The Fateful Year of 1923
GA 259 — 1 January 1923, Dornach
Vor dem Abendvortrag
Meine lieben Freunde! Schon heute nachmittag erlaubte ich mir hier zu sagen, wie Ja der tiefste Schmerz nicht nach Worten suchen kann, um sich auszudrücken. Insbesondere dann aber ist es vielleicht nicht notwendig, nach Worten zu suchen, wenn dieser Schmerz, wie es ja hier der Fall ist, tief miterlebt wird. Ich brauche ja auch hier nur zu sagen, was ich schon heute nachmittag bei anderem Anlasse gesagt habe: daß aus diesem Schmerz heraus wirklich der innige Dank kommt an die zehnjährige Arbeit, welche hier unsere lieben Freunde in harmonischem Zusammenarbeiten geleistet haben zu einem idealen Werke, einem Werke, dessen Bestimmung ja hier des öfteren auseinandergesetzt worden ist. Und wenn daran gedacht wird, in welch hingebender Weise unsere Freunde gestern gearbeitet haben, um die ja leider nicht zu erringende Rettung der Sache zu bewirken, dann darf wohl dasjenige, was mit diesem nun zugrunde gegangenen Goetheanum verbunden ist, in die Worte gefaßt werden: Seine Freunde haben es in Liebe geboren, in Liebe heranwachsen sehen, aber nun auch in Liebe sterben sehen müssen. Der innige Dank selbstverständlich muß allen denjenigen Freunden ausgesprochen werden, die gestern in so hingebungsvoller Weise gearbeitet haben.
Aber vielleicht darf doch bei dieser Gelegenheit in Einleitung meines heutigen Vortrages etwas gesagt werden. Vielleicht darf ich daran erinnern, wie ich in einem Vortrage, den ich hier am 23. Januar 1921 gehalten habe, darauf hinweisen mußte, welche Formen des Hasses, der Verleumdung, die Gegnerschaft gegen das Goetheanum angenommen hat und daß von dieser Gegnerschaft doch alles zu erwarten ist [fin GA 203].
Nun, meine lieben Freunde, selbstverständlich ist es in dieser Stunde durchaus nicht meine Absicht, irgendwie auf dasjenige, was dazumal oder sonst gesagt worden ist, zurückzukommen und wiederum viel darüber zu sprechen. Aber vielleicht dürfen wir doch zwei Dinge heute zusammenhalten: Das eine ist, daß ja gestern um die zehnte Stunde herum, eine halbe Stunde nach Beendigung meines letzten Vortrages in dem gewesenen Goetheanum, gemeldet worden ist: Rauch im weißen Saal! - Daraufhin eilten ja unsere Freunde, unter ihnen Herr Aisenpreis und Herr Schleutermann, über die Treppen des Südflügels hinauf, und Herr Schleutermann hat sich dabei gesundheitlich sehr angegriffen, so daß er dann, als ich auf den Brandplatz kam, ohnmächtig gefunden worden ist. Herr Schleutermann war also derjenige, der in den qualmenden Saal hineinkam, von dem Rauch einen Erstickungsanfall bekam. Herr Aisenpreis ging dann die Treppen herunter und sah nach in den Zimmern, die zwei Treppen tiefer liegen, und konnte dort konstatieren, wie überhaupt das Feuer angelegt worden ist: Als die auf die Terrasse nach außen führende Wand eingeschlagen wurde, kamen aus der Konstruktion, also aus dem Innern der Wand, die Flammen heraus. Da in den Zimmern, die dabei in Betracht kamen, kein Feuer war, auch keine Gelegenheit, daß dort Feuer hätte entstehen können, so war es klar oder ist es klar, daß von den Zimmern, an deren Außenwand nach der Terrasse hin das Feuer aufgelodert ist - daß von diesen Zimmern und überhaupt vom Innern des Goetheanum aus das Feuer ja nicht hat kommen können. Daher weisen alle Indizien darauf hin, daß das Feuer von außen gekommen ist. Es muß also durchaus indizienmäßig eine Brandstiftung angenommen werden.
Nun, mit dem möchte ich zusammenhalten dasjenige, was ich gesagt habe in jenem Vortrag vom 23. Januar 1921 [GA 203], wo ich hingewiesen habe auf die Broschüre einer Astrologin - ich glaube, sie heißt Elsbeth Ebertin -, die aus allerlei von ihr zusammengeträumten Gestirneinflüssen mir alles mögliche Schlimme prophezeite. Ich habe dazumal, und zwar in vollem Ernste den Ausspruch getan: Mit den Gestirneinflüssen wird es sich schon dabei bewenden lassen, daß man den Kampf wird aufzunehmen haben. — Aber in dieser Broschüre, die ja nicht einmal unfreundlich geschrieben war, wenn auch nicht besonders klug, fand sich eine Mitteilung aus einer Veröffentlichung, welche gegen das Goetheanum gerichtet war, die von der Astrologin zur Kenntnis genommen worden war. Und dieser Mitteilung in der astrologischen Broschüre konnte ich dazumal die folgenden Worte entnehmen. — Sehen Sie, ein besonders haßerfüllter Gegner wird hier angeführt, der folgendes sagt: «Geistige Feuerfunken, die Blitzen gleich nach der hölzernen Mäusefalle zischen, sind also genügend vorhanden, und es wird schon einiger Klugheit Steiners bedürfen, versöhnend zu wirken, damit nicht eines Tages ein richtiger Feuerfunke der Dornacher Herrlichkeit ein unrühmliches Ende bereitet.»
Vielleicht darf ja in diesem Zusammenhange auch wieder einmal jene Versammlung erwähnt werden, die ja hier in der Umgebung gehalten worden ist, in der ein Redner die Worte gebraucht hat, die er an «Jung-Solothurn» richtete: «Schare dich zusammen! Stürme auf das Goetheanum!» — Das schließt sich an dasjenige an, was ich eben dazumal mitteilen mußte darüber, wie ja tatsächlich in der Welt der Gegner davon gesprochen wurde, daß, wenn es nicht mit irgendeiner Klugheit abgemacht würde, die versöhnend wirkt, so würde eines Tages ein richtiger Feuerfunke der Dornacher Herrlichkeit ein unrühmliches Ende bereiten.
Ich möchte nur diese zwei Tatsachen, jene, die sich gestern zugetragen hat, und jene, die ich dazumal so erleben mußte, heute wiederum zusammenstellen als gewissermaßen historische Tatsachen, ohne in diesem Augenblick irgendeinen Zusammenhang selbstverständlich behaupten zu wollen. Aber es darf doch vielleicht auf dieses merkwürdige Zusammentreffen hingewiesen werden — so daß schließlich nicht anders gesagt werden kann als: Der Brand ist von außen gekommen — und auf die Aufforderung oder das Voraussehen, die dazumal fielen: daß der Feuerfunke der Dornacher Herrlichkeit ein unrühmliches Ende bereiten könne. Jedenfalls mußte dazumal auf eine Eventualität hingewiesen werden, die einmal, wie man annehmen mußte, Wirklichkeit werden könne.
Meine lieben Freunde! Ich habe schon heute nachmittag gesagt: In dem, was uns noch von unseren Dornacher Räumlichkeiten geblieben ist, sollen stattfinden die angekündigten Vorträge und sonstigen Handlungen, sonstigen Vorführungen und dergleichen für unsere Freunde, welche zum Teil von recht weit hergeeilt sind, um anderes hier zu erleben als die Vernichtung des Goetheanum. Um sie unseren Freunden bieten zu können, müssen wir eben - gerade in diesen Tagen — daran denken, daß wir aus dem Schmerze heraus die Kraft finden müssen, an unserem Ziele, an dem, was wir so tief in der Entwicklungsgeschichte der Menschheit begründet finden, um so intensiver und energischer zu arbeiten.