The Fateful Year of 1923
GA 259 — 22 January 1923, Stuttgart
Sitzung mit dem erweiterten Dreissigerkreis
Vor der Sitzung hatte eine Zweigversammlung stattgefunden, in der Bericht erstattet wurde über die Dornacher Vorträge Rudolf Steiners vom 30. und 31. Dezember 1922 über die Stellung zur religiösen Erneuerungsbewegung. Dr. Carl Unger hatte Rudolf Steiners Ansprache vom 6. Januar (in diesem Band siehe Seite 73) referiert und erklärt, indem er von der Kritik gesprochen hatte, die an der Stuttgarter Arbeit geübt wird, daß er kein Hindernis für den Fortgang der anthroposophischen Arbeit sein wolle. Eine Diskussion über die Möglichkeit, die Ursache der gerügten Unmethoden zu erkennen und zu bekämpfen, wurde auf den nächsten Zweigabend angesetzt.
Nun fand anschließend die von Rudolf Steiner gewünschte erweiterte Dreißigerkreissitzung mit ca. 60 Teilnehmern statt.
Dr. Steiner: Nach einer fast zehnjährigen Arbeit und nach ebenso langen Sorgen ist uns das Goetheanum zugrunde gegangen, und ich brauche Ihnen ja hier den Schmerz über diesen Untergang nicht zu schildern, schon aus dem Grunde, weil ja großer Schmerz nicht eigentlich in Worten auszusprechen ist. Aber ein paar Worte möchte ich auch heute vor diesen Verhandlungen sprechen.
Es muß gesagt werden, daß mit der Absicht, das Goetheanum zu bauen, die Anthroposophische Gesellschaft, aus deren Mitte dieser Bau hervorgegangen ist, eine andere Gestalt angenommen hat, als sie früher hatte. Der Bau war ein Mittel, zur heutigen Welt im allgemeinen zu sprechen. Er war ein zunächst vor diese Welt tretender; und es mußte darauf gesehen werden, den Bau in solchen Formen aufzuführen, daß tatsächlich durch diese Bauformen heute zur ganzen Welt gesprochen werden kann. Und das ist ja durch den Bau in einem gewissen Sinne geschehen. Damit war, ich möchte sagen, eigentlich erst die richtige Möglichkeit gegeben, herauszureißen die anthroposophische Bewegung aus einem sektiererischen Wesen und ihr jene Bedeutung zu geben, von der janach dem Wesen der Sache seit ihrem Beginn immer wiederum gesprochen werden mußte.
Nun kann heute natürlich kaum ein richtiges Wort über die furchtbare Dornacher Katastrophe zustande kommen, wenn nicht aus tieferen Untergründen heraus über sie gesprochen wird. Das aber kann ja nicht sein. Es ist in der letzten Zeit ja fast ganz unmöglich geworden, daß innerhalb auch nur der engsten Kreise in der Anthroposophischen Gesellschaft irgend etwas von mir gesprochen wird, was uns nicht in sehr kurzer Zeit von den Gegnern in einer verkehrten Weise wieder entgegentönt. Über tiefere Angelegenheiten esoterisch zu sprechen ist ja heute deshalb unmöglich geworden, weil die Worte eben nicht innerhalb der Kreise bleiben, in denen sie gesprochen werden. Und so muß ich sagen, daß es ja— abgesehen davon, daß es in diesem gegenwärtigen Augenblick nicht gut angeht, über die geistige Seite der Dornacher Katastrophe zu sprechen —, wahrscheinlich überhaupt nicht möglich sein wird, über diese geistige Seite zu sprechen. Es können sich verschiedene Leute mancherlei Gedanken machen, warum das so hat kommen können. Allein, diese Dinge muß ich eben, wie gesagt, leider unausgesprochen lassen.
Es tritt uns ja eine andere Seite dieses so unendlich schmerzlichen Ereignisses sofort entgegen. Und da wir uns durch den Schmerz nicht niederdrücken lassen dürfen, so geht uns zunächst diese andere Seite doch vor allen Dingen an. Das ist dasjenige, was, ich möchte sagen, von der Brandnacht an sogleich vorausgesetzt werden konnte; nämlich die Art und Weise, wie uns das Echo der Welt, nachdem uns das Unglück getroffen hat, entgegentönt. Die Gegner benützen das Unglück, um weitere Waffen für diese Gegnerschaft zu schmieden. Wir sehen aus dem Hohn und Spott, mit dem uns überall begegnet wird, etwas sich herausbilden wie die Spitzen neuer Angriffswaffen, die in der nächsten Zeit immer stärker werden sollen. Und wir müßten vor allen Dingen auf dasjenige sehen, was uns bevorsteht.
Deshalb mußte ich in Dornach betonen, und damit komme ich auf den Zweck unseres heutigen Zusammenseins, der sich mit der Zukunft befassen soll, daß es sich ja, wenn daran gedacht wird, irgend etwas wiederum in Dornach oder sonstwo aufzubauen — etwas Bestimmtes kann ja noch nicht gesagt werden —, was ein äußeres Wahrzeichen der anthroposophischen Bewegung sein kann, daß es sich darum handelt, die Anthroposophische Gesellschaft zu konsolidieren. Denn in einem gewissen Sinne fehlte dem Dornacher Bau, der laut zur ganzen Welt sprach, der Hintergrund der schützenden Anthroposophischen Gesellschaft. Die Anthroposophische Gesellschaft verfiel im Grunde genommen von dem Moment ab, wo man den Bau begann. Nicht daß die Zahl der Mitglieder eine geringere geworden war, aber gerade die Art der Ausbreitung in den letzten Jahren, die notwendig und erfreulich war, die hat der Sache selbst in einer außerordentlich starken Weise geschadet. Und der Bau hätte nötig gehabt, daß eine starke Anthroposophische Gesellschaft ihm zur Seite gestanden hätte.
Nun, meine lieben Freunde, dasjenige, was in dieser Beziehung zu sagen ist, haben schon kleinere Körperschaften während meiner beiden Anwesenheiten gesagt, und es soll Gegenstand der heutigen Verhandlungen sein. Ich selbst möchte nur vorausschicken, was von meiner Seite vorausgeschickt werden muß, damit von meiner Seite aus die heutige Zusammenkunft nicht unverständlich bleibt. Im Verlauf der Debatte, die ich nicht aufhalten möchte, soll dann nur das von mir gesagt werden, was schon seit längerer Zeit mir als schwere Sorge auf der Seele gelegen hat und was dazu geführt hat, daß ich bei meiner Anwesenheit hier im Dezember [am 10. Dezember] ein Gespräch herbeiführte mit einem Mitglied des Zentralvorstandes. Dieses Gespräch beschäftigte sich im wesentlichen mit der Notwendigkeit, diejenigen Aufgaben in Angriff zu nehmen, welche der Anthroposophischen Gesellschaft aus ihrer Mitgliedschaft erwachsen sind. Nicht so sehr durch dasjenige, was ich selbst zu tun hatte. Es war notwendig geworden, darauf aufmerksam zu machen, daß gegenüber diesen Aufgaben und gegenüber der Situation, die sich allmählich herausgebildet hatte, mir nur zwei Dinge [zu erklären] blieben, da ich nicht weiter zuschauen könnte. Zwei Dinge, von denen das eine war, daß ich Herrn Uehli als vor mir sitzenden Repräsentanten des Zentralvorstandes sagen mußte: Ich setze voraus, daß der Zentralvorstand sich in den allernächsten Tagen über die Anthroposophische Gesellschaft berät, damit er zunächst für sich selbst, verstärkt durch prominente Persönlichkeiten hier, mir bei meiner [nächsten] Anwesenheit von sich aus seine Meinungen, Ansichten und Vorschläge entgegenbringe, die ich mir dann anhören werde, um zu sehen, ob aus der Mitte der Gesellschaft heraus durch ihre bisherige Führung es möglich ist, wirklich diese Gesellschaft zu konsolidieren. Ich sagte also: Ich erwarte vom Zentralvorstand, daß er bei meiner [nächsten] Anwesenheit in Stuttgart in solcher Weise mir entgegentritt, daß er mir seine Vorschläge unterbreitet. Sonst sähe ich mich gezwungen, den Zentralvorstand weiterhin zu ignorieren und mich direkt an die gesamte Mitgliedschaft zu wenden, indem ich versuchen würde, den Anfang zu einer Konsolidierung der Gesellschaft zu machen. Ich würde es unendlich bedauern, wenn dieser Schritt notwendig wäre, deshalb schlage ich den anderen vor.
Ich mußte damals abreisen und erwartete die entsprechenden Konsequenzen dieser meiner Aufforderung. Nun, meine lieben Freunde, dann verging die Zeit mit den Vorbereitungen für alles, was in Dornach stattfinden sollte: zu dem naturwissenschaftlichen Kursus, den Weihnachtsspielen, der Eurythmie. Im Laufe des Dezembers konnte ich nicht wiederum herüberkommen. Und dann kam die Katastrophe. Ein großer Teil der hiesigen Freunde war drüben in Dornach. Und das möchte ich nicht unterlassen zu erwähnen: In der Brandnacht hat, wie immer, wenn es darauf ankommt, das Nötige zu tun, die Mitgliedschaft nicht versagt, sondern sie hat so gewirkt, daß es jedem Ideal entspricht.
Nun erfuhr ich von seiten des Zentralvorstandes, daß als erster Schritt unternommen werden sollte, sich an die Mitglieder mit den Mitteilungen zu wenden, welche die Bewegung für religiöse Erneuerung betreffen. Es sollte dies ein erster Schritt sein, und weitere Schritte sollten folgen. Es war selbstverständlich, das verständlich zu finden, denn ich hatte ausdrücklich Stuttgart als den Ort bezeichnet, wo sich diese Dinge zugespitzt hatten. Und so war das in Ordnung.
Nun aber, nachdem die Katastrophe uns betroffen hatte, sollte auf Veranlassung des Zentralvorstandes eine Versammlung der Mitglieder stattfinden. Und ich wurde, kurz bevor die Versammlung beginnen sollte, gefragt [am 5. Januar in Dornach], was dabei geschehen solle. Ich aritwortete: Wenn man in dieser Situation sprechen will, so muß man über die Konsolidierung der Gesellschaft sprechen. Herr Uchli sagte, das soll in Stuttgart im engeren Kreis geschehen. Ich setzte voraus, daß man nicht darüber sprechen kann, ohne daß man sich über das Wichtigste informiert hat.
Am nächsten Tage wurde die Versammlung gehalten [am 6. Januar in Dornach], und bei dieser Gelegenheit habe ich eine Ansprache gehalten, die Ihnen von Dr. Unger referiert worden ist [am 9. Januar in Stuttgart]. Dann kam ich vorige Woche an, und es war auf irgendeine Weise ein Kreis zustande gekommen, der mit mir am Dienstag der vorigen Woche [16. Januar] eine Nachtsitzung abhielt, in der die Dinge zum Ausdruck kamen, die Ihnen von den betreffenden Persönlichkeiten mitgeteilt werden können. Und ich war im Grunde genommen vor der Situation, daß dasjenige, um was ich den Zentralvorstand gebeten hatte, nicht geschehen war, daß mich aber eine freie Gruppe von führenden Persönlichkeiten erwartete und über die Konsolidierung der Gesellschaft verhandelt. Am nächsten Tage [17. Januar] wurde auch Dr. Unger hinzugezogen. Heute nachmittag bemerkte ich zu derselben Gruppe,1 daß es sich nicht darum handeln könne, irgend etwas am grünen Tisch zu beschließen, sondern daß diejenigen, die etwas wollen, wurzeln müßten in etwas Realem, in den wirklichen Intentionen der Mitgliedschaft. Und ich bat deshalb, den nächst weiteren Umkreis zu berufen, damit nicht bloß darüber geredet wird, was schön wäre, sondern damit sich zeigen könne, ob von alledem [was geredet wird] etwas in den Menschen der Gesellschaft wirklich wurzelt.
Ich hoffe von dem heutigen Abend, daß sowohl von seiten derjenigen, die bisher die Initiative ergriffen haben, wie auch von seiten der anderen eine ehrliche Aussprache stattfindet. Es ist unmöglich, sich damit zu begnügen, sich vorzumachen: Es wird schon gehen. — Sondern es handelt sich darum, daß tatsächlich alle die Dinge zum Vorschein kommen, die der Zersplitterung der Gesellschaft zugrunde liegen, daß zum Vorschein kommt, in welcher Weise man in der Zukunft arbeiten will, damit die Gesellschaft bestehen [bleiben] kann. Denn so, wie es bisher war, kann sie nicht bestehen [bleiben]. Es würde nichts nützen, einen Bau aufzuführen, denn so, wie die Dinge jetzt liegen, würde die Gesellschaft, ehe er fertig wäre, nicht mehr bestehen, sie würde in ihre Atome auseinandergefallen sein. Es handelt sich darum, daß in der bestimmtesten Weise gesprochen wird, damit gesehen werden kann, inwiefern die Gesellschaft aus ihrem eigenen Schoße fortgeführt werden kann.
Emil Leinhas: Es sind Mitglieder aus den verschiedensten Schichten der Gesellschaft für heute abend zusammengerufen worden, um über die Lage der Gesellschaft zu beraten. Ein engerer Kreis hat die notwendigen Fragen in Fühlung mit mir, mit Dr. Unger und Herrn Uehli besprochen. Es ist da eine Entschließung ausgearbeitet worden, die heute abend vorgelesen werden wird.
Eugen Kolisko: Es entstand durch eine Ansprache von Dr. Steiner [6. Januar] die Aufgabe für die Mitglieder, sich zu kümmern um die Führung der Gesellschaft und um die Art, wie diese Führung seit 1919 gehandhabt wurde. Es ist eine starke Kritik am Zentralvorstand vorhanden und viel Mißtrauen. Es ist keine Verständigung mit der Jugend da und auch keine harmonische Zusammenarbeit innerhalb des Zentralvorstandes.
Es werden Vorschläge gemacht zur Neugestaltung des anthroposophischen Lebens durch Schaffung einer Vertrauensorganisation. Eine Erklärung an die Gesamtmitgliedschaft soll gegeben werden. Dr. Unger ist bereit zurückzutreten. Herr Uehli hat sein Amt niedergelegt. Es werden vorgeschlagen die Herren Leinhas, Hahn, Baumann und Kolisko.
Dr. W. J. Stein erklärt, daß er und seine Freunde bereit sind mitzuarbeiten, wie sie sich gegenseitig versprochen haben. Es würde sehr gut sein, wenn sich herausstellen würde, daß in sehr weiten Kreisen der Wille zur Mitarbeit vorhanden ist.
Paul Baumann: Die Person von Kolisko ist mir dafür Bürge, daß keine Clique emporsteigt.
Mehrere Redner sprechen sich für Eugen Kolisko aus; einige bitten Carl Unger, im Vorstand zu bleiben. Es entsteht ein Hin und Her verschiedenartigster Meinungen, und es erfolgen noch andere Vorschläge für eine Vorstandserweiterung.
Paul Baumann: Dr. Unger ist belastet durch die Leute, die ihn besonders stützen wollen, die seine Clique sind. Dr. Unger erklärt, daß er nicht im Wege sein wolle, wenn ein anderer Kreis die Sache machen wolle. Erst wenn diesem dies nicht gelänge, würde er die Verpflichtung fühlen, die Sache wieder in die Hand zu nehmen. Es sei die Probe zu machen, ob der Kreis Vertrauen finde.
Emil Leinhas erinnert an Dr. Steiners Ausspruch Herrn Uehli gegenüber, daß er genötigt sein würde, wenn nichts geschähe, sich in einem Rundschreiben direkt an die Mitglieder zu wenden.
Jose del Monte: Die vorgeschlagenen Herren außer Herrn Leinhas sind sehr jung in der Gesellschaft, sie würden nicht viel Vertrauen bei den älteren Mitgliedern finden. Dr. Unger sollte doch dabei sein.
Es werden noch einige andere Vorschläge gemacht.
Dr. Steiner: Aus dieser heutigen Versammlung müßte, ganz abgesehen von Personenfragen, hervorgehen, in welcher Weise sich die Dinge in der Zukunft aus dem Schoß der Gesellschaft selbst ändern werden. Es ist heute wiederholt auf einen Kreis hingewiesen worden, der hier in Stuttgart als ein erweiterter Kreis für die verschiedenen anthroposophischen Angelegenheiten Sorge getragen hat. Ich habe in diesem Kreis verschiedenes vorgebracht, von dem man sagen kann, die Dinge können nicht gleich bis zum letzten gelöst werden. Man könnte sich interessieren dafür und wirklich — das soll alles sine ira gesagt werden-: Ein einziges Mal ist mein Wort gehört worden, wenn ich in diesem Kreise davon gesprochen habe, daß es nötig ist, für die Ordnung der Angelegenheiten drüben in der Schweiz einzutreten, indem nämlich seither Herr Leinhas sich in intensiver Weise der damals gestellten Forderung hingegeben hat. Dadurch ist für den Zentralvorstand eine Schwierigkeit eingetreten. Ich konnte nicht wünschen, daß Herr Leinhas sich den Geschäften des Zentralvorstandes widmet. Er hatte wirklich für den ganzen Menschen vollständig genug zu tun. Mit dieser Sache steht zugleich in Verbindung, daß nicht auch für den «Kommenden Tag» durch ein Nichtweiterfunktionieren die Unmethode einträte, die Sache so zu machen, daß man sie anfängt und dann verläßt. Daß Herr Leinhas eine führende Persönlichkeit sein muß, ergibt sich aus der Natur der Sache. Ich betone dies ausdrücklich, daß dies der einzige Fall war, wo man sich interessiert hat für die Dinge, die ich vorgebracht habe. Es ist eine große Merkwürdigkeit, daß ich von einer so außerordentlich wichtigen Angelegenheit gesprochen habe und von zwei Seiten behauptet wird, die Dinge seien nicht vorgekommen. Also, daß das nicht so fortgehen kann, ist selbstverständlich und beweist, wie sehr es eine dringende Notwendigkeit war, das auszusprechen.
Die Dinge, die hier besprochen worden sind, sind nicht gehört worden. Die gewichtigsten Angelegenheiten fanden nicht das geringste Echo. Es kann so nicht weitergehen. Ich betone eines: Schließlich sind ja vom Jahre 1901 bis 1918 die Dinge in der Anthroposophischen Gesellschaft nicht leichtsinnig gemacht worden. Sie sind entstanden; und so kann man auch sagen, daß der Zentralvorstand aus der Historie entstanden ist. Er hat dies Stück Geschichte hinter sich. Er ist mit alledem belastet, was wir heute abend gehört haben. Das eine müssen Sie bedenken: Es ist doch ganz unmöglich, daß man bloß aus abstrakten Diskussionen heraus eine Änderung herbeiführen kann. Es müssen positive Willensimpulse hervortreten. Nach dem, was heute abend gesprochen worden ist, muß ich sagen: Ich habe erwartet, daß man irgendwie etwas meint über die Sache, nicht daß man allerlei Vorschläge macht und dergleichen. Selbstverständlich ist es unmöglich, daß — wie vorgeschlagen worden ist — drei Waldorflehrer eine neue Führerschaft bilden. Wenn aus diesem Ton heraus geredet wird, kommen wir nicht zu einer neuen Führung. Es muß irgendwie etwas ersichtlich sein nach der Richtung hin, daß gearbeitet werden soll aus einem anderen Impuls heraus. Solange das nicht der Fall ist, ist es nicht möglich, die Gesellschaft auszuliefern an eine neue Führung. Etwas, was sich vom Jahre 1901 bis 1918 ergeben hat und was nicht entwachsen war der Ära des Projektemachens, das läßt sich nicht, indem man das Projektemachen fortsetzt, auf einen grünen Zweig bringen. Das muß mit Ernst aufgefaßt werden. Wenn dieser Ernst heute abend nicht zutage tritt, kann diese Diskussion nicht zu einem Resultat führen. Die Majorität hat geschwiegen, um hinterher malkontent [=unzufrieden, mißvergnügt] zu werden. Wenn man ein paar Worte sagt, so ist damit nicht gedient. Es handelt sich darum, daß wir hier zusammengekommen sind, damit die Dinge, aus denen ein neuer Impuls entsteht, gehört werden können. Zum bloßen Sitzen ist keiner gerufen worden, und es muß jeder eine Meinung haben, die zum Impuls werden kann. Wenn die Diskussion in dem Fahrwasser sich weiterbewegt, in dem sie sich bis jetzt bewegt hat, kommen wir nicht weiter. Alte Mitglieder, die zu solchen gewichtigen Versammlungen bloß als Beisitzer kommen, zeigen kein Interesse am Fortgang der anthroposophischen Bewegung.
Es sprechen eine große Anzahl von Mitgliedern.
Adolf Arenson: Es wäre schon immer Gelegenheit gewesen, Vertrauen zu haben und Initiativen zu ergreifen.
Frl. Waller: Es wäre zu erwägen, ob nicht etwas Besseres herauskäme, wenn Dr. Steiner seinen Weg allein weiterginge.
Eine Reihe anderer Persönlichkeiten äußern sich.
Dr. Noll: Die Konsolidierung ist verpaßt worden. Es wird alles verflattern, wenn Dr. Steiner nicht mit den Zweigen in Verbindung tritt.
Es äußern sich Dr. Krüger, die Herren Ruhtenberg, Kühn, Leinhas.
Dr. Steiner: Ich weiß nicht, was Dr. Krüger mit der «Abkapselung» gemeint hat. Ich glaube, daß er darunter nur das «Stuttgarter System» verstehen kann. Ich will das «Stuttgarter System» an zwei Beispielen illustrieren. Es ist jetzt schon lange her. Wenn es auch an Orten, wo das vorgekommen ist, nicht mehr vorkommt, so kommt es doch in anderer Form vor. Es handelt sich darum, daß jemand mit jemandem in der Champignystraße 17 etwas zu besprechen hatte. Der eine war in seinem Amt in der dritten Etage, der andere zu ebener Erde. Der betreffende Herr in der dritten Etage hat sich mit dieser Mitteilung an den andern in der Weise gewendet, daß er einen Brief in die Schreibmaschine diktiert hat und diesen Brief kuvertieren ließ. Der Brief ist liegengeblieben bis Montag früh; er wurde Dienstag zugetellt.
Ich habe mit Herrn Uehli am 10. Dezember gesprochen. Herr Uehli ist als Mitglied des Zentralvorstandes Kollege von Dr. Unger; die beiden Herren besorgen den Zentralvorstand. Diese wichtige Mitteilung wurde in nur mangelhafter Form am 24. Dezember wieder besprochen [und vor allem ohne Dr. Unger]. Ich frage mich: Ist dies dadurch so untergetaucht, daß sich die beiden Herren nicht besprochen haben? Das sind die Dinge, die in Stuttgart passieren und die dahin führen, daß man von einer Bürokratisierung spricht. Es treten einem einzelne, verlaufene Menschen entgegen. Das ist das Stuttgarter Unglück, das ist die Abkapselung eines jeden von jedem. Wir müssen in den heißen Brei hineintippen. Versuchen Sie sich die Frage zu beantworten: Wie kommt der einzelne an den anderen heran? - Ich kann nicht glauben, daß aus Diskussionen irgend etwas Segensreiches herauswachsen kann.
Es sprechen für den neuen Vorstandsvorschlag [Emil Leinhas und die drei Waldorflehrer Dr. Herbert Hahn, Paul Baumann, Dr. Eugen Kolisko]: Frl. Dr. Mellinger, Dr. Palmer, Jürgen von Grone, Herr Kieser, Frl, Völker, Dr. Streicher, Herr Benkendoerfer.
Dr. Steiner: Derjenige, der sich das vorstellen kann, soll sich vorstellen, was es bedeutet: drei Waldorflehrer müssen die Führung übernehmen. Das geht nicht von seiten der Anthroposophischen Gesellschaft. Es geht auch nicht von seiten der Waldorfschule. Die Waldorfschule, die sorgfältig als eine Nicht-Weltanschauungsschule gehalten werden soll, hat allen Grund, keinen einzigen Lehrer in den Vorstand zu schicken. Es ist eine schmerzliche Tatsache, daß just nur Waldorflehrern ein Licht aufgegangen ist. Dagegen habe ich nicht bemerkt, daß Herr Uehli im Komitee real drinnen war. Der Kreis, der mir entgegengetreten ist, bestand lediglich aus Waldorflehrern. Es ist ein schmerzliches Ereignis, daß nur denen ein Zündholz aufgegangen ist in ihrem Gehirn. Denen ist aus ihrem eigenen Vermögen die Sache aufgegangen. Wenn ein Waldorflehrer im Vorstand darinnen ist, so ist das schon viel. Aber so, wie Sie den Vorstand vorschlagen, kann er nicht sein. Mitarbeiten kann ein weiterer Kreis. Nun also: Es ist [nicht] wünschenswert, daß möglichst viele Waldorflehrer darin sind. Sobald man diesen Vorschlag macht, bezeugt man, daß man die Sttuation nicht richtig beurteilt. Es herrscht ja nur Verwirrung. Die Tatsache, daß es nur Waldorflehrer sind, ist ein Beweis für die Stuttgarter Abkapselung. Die Waldorfschule sollte keine Clique sein; sie ist eine Körperschaft. Es stecken hier diejenigen die Köpfe zusammen, die in denselben Raum hineingebannt sind. Wenn in Stuttgart so gearbeitet wird, so kommt nie etwas zustande. Ich bin durchdrungen davon, daß viele von denen, die hergekommen sind, draußen gut arbeiten. Aber in Stuttgart werden sie dann etwas Besonderes. Das Aktenmachen muß von innen heraus überwunden werden. Eine gewisse Regierung riß schon ein; man stellte sich vor, man könne regieren. Das trat schon 1919 auf, wo man Dinge, die bestimmt waren, mit dem ganzen Ernst genommen zu werden, in Form der «Gschaftlhuberei» machte. Studieren Sie, wie sich diese Dinge entwickelt haben, und betrachten Sie nur, was da plötzlich für ein Getue auftrat. Manches ist zum Verzweifeln gewesen. Und die Früchte zeigen sich nun. Gerade seit 1919 hat uns das «Stuttgarter System» ins Unglück hineingefahren durch einen gewissen Mangel an Ernst bei den Dingen, die nach und nach unternommen worden sind. Dieser «Bund für freies Geistesleben» ist nur ein Beispiel dafür. Er besteht überhaupt aus nichts als aus einem Stück Papier, worauf zwölf Namen stehen.
Es ist die Frage, ob nicht gleich heute die Einberufung der Versammlung zu erwägen wäre.2 Es ist die Fühlung von Mensch zu Mensch so verlorengegangen, daß diese Frage zu erwägen wäre: ob nicht zur Wiederbelebung dieser Fühlung eine wirkliche Versammlung einberufen werden müßte, in der zutage treten könnte, was man denkt und will. Es fragt sich, ob das weiter so geht, daß man der Gesellschaft einfach diktiert. Ob sich nicht die neue Führung verständigen muß mit denen, die da kommen. Wenn ich bedenke, daß die Sache hier noch so unreif war, daß ich heute nachmittag bitten mußte, diesen Kreis zusammenzuberufen, weil man nicht zwischen vier Wänden sagen kann: Wir machen vier Leute zum neuen Vorstand. Das Echo war voll von gutgemeinten konventionellen Aussagen, aber es war weder nach der einen noch nach der anderen Seite hin dezidiert. Es war der Ausdruck guter Absichten, aber es war nicht der Ausdruck des starken Willens.
Solche Dinge, wie ich sie geäußert habe, wenn ich auch den Mitwirkenden damit nichts Schlechtes nachsagen möchte, solche Dinge sind durchaus real. Ich bin absolut in der Lage, sagen zu können: Hier in Stuttgart ist eine Unsumme der besten Talente. Das Unglück ist, daß die Menschen ihre Talente nicht in entsprechender Weise anwenden wollen. Am Können fehlt es nicht. Erleuchtete Geister sind hier. Wenn ich versuchte, auf Leistungen hinzuweisen, so ist das für viele ein Grund, diese Leistungen fast totzutreten. Das ist die innere Opposition. Ich möchte einmal wissen, wer in der Lage ist zu sagen, daß Dr. Unger nicht die allerhöchsten Fähigkeiten hätte. Gegen das Können ist nichts einzuwenden. Der Wille muß gefunden werden! Nicht mit Donnerworten ist es getan, sondern mit dem Willensinhalt. Man muß anfangen, die Dinge zu studieren.
Ein anderes Beispiel ist dies: Es geschieht alles für die religiöse Erneuerungsbewegung. Herr Uehli ist dabei. Und nachdem in Dornach am 17. September die Sache fertig ist,3 geht er nicht nach Stuttgart, um die richtigen Maßnahmen zu treffen unter der Voraussetzung, daß etwas Wichtiges dadurch geschaffen worden ist, sondern er setzt sich auf seinen kurulischen Stuhl und tut nichts. Es wird dann Ende Dezember furchtbar spät ein Kind geboren.4 Vor dem wird heute gestanden. Das wird vielen Leuten, die diese oder jene Stellung eingenommen haben, Seelenschmerzen bereiten. -— Und weiter: Es macht gar nichts aus, daß man einen Titel trägt, sondern, daß man etwas tut. Es ist vieles versäumt worden. Es ist das keine Zeitfrage, sondern eine Interessen- und Unterscheidungsfrage. Man muß den Willen haben, die Dinge auf ihre Wichtigkeit, auf ihre Bedeutung oder Unbedeutung hin anzuschauen. Eine große Resonanz wäre notwendig. Diese Befestigung darf nicht auf bürokratische Weise herbeigeführt werden, sondern auf sachlich-menschliche Weise.
Emil Leinhas spricht.
Dr. Steiner: Vielleicht wird es doch draußen jemandem einfallen, auch die Ursachen dieser Dinge ins Auge zu fassen; ohne das kommt man nicht weiter. Es ist eine geistige Bewegung. Man muß zurückgehen auf die geistigen Ursachen der Dinge. Nicht wahr, jetzt kann man mit Recht furchtbar erstaunt sein über die Erfolge der religiösen Erneuerungsbewegung. Man stutzt plötzlich, daß die Leute so viel Anklang finden. Aber man geht nicht auf die Ursachen zurück, darauf, wie sich das Ganze entwickelt hat, wie diese religiöse Erneuerungsbewegung entstanden ist. Wenn diese Methoden so weitergehen, wird die Anthroposophische Gesellschaft dastehen wie ein gerupftes Huhn, weil ihr alle Federn ausgerupft werden. Sie mag noch den ursprünglichen Saft haben. —— Die Vorträge werden eingesperrt; und dann kommen die anderen zu mir [und wollen sie lesen], und ich muß sagen, die haben sie eingesperrt. So weit kriegen Sie die Sache. Nun hat sich diese [religiöse] Erneuerungsbewegung gebildet. Denken Sie, wenn Sie in der Anthroposophischen Gesellschaft die Kraft gehabt hätten, sie zu absorbieren! Dr. Rittelmeyer und Emil Bock sind aber weggegangen [von der Gesellschaft].
Es war eine gute Sache, daß hier in Stuttgart die «Bewegung für Dreigliederung» betrieben wurde. Wie ist sie betrieben worden? Es ist ein Büro gegründet worden. Was waren die Ortsgruppen? Die Zweige der Anthroposophischen Gesellschaft. Die Ortsgruppen hat man ruiniert durch den Stuttgarter Bürokratismus. Der Bürokratismus der Dreigliederungsbewegung hat von Stuttgart aus direkt die Zweige untergraben. Wenn jetzt die religiöse Erneuerung sich der Zweige bemächtigt, so tut sie nichts anderes, als was die Dreigliederungsbewegung auch getan hat. Ich muß gestehen, daß ich mich mit einem gewissen Schrecken daran erinnere, wie sich hier diese Bewegung inauguriert hat. Neues hat die Dreigliederungsbewegung nicht gemacht. Man erinnere sich daran, wie sich die Dreigliederungsbewegung mit nicht geringen Posaunen hier festgesetzt hat. Es geht nicht weiter, wenn nicht jemand auftritt und sagt: Wir wollen gründlich Kehraus machen mit den Methoden von 1919. — Hier handelt es sich darum, daß man diese Dinge einsieht: warum man zum Beispiel einen Brief schreibt; und warum durch vierzehn Tage hindurch die Spitzen der «Behörden» nicht miteinander reden. Wenn das nicht anders wird, so geht es nicht weiter. Es wird nicht anders, wenn Sie nicht von diesem Gesichtspunkt aus den Dingen real entgegentreten und die Sache beim richtigen Namen nennen. Durch das, was bis jetzt geschehen ist, wird es nicht anders. Darauf kommt es an, daß man aus einem andern Ton heraus spricht und handelt, und zwar schnell und rasch, daß nicht alles wieder in den Wind geschlagen wird, was ich gesagt habe. Ich wußte überhaupt nicht, warum ich hier erscheinen sollte;5 meine Worte wurden in den Wind geschlagen. Mit Ausnahme des einzigen Falles, der in ausgezeichneter Weise erledigt worden ist, war es so, daß man mir begreiflich machte: «Mach? ja bloß nichts!» Es ist nur der Ernst der Situation, aus dem heraus ich die Notwendigkeit habe, so zu sprechen.
Ich möchte die Empfindung hervorrufen für dasjenige, was notwendig ist. Ich will wahrhaftig nicht irgend jemandem eine Lektion erteilen. Man kann heute nicht anders, als auf den Ernst der Situation aufmerksam machen. Wenn sich die Anthroposophische Gesellschaft so weiter verhält, verkaufen Sie in fünf Jahren kein einziges anthroposophisches Buch mehr. Die Anthroposophische Gesellschaft hat sich zu einem argen Hemmschuh entwickelt. Da muß eine vollständige Umkehr stattfinden.
-
Siebenerkreis. Von dieser Sitzung liegen keine Notizen vor. ↩
-
Vermutlich war bereits von der Absicht einer allgemeinen Mitgliederversammlung gesprochen worden, die dann Ende Februar als Delegiertenversammlung realisiert wurde. ↩
-
Am 17. September 1922 war der Kreis der Urpriester begründet worden. Ernst Uehli als Mitglied des Zentralvorstandes war von Rudolf Steiner zugelassen worden. ↩
-
Siehe unter Hinweise. ↩
-
«Mit der Bitte um Hilfe wandte man sich an R. Steiner.» Aus Marie Steiners Erinnerungsnotizen der ersten Siebenersitzung. Reaktion auf die Versammlung vom 22. Januar 1923 von seiten eines Mitgliedes ↩