The Fateful Year of 1923

GA 259 — 31 January 1923, Stuttgart

Sitzung mit dem Dreissigerkreis

Dr. Steiner: Die Verhandlungen über die jetzt schwebenden Angelegenheiten dauern schon so lange, und es ist so dringend, andere Angelegenheiten zu erledigen, daß es unter allen Umständen fast eine Katastrophe bedeuten würde, wenn die Verhandlungen am heutigen Abend wieder in einer gleichen Weise inhaltslos verlaufen würden wie jene vom letzten Montag. Ich habe gebeten, diese Verhandlungen nicht vor einer so ausgebreiteten Körperschaft zu führen wie dazumal, weil das nur noch mehr dazu beiträgt, daß die Dinge ergebnislos verlaufen und wir aus der gegenwärtigen Krise nicht hinauskommen. Ich werde selbst möglichst wenig sagen, ich will hören, was für Absichten vorliegen zur Weiterführung der Anthroposophischen Gesellschaft.

Ich möchte nur dieses sagen, damit kein Mißverständnis auftaucht über die Bedeutung unserer Verhandlungen. Solche Verhandlungen, wie wir sie jetzt pflegen, wären ja bis zu einem gewissen, nicht sehr weit zurückliegenden Zeitraum gar nicht möglich gewesen. Sie sind möglich geworden und stellen sich heute als etwas Selbstverständliches heraus, weil wohl der größte Teil der Persönlichkeiten, die heute hier versammelt sind, in der Lage war, im Laufe der letzten vier Jahre etwa, die Angelegenheiten der Anthroposophischen Gesellschaft allmählich in führender Stellung mitzuübernehmen. Also jenes frühere Verhältnis, in dem zahlreiche von den heute hier Versammelten waren: daß sie sich nämlich angeschlossen haben an die bestehende Anthroposophische Gesellschaft und gewissermaßen nicht das volle Maß der Verantwortlichkeit hatten, dieses frühere Verhältnis besteht heute nicht mehr.

Sie müssen sich darüber klar sein, daß eine große Anzahl von Persönlichkeiten mit voller eigener Initiative sozusagen sich führend gemacht hat in den anthroposophischen Angelegenheiten. Daher ist es heute auch notwendig geworden, daß die Verantwortlichkeit für einen großen Teil der anthroposophischen Angelegenheiten auf diese Persönlichkeiten zurückfällt. Und es sollten sich diese Persönlichkeiten bewußt sein, daß die Veränderungen, die sich vollzogen haben, nicht auszulöschen sind.

Nachdem aus der Mitgliedschaft diese Veränderungen eingetreten sind, ist es daher ganz selbstverständlich gewesen, daß ich gegenüber der Frage, die aus den Verhältnissen an mich herangetreten ist, genötigt war, mich an die führenden Persönlichkeiten zu wenden, bevor ich an die einzelnen Mitglieder appelliere, um eventuell den früheren Zustand wieder herzustellen. Denn diese Veränderungen legten mir Pflichten auf, die mich meinen früheren Pflichten entzogen haben. Es ist also selbstverständlich, daß, bevor ich die früheren Zustände wieder herzustellen versuche, ich mich noch einmal an die führenden Persönlichkeiten wandte — was ja vergeblich geschehen ist —, um diese zu veranlassen, ihrerseits zu sehen, was sie tun wollten, bevor ich mich an die einzelnen Mitglieder wende. An den heutigen Verhandlungen will ich mich nicht materiell beteiligen. Ich werde heute zunächst bloß hören, was aus dem Schoße dieser heutigen Versammlung hervorgeht, um danach zu sehen, wie man weiterkommen kann. Es hängt also davon ab, ob Sie die Verhandlungen in fruchtbarer Weise gestalten. Sonst muß ich annehmen, daß Sie kein Interesse daran haben, wenn die Anthroposophische Gesellschaft in der allernächsten Zeit in eine Katastrophe hineingeführt wird.

Ich bitte Sie, damit wir nicht ergebnislos auseinandergehen, heute wenigstens die Sache mit dem wirklichen Ernst und mit dem Gefühl der Verantwortlichkeit zu führen. Das bitte ich also als eine Einleitung zu den heutigen Verhandlungen zu betrachten. Es wird sehr viel von dem abhängen, was Sie heute tun werden.

Darauf sprechen Dr. Stein und Dr. Kolisko. Dr. Unger: Wir müssen Wege suchen, das «Stuttgarter System» zu überwinden. Es sprechen Dr. Maier, Dr. Palmer, Frl. Toni Völker, Paul Baumann.

Die Frage eines beabsichtigten medizinischen Vademecums wird behandelt.

Dr. Steiner: Man hätte über die Krankheitsbilder im Großen umdenken lernen sollen. Wir dürfen nicht Obstruktionen treiben, das ist ja ganz selbstverständlich. Man kann ein Gebäude aufführen, wobei die Schwierigkeiten unendlich groß sind; die kommen aber dabei gar nicht in Betracht. Geradesowenig als bei der Begründung der Waldorfschule in Betracht gekommen ist, die Methode zu beraten. Die Frage geht darum, was heute vor zwei Jahren schon hätte geschehen sein können. Um diese Unterlassungen handelt es sich. Wenn wir um die Sache herumreden und Entschuldigungen anführen, dann ist es selbstverständlich, daß die Entschuldigungen für das Schreiben eines Vademecums nicht in Betracht kommen. Die Schilderung der Herzkrankheit muß in anderen Formen gedacht werden, ganz abgesehen davon, ob die einzelnen Mittel schon gebraucht werden können. Über die Herzkrankheit muß anders gedacht werden. In anderer Art dargestellt, wird es plausibler vor die Welt hintreten können als in den bisherigen Handbüchern. Es handelt sich um den guten Willen, auf dem Gebiet der Medizin umzudenken aus den geisteswissenschaftlichen Grundlagen heraus. Aber weil die ganzen Diskussionen auf tote Geleise geführt werden, so muß ich sprechen. Ich kann mir nicht vorstellen, was geschehen soll, aber ich kann mir vorstellen, daß die Medizin umgedacht werden kann, wenn der gute Wille dazu vorhanden ist. Vielleicht liegt eine viel größere Notwendigkeit dazu vor, aus der Physiologie heraus zu arbeiten und die Krankheitsbilder physiologisch umzudenken. Das hängt nicht davon ab, ob man die Krankheitsmittel ausgeprobt hat oder nicht. Das ist etwas, was «an sich» gilt. Wenn man noch so stark die Schwierigkeiten nicht unterschätzt, darf man doch bei den Schwierigkeiten nicht so herumreden, wie herumgeredet worden ist, sonst kommen wir zu nichts. Es handelt sich nicht darum, das Pathologische restlos darzustellen. Die Handbücher werden immer korrigiert. Es handelt sich nicht darum, der Welt bloß Heilmittel zu empfehlen. Ich halte die «Heilmittelliste» so für das Schädlichste, was hat entstehen können. Es handelt sich darum, die Methode zu vertreten. Alles andere halte ich auch nur wieder für etwas, was uns geschadet hat. Darauf brauchen wir nicht zu warten, bis die Leute heute so etwas annehmen; dann können wir bis in die nächste Inkarnation warten. Es handelt sich darum, daß wir die Sache vor der Welt vertreten, wie auch andere ihre Methode vertreten haben; sie werfen sich untereinander nicht geringe Schmähreden zu. Es handelt sich nicht darum, daß wir die Sache jedem einzelnen Professor der Medizin in den Mund hineinstreichen, sondern daß wir sie so vertreten, wie sie hätte vertreten werden können sechs Monate nach der Inaugurierung der Sache. Das heißt also, daß wir die Sache so vertreten, wie man einstmals die Naturheilmethode vertreten hat. Es ist eine Frage des medizinischen Denkens. Die Diskussion soll nicht auf tote Geleise geführt werden. Wir sollten über dasjenige sprechen, was vorliegt, nicht über dasjenige, was selbstverständlich ist. (Notiz von Dr. Heyer: «Vor diesem Votum hatte Dr. Steiner im Laufe der Verhandlungen schon zweimal gesprochen. Das eine Mal sagte er auf die Schilderung der konkreten Schwierigkeiten, die Dr. Noll gegeben hatte, man käme zu einem «Regressus ad infinitum», wenn so aus den Schwierigkeiten «Methoden» gemacht würden. Das andere Mal sagte er: Wann hätten wir so je die Waldorfschule gründen können»)

Dr. Unger: Ich wollte vom aktiven Vertrauen sprechen.

Dr. Steiner: Die Methoden sind von mir genau und ausführlich dargestellt worden. Die Herren Ärzte sind nicht aus einem Himmlischen heraus geboren worden, indem ihnen die Aufgabe gestellt worden ist. Im allgemeinen erscheint es einem plausibel, oder es erscheint einem nicht plausibel.

Es sprechen zur Sache die Ärzte Dr. Husemann, Dr. Noll, Dr. Palmer, ferner Eugen Benkendberfer.

Graf Polzer: Wer wird das Vademecum schreiben?

Dr. Noll: Es soll bestimmt geschrieben werden.

Emil Leinhas, Dr. Palmer, Dr. Kolisko sprechen dazu.

Dr. Steiner: Es würde einen gewissen Wert haben, wenn eine Auseinandersetzung darüber geschähe, warum das Vademecum bis jetzt nicht zustande gekommen ist, und wenn dann daraus ersehen werden könnte, daß es aus der Einsicht in die wahren Grände zustande kommen kann. Wenn man die Gründe wirklich auseinandersetzt, dann kann man darauf bauen, daß es in der Zukunft zustande kommen kann — meine Überzeugung ist, daß es ein Mann in sechs Monaten zustande bringen kann -, aber es gibt Gründe, die nicht im Objektiven liegen und die aufgedeckt werden müßten. Dann würde man sehen können, ob es in der Zukunft zustande kommt.

Wenn wir die weitere Diskussion auch so führen wie bisher, wird nicht ersichtlich sein, ob die Gesellschaft über diese Krisis hinweggeführt werden kann! Die Kriisis ist dadurch herbeigeführt worden, daß seit 1919 eine Bewegung zustande gekommen ist, die zu allen möglichen Gründungen geführt hat. Es handelt sich darum, daß sich Persönlichkeiten verantwortlich fühlen müssen und daß sie diese Verantwortung übernehmen. Das müßte ersichtlich werden, wenn wir eine Garantie für den Fortbestand der Gesellschaft haben wollen. Es würde vielleicht dann erörtert werden, welche Schwierigkeiten vorliegen, um eine physikalische Untersuchung zustande zu bringen. Wir würden etwas darüber erfahren, warum der Öffentlichkeit ein Vortrag angekündigt wird, dann aber unterbleibt.1 Hinter dem liegen ganz andere Schwierigkeiten. Wir haben sehr nötig, die Dinge zu erörtern, die schon mit dem anthroposophischen Leben zusammenhängen. Wenn gar nicht die Diskussion auf ein fruchtbares Feld geführt werden soll dadurch, daß man passive Resistenz macht, so möchte ich auf einzelne Dinge aufmerksam machen, die zeigen, daß es sich um ganz zentralanthroposophische Angelegenheiten handelt.

Es war vor der Abhaltung des Wiener Kongresses [1.-12. Juni 1922]. Dr. Kolisko hatte die Absicht gehabt, nach Wien zu gehen und einen Vortrag zu halten. Ich war nicht sehr erbaut darüber, daß er gerade das Migräne-Thema in Aussicht nahm. Aber schließlich ist das nicht meine Sache. Es handelte sich für mich darum, das Gespräch darüber aufzunehmen. Im Verlaufe dieses Gespräches fiel das Wort: «Wenn ich ins Klinisch-Therapeutische ‚Institut komme, verweigern sie mir das Material.» — Die Sache ist diese, daß solch ein Wort fallen kann! Da kommen wir darauf, daß dies kein anthroposophisches Verhalten ist in dieser Angelegenheit, wenn es wirklich richtig ist, daß das Migräne-Material zum Vortrag verweigert wurde. Wenn wir uns anthroposophisch verhalten würden, würden die Dinge zustande kommen, die zustande kommen sollen. Die Äußerlichkeiten seit 1919 haben Schwierigkeiten ergeben gerade durch das nicht-anthroposophische Verhalten der einzelnen in Stuttgart lebenden Persönlichkeiten. Wenn von Hemmungen die Rede ist, sollte von den wirklichen Hemmungen gesprochen werden. An diesen Dingen scheint man vorbeigehen zu wollen.

Ich wollte nur auf dieses Charakteristische hinweisen, möchte aber dennoch die Diskussion darauf zurückführen, daß wir auf ein fruchtbareres Geleise kommen als dasjenige, wohin geführt worden ist. Wenn diese Abschnürungen nicht aufhören, dann werden diejenigen, welche anthroposophisch zusammenarbeiten sollen, nicht zusammenarbeiten, sondern sich gegenseitig hindern, das Vademecum zu schreiben. Das ist mir vielfach entgegengetreten, daß gesagt worden ist, daß die einzelnen sich hindern, es zu schreiben. Das sind die Dinge, die dann eingesehen werden müßten, und wenn sie eingesehen werden, wenn wirklich auf die Wunden hingewiesen wird, dann wäre eine Garantie vorhanden, daß die Dinge in der Zukunft abgestellt werden könnten. Nach dem, was bisher geredet worden ist, ist keine solche Garantie vorhanden. Es gibt keine andere Garantie, als daß gesagt wird, warum keine Zusammenarbeit da ist zwischen Gmünd und dem Klinisch-Therapeutischen Institut [in Stuttgart]. Die Dinge werden dann erzählt, wenn gefragt wird, warum nicht zusammengearbeitet wird! Es wird eine Art Obstruktion geführt. Das ist dasjenige, was ich bitte zu berücksichtigen. Wenn heute nicht seriös gesprochen wird, so muß das zu einer Katastrophe der Anthroposophischen Gesellschaft führen. Mit den bloßen Versprechungen können wir nicht weiterarbeiten.

Dr. Kolisko: Für die Migräne-Frage hat man mir später das Material nachgeschickt. Es war nicht ganz das, was ich brauchte. Persönliche Differenzen zwischen den Herren verhindern, daß «das Buch» [Vademecum] geschrieben ist.

Dr. Steiner: Jedenfalls lag die Sache so, daß gesagt werden konnte: Die da oben geben ihre Sachen nicht heraus. — Wenn ich diesen Fall vergleiche mit dem Verhalten des [Klinisch-Therapeutischen] Instituts gegenüber der Milz-Arbeit,2 so muß ich sagen, daß diese Dinge nicht sehr vielversprechend sind.

Es reden einige Mitglieder.

Dr. Steiner: Um so besser wäre es gewesen, wenn zwei Individualitäten gesprochen hätten. Ich sehe wieder nicht ein, wo die Methode liegt, durch die wir weiterkommen.

Emil Leinhas: Es muß rückhaltlos über die Dinge und ihre Gründe gesprochen werden.

Dr. Steiner: Das, was gesagt worden ist, ist das Folgende: Ich habe von Anfang an, als hier medizinische Betätigungen auftreten sollten, gesagt, es komme nicht darauf an, einzelne Heilmittel anzubieten, sondern eine medizinische Methode. Ich will nur anführen, daß einmal die Methode der Homöopathie verbreitet worden ist, ein anderes Mal eine andere Methode. Es kommt darauf an, für eine medizinische Methodik einzutreten. In der Landhausstraße habe ich ziemlich lange, bevor dieses Büchelchen die Welt erblickt hat, Dr. Noll den Vorschlag gemacht, sich hinzusetzen und ein Vademecum zu schreiben. Ich habe gesagt, ich verspräche mir nichts von einem «Kollegium»; schreiben müsse es ein einzelner. Diesen Vergleich, wie über Homöopathie und Naturheilkunde die Dinge vertreten worden sind, diesen Vergleich habe ich sehr früh gebracht. Dieser Vergleich wurde gebracht, um zu zeigen, daß eine Agitation für ein einzelnes Heilmittel nicht das richtige sein kann, was in diesem Falle der Welt aufhilft, sondern daß es sich darum handelt, der Welt zu sagen: Hier liegt eine bestimmte medizinische Denkweise vor. — Dieses, was ich von Anfang an vor den Ärzten als Überzeugung zu Dr. Peipers, was ich von Anfang an zu Dr. Noll gesagt habe, dieses führte dann noch einmal dazu, daß ich zusammenfassend sagte: Dieses Methodische könne am besten durch ein Vademecum der Welt klar gemacht werden.

Wenn ich so etwas vor Laien ausspreche, dann wird sofort verstanden, daß uns alle diese Sachen nur diskreditieren können. Daß van Leer aufgetreten ist, das rührt davon her, daß bei der Sitzung, die neulich abgehalten worden ist, eben auch davon gesprochen werden mußte, welches die Grundlage einer Wirksamkeit für unsere Heilmittel sei, und daß da wiederum gesagt werden mußte: es müsse zuerst die Methodik verbreitet werden, so wie man zum Beispiel einmal die homöopathische Methodik verbreitet hat. Das hat der Laie van Leer begriffen und die Konsequenz daraus gezogen; der Laie begreift das sofort. Aber unser Ärzte-Kollegium hat daraus die Konsequenz gezogen, es müsse eine pedantisch-methodologische Abhandlung geschrieben werden.

Es handelt sich da um Dinge, von denen man glaubt, man brauche sie nur anzuschlagen, so würden die Leute, die in der Lebenspraxis darinnenstehen, sie verstehen. Man könnte hundert Beispiele anführen, um das zu erhärten. Wiederum, ohne über Wert oder Unwert etwas auszumachen, will ich dies anführen.

Der Tübinger Schlegel hat sich einmal einen Kreis von Ärzten eingeladen. In diesen Kreis von Ärzten hat er hinein gesprochen und hat sich einen Stenographen mitgenommen. Da ist im Grunde genommen, abgesehen von dem Wert oder Unwert der Methode, ein außerordentlich anregendes Büchelchen entstanden. Es ist eine Art Vademecum entstanden. Da haben sie einen Fall, wie so etwas in der Praxis entsteht, wenn man wall. Dieses Büchelchen hat dem Schlegel sehr geholfen. Denken Sie sich, in der ganzen Welt wird über Homöopathie diskutiert. Wenn sie mit einer solchen Sache, die den Leuten etwas sagt, herausgekommen wären, so hätte man wirklich etwas gehabt. Es handelt sich um eine medizinische Methodik, wie Homöopathie oder Allopathie. Das ist es, um was es sich handelt.

Frl. Rascher spricht.

Dr. Steiner: Das hängt nur von dem Willen ab. Ich möchte die Behauptung aufstellen: Das Vademecum, das von Ihnen verlangt wird, müsse jeder der Ärzte im Kopfe tragen. Etwas, was Sie selbstverständlich im Kopfe tragen, müssen Sie aufschreiben. Ich möchte wissen, wo wir heute wären, wenn so etwas vorliegen würde wie dieses Vademecum! Ich möchte wissen, wo wir dann heute sein könnten! Mit der Heilmittelliste kommen wir nicht weit genug.

Ich wollte nur darauf hinweisen, daß das Vademecum in verhältnismäßig kurzer Zeit geschrieben werden könnte, daß die Einwände, die heute gemacht worden sind, nicht diejenigen sind, über die man zu sprechen hat. Solange wir nicht den Willen haben, auf die Dinge wahrheitsgemäß hinzuweisen, so lange werden wir nicht die Anthroposophische Gesellschaft auf die Beine bringen. Denken Sie, wenn wir in der Lehrerkonferenz anfangen würden, so zu sprechen, als ob man unsicher sei in bezug auf die Methode!

Emil Leinhas: Rückhaltlose Aussprache muß sein, sonst werden die Dinge chronisch. Es ist der Ausdruck «Saustall» gebraucht worden.

Dr. Palmer sagt, er glaube nicht, daß Dr. Noll die Sache schreiben könne.

Dr. Steiner: Haben Sie die Überzeugung, daß Dr.Peipers oder Dr. Husemann die Sache machen kann? Wir müssen uns darüber klar sein, daß die Fertigstellung durch gemeinsame Arbeit sich höchstens als eine Beschleunigung herausstellen würde, daß es aber etwas ist, was jeder allein machen kann.

Dr. Palmer: Es liegt so viel Material in den Vorträgen vor. Es ist aber furchtbar schwer, es umzuarbeiten.

Dr. Steiner: Das würde nur dazu berechtigen, daß Sie von sich aus die Behauptung aufstellen, es nicht allein machen zu können. Ich habe nicht an Sie persönlich die Zumutung gestellt. Ich habe es von anderen vorausgesetzt und war mir klar darüber, daß ich es dort voraussetzen darf; wie ich mir ebenso darüber klar war, daß ich es bei Ihnen nicht voraussetzen darf. Der Fall kann schon geklärt werden. Ich war mir aus den Antezedienzien klar bewußt, worum es sich handeln würde: nämlich, daß die anderen Herren die wissenschaftliche Arbeit leisten, während Sie die praktische Arbeit leisten — und dann hat die wissenschaftliche Arbeit versagt. Der einzige, dem ich keinen Vorwurf machen kann, sind Sie; das kann man ebenso aufrichtig sagen wie das andere: ob es vielleicht nicht doch möglich gewesen wäre, die Sache zu fördern, wie man in der populären Sprache sagt.

Dr. Palmer äußert, es hätte eine Hemmung vorgelegen.

Dr. Steiner: Worin bestand diese Hemmung? Sie haben nicht gesagt, worin die Hemmung bestand.

Dr. Palmer: Man hätte glauben können, daß es an dem guten Willen und an Enthusiasmus gefehlt hat.

Dr. Steiner: Das habe ich ja immer vertreten, daß es an dem guten Willen gefehlt hat. Es ist mir sehr wichtig, daß Sie mir das heute zugestehen.

Dr. Peipers: Wir hören heute zum ersten Male, daß Dr. Noll diesen Auftrag gehabt hat.

Dr. Noll: Ich habe den Auftrag nicht so genommen, als ob ich allein imstande wäre, so etwas zu machen.

Dr. Palmer: Geben Sie einmal zu, daß die Sache bei Ihnen liegt.

Dr. Kolisko: Mir war klar geworden, daß Dr. Noll sich zu nichts entschließen kann.

Dr. Steiner: Ich glaube nun nicht, daß wir weiter über diese Frage zu einer Entscheidung kommen werden. Es wird sich darum handeln zu sehen, wie sich die anderen Dinge mit dieser Frage zusammen ausnehmen. Es hängt von vielen einzelnen Dingen ab, ob wir vor einer Katastrophe stehen oder nicht. Also, wir wollen zunächst das Versprechen von Dr. Palmer protokollieren.

Dann würde ich Sie bitten, sich über die Dinge weiter auszusprechen, von denen Sie auch glauben, daß sie besprochen werden müssen. Es wäre wichtig, über solche Dinge einen Aufschluß zu erhalten. Die Frage geht weit über den Rahmen desjenigen hinaus, was Stuttgart betrifft. Nur strahlt sie von Stuttgart aus. Gewisse Schwierigkeiten, die uns in Dornach entgegentreten, wenn die Angelegenheiten des dortigen Laboratoriums behandelt werden, führen immer dahin, daß es hier mit Gmünd nicht geht. Es ist auch schon in meiner Gegenwart über dieses Verhältnis gesprochen worden. Ich habe immer die Überzeugung gehabt, daß in bezug auf die Zusammenarbeit doch mehr geleistet werden könnte, als man sich Mühe gibt in unseren Kreisen. Denn nicht wahr: Menschen sind so, daß sie einem auch Schwierigkeiten und Hindernisse in den Weg legen! Man muß mit den Schwierigkeiten fertig werden. Nun mag manche Schwierigkeit eben in Dr. Knauer liegen. Aber ändern wird man ihn nicht. Ich konnte nie dahinter kommen, was da vorliegt in bezug auf das Verhältnis des Klinisch-Therapeutischen Institutes und Dr. Knauer.

Emil Leinhas: Es liegt im Charakter Dr. Knauers.

Dr. Steiner: Es ist notwendig bei uns in der Bewegung, wenn einmal ein Schritt getan worden ist, das Engagement gegenüber dem ersten Schritt nicht ohne weiteres abzubrechen. Ich habe nichts dagegen haben können, daß die Ärzte Dr. Knauer hereingebracht haben. Wenn man Ihn nicht in die Intimitäten hineingezogen hätte, hätte man später mit ihm fertig werden können. Nachdem man ihn aber hineingenommen hat, so muß man zum A auch B sagen. Das heißt: Man muß auch weiter mit ihm fertig werden. Diese Dinge müssen berücksichtigt werden. Die Nicht-Berücksichtigung solcher Dinge führt zu den größten Schäden unserer Gesellschaft. Es wird immer etwas in einer gewissen leichtsinnigen Weise begonnen. Ich mache nur darauf aufmerksam, wie leichtsinnig wir mit Sigismund von Gleich waren! Durch diese Art entstehen unsere anthroposophischen Sorgen, indem man nicht den Willen hat, B zu sagen, nachdem man A gesagt hat. Dies gehört zu den Dingen, die bei uns anders werden müssen.

Dr. Palmer und Emil Leinhas äußern sich dazu.

Dr. Steiner: Mir hat immer geschienen, daß der Gescheitere nachgibt. Dr. Knauer kann nicht als eine Autorität gelten. Wenn ihm das Ärzte-Kollegium nur imponiert hätte, dann wäre es schon gegangen. Man hat mit ihm verspielt. Es kann bei uns nicht das Prinzip herrschen, daß man jeden, den man zuerst heranzieht, dann wieder hinauswirft, wenn er einem nicht mehr paßt. Sie können sehen, daß ein großer Teil von dem, was uns von außen zugefügt wird [an Gegnerschaft], auf ein paar Ausschlüssen beruht, die von der Anthroposophischen Gesellschaft gegen meinen Willen vollzogen worden sind.

Die Diskussion geht auf ein anderes Thema über. (Notiz von Dr. Heyer: «An dieser Stelle war es 1 Uhr nachts.»)

Dr. Kolisko spricht über das Forschungsinstitut und über Dr. Theberath.

Dr. Theberath spricht über sein Versagen. Dr. Schmiedel habe, ohne ihn darum zu fragen, seinen Namen auf das Programm gesetzt.

Dr. Steiner: Fühlen Sie sich nicht verpflichtet, gegenüber der Öffentlichkeit etwas zu tun im Interesse der Anthroposophischen Gesell schaft?

Dr. Theberath: Ich hielt mich verpflichtet, die Versuche durchzuführen. Eine Verzögerung der Versuche ist aufgetreten, weil das, was vorher Nebensache war, Hauptsache wurde.

Dr. Steiner: Auf diese Weise werden wir aus unsern Forschungsinstituten niemals etwas herauskriegen.

Dr. Kolisko: Ich hätte den Artikel Dr. Theberaths abweisen müssen. Es liegt ein Fehler der Redaktion vor.

Dr. Steiner: Wenn wir von dem Grundsatze ausgehen, daß derjenige, dem etwas vorgehalten wird, sich eben einfach rechtfertigt, dann bin ich überzeugt davon, daß alles, was besprochen wird, in einer Rechtfertigung enden wird. Wenn in dieser Richtung gedacht wird, dann kommen wir nicht vorwärts. Sie müssen daran denken, daß aus dem Schoße der Gesellschaft heraus die Ideen dieser Gründungen entstanden sind. Nun können Sie nicht unbedingt annehmen, daß die Gesellschaft bankerott werden muß daran, daß in diesem Forschungsinstitut nichts geleistet wird. Daß eine Versuchsreihe noch genauer und genauer gemacht werden kann, ist selbstverständlich, aber endlich ist es notwendig, daß der Welt etwas gezeigt wird. Der einzig gültige Einwand gegen die Milz-Versuche ist dieser, daß man die Versuchsreihe hätte vermehren können. Selbstverständlich, wissenschaftlich würde es sich schon rechtfertigen lassen, daß eine Versuchsreihe nie ganz vollständig zustande kommt. Ich denke doch, daß man die Aufgabe hätte zu fragen, wie das [Forschungs-]Institut durch Arbeitsleistungen fruchtbar werden kann. Wenn wir jede Frage nur persönlich nehmen — und die Auffassung dieser Frage von Dr. Theberath ist ein Schulbeispiel dafür, dann kann man nicht anders als sagen, daß die Anthroposophische Gesellschaft sich als unfähig erweist, die Wege von 1919 weiterzugehen. Dann muß die Sache aufgegeben werden und ist zurückzuschieben auf den Stand, den sie 1918 hatte. Wenn Sie durchaus die Frage nicht so behandeln wollen, daß die Sache fruchtbar wird und daß die maßgebenden Persönlichkeiten darüber nachdenken: Wie vertreten wir die Sache vor der Welt, so daß sie fruchtbar wird? -, dann kommen wir nicht weiter.

Dr. Kolisko: Einige Abhandlungen sind noch da.

Dr. Steiner: Ich frage: Hat einer der Physiker über die Abhandlung von Dr. Maier in der «Anthroposophie» geschrieben? Hat einer unserer Physiker geschrieben ? Darum handelt es sich gerade, daß die Welt darauf aufmerksam wird und merkt, daß etwas geschieht. Geradeso wie es uns geholfen hätte, wenn über die Milzversuche geschrieben worden wäre.

Dr. Maier: Ich habe nicht viel Interesse gefunden. Der einzige war Dr. Dechend. Besser wäre es gewesen, wenn jemand anders schriebe.

Dr. Steiner: Natürlich wäre es besser, wenn jemand anders schriebe! Das ist gerade das Wesentliche, daß die Leute zusammenwirken sollen. Es wäre darauf angekommen, die große Bedeutung der Arbeit in einer klaren Weise auseinanderzusetzen: dem hätte sich jeder unterziehen können; dazu braucht man nicht ein Physiker zu sein. Warum geschehen solche Dinge nicht? Warum wird über diese Frage nicht gesprochen? Ich habe diese Frage immer wiederum in ihrer methodischen Bedeutung hervorgehoben. An der Milzfrage habe ich gezeigt, wie eine innere Opposition betrieben worden ist. Und als mir dann berichtet worden ist, was für eine Geschichte das gegeben hat — das wurde dann ein Skandal! (Notiz von Dr. Heyer: «Milzgeschichte ein Skandal: einer der Grundschäden.») Die Dinge werden dadurch nicht besser, daß man sich über diesen Punkt ausschweigt, der der fundamentalste ist. Auch heute hat man sich total darüber ausgeschwiegen. Mir kommt es darauf an, daß diese Dinge in einer Anthroposophischen Gesellschaft besprochen werden. Es liegt aber die Tendenz vor, Täuschungen zu rechtfertigen! Die Dinge sollten nicht erst soweit gebracht werden, daß dann der Gegner recht hat. Über den ganzen Verlauf der Versuchsreihe will ich nicht reden. In der Frage der Phänomenologie ist doch die Sache auf den Punkt getrieben worden, daß der Gegner, so wie die Sache heute liegt, Recht hat, und die Anthroposophen haben Wesenloses vorgebracht. Man hat erst die ganze Frage aufs Glatteis geführt, um es den Gegnern so leicht wie möglich zu machen. Das einzig Greifbare, was im Atomismus-Streit vorgebracht worden ist, steht in der Erwiderung von Frl. Dr. Rabel selbst — das einzige, was für die anthroposophische Position vorgebracht werden kann.

Es spricht Dr. Unger. Dann Dr. Theberath des längeren.

Dr. Steiner: Von der Phänomenologie ist bis zum Jahre 1919 überhaupt nicht gesprochen worden. Ich war genötigt, davon zu sprechen, als ich diese Verhältnisse feststellen mußte. Das, was Sie Phänomenologie nennen, haben Sie in die Anthroposophische Gesellschaft hineingetragen. Sie haben mir hier die Führung entwunden, indem Sie die Gelehrsamkeit hineingetragen haben. Deshalb haben Sie die Verantwortung für die Dinge, die hereingekommen sind. Die Gemeinschaft der Gelehrten hat die Phänomenologie hineingetragen.

Es wird weiter über diesen Gegenstand gesprochen.

Dr. Steiner: Nun wird das so dargestellt, als ob sch die ganze Phänomenologie hineingetragen hätte. Die Forscher sind es, welche diesen Tatbestand in die Anthroposophie hineingebracht haben. Ich würde es weit von mir abweisen, für so etwas die Verantwortung zu übernehmen wie für diesen Artikel über den Wasserstoff in der «Drei».

Es wird weiter über diesen Gegenstand gesprochen.

Dr. Steiner: Heute stehen wir vor der Bescherung. Sie lehnen die Verantwortung ab, indem Sie sich bloß persönlich rechtfertigen wollen. Wenn Sie Phänomenologie wollen, dürfen Sie nicht philosophieren. Das aber würde bedeuten, die Apparatur schon in eine Richtung zu bringen, die man fruchtbar nennen kann. So haben wir zum Beispiel in Dornach praktische Phänomenologie betrieben, da wir vor die Aufgabe gestellt waren, daß wir in der Arbeit bestimmte Probleme zu lösen hatten. Wir haben doch Farben zustande gebracht, mit denen wir die Kuppel ausmalen konnten. Bisher haben sich diese Farben gehalten. Wir sind eben von einem klar zutage liegenden Gedanken ausgegangen. Wir haben flüssiges Papier gemacht und haben auf flüssiges Papier die Farben aufgetragen. Davon sind wir ausgegangen, Stück für Stück uns vortastend an den Tatsachen. Das war eine Art phänomenologisches Experimentieren. Hier in Stuttgart hat nie der Wille bestanden, in phänomenologischer Weise zu arbeiten, außer im Biologischen Forschungsinstitut, da, wo zwei Versuchsreihen herausgekommen sind, die halten. Wenn Sie sich an diese Methode halten, die herausgewachsen ist aus der Anthroposophie selber, dann werden Sie den Mut nicht zu verlieren brauchen. Aber das Hereintragen der Universitätsmethoden geht nicht. Es handelt sich wirklich darum, daß für dasjenige, was durchaus in Einklang gebracht werden kann mit der Anthroposophie, auch die Verantwortung übernommen werden muß. Darum handelt es sich, wie man da fruchtbar vorwärts kommt, und nicht um unendliche Versuchsreihen, die zu nichts führen.

Da haben wir vom «Kommenden Tag» her die Finanzierung in Angriff genommen, im Vertrauen, daß wirklich gearbeitet wird; und das wird jeder wirkliche Wissenschaftler zugeben, daß man auch mit unvollendeten Versuchsreihen hervortreten kann, wenn wirklich gearbeitet wird. Jedenfalls müßten diejenigen, die sich hier niedergelassen haben, um auf unserem Boden die Dinge zu treiben, die müßten für die Sache auch aufkommen.

Die Debatte geht weiter.

Dr. Steiner: Ich will die Möglichkeit geben, durch Stellung einer bestimmten Frage vielleicht doch noch irgend etwas herauszuholen. Ich frage folgendes: Ich bin genötigt worden, den Artikel in der «Drei» zu erwähnen, und stelle nun die folgende Frage: Bedurfte es der Unternehmung unserer Forschungsinstitute, oder bedurfte es bloß einer Umänderung der Denkmethoden und der Verwertung derjenigen Kenntnisse, die man auch ohne die Unternehmungen hätte gewinnen können, um solch einen Aufsatz zu schreiben wie den über den Wasserstoff? Ich stelle diese ganz konkrete Frage. Oder hätte nicht vielleicht jeder diesen Aufsatz schreiben können, der einfach die überall bekannten heutigen Tatsachen auch kennt und sich hinsetzt, um sie phänomenologisch zu interpretieren? Artikel, die ein Resultat der Forschungsinstitute sind, hätten kommen müssen! Wir müssen uns darüber unterhalten, ob die Forschungsinstitute fruchtbar sind. Ebenso frage ich Sie: War es nötig, die Forschungsinstitute zu errichten, um den Atomismus-Streit zu machen? Unsere Zeitschriften sind doch auch im Zusammenhang damit entstanden. Es ist darauf gerechnet worden, daß in unseren Zeitschriften etwas von den Resultaten aus unseren Forschungsinstituten erscheint. Das imponiert der Welt nicht, wenn jemand sich hinsetzt und dasjenige zusammenstellt, was man in den Handbüchern sammeln kann, der eine atomistisch, der andere phänomenologisch.

Emil Leinhas: Es liegt eine Reihe von Aufgaben, von Dr. Steiner gegeben, vor.

Dr. Steiner: Die muß man lösen und nicht sich um unnötige Dinge kümmern, wie das zum Beispiel, daß ein Buch, Moltke, auf Konferenzbeschluß bestellt worden ist. Es gibt Stellen in dem Buch, durch welche man es hätte rechtfertigen können. [Siehe unter Hinweise.]

Reden und Fragen der Mitglieder.

Dr. Steiner: Ich bin ganz unschuldig am Programm oder Unprogramm des heutigen Abends. Ich habe gebeten, es möchte heute [nicht wieder] ein großer Kreis berufen werden, damit man zu einem Resultat komme. Ich habe am 10. Dezember [1922] an Herrn Uehli eine Bitte gerichtet, die an den ganzen Zentralvorstand gerichtet war. Es war mir klar geworden, daß die Dinge zu einer vollständigen Deroute der Anthroposophischen Gesellschaft führen müssen. Ich habe gefragt: Was ist zu tun? Ich sagte: Ich könnte mich auch an jedes einzelne Mitglied wenden, um einen möglichen Zustand herbeizuführen. Aber ich möchte lieber davon absehen, da die Tatsache vorliegt, daß aus dem Schoße der Gesellschaft Führungen übernommen worden sind, und ich bäte den Zentralvorstand, die Dinge in die Hand zu nehmen und sich mit führenden Persönlichkeiten in Stuttgart darüber ins Benehmen zu setzen, damit eine Katastrophe abgewendet werden könne. Denn man müsse sehen, daß die Sache in einem raschen Hinabgleiten ist. — Ich mußte dann abreisen und sprach nach wenigen Tagen mit Dr. Kolisko, indem ich ihm von diesem Auftrag erzählte. Ich erwartete, daß mir die Ausführung dieses Auftrages entgegentreten würde, wenn ich dann wieder hierher käme. Es kamen die traurigen Tage von Dornach, die dann zu allerlei geführt haben: zum Beispiel zu jener Jugend-Versammlung im Glashaus [am 6. Januar, nachmittags], auf der so schreckliches Zeug geredet worden ist. Dann zur aufgeschobenen [Mitglieder- Versammlung vom 6. Januar. Herr Uehli fragte mich [einen Tag] vorher nach dem Programm. Ich sagte, daß jetzt über die Konsolidierung gesprochen werden solle. Am nächsten Tag verlief die Versammlung so, wie sie eben verlaufen ist. Als ich dann [am 16.] hierher kam, wurde ich nicht empfangen von dem Zentralvorstand mit führenden Persönlichkeiten, sondern von einem Komitee, das sich gebildet hatte aus dem Dreißigerkreis heraus. Herr Leinhas erzählte mir beim Wegfahren aus Dornach, daß Dr. Unger nicht dabei sein solle.

Ich kam am Abend an, und in diesem Komitee wurde sehr scharf über diesen Zentralvorstand gesprochen. Man konnte von der Versammlung den Eindruck bekommen, man wolle sich überhaupt nicht mit dem Zentralvorstand einlassen, sondern man müsse selbst die Sache behandeln. Nun, ich meinte, Dr. Unger müsse doch dabei sein. Es fielen starke Worte. Es wurde unter anderem der Zentralvorstand so kritisiert, daß von Dr. Stein gesagt wurde, er wäre ein Kindergespött geworden. Es war in Aussicht genommen, die Luft hier energisch zu reinigen. Herr Uehli ist abgereist [zurückgetreten]. Es wurde die große Versammlung einberufen [am 22. Januar]. Dabei kam nichts heraus. Es wurden kleinere Versammlungen einberufen. Es kam nichts heraus, als daß ein Rundschreiben geschickt werden sollte. Nun sagte ich, daß man wissen müsse, was man den Delegierten sagen wolle. Gestern ging die kleine Versammlung tatenlos auseinander.

Da es doch klar ist, daß man mit einer kleinen Versammlung nicht weiterkommen kann, beschloß man, diesen Dreißigerkreis zu berufen.

Die Verhandlungen dieses Kreises haben Sie heute abend mitgemacht. Der Ausgangspunkt war der, zur Reorganisation der Gesellschaft etwas zu tun. Das haben Sie dadurch herbeizuführen versucht, daß sie die einzelnen Institutionen aufgefordert haben, sich über sich selbst zu äußern. Nun bitte ich, weitere Vorschläge darüber zu machen, wie Sie sich denken, daß aus dem Schoße der Gesellschaft die Sache geleistet werden soll. Es würde sich darum handeln, daß dieses Komitee sagt, was es seinerseits will. Negative Kritik ist genug geübt worden.

Sie selbst behaupten, der Zentralvorstand sei zum Kindergespött geworden und er könne nicht bleiben, und Sie deuten darauf hin, daß etwas anderes an dessen Stelle treten müsse. Was ist das? Der Versuch müßte darin bestehen, daß man also wirklich diejenige Körperschaft an die Spitze der Bewegung stellt, die eine Garantie dafür bietet, daß es anders wird. Wie stellen Sie sich heute den Fortgang der Situation vor?

Dr. Palmer rät zu der Rückkehr zum Zustand von 1918.

Dr. Steiner: Sollte es nicht Mittel und Wege geben, sich nicht bloß in den Abgrund zu stürzen, sondern weiterzukommen?

Graf Polzer: Heute müßte die Anthroposophische Gesellschaft sich loslösen von diesen Institutionen. Die Verantwortung für diese sollte von bestimmten Persönlichkeiten übernommen werden.

Dr. Steiner: In diesen Institutionen ist so viel Kapital investiert! Dadurch ist die Situation so geworden, daß sich diese Frage nicht mehr aus bloßen abstrakten Vorstellungen heraus lösen läßt. Denn das würde ja bedeuten, daß ich mich zurückzöge und die Sache von neuem begründen würde. Das würde folgen müssen. Wenn aus solchen wochenlangen Verhandlungen am Ende das zustande kommt, was bis heute geschehen ist, so würde es dazu führen, daß ich sage: Man muß etwas Neues begründen. — Man ist doch bei der Sache engagiert! Man muß doch aus den wirklichen Tatsachen heraus die Sache auffassen! Ich kann das nicht ausführen, was ich ausführen möchte. Das geht nicht. Es geht auch das nicht, daß man einfach eine Kampagne entriert, die dann so verläuft. (Notiz von Dr. Heyer: «... daß die Gesellschaft öffentlich abrückt von allem, was außer der Lehre Dr. Steiners entriert ist?») Man hat auch dafür die Verantwortung, daß man die Zeitnichtin der Art totschlägt, wie sie seither totgeschlagen worden ist.

Dr. Wolfgang Wachsmuth: Läßt sich das nicht so regeln, daß die Gesellschaft das bekannt gibt, öffentlich abrückt von allem, was außer der Lehre Dr. Steiners entriert ist?

Dr. Steiner: Nehmen Sie an, die Gesellschaft setzt in dieser Weise die Sache fort und ich würde genötigt werden, mich an die Mitglieder zu wenden: so müßte ich vermeiden, daß das Ansehen der Institutionen nicht gewahrt würde. Es darf das Ansehen des «Kommenden Tages» keine Einbuße erleiden. Es handelt sich lediglich um die Alternative: Entschließt sich die Führerschaft, die jetzt die Sache in die Hand genommen hat, uns zu verraten, von welchen Ausgangspunkten sie ausgegangen ist, oder muß ich mich an alle Mitglieder wenden? Dann aber wäre es gut, es gleich am ersten Tag zu sagen, daß das erst geboren werden soll, was an die Stelle des Kindergespöttes zu setzen ist.

Dr. W. J. Stein: Wir dachten an die Änderung der Gesinnung und Änderung der Arbeitsrichtung.

Dr. Steiner: Was stellen Sie sich vor, was Sie der Delegiertenversammlung sagen werden?

Dr. Unger: Man müßte die Möglichkeit haben, der Versammlung etwas vorzulegen, was zeigt, daß das Stuttgarter System überwunden worden ist. Palmer hat die Verantwortung übernommen für die Klinik, Leinhas für den «Kommenden Tag». Bei der Delegiertenversammlung würde ich vorschlagen, daß die Anthroposophische Gesellschaft die Verantwortung für das, was sich «Bund für freies Geistesleben», nennt, übernimmt.

Dr. Steiner: Soll es dabei bleiben, daß dieses Dreier-Kollegium Leinhas — Unger - Kolisko

bis zur Delegiertenversammlung fortwirkt?

Dr. Unger: Man wartet, daß von irgendeiner Leitung darüber berichtet wird.

Dr. Steiner: Sie dürfen nicht vergessen, daß es tatsächlich aufhören würde, daß der eine vom anderen etwas hält, wenn man in einer Delegiertenversammlung so redet, wie heute abend geredet worden ist. Vor eine große Versammlung muß man nicht mit Selbstkritik oder dergleichen, sondern mit positiven Ideen treten. Was geschehen ist die ganze Woche über, das ist: daß ein Kreis sich gebildet hatte, der unzufrieden war. Solcher Kreise soll es noch verschiedene andere geben. Das ist furchtbar leicht: unzufrieden zu sein! Aber ohne daß Sie einer solchen Delegiertenversammlung irgend etwas Positives vorlegen, kommen Sie zu nichts anderem, als daß die letzte Spur des Vertrauens verlorengeht.

Ich will vielleicht noch ein paar Fragen stellen. Es wird hier seit vielen Tagen verhandelt. Es war die große Versammlung hier. Ich stellte die Frage: Warum wird mit Positivem nicht in der Weise der Anfang gemacht, daß sich unter denjenigen, die sich als führende Persönlichkeiten betrachten, einzelne finden, die sich vorbereiten, so etwas bei der entsprechenden Gelegenheit vorzubringen, so daß die Zuhörer eine gewisse Besserung verspüren? Warum bereiten sich die Mitglieder, die führend waren, nicht auf gewisse Dinge vor? Warum läßt man die Dinge so laufen? Was für einen Eindruck haben wir bei den Mitgliedern gemacht, als Frl. Ruben

dazumal anderen obliegende Führereigenschaften schlimmster Sorte entwickelt hat dadurch, daß sie vorbereitet gekommen ist vor eine Versammlung. Warum bereiten sich nicht die führenden Persönlichkeiten auf die Situation vor? Wünschen Sie auch eine Delegiertenversammlung, in der nur ein Frl. Ruben vorbereitet kommt und Allüren einer Führerpersönlichkeit entwikkelt? Wenn man sich nicht bekümmert um das, was geschehen soll, sondern die Sachen laufen läßt, dann kommen wir nicht vorwärts, wenn noch so viel schmutzige Wäsche gewaschen wird.

Wenn wir nicht in bezug auf Eifer und Willen vorwärtskommen, dann kommen wir nicht vorwärts. Warum soll sich nicht die Möglichkeit finden, ein bißchen vorbereitet zu kommen, um etwas sagen zu können? Die kleinen Versammlungen sind so verlaufen, daß die Mitglieder des Siebenerkreises erschienen sind, ohne auch nur vorher nachgedacht zu haben.

Ich habe einmal auf dasjenige hingewiesen, was eigentlich zur Schiefheit in der Entwicklung der Bewegung für religiöse Erneuerung geführt hat. Ich habe darauf hingewiesen, daß man diesem Kreis für religiöse Erneuerung den Vorsprung gelassen hat, das wirksamste Buch zu schreiben, so daß man sich nicht zu verwundern braucht, wenn diese Gesellschaft nun auch Erfolg hat, Wirksamkeit entwickeln kann, während die Anthroposophische Gesellschaft nur dazu gekommen ist, sich lediglich auf Abwehr des Unberechtigten zu beschränken.

Gestern war wieder eine solche Versammlung.

Sie war verstärkt durch Herrn Uehli. Ich war genötigt, darauf hinzuweisen, daß die Sache gemeinschaftlich sein müßte und daß man sich bekümmern müsse um die Institutionen. Wir haben erlebt, daß Dr. Stein aufgetreten ist und das wiederholt hat, was ich gesagt habe. Heute versammeln wir uns hier, und weil ich gestern hingewiesen habe auf das Konkrete dessen, was uns zusammengeführt hat, wird heute das zum Programm gemacht, was ich gestern nur illustrativ angeführt habe.

Warum findet man nicht die Möglichkeit, etwas, was man vorher überlegt hat, vorzubringen? Warum findet sich nicht die Möglichkeit, ein wesenloses Geschwätz von Frl. Ruben zurückzuweisen? Warum findet sich nicht die Möglichkeit, das zurückzuweisen, was Bock vorgebracht hat und was ich vorgestern zurückweisen mußte?

Was ich selbst also zurückweisen mußte? Warum halten wir Versammlungen, ohne daß sich die Persönlichkeiten darauf vorbereiten? Der Grundfehler ist der, daß sich kein Mensch auf das vorbereitet, was er hier vorbringen will. Wenn ein Mensch zeigt, daß er sich vorbereitet hat, dann bringt er es mit Wärme und mit Enthusiasmus vor. Einen Enthusiasmus hat es heute nur im Schimpfen gegeben. Man möchte nur wünschen, daß irgend etwas im Positiven mit Wärme vorgebracht würde! Das ist dasjenige, was man brauchen würde! Und das ist das, was fehlt. Hier herrscht eine Kälte, die das Ungeheuerlichste ist, und die ganze Versammlung hat dieses gemeinsame Charakteristikum, daß sie kalt ist bis zum Exzeß, daß keine Wärme verspürt worden ist!

Wenn man dieses erlebt, kann man nicht glauben, daß man dabei ist, die Gesellschaft fortführen zu können. Man könnte nur konstatieren, daß Sie nicht einmal nachdenken. Das ist das eigentümliche, daß man nicht innerlich Gedanken entwickelt. Heute abend sind alle Stühle zu kurulischen geworden. Wirklich, es ist eine Überraschung gewesen, daß dasjenige, was nur als Illustration von mir vorgebracht wurde, heute abend schon zum «Programm» gemacht worden ist.

Adolf Arenson: Der Enthusiasmus ist nicht da. Andererseits ist doch in allen ein großer Schmerz vorhanden, daß sie das nicht aufbringen, was zu leisten wäre. Wenn es nicht möglich ist, etwas Positives zu finden, dürfen wir uns dann nicht um einen Rat an Sie wenden? Nicht heute vielleicht? Ich sehe sonst nicht, wie es möglich ist weiterzukommen. Ich bin überzeugt, daß wirklich alle vereint weiterwirken möchten.

Dr. Steiner: Es ist doch etwas unmittelbar Aktuelles, daß tatsächlich am verflossenen Montag [22. Januar] Frl. Ruben den Vogel abgeschossen hat; daß man dies hat ruhig geschehen lassen, daß man aus Unaufmerksamkeit die Dinge von Bock hat hingehen lassen. Was hilft ein Rat, wenn die Dinge so verlaufen? Wenn man in wichtigsten Momenten die ungeeignetsten Dinge unmoniert geschehen läßt? Was hilft ein Rat, wenn ich schon seit Monaten erwähne, ich würde gern hören, warum das geschehen ist, daß die Milz-Broschüre boykottiert worden ist? Was hilft ein Rat? Ich darf nicht hören, was das Kollegium veranlaßt hat, hier den Auftrag zu geben, daß auf die Broschüre kein Auge fällt! Ich darf nicht hören, warum diese Dinge so sind!

Da hilft es nicht, davon zu reden, daß Ratschläge erteilt werden sollen. Das gehört zu dem, was die Gesellschaft ruiniert. Wie anders ständen heute unsere wissenschaftlichen Unternehmungen da, wenn einer der Ärzte den Mund aufgemacht und etwas gesagt hätte, was weiß Gott wie lange gesucht worden ist! Sie können zehn Heilmittellisten herausgeben mit wesenlosen Anpreisungen! Wenn aber die Welt erfahren würde, daß die Dinge an einer Klinik gemacht worden sind, so hätte die ganze Welt davon gesprochen. Warum geschieht so etwas nicht? Warum wird über so etwas nicht gesprochen, trotzdem ich seit Wochen darum bitte? Warum verschweigt man das? Man wird alle meine Ratschläge so befolgen, daß man sie boykottiert. Warum ist das so? Die Anthroposophische Gesellschaft hat sich zu dem entwickelt, daß man sagen könnte: Es wird innere Opposition gemacht; zum Beispiel bei denjenigen, denen es zugekommen wäre, die Milz-Broschüre zu behandeln. Die Anthroposophische Gesellschaft hat es geschehen lassen, daß ein Kreis zu mir in offene Opposition getreten ist. Und das, obwohl ich wiederholt bemerklich gemacht habe, daß alles von mir Gesagte in den Wind geschlagen worden ist. Ist es erhört, daß hier ein Ärzte-Kurs gehalten wird und dann das, was unmittelbar als bedeutende Leistung in Erscheinung tritt, so boykottiert wird? Würdigt man das ganz Skandalöse, das in dieser Sache liegt? Das ruft die Notwendigkeit hervor zu sagen: Die Gesellschaft tut ja nichts...

Die Frage ist die: Will sich die Gesellschaft jetzt so einsetzen, daß mir nicht mehr ins Gesicht geschlagen wird durch die Anthroposophische Gesellschaft wie bisher? Dr. Rascher quartiert sich in Dornach in einem Hause ein, wo die Frau Häfliger wohnt, und die erfährt dort von ihm einiges über die Opposition gegen die Milz-Broschüre. Ich frage Sie: Wie werde ich, wie wird eine solche Sache selbst in engeren Kreisen behandelt? Wie hat sich die Ärzteschaft verantwortlich gefühlt für dasjenige, wofür sie sich verpflichtet hat, es in ihren Kreisen bleiben zu lassen? Das ist die Anthroposophische Gesellschaft! -— Die Sache muß sehr schnell gegangen sein. Denken Sie sich diese Blamage. Ich werde immer molestiert, ich solle die Erlaubnis geben, daß man die Ärzte-Kurse lesen darf.

Dr. Rascher: Ich möchte doch die Ärzte fragen, ob sie nicht antworten wollen.

Dr. Husemann: Es ist aus Angst vor der Broschüre geschehen. Ich hatte Angst vor der Diskussion. Aus Feigheit ist es geschehen.

Dr. Steiner: Wenn wir weiter die Dinge so anstellen werden - [Lücke]

Ich habe noch keine Besprechung der Broschüre von Frau Kolisko in der «Anthroposophie» gefunden. Der Weg, den Sie eingeschlagen haben, ist der, daß Sie die Sache verschwinden machen werden, um sie vielleicht nach zehn Jahren in einer Klinik aufleben zu lassen. Studieren Sie die deutsche Gelehrtengeschichte des 19. Jahrhunderts, was da alles vorgekommen ist.

Ich habe wirklich in der letzten Zeit mit positiven Ratschlägen nicht zurückgehalten. Keiner ist befolgt worden. Es handelt sich darum, daß man an einer bestimmten Stelle Ratschläge gibt und daß sie dann alle in den Wind geschlagen werden. Und zwar so stark wie dieser.

Es sprechen einige über die vorangegangene Lethargie.

Marie Steiner: Dr. Unger ist gewillt, dies in starke Aktivität umzuwandeln. Er ist derjenige, der die Anthroposophische Gesellschaft mit in die Welt gesetzt hat. Er hat eine solche Erfahrung, die es ihm möglich machen wird, einiges wieder gutzumachen, während ich nicht glaube, daß jemand anders diese selben Fehler vermeiden wird. Ich finde es sonderbar, daß man Dr. Unger als Zentralpunkt der Angriffe genommen hat. Bei zahlreichen Mitgliedern ist die Tendenz vorhanden, gegen Dr. Unger zu arbeiten. Wenn ich nach Stuttgart komme und merke, wie die Zahl der Angestellten wächst, und wenn ich bedenke, wie andere in Dornach arbeiten, ohne Gehalt, so muß ich sagen: Diejenigen, die angestellt sind, arbeiten viel weniger. Mir wird es nie einfallen, in diesen Vorstand eintreten zu wollen. Aber ich würde gerade meinen, daß Dr. Unger jemand ist, der bleiben kann; ihm fehlt aber jetzt der Glaube an sich. Man muß ihm die Möglichkeit geben, den Glauben wiederzugewinnen. Und Dr. Unger müßte selbst auch etwas dazu tun.

Es wird ein Vorschlag gemacht, den Dr. Unger zurückweist. — Dr. Hahn spricht. Es werden Vorschläge gemacht.

Dr. Steiner: Meinungen und Äußerungen interessieren mich nicht. Herr Dr. Hahn hat sein Interesse darauf beschränkt, um verschiedene Besprechungen zu bitten. Wenn Sie bloß aus.irgendwelcherm Glauben heraus das beweisen wollen, dann begründen Sie es auch.

Dr. Hahn: Mir scheint dieser Vorschlag indiskutabel zu sein.

Dr. Steiner: Aus verborgenen Gründen heraus werden Vorschläge gemacht. Aus solchen Meinungen und Überzeugungen setzt sich das Siebenerkollegium zusammen!

Eugen Benkendörffer:Ich habe es begrüßt, als ich hörte, daß Dr. Kolisko in den

Vorstand aufgenommen werden sollte.

Es wird dazu Stellung genommen.

Eugen Benkendörffer: 'Irotzdem bin ich der Meinung, daß Herr Dr. Kolisko

vorläufig in den Zentralvorstand eintreten sollte. Dann kann in neuer oder breiterer Weise über die Führung der Geschäfte der Gesellschaft gesprochen werden.

Dr. Unger: Wenn ich mich bereit erkläre, es wieder zu machen, so muß ich annehmen, daß sich die Freunde mit Überzeugung dahinterstellen. Wenn wir uns verstehen, werden wir die Arbeit wieder aufnehmen können. Wenn wir nur hindurchschauen durch alle die vielen Schleier von Vorurteilen, werden wir sicher unsere Beziehungen wiederfinden.

Dr. Steiner: In nächster Zeit steht der Fragenkomplex des Goetheanums und der Führung der Gesellschaft in anderer Art zur Diskussion. Nun muß ich sagen, daß ich aus den Besprechungen, die hier stattgefunden haben, nicht die Überzeugung gewinnen kann, daß das in irgendeiner Weise erfüllt würde, was ich in den Vorträgen gestern und vor acht Tagen [in GA 257] ausgesprochen habe: daß das Goetheanum nur aufgebaut werden könne, wenn auch eine starke Gesellschaft da ist.

Ich habe dieses Siebenerkomitee mit einer gewissen Befriedigung empfangen und nicht vorausgesetzt, daß sich alles genau erfüllen würde, was ich befürchtet hatte. Ich habe mich gefreut, daß sich eine Anzahl von Menschen zusammengefunden haben, die etwas tun wollen. Aber nun, die Wochen, die uns beschäftigt haben, die haben meine Besorgnis nicht vermindert! Und nun muß ich sagen: Wiederum mit der absoluten Ungewißheit über das Schicksal der Anthroposophischen Gesellschaft abreisen zu müssen — das ist hart. Und eigentlich wundere ich mich jetzt darüber, nachdem Zeit gewesen ist, sich irgendwie mit der Frage zu beschäftigen: wie Sie doch so ganz unvorbereitet wieder aufgetreten sind. Nicht wahr, Sie tun doch so, als ob Sie ahnungslos gewesen wären! Eine wirkliche Beschäftigung mit dieser Frage liegt nicht vor. Der Jugendkreis wird revoltieren, wenn nicht aus diesen Verhandlungen wirklich etwas hervorgeht. Ich möchte den Siebenerkreis an seine Pflichten erinnern.

Stellen Sie sich vor, ich wäre hier angekommen, ohne daß sich dieser Siebenerkreis gebildet hätte. Dann hätte ich der Tatsache gegenübergestanden, daß Herr Uehli meinen Auftrag nicht ausgeführt hat. Ich wäre sehr besorgt gewesen um die Sache. Ich hätte mit dem alten Vorstand die Sache zunächst auszufechten gehabt. Dasjenige, was herbeigeführt worden wäre, wäre dann gewiß so verlaufen, daß nicht die Spatzen das alles von den Dächern herunterpfeifen würden. Nun ist es so weit gekommen, daß heute, wenn nichts Erhebliches geschieht, die offene Revolte in der Gesellschaft da ist, weil alles hinausgetragen worden ist. Was hier verhandelt worden ist, das ist so gut wie in die ganze Gesellschaft hinausgetragen worden. Dadurch sind die Besorgnisse nicht vermindert, sondern vermehrt worden.

Ich wundere mich darüber, daß dieser Siiebenerkreis, der ein neues Element hinzufügen könnte, sich so wenig seiner Verantwortung bewußt ist. Das ist schon natürlich eine Sache, die heute außerordentlich schwerwiegend ist. Man darf nicht ungestraft eine solche Initiative ergreifen und sich nachher zurückziehen. Herr Leinhas hat von allem Anfang gesagt, daß man etwas Positives an die Stelle des Alten setzen solle. Wenn wenigstens dies befolgt worden wäre! Die ganze Studentenschaft ist der Meinung gewesen, daß der alte Vorstand nichts taugt. Nun hat das Siebenerkomitee diese Meinung zu der seinigen gemacht, und die ganze Sache verläuft wieder im Sande! So gehen die Dinge nicht weiter. Es ist ganz sicher, daß wir die Anthroposophische Gesellschaft einfach nicht in dieser Verfassung lassen können.

Adolf Arenson: Es ist jetzt der Wille zum Überuehmen von bestimmten Aufgaben von Dr. Unger geäußert worden. Herr Dr. Kolisko hat sich bereit erklärt, mit Dr. Unger zusammen die Arbeit zumachen. Dazu gehört, daß wir unsalleherzlich dahinterstellen. Wenn das möglich ist, dann gebe ich die Hoffnung nicht auf.

Dr. Steiner: Nun fragt es sich, ob man sagen kann, daß die alte Anthroposophische Gesellschaft weiterarbeiten wird. Es ist aber die Jugend da, mit der müßte etwas Besonderes begründet werden. Sie kennen die Stimmung der Jugend nicht. Sie wird sich nicht mit alledem zufrieden geben, das versichere ich Sie, was hier gesagt worden ist. Das zweite ist, daß dieses Goetheanum den Nebentitel hat «Freie Hochschule für Geisteswissenschaft» und daß die Prätention hervorgerufen worden ist, wissenschaftliche Leistungen aufzuweisen. Die Gegnerschaft mag noch so groß sein, aber die Leute dürfen nicht Recht haben. Es ist unmöglich, gegen diese Gegnerschaft mit dem Bau eines Goetheanum, dieser Freien Hochschule für Geisteswissenschaft, aufzukommen, wenn darauf hingewiesen werden kann, daß wissenschaftlich nichts geleistet wird. Wie leichtsinnig gebärden wir uns mit so etwas wie mit dieser Atomismus-Polemik! Wir brauchen nicht anzustreben, was Dr. Theberath meint: nur ja das Wohlgefallen der Privatdozenten zu erringen! Sondern wir müssen ehrlich vor die Welt hintreten mit Dingen, die in sich die Möglichkeit haben, wissenschaftlich dazustehen. Das müssen wir haben, nicht wahr?

Bei der Jugend wird Aufklärung nichts fruchten. Bei der Jugend wird nur fruchten, wenn ihr der Zentralvorstand so entgegentritt, daß sie anfängt, an ihn zu glauben. Aber mit Bezug auf die Prätention der wissenschaftlichen Richtung kann uns die Gegnerschaft angreifen. Man will nicht einen ernstlichen Anfang machen mit dem, womit man einen unernstlichen Anfang gemacht hat. Es bleibt nur die Waldorfschule übrig; die muß gehegt werden, damit die nicht auch fällt. Man muß mit der Jugend fertig werden und mit alledem, was sich an Gegnerschaft dadurch aufgehäuft hat, daß seit 1919 die ganzen Angelegenheiten so geführt worden sind, daß die Leute wütend geworden sind und nichts Vernünftiges gegen diese Wut gemacht worden ist.

Ich hatte nicht einmal Zeit, so etwas zu lesen —— [Lücke]. Die Dinge [Institutionen] sind begründet worden, und ein jeder setzt sich dann auf seinen kurulischen Stuhl. Dann muß ich mir überlegen: Wie werde ich fertig mit den Dingen, die jetzt auch an mich herangekommen sind.

Sie legen mir erstens die Verpflichtung auf, mit der Jugend allein fertigzuwerden; zweitens allein auszubaden, was durch die ganz schiefe Stellung gegenüber der Wissenschaft angerichtet worden ist. Auf den Rest der Anthroposophischen Gesellschaft, auf den ziehen Sie sich dann zurück. Die ist nicht von Gelehrten begründet worden, wahrhaftig nicht! Man muß sich vorstellen, wie sich die Dinge in den nächsten Tagen entwickeln können. Es muß doch etwas gemacht werden können! Wenn man sagt: «Wir werden arbeiten», das genügt noch nicht. Man hat Projekte aufgestellt und die Gesellschaft dazu benützt, diese Projekte in sie hineinzutragen. Alle diese Begründungen haben sich ergeben als Parasiten der alten Anthroposophischen Gesellschaft, und man zeigt kein Verständnis dafür, daß zugleich ein neues Verantwortungsgefühl auftreten müßte.

Aus jedem Wort in dieser Versammlung geht hervor, daß kein Verständnis nach irgendeiner Richtung vorhanden ist. Wir sind daran, uns wissenschaftlich gründlich zu blamieren. Fortwährend dieses Schweifwedeln vor der Wissenschaft habe ich niemals verlangt! Darauf brauchen wir keinen Anspruch zu machen, daß die Universitätsprofessoren unser Vademecum loben. Innerlich muß es mit Gediegenheit auftreten können; das ist dasjenige, um was es sich handelt. Die Gegner werden schimpfen, sie dürfen nur nicht Recht haben! Es geht nur voran, wenn eine Führerschaft wirklich da ist für etwas, was begründet worden ist. Eine Führerschaft muß da sein. Wenn keine Führerschaft da ist, wenn man sagt, man habe Angst vor der Diskussion: Wie will man da überhaupt weiterarbeiten? Da hat man Institutionen, von denen der Welt gesagt worden ist, sie wollten etwas Großartiges! Und dann hat man Angst davor, mit jedem Schaf, das von einer Klinik herkommt, zu diskutieren.

Machen Sie es mir möglich, meine Tätigkeit auf die Waldorfschule einzuschränken, da sich die Tätigkeit in der Waldorfschule auf eine kurze Zeit beschränken läßt. Machen Sie mir möglich, daß ich das Forschungsinstitut nicht mehr zu besuchen habe! Wenn Sie das bewirken, dann werde ich wissen, wie ich die Sache zu dem alten Status zurückzubringen habe. Ich werde mich dem Schicksal der Anthroposophischen Gesellschaft widmen können.

Befreiung in diesen vier verschiedenen Richtungen — dann werde ich fertig. Und bequemen Sie sich, nicht unvorbereitet zu jeder Versammlung zu kommen, sondern auch einmal vorbereitet zu kommen.



  1. Siehe Hinweis zu Seite 68 und das Programm Seite 851. ↩

  2. Siehe Hinweis zu Seite 70. ↩

German original of Meeting of the Circle of Thirty · ← Previous · Next →