen dadurch, daß Menschen da sind, die eine Veranlagung haben zu der charakterisierten Willensumwendung, zu solchem Erkenntnisleben und solchem Miterfahren des Zeitenschicksals, und daß dann von irgendwoher dasjenige erscheint, das in einer gewissen Weise entgegenkommt dem, was in den menschlichen Herzen lebt, die da sind. Aber solch ein Zusammenfinden von Menschen ist ja eigentlich erst in unserem Zeitalter, in dem Zeitalter der Bewußtseinsseelenentwickelung möglich und wird von allen denen nicht begriffen, die eigentlich noch gar nicht darinnenstehen in der Erfassung des Charakters der Bewußtseinsseelenentwickelung. So zum Beispiel konnte selbst von seiten eines Universitätsdozenten eine merkwürdige Behauptung auftreten, die Behauptung, daß sich einmal drei Menschen gefunden haben, die den Zentralvorstand der Anthroposophischen Gesellschaft bildeten. Und jenes Universitätsdozentengehirn - es ist besser, wenn man da spezialisiert nach den Körperteilen, denn Vollmenschlichkeit liegt diesen Dingen nicht zugrunde -, jenes Universitätsdozentengehirn fand heraus, daß man die Frage stellen müsse: Ja, wer hat denn die drei gewählt, woher haben sie denn ihr Mandat genommen? - Ja, wie kann denn etwas auf freiere Weise entstehen als dadurch, daß sich drei Menschen hinstellen und sagen: Das und das wollen wir; wer da will, schließt sich uns an, wer nicht will, eben nicht. — Das steht doch ganz gewiß jedem frei. Es gibt also nichts, was der Freiheit der Menschen mehr Rechnung trägt als diese Entstehung der Anthroposophischen Gesellschaft. Sie allein ist dem Bewußtseinszeitalter in der Menschheitsentwickelung angemessen. Aber man kann ja auch Universitätsdozent sein, ohne das Zeitalter der Bewußtseinsentwickelung erreicht zu haben; dann, nicht wahr, wird man dasjenige nicht begreifen, was im eminentesten Sinne nach der Freiheit hin tendiert.
Ich weiß, wie unangenehm es manchem immer war, wenn ab und zu nötig geworden ist, derlei Dinge doch zu besprechen, weil sie einfach da sind. Aber diese Dinge beleuchten ja dennoch dasjenige, was notwendig ist, damit die Lebensbedingungen der Anthroposophischen Gesellschaft erfüllt werden können. Weil aber der Anthroposoph zunächst in der äußeren Welt doch darinnen stehenbleiben muß, der er eigentlich nur, zunächst nur, mit seiner Seele entfliehen kann, deshalb entsteht, wie ich schon angedeutet habe, vom inneren Leide bis zur Tragik hin eine besondere Nuance des seelischen Erlebens. Dieses seelische Erleben wurde ja besonders stark durchgemacht bei der Entstehung der Anthroposophischen Gesellschaft. Aber von denen, die zur Anthroposophischen Gesellschaft später gekommen sind und die heute kommen, wird ja dasjenige, was, ich möchte sagen, andere schon vor Jahrzehnten oder vielleicht vor Jahren durchgemacht haben, immer wieder von neuem durchgemacht. Und mit diesem, im sozialen Leben der Anthroposophischen Gesellschaft ja Begründeten, hat natürlich die Anthroposophische Gesellschaft als mit einer ihrer Lebensbedingungen zu rechnen. Es ist ganz natürlich, daß, wenn die anthroposophische Entwickelung durch drei Phasen gegangen ist, diejenigen, die heute frisch an die anthroposophische Bewegung herankommen, mit ihren Herzen in der ersten Phase sind. Und viele Schwierigkeiten liegen eben darin, daß den führenden Persönlichkeiten der Anthroposophischen Gesellschaft eigentlich die Pflicht erwächst, in Einklang zu bringen dasjenige, was die drei Phasen nebeneinander sind: die erste, zweite und dritte. Sie sind ja nacheinander, und sie sind zu gleicher Zeit nebeneinander. Und noch dazu: Nacheinander sind sie zum Teil Erinnerung, Vergangenes; nebeneinander sind sie unmittelbares Leben der Gegenwart. Deshalb sind wirklich nicht theoretische Bedingungen oder doktrinäre Bedingungen notwendig für den, der zur Pflege des anthroposophischen Lebens etwas beitragen will, sondern es ist notwendig ein liebevolles Herz und ein offener Sinn für das ganze anthroposophische Leben. Wie man alt werden kann, indem man zugleich in der Seele mürrisch wird, indem man nicht nur äußerlich, sondern auch innerlich eine Glatze kriegt, indem man nicht nur äußerlich, sondern auch innerlich runzelig wird, so daß man gar keinen Sinn dafür hat, lebendig seine Jugend vor die Seele hinzustellen, um sie noch einmal zu durchleben und immer wieder und wiederum wie etwas unmittelbar Gegenwärtiges zu durchleben, so kann man auch 1919 in die Anthroposophische Gesellschaft hereinkommen und keinen Sinn haben für das Aufspriessende, Sprossende, Ursprüngliche der ersten Phase anthroposophischer Bewegung. Das muß man sich aneignen. Sonst fehlt einem für Anthroposophie das Herz, sonst fehlt einem für sie das Gemüt. Und man wird in der Pflege anthroposophischen Lebens, wenn man auch sonst noch so hochnasig hinsieht über alle Doktrinen und Theorien, darin wird man ein Doktrinär. Das ist erwas, was einem Lebensvollen, wie es die Anthroposophische Gesellschaft sein soll, im eminentesten Sinne schadet. Nun hat sich eben einfach in der dritten Phase der anthroposophischen Bewegung, von 1919 ab, ein merkwürdiger Konflikt ergeben. Ich will ihn heute nicht ethisch beurteilen; auch Gedankenlosigkeit ist ja ein Willensimpuls und im Grunde genommen ein ethischer Impuls, und wenn etwas aus Gedankenlosigkeit unterlassen worden ist, wenn aus Gedankenlosigkeit an die Stelle des festen Willens die Gschaftlhuberei vielfach getreten ist, so ist darin auch etwas Ethisch-Moralisches zu suchen. Aber von dem will ich heute weniger sprechen, möchte mehr sprechen von jenem Konflikt, in den dadurch die Anthroposophische Gesellschaft gekommen ist, der lange latent war, von dem aber heute ganz offen gesprochen werden muß.
Es war in den ersten Phasen der anthroposophischen Entwickelung so, daß wirklich der Anthroposoph zumeist sich in zwei Menschen spaltete. Er war, sagen wir, Bürochef oder irgend etwas anderes, wie man heute die Dinge nennt, nicht wahr, ging diesen Dingen nach, hatte seine Willensimpulse in denjenigen Bahnen laufen, welche nun einmal die äußeren Lebensbedingungen, die äußere Lebenspraxis heraufbrachten, die sich in den letzten Jahrhunderten entwickelt haben und die er eigentlich mit dem Innersten seiner Seele flieht. Aber er steckte da drinnen, steckte darin mit seinem Willen. Verkennen wir nicht: Der Wille ist mit all diesen Dingen im eminentesten Sinne verquickt. Mit dem, was man als Bürochef vom Morgen bis zum Abend verbringt, ist der Wille verquickt. Man braucht nicht Bürochef zu sein, man kann Schulmeister oder Professor sein, man denkt dann vielleicht; aber in diesem Denken, insofern dieses Denken im äußeren Leben darinnen steht, fließt das auch in den Willensimpuls. Also der Wille ist eigentlich doch da draußen geblieben, und gerade weil die Seele der eigenen Willensrichtung entfliehen wollte, ging sie mit Gefühl und Gedanke in die Anthroposophische Gesellschaft hinein. Nun war auf der einen Seite der Willensmensch und auf der andern Seite der Empfindungs- und Gedankenmensch. Darinnen fühlten sich sogar manche außerordentlich glücklich; denn, wie sehr lobten es sich manche kleine sektiererischen Zirkel, wenn sie sich zusammensetzen konnten, nachdem sie ja ihren Willensmenschen also in den allergewöhnlichsten Lebensströmungen betätigt hatten, wenn sie sich dann niedersetzen konnten und «Gedanken aussandten, gute Gedanken aussandten». Man bildete solche Zirkel, schickte seine Gedanken aus, gute Gedanken, man floh aus dem äußeren Leben in das Leben, das nur, ich sage nicht unreal ist, aber das nur in Empfindungen und Gedanken lebt. Man spaltete sich wirklich entzwei in einen, der ins Büro ging oder auf den Katheder stieg, und in den andern, der in den anthroposophischen Zweig ging und dort ein ganz anderes Leben führte. Als aber der Drang in einer Anzahl von Leuten entstand, aus dem anthroposophischen Fühlen und Denken heraus etwas Lebenskräftiges durch den Willen zu begründen, da mußte man den Willen mit hereinnehmen in die Totalität des Menschen. Da entstanden die Konflikte. Man kann sich verhältnismäßig leicht trainieren, gute Gedanken auszusenden, damit jemand, von dem man weiß, er macht eine Gebirgspartie, bei dieser Gebirgspartie sich nicht die Beine bricht. Aber diese guten Gedanken nun auch in den Willen hineinzusenden, der etwas unmittelbar Äußeres, Materielles macht, so daß dieses Materielle selbst von einem Geistigen durchdrungen wird durch die Kraft des Menschen, das ist das Schwierige. Und daran scheiterte eben vieles in der Entwickelung der dritten Phase der Anthroposophischen Gesellschaft. Denn weder an Intelligenzen noch an Genies fehlte es - ich sage das ganz ehrlich und aufrichtig —, aber an dem Hineingießen von Genie und Intelligenz in die Straffheit und Strammheit des Willens, da fehlte es.
Betrachten Sie die Sache nur so recht, ich möchte sagen, vom Gesichtspunkte des Herzens; welch ein Unterschied! Denken Sie, man hat ein äußeres Leben, mit dem man herzlich unzufrieden sein kann. Herzlich unzufrieden kann man ja sein, nicht nur aus dem Grunde, weil einen andere Menschen quälen, weil die Dinge unvollkommen sind, sondern weil das Leben überhaupt nicht alles ganz leicht macht. Nicht wahr, das Leben ist nicht immer ein sanftes Ruhekissen. Leben heißt ja doch arbeiten. Und da hat man nun dieses Leben und auf der andern Seite die Anthroposophische Gesellschaft. Dann geht man in die Anthroposophische Gesellschaft: man trägt durch die Tür die Unzufriedenheit hinein. Da drinnen ist man als empfindender und denkender Mensch zufrieden, weil man wirklich dasjenige hat, was einem das mit Recht unzufrieden machende äußere Leben nicht gibt. Man hat es nun in der Anthroposophischen Gesellschaft. Man hat sogar das Gute, daß da drinnen, währenddem sich sonst die Gedanken hart im Raume an der Ohnmacht des Willens stoßen, sie ganz leicht fliegen, wenn man von den Zirkeln gute Gedanken ausschickt, damit eben die Menschen sich nicht die Beine brechen bei den Bergpartien. Da gehen sie ganz leicht hin, die Gedanken, in alle Welt; da kann man zufrieden sein. Das befriedigt einen dann über das äußere Leben, das einem mit Recht Unbefriedigtheit gibt.
Nun, und jetzt kommt die Anthroposophische Gesellschaft und begründet selbst Dinge, wo man mit seinem Willen darin ist. Man soll nun nicht bloß Bürochef draußen sein, und dann in die Anthroposophische Gesellschaft gehen und über das Bürocheftum draußen unzufrieden sein können - ich sage nicht, schimpfen können, obwohl das vielleicht auch vorkommen kann -, sondern man soll in der Gesellschaft nun beides darinnen haben, und nun soll man nicht mit der Nuance der Unbefriedigtheit, sondern mit der Nuance der Befriedigtheit darinnen leben. Das ist erforderlich, wenn die Anthroposophische Gesellschaft zur Tat übergehen wollte, und das hat sie gewollt seit 1919. Und dann entsteht etwas sehr Merkwürdiges, was vielleicht nur in der Anthroposophischen Gesellschaft bemerkt werden kann: dann entsteht dieses Merkwürdige, daß man nicht mehr weiß, was man mit jener Portion von Unzufriedenheit machen soll, die schon einmal der Mensch gern haben möchte. Denn man kann doch nicht der Anthroposophischen Gesellschaft selber zuschreiben, daß sie einen unzufrieden macht! Aber dabei bleibt es nicht, man tut es nachher doch, schreibt ihr die Gründe für die Unzufriedenheit zu. Dasjenige aber, was da entstehen sollte, das ist eben jene innere Stufe der menschlichen Entwickelung, die es wirklich bringt von Gedanke und Empfindung zum Willen. Und wird der anthroposophische Weg in Richtigkeit gegangen, dann wird diese Stufe erreicht, dann gelangt man von Gedanke und Empfindung zum Willen. Überall sehen Sie in demjenigen, was in «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» gesagt ist, daß keine Gedankenentwickelung dort angestrebt wird, in der nicht zu gleicher Zeit eine Willensentwickelung liegt.
Aber die moderne Menschheit leidet eigentlich an zwei Übeln, an jenen beiden Übeln, die in der Anthroposophischen Gesellschaft überwunden werden müssen. Das eine ist die Furcht vor dem Übersinnlichen, denn diese Furcht, diese Angst vor dem Übersinnlichen ist es ja, was uneingestanden aller Gegnerschaft gegenüber der anthroposophischen Bewegung zugrunde liegt. Es ist in Wirklichkeit eine Art Wasserscheu bei den Gegnern vorhanden. Sie wissen ja, daß sich die Wasserscheu auch noch in einer andern Form impulsmäßig äußert, und daher braucht man sich auch nicht zu wundern, daß jene Wasserscheu, die ich jetzt meine, sich auch manchmal wutartig zum Ausdruck bringt. Manchmal sind sie übrigens auch harmlos, die Dinge. Für manche ist Anthroposophie heute ein gutes Mittel, um Bücher zu schreiben, mit denen man auch etwas verdienen kann oder durch die man auch in einem Bücherverzeichnis darin steht, denn die Leute brauchen Themen, und nicht alle haben Themen, sie müssen das von der Außenwelt nehmen. Also manchmal sind die Sachen in ihren Motiven harmloser, als man denkt. Sie sind nur in ihren Wirkungen nicht harmlos genug.
Dasjenige, was die Menschheit heute auf der einen Seite hat, ist Furcht vor der übersinnlichen Erkenntnis; sie gestaltet das zu einer Maske um, zu Logik der Forschung. Diese Logik der Forschung mit ihren Erkenntnisgrenzen ist nämlich in Wirklichkeit nichts anderes als das direkte Erbe des alten Sündenfalls; nur daß die Alten ihren Sündenfall so aufgefaßt haben, daß man sich über die Sünde erheben muß. In der nachscholastischen Zeit ist die Erkenntnis durchaus noch angefressen von dem Glauben an den Sündenfall. Während früher auf dem moralischen Gebiete der Sündenfall gesehen worden ist so, daß der Mensch von Natur aus böse ist, daß er über seine Natur heraus muß, drückt es sich auf intellektualistischem Gebiete so aus, daß der Mensch auf dem gegebenen Bereiche das Übersinnliche nicht erreicht, daß er aus sich nicht heraus kann. Daß er diese Erkenntnisgrenze anerkennen will, ist nichts anderes als Erbschaft vom Sündenfall, nur daß man in den besseren Zeiten gestrebt hat, über die Sünde hinauszukommen, und der hochmütige moderne Mensch in der Sünde der Erkenntnis verbleiben will, geradezu diktiert: Ich mag nicht über die Sünde hinaus, ich liebe den Teufel, ich möchte ihn wenigstens lieben.
Das ist die eine Seite. Die andere Seite ist, trotz mancher Äußerungen des Willens, die aber eigentlich vielfach Maskierungen sind, die Willensschwäche und innere Willenslähmung des modernen Menschen. Und ich möchte sagen, diese beiden verhängnisvollen Eigenschaften der modernen Zivilisation und Kultur, die müssen gerade bei dem anthroposophischen Leben überwunden werden. Und soll das anthroposophische Leben praktisch werden, dann ist es eben notwendig, daß aus einer furchtlosen Erkenntnis und aus dem starken Willen heraus die Lebenspraxis geboren würde. Aber das setzt voraus, daß man eben lerne, auf anthroposophische Art mit der Welt zu leben. Vorher hat man gelernt, zunächst anthroposophisch zu leben, indem man die Welt flieht. Aber man muß auch auf anthroposophische Art mit der Welt leben lernen, hinaustragen in die Welt, in das alltägliche Leben, in die gewöhnliche Lebenspraxis den anthroposophischen Impuls. Man muß also tatsächlich den Menschen, den man gespalten hat in einen Anthroposophen und in einen Praktiker, wiederum vereinigen in eine einheitliche Menschenwesenheit. Und das erreicht man nie und nimmer, wenn irgendwo als anthroposophisches Leben Platz greift ein Leben, wie wenn man eigentlich abgeschlossen, von hohen Festungsmauern umgeben wäre, über die man nicht hinaussieht. Das muß in der Anthroposophischen Gesellschaft überwunden werden. Man muß sich offene Augen aneignen für dasjenige, was in der Umgebung, in der übrigen Welt geschieht, dann wird man auch zu den rechten Willensimpulsen kommen. Aber gerade in der Zeit, in der Anthroposophie als solche ihre dritte Phase erlangt hat - ich habe Ihnen dieses auch das letzte Mal charakterisiert -, ist die Anthroposophische Gesellschaft vielfach zurückgeblieben hinter dem anthroposophischen Leben, dadurch zurückgeblieben, daß eben der Wille nicht mitkonnte. Weil es notwendig war, die früher da und dort führenden Persönlichkeiten zusammenzurufen für die verschiedenen Begründungen, wurde es vielfach so, daß derjenige, der ein ausgezeichneter Waldorfschul-Lehrer sein konnte, der den Horizont des Waldorfschul-Lehrers sich aneignete - ein schlechter Anthroposoph wurde. Gegen die einzelne Institution ist nicht das geringste einzuwenden, die Waldorfschule wird heute von der Welt beachtet, nicht bloß von der nächsten Umgebung; man darf wohl in aller Bescheidenheit sagen: mit Recht wird nichts eingewendet gegen die einzelne Institution, oder wenigstens gehört die Kritik auf ein ganz anderes Blatt. Man kann eben ein ausgezeichneter Waldorfschul-Lehrer sein und ein schlechter Anthroposoph, man kann ein ausgezeichneter Arbeiter in irgendeiner andern Unternehmung sein und ein schlechter Anthroposoph. Das ist es aber, um was es sich handelt: daß doch alle die einzelnen Unternehmungen herausgewachsen sind aus dem Mutterboden der Anthroposophie und man dessen eingedenk bleiben muß, daß man vor allen Dingen wirklich Anthroposoph bleiben muß, daß man dieses Zentrum nicht verleugnen darf, nicht verleugnen darf als Waldorfschul-Lehrer, nicht verleugnen darf als Mitarbeiter des Kommenden Tages, nicht verleugnen darf als Forscher, nicht verleugnen darf als Mediziner, daß man niemals auch nur im Entferntesten auf die Gesinnung kommen soll, zu sagen: Ich habe für die allgemeinen anthroposophischen Angelegenheiten keine Zeit. Sonst könnte zwar eine Zeitlang in jeder dieser Unternehmungen Leben sein, weil die Anthroposophie als solche wirklich Leben enthält und geben kann, aber es könnte dieses Leben nicht auf die Dauer unterhalten werden. Es würde versiegen auch für die einzelnen Unternehmungen.
Von einer unsachlichen Gegnerschaft, für die bezeichnend ist, daß sie eigentlich überall sucht, nicht an die Sache der Anthroposophie heranzukommen, sondern fragt: Wie ist das Anthroposophische gewonnen, wie ist es eigentlich mit dem Hellsehen, wie steht das, wie steht das, trinkt der Kaffee oder trinkt der Milch oder dergleichen - abgesehen von diesen Dingen, die mit der Sache nichts zu tun haben, aber vielfach, nicht wahr, das Gerede bilden, wird dann, wenn man den Sinn dafür hat, der Anthroposophie eben den Garaus zu machen, zur Verleumdung gegriffen, und dann stellen sich selbst solche Erscheinungen heraus, die jetzt in der Welt vielfach auftreten, die eigentlich noch vor ganz kurzer Zeit, als die Zivilisation nicht ihren Tiefpunkt erreicht hatte, unmöglich waren, die aber heute möglich geworden sind! Ich will das alles des näheren nicht bezeichnen, sondern möchte das den andern überlassen, denen ja auch das Schicksal der Anthroposophischen Gesellschaft auf dem Herzen liegen muß. Aber ich wollte diese Dinge heute noch zu Ihnen sprechen, da ich noch einmal Gelegenheit ich könnte auch sagen Ungelegenheit — gehabt habe, hier zu sein. Vom Standpunkte der Dornacher Arbeit aus ist es eine Ungelegenheit, vom Standpunkte der hiesigen Arbeit ist es eine freudige Gelegenheit, die Dinge haben immer zwei Seiten, in Dornach ist meine Anwesenheit sehr nötig; aber da ich heute noch einmal mit Ihnen zu meiner tiefen Befriedigung sprechen konnte, möchte ich sagen: Das ist es, was jetzt notwendig ist, daß man anthroposophisch fühlen und empfinden lernt, daß man lernt, die Anthroposophie im Herzen pulsieren fühlen. Das kann nicht in mystischer Nebulosität geschehen, das kann nur in voller Klarheit geschehen. Denn die Anthroposophie verträgt das Licht. Andere Dinge, die sich auch ähnlich charakterisieren in der Welt, vertragen eben nicht das Licht; die vertragen nur die Dunkelheit des Sektiererischen. Anthroposophie verträgt das volle Licht, kann mit dem Herzen, mit der innigsten Herzenswärme in das volle Licht gehen, hat sich nicht zu scheuen vor diesem vollen Licht. Die wesenlosen persönlichen - und das geht ja weit, so daß man manchmal das Persönliche daran nicht erkennen kann -, die wesenlosen persönlichen Verleumdungen können ja gewiß als das, was sie sind, hingestellt werden. Aber gegenüber ehrlicher Gegnerschaft kann Anthroposophie überall kommen mit dem, was eben möglich ist auf dem Boden einer sachlichen Auseinandersetzung. Aber sachliche Auseinandersetzung fordert, daß man eingehe auf die Erkenntnismethoden der Anthroposophie. Und will einer sich sachlich auseinandersetzen, so kann er das gar nicht tun, bevor er sich nicht einläßt auf die Erkenntnismethoden. Dem Gemüt, dem Herzen nach, dem gesunden Menschenverstande nach kann jeder Anthroposophie aufnehmen. Diskutieren über Anthroposophie kann derjenige nicht, der sich von vornherein prinzipiell nicht auf ihre Erkenntnismethoden einlassen will, der nicht weiß, wie ihre Erkenntnismethoden sind. Experimentieren und Experimente kombinieren, dazu ist keine innere Entwickelung notwendig, dazu ist nur äußere Trainierung notwendig, das kann jeder. Aber es darf nicht derjenige, der nur dieses kann, diskutieren wollen über Anthroposophie, wenn er sich nicht auf deren Erkenntnismethoden einläßt. Das aber wiederum lehnen die Bequemlinge von heute ab, die eben den Menschen in seiner Vollkommenheit dogmatisch hinstellen und von einer Entwickelung überhaupt nichts wissen wollen. Aber weder die Wahrheit noch die Güte enthüllt sich dem Menschen, ohne daß er aus seiner innersten Freiheit etwas dazu tut. Weiß man, welche Impulse notwendig sind innerhalb der Anthroposophischen Gesellschaft, um mit rechtem Herzen darin zu stehen, mit dem rechten Herzen ihre Angelegenheiten zu führen, weiß man die Motive der Gegner in der richtigen Weise einzuschätzen, so wird man, wenn man guten Willen hat, die Kraft aufbringen, die heute aufzubringen notwendig ist, wenn eben gesund durch dasjenige hindurchgegangen werden soll, was Ihnen, bevor ich gesprochen habe, hier angekündigt worden ist als auch im Willen der Anthroposophischen Gesellschaft selbst gelegen.