The Fateful Year of 1923
GA 259 — 7 May 1923, Dornach
Bitte an die Mitglieder, den Goetheanum-Wächtern ihre Arbeit nicht zu erschweren
Dornach, Montag, 7. Mai 1923 Schlußworte des Abendvortrages
«Als Kuriosum wirken, wenn man sie in der Rückschau betrachtet, aber vielleicht doch bezeichnend für all die Dinge, denen Dr. Steiner seine Sorgfalt zuteil werden lassen mußte, die Schlußworte des Vortrages für Mitglieder, die sich auf den Wächterdienst jener beziehen, welche seit dem Brande das Amt des Wachens über die uns noch gebliebene Arbeitsstätte übernommen hatten.» —Marie Steiner
Jetzt lassen Sie mich nur noch eine Bitte aussprechen, die darin besteht, daß ich unsere Freunde ersuche, doch auch in den Einzelheiten ein wenig die Notwendigkeiten der Anthroposophischen Gesellschaft zu respektieren. Wir haben ja die Möglichkeit, dadurch, daß uns eben jemand eine solche eröffnet hat, hingebungsvolle Persönlichkeiten hier zu haben, die Wache halten über das, was noch von unserem Bau geblieben ist. Dieses Wachehalten in seinen verschiedenen Formen ist ja wirklich eine aufopfernde Arbeit, und Sie müssen verstehen, meine lieben Freunde, daß man der Wache es möglichst leicht machen muß, ihren Dienst zu versehen, daß man es ihr nicht allzuschwer machen soll. Es ist schon notwendig, wenn wirklich sachgemäß gewacht werden soll, daß zum Beispiel nicht bei jeder Gelegenheit anthroposophische Freunde den Schreinereiraum zu jeder Nacht- und Tageszeit betreten sollen oder wollen und dann sich darauf berufen: Ich bin ein altes Mitglied, ich kann da überall hineingehen.
Nicht um hier drakonische Maßregeln einzuführen, sondern einfach um die Lebensmöglichkeiten herbeizuführen, ist es notwendig, daß man, nicht untertänigst gehorsam, sondern vernünftig sich fügt demjenigen, was eben von seiten der wachehabenden Leute als notwendig angesehen wird. Wenn also zum Beispiel einmal zwei Veranstaltungen hintereinander sind, und es ist notwendig, daß zuerst die einen, die bei der einen Veranstaltung waren, hinausgelassen werden, bevor die anderen hereingelassen werden, so ist es nicht gut, wenn dann diejenigen, die nicht gleich hereinströmen können, Krakeel schlagen! Ich sage nicht Dinge, die ich mir ausdenke, sondern die vorgekommen sind. Und deshalb, meine lieben Freunde, bitte ich Sie, auch in Kleinigkeiten doch die Anthroposophische Gesellschaft real zu machen. Es kann nicht so sein, wie die allgemeine Auffassung zumeist ist, daß die Anthroposophische Gesellschaft darin bestehe, daß alles durcheinanderrennt und jeder das will, was ihm gerade einfällt, und daß man das eben durchsetzen will, indem man sich auf die «Philosophie der Freiheit» beruft! Und so weiter. Es ist ja in Berlin vorgekommen, nicht wahr, daß der Vorsitzende jemandem das Wort gegeben hat, aber während der sprach, sprach auch ein anderer, und es drohte, daß noch mehrere hintereinander auch «gleichzeitig» sprächen! Da sagte der Vorsitzende: Das geht doch nicht, meine Freunde, daß alle zugleich sprechen! — Da meinte man: Wir haben doch die «Philosophie der Freiheit», da müssen wir doch alle auch die Möglichkeit haben, zu gleicher Zeit reden zu können! —
Es ist schon notwendig, daß einfach Vernunft unter uns herrscht. Deshalb bitte ich Sie, den wachehabenden Persönlichkeiten ihr Amt nicht allzuschwer zu machen, sondern es ihnen zu erleichtern. Wir sind ja da zur Brüderlichkeit und nicht zum Krakeelen. Ich sage das wirklich in aller Artigkeit, möchte es als eine Bitte aussprechen — aber es ist schon die Notwendigkeit vorhanden, daß ich eine solche Bitte ausspreche.