The Fateful Year of 1923
GA 259 — 10 June 1923, Dornach
Generalversammlung der Anthroposophischen Gesellschaft in der Schweiz
Schreinereisaal in Fortsetzung der Versammlung vom 22. April Protokoll von Helene Finckh
Albert Steffen: Geehrte, liebe Freunde! Auch heute begrüße ich die Anwesenden auf das herzlichste in dieser Fortsetzung der Generalversammlung vom 22. April. Besonders danke ich Herrn Dr. Steiner für seine Anwesenheit und dafür, daß er im Laufe dieser Woche allabendlich einen Zyklus halten wird, der für unsere Bewegung von so überaus wichtiger Bedeutung ist, nämlich über die Geschichte und die Bedingungen der anthroposophischen Bewegung im Verhältnis zu unserer Gesellschaft.
Und ich begrüße auch aufs herzlichste die ausländischen Mitglieder, die ich mit Freude hier anwesend sehe. Ich möchte auch nicht den Schimmer eines Anscheins erwecken, daß wir Schweizer für uns allein alles beraten möchten. Wohl möchten wir Schweizer einen festen Grund haben in unserer Gesellschaft, aber wir möchten dann unsere Blicke so weit wie möglich hinausschikken. Die Gesellschaft umspannt ja die ganze Erde. Wir möchten eigentlich das sein, was unser Land schon vorbildet: Es hat einen granitenen Grund und hat sehr hohe Berge, was wir jetzt in keiner Weise natürlich erreicht haben. Herr Dr. Steiner hat ja einmal die Schweiz selbst dargestellt als etwas, was zum Mittelpunkte einer geistigen Bewegung werden könnte. Vielleicht darf ich Ihnen diese Stelle [aus Vortrag Dornach, 14. Oktober 1921, in GA 339], die er mich damals im «Goetheanum» abdrucken ließ, erwähnen: «.... Ein Staatswesen wie die Schweiz... ist etwas ganz Besonderes. Denn erstens ist die Schweiz, was schon während des Krieges bemerkbar war, wenn man es nur sehen wollte, etwas wie ein Schwerpunkt der Welt. Und gerade ihr Unengagiertsein gegenüber den verschiedenen Weltverhältnissen könnte sie benützen, um ein freies Urteilen und auch ein freies Handeln gegenüber ringsherum zu bekommen. Die Welt wartet ja nur darauf, daß die Schweizer das auch in ihren Köpfen bemerken, was sie in ihrer Tasche bemerken. In ihrer Tasche bemerken sie, daß der Franken vom Auf- und Absteigen der Valuta, von der Korrumpierung der Valuta, eigentlich nicht betroffen worden ist. Daß ja die ganze Welt sich um den schweizerischen Franken bewegt, das bemerken die Schweizer. Daß das auch in geistiger Beziehung der Fall ist, das bemerken die Schweizer eben nicht. Aber so, wie sie den unbeweglichen Franken, der gewissermaßen der Regulator geworden ist der Valuta der ganzen Welt, wie sie den zu würdigen verstehen, so sollten sie auch ihre durch die Weltverhältnisse wirklich unabhängige Stellung, durch die die Schweiz tatsächlich eine Art Hypomochlion sein könnte für die Weltverhältnisse — dies sollten die Schweizer verstehen...»
Verehrte Anwesende, damit ist eigentlich gesagt, daß unsere schweizerische anthroposophische Bewegung nicht nur eine geistige, sondern eine Naturgrundlage hat und daß, wenn wir diese Gesellschaft nicht fundieren können, wir da eigentlich nicht nur etwas tun, was ungeistig ist, sondern was unnatürlich wäre.
Nun ist ja die Schweiz vom Schicksal dazu ausersehen — was ja auch eine Naturtatsache ist in diesem Falle-, das Goetheanum hier zu haben. Es ist eben notwendig, wenn wir wirklich unsere Aufgabe erfüllen wollen, daß das Goetheanum wieder hier aufgebaut wird. Diese Tatsache kam ja auch in der letzten Generalversammlung zum Ausdruck, aber höchst chaotisch und ohne daß ein Resultat eigentlich herauskam. Aber am Ende war doch die Stimmung einmütig: das Goetheanum muß wieder hier dastehen.
Sie wissen ja alle, was in dieser Versammlung verhandelt wurde, teils weil Sie anwesend waren, teils weil der Bericht hinausgeschickt wurde in die ganze Welt.1 Dieser von Mr. Heywood-Smith so freundlich und gut verfaßte Bericht, er ging also nach Amerika, England, Kalifornien, Italien, Frankreich und so weiter, und er hat ein außerordentlich freudiges Echo gefunden. Überallber kamen begeisterte Briefe, und es kam auch die Versicherung, den Aufbau durch Geld zu unterstützen. Ich möchte Ihnen doch einige dieser Briefe stellenweise vorlesen. Zunächst den Brief von Mrs. Greene aus New York an unseren Freund Mr. Heywood-Smith:
«Sie waren so freundlich, uns die Berichte über die Begebenheiten der Generalversammlung, abgehalten in der Schreinerei, zu übersenden. Ich habe unverzüglich eine Extra-Zusammenkunft zusammengerufen, und die Mitglieder der St. Markus-Gruppe beschlossen, folgendes Kabel an Herrn Dr. Steiner zu senden: «Es ist der Wunsch der Mitglieder der St. Markus-Gruppe, daß das Goetheanum so bald wie möglich wieder aufgebaut werden soll und daß wir die Arbeit moralisch und finanziell nach Kräften unterstützen werden.»»
Ebenso kam ein solcher Brief von Mme. Ferreri aus Mailand. Sie hat mich nun leider gebeten, daß ich ihn nicht vollständig vorlese. Ich will also nur sagen, daß sie eben auch große Summen geschickt hat oder vor hat zu schicken und daß sie von ihrer Gruppe sehr darin unterstützt wird. Überhaupt ist aus diesem Brief ein so inniges Gemeinschaftsgefühl zu empfinden mit Dornach und mit der ganzen Bewegung.
Dann ein Brief aus Kalifornien von Mrs. Love, die eben dieselbe Versicherung gibt der geistigen und finanziellen Unterstützung.
Und dann besonders auch von England die Berichterstattung über die Generalversammlung dort. Nachdem also in dieser Generalversammlung über die englische Arbeit gesprochen worden ist, man einen Begriff bekommen hat, daß dort wirklich sehr schön gearbeitet wird, erzählt Mr. Wheeler, daß es bis jetzt möglich war, seit dem Brande des Goetheanum durchschnittlich 100 Pfund pro Monat an Herrn Dr. Steiner zu senden. Herr Metaxa sagt dann: [wurde nicht notiert, vgl. Seite 517]. Und dann sprechen in diesem Sinne eine ganze Reihe von Mitgliedern der dortigen Zweige. Auch Herr Kaufmann zum Beispiel sagte, daß es in erster Linie darauf ankäme, die notwendige spirituelle Grundlage für den Bau herzustellen, und daß dies in einer neuen Solidarität und Einigkeit das Ziel sein muß, das in der Gesellschaft bestehe. Herr Dunlop sagte dann, daß dies das Richtige im jetzigen Augenblick sei. Die Gesellschaft sollte zu Dr. Steiner kommen mit einem bestimmten Willen und Ziel und sollte nicht alles ihm selbst überlassen; wenn wir der Welt richtig gegenüberstehen und ihr unseren Willen und unsere Entschlossenheit zeigen zu bauen, so wird es keine Frage sein, daß die Behörden dies verhindern könnten, vielmehr würden sie es begrüßen, wenn sie fühlten, daß eine lebendige internationale Bewegung dahinterstände. — Miss Schlesinger und Herr Kaufmann haben dann vorgeschlagen, daß ein Komitee ernannt werden sollte, das sofort das Notwendige tun soll, damit durch den Willen und die Bemühung der Anthroposophischen Gesellschaft in der ganzen Welt das Goetheanum wieder aufgebaut würde. - Dieser Antrag wurde einstimmig angenommen.
Nun ist es mit den Behörden folgendermaßen. Nach den Auskünften, die wir auf unsere Erkundigungen hin bekommen haben von diesen Behörden selbst, bekommen wir die Versicherungssumme heraus, und der Aufbau wird erlaubt. Es müßte dann etwas ganz Unerwartetes dazu kommen, was aber unserer Ansicht nach nicht der Fall sein wird. Also, von den Behörden wird es keine Hindernisse geben. Das einzige, was nun fehlt, um den Bau zu errichten, ist eben der Baufonds, das Geld. Herr Dr. Steiner hat gesagt, daß der Bau ungefähr das Doppelte kosten würde der Versicherungssumme.
Wir haben dann sofort auch begonnen, in dieser Beziehung zu arbeiten. Vor allem Frau Dr. Wegman ist überaus tatkräftig ans Werk gegangen. Ste hat den Vorschlag gemacht, daß jedes Mitglied, wenn es dazu imstande ist natürlich, tausend Franken gibt, und dadurch wäre eigentlich die Möglichkeit da, den Bau zu beginnen, wenn das durchgeführt werden könnte. Dieser Plan ist dann auch sogleich in Angriff genommen worden, und in drei Tagen haben wir hier in Dornach 35 000 Franken zusammenbekommen.
Auch in St. Gallen ist sogleich Herr Knopfli ans Werk gegangen und hat dort auch eine verhältnismäßig sehr große Summe zusammengebracht. Es ist also etwas wie eine— im guten Sinne -— Epidemie im Gang, Geld zu geben. Das kommt daher, weil ein wirklich tatkräftiges und gutes Herz die Initiative dazu gegeben hat, und gerade ein solcher Mensch, dessen Aufgabe im täglichen Berufe es ist, Epidemien zu verhindern, was auch gelungen ist schon in mancher Beziehung. Ich möchte hier nicht dem Bericht der Laboratorien vorgreifen, aber ich möchte doch sagen, daß letzthin in Zürich eine Ärzteversammlung stattgefunden hat, die das Heuschnupfenmittel empfohlen hat, und daß sich daraufhin, ich glaube, es sind 200 Ärzte, an die Laboratorien gewendet haben, um dieses Mittel zu bestellen. Also man sieht, hier kommt alles aus der Opferfreudigkeit heraus. Wir wissen ja, daß Frau Dr. Wegman wirklich sehr opferfreudig ist. Sie nimmt ja viele Kranke umsonst auf in die Klinik, und das sollte uns eigentlich auch veranlassen, sie darin zu unterstützen. Ich möchte Sie überhaupt bitten, daß man auf das Innere wirklich etwas schaut.
Die Natur macht Sprünge. Also sie wird, weil das Goetheanum sozusagen auch auf der Naturgrundlage erstehen soll, sie wird darin auch Sprünge machen und uns Leute zuführen, die wirklich Spenden geben. Aber sie macht nur dann die Sprünge, die Natur - in geistiger Weise meine ich —, wenn eine geistige Grundlage da ist, das heißt, wenn die Leute sich zusammenschließen und eben Herz haben, wenn sie wirklich Opferwilligkeit haben. Denn die Natur macht sicher Sprünge in einem solchen Falle, nämlich wenn man weiß: Hier ist Geist vorhanden. Dann wird die Natur schenken. Aber wenn kein Geist ist, dann wird die Natur keinen Menschen veranlassen, irgend etwas zu schenken. Da wird zum Beispiel ein Mensch, der mit Freuden tausend Franken gibt, im anderen Falle um zehn Franken streiten vielleicht. Ich möchte also an die schweizerische Gesellschaft die Bitte richten, daß sie zu einem Entschluß kommt, daß sie eine Resolution faßt, worin Herr Dr. Steiner dringend gebeten wird, den Aufbau des Goetheanum zu übernehmen. Es ist unter den Delegierten gestern diese Resolution gefaßt worden, und ich will sie im allgemeinen, denn sie ist noch nicht genau formuliert, vorlesen.
Es kommt nämlich noch eins in Betracht, verehrte Anwesende, bei dieser Gelegenheit. Wir haben ja oft die Erfahrung gemacht, daß das Werk Dr. Steiners in Mißkredit gesetzt wird dadurch, daß Leute eben nicht richtig die Anthroposophie vertreten. Es müßte wenigstens beim Goetheanum Herrn Dr. Steiner die volle Freiheit gewährleistet werden im Aufbau; daß ihm also niemand dazwischenredet; daß er die Arbeiter, die er haben will beim Aufbau des Goetheanum, selbst bestimmt, daß sie ihm nicht aufgedrängt werden; daß er alles nach seinen Plänen und so weiter machen kann. Dies kommt in der Resolution auch zum Ausdruck. Es sind zwei Fassungen da, ich lese vielleicht zunächst die eine.
«Resolution. Die Anthroposophische Gesellschaft in der Schweiz drückt in der heutigen Generalversammlung den Wunsch aus, Herr Dr. Steiner möge den Wiederaufbau des Goetheanum in die Hand nehmen. Sie räumt Herrn Dr. Steiner Vollmacht ein, diesen Wiederaufbau in jeder Beziehung nach seinem eigenen Ermessen, Dispositionen, ohne Einmischung von seiten der Mitglieder durchzuführen.»
Es ist etwas deutlich ausgedrückt; vielleicht könnte man es etwas mildern. Aber ich glaube, wir sind doch alle damit einverstanden, und ich bitte Sie nun, das Wort zu dieser Angelegenheit zu ergreifen. Bevor wir zu etwas anderem übergehen, wollen wir nämlich hier wirklich zu einem Entschluß kommen. Ich bin der Ansicht, daß, wenn wir dies tun, wir dann wirklich eine Grundlage haben, worauf die Gesellschaft wieder emporwachsen und blühen kann.
Harriet von Vacano: Bittet alle Anwesenden, den Vorschlag von Herrn Steffen gleich anzunehmen durch Akklamation und die Tatsache als Feststehendes hinzustellen. (Es geschieht.)
Albert Steffen: Wie der Baufonds in Angriff genommen werden kann, ist ja natürlich das notwendigste. Herr Metaxa hat schon in England die Sache in Angriff genommen und wird vielleicht selbst einige Worte darüber sagen.
George Metaxa: Da Herr Steffen Ihnen das Protokoll der Generalversammlung, die neulich in London gehalten wurde, schon teilweise vorgelesen hat, darf ich Ihnen vielleicht jetzt nur sagen, daß das Komitee, das gebildet worden war, um die Sachen für den Wiederaufbau zu besprechen, der Meinung war, daß der Wiederaufbau des Goetheanum in vollstem Sinne eine internationale Sache sein müßte. Es müßten die Mitglieder in allen Ländern wirklich fühlen, daß sie doch an diesem Wiederaufbau teilnehmen können, auch wenn sie nicht in der Lage sind, selbst hierherzukommen. Und wie Sie wissen, sind nur die allerwenigsten dazu in der Lage. Deshalb wurde dann ein Vorschlag gemacht, und er ist von Dr. Steiner gebilligt worden, und ich darf Ihnen diesen Vorschlag offiziell ankündigen, der heißt, wir möchten vielleicht Ende Juli eine internationale Delegiertenversammlung hier einberufen, und es würden dann die Mitglieder in allen Ländern vertreten werden. Dann könnte die Sache der Sammlung von Geldern für den Wiederaufbau wirklich eine internationale Angelegenheit werden, und es könnten sämtliche anthroposophischen Kräfte dazu verwendet werden. Es könnten dann vielleicht auch noch andere Angelegenheiten zu besprechen sein, so daß auch da die Gesamtkräfte der anthroposophischen Bewegung wirklich zur Verfügung gestellt werden könnten. Sollte nun dieser Vorschlag für eine internationale Delegiertenversammlung hier von der schweizerischen Gesellschaft offiziell angenommen werden, dann ließe sich der Tag ankündigen. Einzelheiten könnten vielleicht mit Herrn Steffen besprochen werden.
Albert Steffen: Ein solcher Vorschlag kann natürlich nur auf das freudigste begrüßt werden von unserer schweizerischen Gesellschaft.
Emanuel van Leer: Meine lieben Freunde, bei der letzten Versammlung hatte ich schon über die finanzielle Lage des Goetheanum zu sprechen. Es war die Absicht, sofort eine größere Aktion anzufangen, um die Mittel, 2 bis 3 Millionen Franken, aufzubringen. Ich hatte inzwischen Gelegenheit, einerseits die von Frau Dr. Wegman eingeleitete starke Initiative in der Schweiz kennenzulernen, andererseits war ich in England, und es kommt mir vor, als ob es doch nicht möglich wäre, schnell Hals über Kopf etwas zu machen, sondern ganz genau etwas zu machen; ich will nicht das allgemeine Wort «Programm» benützen, aber ich möchte doch sagen, wie Herr Metaxa vorgeschlagen hat, daß eine internationale Delegiertenversammlung stattfinden soll Ende Juli. Wir können sie festsetzen auf den 22. oder 29. Juli. Allerwichtigst ist heute und in den allernächsten Tagen, genaue Mitteilung zu machen, was hier getan wird und gewollt ist, daß man bestimmte Pläne angibt und daß dann die verschiedenen Länder in ihrem eigenen Kreis all die verschiedenen Fragen in ihrem Lande besprechen könnten und daß die Delegierten zusammenkommen, die auch wirklich Delegierte sind, nicht daß es geht wie in Stuttgart. Man kam da hin, man mußte da vielleicht erst hören: Was wollen die Leute eigentlich in Stuttgart? - Es lag da ein chaotischer Ideenkomplex vor, und die Delegierten waren oft nicht berechtigt, etwas Bindendes zu sagen, wenn es sich um irgend etwas handelte. Wenn man früher besprochen hat, das und das kann gemacht werden, dann sind die Delegierten in ihre Länder gereist, aber die Resultate waren ziemlich schwach. Wir sollten es jetzt umgekehrt versuchen. Wir sollten den Leuten vier Wochen Zeit geben, um ihre Ideen auszudenken, so daß die Länder mit ihren verschiedenen Vorschlägen kommen. Es ist natürlich von der Schweiz richtig, Dr. Steiner zu ersuchen, aufzubauen. Aber wie Herr Metaxa gesagt hat: Es kommt auf das Internationale an. Wenn wir von überall her die Aufforderung bekommen und die Delegierten kommen, werden wir als eine große Körperschaft aufgefaßt werden. Ideen sind so billig wie Brombeeren. Es kommt darauf an, daß man dahinter stehenbleibt. Zum Beispiel die englischen Freunde stehen hinter ihren Ideen. Ich muß sagen, daß die englischen Vorschläge gerade mir in mancher Beziehung angenehmer und sympathischer erscheinen wie unsere schweizerischen, aus dem Grunde, weil bis jetzt alle Vorschläge immer von der Schweiz ausgegangen sind. In England steht man auf dem Standpunkt: Wir wollen es zusammen machen, aber wir wollen auch etwas mitzureden haben. — Über die Form, wie man das macht, kann man sich noch unterhalten, aber es kommt darauf an, die Sache international zu machen. Ich bin überzeugt, es ist von Herrn Steffen gar nicht schweizerisch gemeint. Aber es ist bis jetzt alles von der Schweiz aus gemacht worden. Die Engländer glauben eben, daß, wenn sie sich dahinterstellen hinter die Sache, es gut wäre. Ich möchte vorschlagen, daß, wenn diese Vorschläge akzeptabel erscheinen, wir in den nächsten Tagen einen Aufruf oder ein Programm, oder wie Sie so ein Papier nennen wollen, verschicken werden, worauf mitgeteilt wird, daß wir eine internationale Versammlung abhalten werden und genau angegeben wird, was hier gewollt wird, so daß die verschiedenen Gruppen in den verschiedenen Ländern ihre Delegierten ernennen, die aber auch wissen, was sie wollen. Es ist nicht sachlich, wenn man sagt: Diejenigen, die gerade in Dornach sind, sind unsere Delegierten. - Wenn alle Länder ihre Delegierten schicken, so glaube ich, daß dann eigentlich erst die Resultate der heutigen Besprechung herauskommen könnten.
Albert Steffen: Es ist ganz selbstverständlich, daß der Aufbau eine internationale Angelegenheit ist. Ich wollte ja nur zum Ausdruck bringen, was in unserer schweizerischen Gesellschaft mir not zu tun scheint, und wir, die Zweige der schweizerischen Gesellschaft, die Zweigvorsteher sind ja zusammengekommen, und sie haben sich einmütig bereit erklärt, eben darauf hin zu wirken, daß ein Baufonds zusammenkommt. Ich meine, in dieser Beziehung können wir doch nie zuviel tun, wenn wir uns da, sagen wir, anstrengen. Das wird ja das Internationale in keiner Weise beeinträchtigen, es kann es nur anfeuern. Ich meine, es müßte nun so sein, daß doch jetzt schon in den nächsten Tagen Delegierte der verschiedenen Länder, weil sie ja doch da sind, zusammenkommen und miteinander beraten und daß wir vielleicht die Freude haben würden, Herrn Dr. Steiner dabei zu haben, der uns ja die richtigen Ratschläge allein geben kann. Wir wollen ihm doch sozusagen nicht ins Handwerk pfuschen in solchen Sachen. Also mein Vorschlag wäre, daß wir uns, die verschiedenen Freunde aus dem Auslande, die hier sind, noch eigens versammeln — weil man solche Dinge vielleicht in der Vollversammlung nicht eingehend genug durchsprechen kann — unter dem Vorsitz von Herrn Dr. Steiner.
Wilhelm Nedella: Verehrte liebe Freunde! Es ist mir gestattet, einige Worte zu sagen, nicht nur im Namen derjenigen Freunde aus Amerika, die heute nicht bei uns sein können, deren Namen nicht unter denen von Herrn Steffen angeführten figurieren, besonders derjenigen der St. Michael-Gruppe in Chicago. Als uns seinerzeit die schmerzvolle Kunde von der Zerstörung des Goetheanum zukam und wir uns einigermaßen wieder erholt hatten von dem schweren Schlage, war der einmütige Wunsch: Werden wir wieder ein Goetheanum haben können? Unmöglich ohne Goetheanum! Dieser Wunsch wurde verdichtet durch die letzte Generalversammlung. (Ein Brief der St. Michael-Gruppe an Dr. Steiner wird vorgelesen.)2 Diese Worte gelten von der atlantischen bis zur pazifischen Küste. Es gäbe in Amerika drüben entschieden eine Schicht, die aufrichtig eine Geistigkeit sucht, die hinhorcht auf das, was von Dornach kommt, und es sei nicht nur der Schmerz über den Verlust da, sondern auch ein starker Wille, an der Neuerstehung des Goetheanum mitarbeiten zu können, einer Neuerstehung in einem anderen Material. Wir erblicken in der Zerstörung des Goetheanum eine Herausforderung unserer besten Kräfte, eine Prüfung, wie ernst der Wille und wie groß die Hingabe an das Werk ist, und wir hoffen, daß wir dieser Prüfung in jeder Beziehung gewachsen sein werden. Was aus der Schweiz kommt, wird in Amerika immer als eine Inspiration, eine Anfeuerung betrachtet. Dies im Namen allerabwesenden Freunde in Amerika, dieheutenichthier seinkönnen.
Albert Steffen dankt Herrn Nedella für seine Worte.
George Kaufmann: Verehrte liebe Freunde! In der Sache, die eben besprochen worden ist durch Herrn van Leer und von Herrn Steffen beantwortet worden ist, möchte ich von englischer Seite sagen, daß dasjenige, was wir vorgeschlagen haben, nicht gerade dieser schweizerischen Versammlung sozusagen dazwischenreden möchte, gerade nicht am Anfang dieser Versammlung, und auch nicht, wie es ausgedrückt worden ist in ziemlich starker Weise von Herrn van Leer, daß die Initiative für den Wiederaufbau des Goetheanum eine internationale sein müßte — nicht daß dies etwa irgendwie in einem unbescheidenen Sinne aufgefaßt werden könnte, denn nach den äußeren Tatsachen hätten wir ja gerade in England gar keinen Grund, in diesem Sinne etwa unbescheiden zu sein, sondern es ist wirklich praktisch, auf die besten Resultate für die Zukunft hin gemeint. Und da sind wir der Überzeugung, daß wenn die neue Initiative für den Wiederaufbau auch in formeller Hinsicht ganz aus der internationalen Anthroposophischen Gesellschaft hervorgeht, daß das dann für die Finanzierung und für die weitergehende Unterstützung des Baues, welche ja auch notwendig sein würde in den nachherigen Jahren, die besten Resultate haben wird. Wenn es zum Beispiel geschehen würde, daß jetzt, da eben zufälligerweise diese oder jene Vertreter, diese oder jene Mitglieder sollte ich sagen, aus verschiedenen Ländern vorhanden sind, diese zu Besprechungen herangezogen werden und diese Besprechungen dann die endgültigen sein ließe und die Mitglieder wieder zurückschickte in ihre Länder, die dann berichten, was beschlossen worden ist, so ist das nicht ganz dasselbe, wie wenn die Mitglieder schon als bevollmächtigte Delegierte von ihren Ländern kommen. Es könnten ihnen vielleicht nicht explizite, aber implizite geantwortet werden: Aber wer hat euch denn bevollmächtigt, so etwas zu beschließen? — Und so meinen wir, daß eine Delegiertenversammlung, eine wirkliche Delegiertenversammlung, etwas Gutes wäre. Aber es kann sich eigentlich nur aus dieser jetzigen Besprechung heraus ergeben, ob das wirklich ein praktischer Vorschlag ist oder nicht. Vielleicht könnte im engeren Kreise der internationalen Mitglieder, die hier sind, aus den Besprechungen, die Herr Steffen vorgeschlagen hat, die richtige Tagesordnung für die Delegiertenversammlung und ein praktischer Ruf von der Schweiz aus in die verschiedenen Länder gehen, um eine solche Delegiertenversammlung im Juli einzuberufen. Das wird nur einen praktischen Sinn erhalten, wenn jetzt diese Versammlung der Anthroposophischen Gesellschaft in der Schweiz das weiter bespricht, was Herr Steffen angedeutet hat. Als vor zwei Wochen die Generalversammlung in England war, sei der Bericht von der letzten Generalversammlung hier vorgelegen, aber noch nicht die Kenntnis von der so erfreulichen von Frau Dr. Wegman eingeleiteten Aktion. Es würde sehr schön sein, wenn der Entschluß und die Aufnahme der Arbeit und auch das Tragen der Verantwortung seitens der Freunde in den verschiedenen Ländern wirklich hervorgehen würde und die Gesellschaften in den verschiedenen Ländern wissen, daß sie es auf sich genommen haben, daß sie selbst dann durch ihren eigenen Willen die Verantwortung tragen. Briefe sollen an alle Zweige hinausgeschickt werden; die Empfindung stehe dahinter, in bescheidener, aber auch in freundlicher Weise Fühlung zu schaffen zwischen den Anthroposophen aller Länder, wie sie vielleicht gerade jetzt bei dieser Gelegenheit des Wiederaufbaues des Goetheanum in praktischer Weise zustande kommen könnte.
Albert Steffen erwidert auf die Worte von George Kaufmann, daß wir ja auf die Hilfe der ausländischen Zweige und Gesellschaften angewiesen seien und daß deshalb eine solche Delegiertenversammlung wirklich das Notwendigste sei. Wie von Kaufmann und van Leer vorgeschlagen, könnte ja diese Versammlung am 22. Juli stattfinden.
Es sei noch notwendig, andere Dinge zu besprechen, aber er möchte Herrn Dr. Steiner bitten, daß er gerade über den Aufbau des Goetheanum noch einiges sagen möge.
Dr. Steiner: Ich selber habe ja zu dem, was Sie gesagt haben, nichts hinzuzufügen. Nur möchte ich das eine sagen: Wenn diese Versammlung der Delegierten verschiedener Länder zustande kommt, daß ich nicht den Vorsitz habe, sondern nur dabeisein möchte, aber daß der Vorsitz vor irgend jemand anderem geführt würde.
Albert Steffen: Da möchte ich vorschlagen, daß der Vorsitz von Herrn van Leer oder Herrn Metaxa oder Herrn Kaufmann oder wie Sie es dann bestim men gerade, geführt sein sollte. Wer wünscht noch in dieser Angelegenheit das Wort?
Willy Storrer: Herr Kaufmann hat in sehr schöner Weise gesagt, daß die Vorschläge der ausländischen Freunde uns ja nicht hindern können, unseren Willen auszudrücken und Stellung zu nehmen zum Wiederaufbau. In anderen Ländern sind ja wohl auch praktische Besprechungen darüber gewesen, daß kein Goetheanum mehr ist und wieder ein Goetheanum entstehen muß. Die Anthroposophie enthält Weltkräfte und keine Spießerkräfte. Ich denke, wir können heute im allgemeinen und in den konkreten Details unseren Willen zum Ausdruck bringen. Zum Teil ist es schon geschehen durch die Resolution, die Herr Steffen vorgelesen hat, dann durch die Initiative von Frau Dr. Wegman und verschiedener anderer, zum Beispiel durch Dr. Wachsmuth und Herrn Pfeiffer in Dornach und Herrn Knopfli in St. Gallen, die auf diesem Gebiete arbeiten. Ich möchte den Antrag stellen, daß die schweizerische Anthroposophische Gesellschaft als Ganzes versucht, für jedes bei ihr angemeldete Mitglied einen Beitrag an den Wiederaufbau des Goetheanum von tausend Franken zu zahlen innerhalb eines Jahres. Das würde für die schweizerische Anthroposophische Gesellschaft einen Beitrag an den Wiederaufbau des Goetheanum von 700.000 Franken machen.
Herr Koller: Dasjenige, was ich sagen wollte, hat ja zum Teil jetzt eben Herr Storrer gesagt. Mein Vorschlag wäre, daß wir doch trotz alledem, was gesprochen worden ist, unser Einverständnis erklären können, was in der Resolution ausgedrückt ist. Nachdem wir nun schon einmal in corpore vorhanden sind, ob es Jetzt intern ist oder als Grundlage dient, die internationalen Delegierten einzuladen, wir können jetzt durch Handaufheben bestätigen, daß wir einverstanden sind mit demjenigen, was in der Resolution gefaßt wurde.
Herr Steffen: Ja, ist jemand nicht einverstanden? Der soll die Hand aufheben. Ich glaube, wir können diesen Punkt als erledigt zunächst anschauen. Ich möchte nun Herrn Dr. Blümel das Wort erteilen, damit er einen Bericht gibt über das, was wir gestern in der Delegiertenversammlung verhandelt haben.
Dr. Ernst Blümel: Berichtet über die gestern nachmittag 3 Uhr stattgefundene Besprechung, in der die Frage des Wiederaufbaus des Goetheanum den ersten Punkt der Tagesordnung eingenommen habe, in der jene Resolution im wesentlichen gefaßt wurde, die ja auch zur Verlesung gekommen ist. Dann wandte man sich den eigentlichen internen Angelegenheiten der schweizerischen Anthroposophischen Gesellschaft zu. Verschiedene Stimmen wurden laut, daß eigentlich die Art und Weise, wie das innere Verwaltungsmäßige der Gesellschaft, überhaupt auch der ganze innere Zusammenhang der Gesellschaft, der hier im Augenblick vorhanden ist, nicht allen Anforderungen, die in steigendem Maße herantreten werden, gewachsen ist. Speziell zur Geschäftsstelle am Goetheanum wurden gewisse Reorganisationsmöglichkeiten ins Auge gefaßt, daß ein klareres Verhältnis zu den Zweigen und des Ausschusses, der die Anthroposophische Gesellschaft vertritt, in Angriff genommen werden müsse. Herr Storrer hat dann seine Demission als Geschäftsführer am Goetheanum gegeben. Es wurde zunächst ein provisorischer Beschluß gefaßt, dahingehend, daß bis zur definitiven Regelung dieser Frage der Geschäftsstelle weiter der bisherige Inhaber noch beauftragt wird, bis dann bei einer nächsten Delegiertenkonferenz diese Angelegenheit bereinigt wird. Im Zusammenhang mit diesen Fragen war es dann natürlich, daß man auch die finanzielle Seite der anthroposophischen Angelegenheiten aufgerollt hat, daß das, was im Augenblick nach dieser Richtung hin läuft, eben durchaus nicht den Anforderungen zu entsprechen in der Lage ist. Es wurde dann ein Vorschlag gemacht, wie man einerseits gewisse Aufgaben in der Gesellschaft sich stellen könnte und wie hoch ungefähr das wäre, was die Gesellschaft brauchen würde, um jenen Aufgaben zunächst rein gesellschaftlicher Natur nachzukommen. Es hat sich herausgestellt — und diese Vorschläge wurden dann im Plenum angenommen -, daß es notwendig wäre, das rein Verwaltungsmäßige wirklich so zu finanzieren, daß es in entsprechender Weise wirklich rechnen kann mit einem fixen Zuschuß, damit nicht jene Schwierigkeiten immer auftauchen, und daß so etwas wie eine Summe von jährlich 6000 Franken teils für Verwaltungszwecke, teils auch für einen gewissen Kontakt zwischen der Geschäftsstelle und den verschiedenen Zweigen, jährlich nötig wäre. Für Bibliotheksunterstützung 2000 Franken; für die Anlegung von so etwas Ähnlichem wie einen Reservefonds für Kranken- und Invaliditätsversorgung — so etwas Ähnliches wäre auch in Angriff zu nehmen — etwa 2000 Franken. Und dann vielleicht, was ja eine der eminentesten Aufgaben sein könnte, recht aktiv in Angriff zu nehmen die Förderung der Zahlungsangelegenheiten in der Schweiz. Jetzt sind es jährlich 12 000 bis 13 000 Franken. Dem steht gegenüber, daß der jetzige Mitgliedsbeitrag, der geliefert wird, den Durchschnitt eigentlich nur von so viel beträgt, so daß es doch nur 7000 bis 8000 Franken beträgt jährlich. Die Notwendigkeit der Erhöhung der Mitgliedsbeiträge ergibt sich daraus. Es hat sich ergeben, daß es nicht möglich war, den eigentlich notwendigen Mitgliedsbeitrag von Fr. 20.- pro Mitglied, der an die Zentrale gezahlt werden soll, aufzubringen. Man kann nur Fr. 10.von den Mitgliedern verlangen. Es würde gut sein, auch die Ansicht der hier Versammelten zu erfahren. Es ist der Vorschlag gemacht worden, daß ein von der Gesellschaft zu bestimmendes Konsortium oder Komitee in engster Fühlung bleibe mit der Zentrale hier, die diesen Ausschuß leitet, so daß diese die Verantwortung für das Finanzielle übernehmen würde. So daß, was sich hier vielleicht als kleiner Keim zeigt, die Möglichkeit haben wird, eine recht kräftige Pflanze zu werden. Und wenn unsere Gesellschaft mit recht gutem Beispiel vorangehen würde, so würden vielleicht auch die anderen Gesellschaften einen gewissen Beitrag leisten. Für die Neuregelung als Fundament sind Mittel notwendig, aber es sind nicht die allernotwendigsten Mittel dazu vorhanden.
Edgar Dürler: Herr Steffen hat mir eine Anregung gegeben, nämlich zu berichten über meine Eindrücke als Schweizer in Neuseeland. Das ist ganz abgelegen von Europa, es sind aber gute Keime dort für Anthroposophie vorhanden. Es hat sich eine anthroposophische Gruppe oder anthroposophische Sektion dort gegründet, die sich der allgemeinen anthroposophischen Gesellschaft anschließen will. Mr. Crompton-Smith hat dort die Arbeit geleitet, ebenso einige andere. Er sei zwei Jahre in Neuseeland und ein Jahr in Paris gewesen. Er habe sehr bedauert, zum Beispiel nicht gewußt zu haben, daß Mr. Collison nach Neuseeland herübergefahren ist und dort Vorträge in kleinem Kreis gehalten hat. Man habe keinen Rückhalt bis jetzt an der schweizerischen Zentrale gehabt, weshalb er die Gelegenheit habe verpassen müssen, Mr. Collison dort zu hören. Herr Dürler betont die Notwendigkeit einer internationalen Gesellschaft, die durchaus nötig sei, und sagt, daß nur begrüßt werden könne, wenn ein internationales Zentrum der Anthroposophischen Gesellschaft geschaffen werde.
Albert Steffen: Das ist natürlich ein Punkt, der auch erörtert werden muß, der dringend notwendig geworden ist in der letzten Zeit; aber jetzt müssen wir doch auf dem Punkt bleiben, auf dem wir einmal sind, bei den Dingen, die Dr. Blümel angeregt hat.
Willi Aeppli: Hofft, daß sich diese finanzielle Angelegenheit sehr rasch erledigen wird: der Beitrag muß erhöht werden; mit Fr. 3.50 läßt sich unmöglich etwas finanzieren; mit Fr. 7.- läßt sich schon eher etwas machen. Und wenn wir noch weitere Pläne haben, wie Bibliothek und Finanzierung des Schulwesens, so muß der Beitrag später 10 Franken sein und evtl. wieder erhöht werden. Vielleicht wollen sich einige dazu äußern?
Albert Steffen: Man hat mich eben ersucht zu sagen, daß in dem Falle ein Konsortium sich zusammensetzen würde, einerseits aus dem Arbeitsausschuß am Goetheanum und andererseits aus Vertretern der Zweige Bern, Basel, Zürich, $t. Gallen, Olten. Die würden je einen Vertreter in diesem Konsortium haben, so daß wirklich die Gesellschaft auch peripherisch vertreten sein wird und bei der Regelung über finanzielle Angelegenheiten eine gewisse Verantwortung auf sich nehmen würde.
Willy Storrer: Möchte gern, daß die einzelnen Mitglieder statt Fr. 15.- im Jahr nun Fr. 20.- bezahlen oder 20-30 Fr. davon jetzt schon geben und die Einzelmitglieder also Fr. 20.- bezahlen, damit die Gruppen nicht zu kurz kommen.
Ein namentlich nicht festgehaltener Herr stellt den Antrag, die Gruppen sollen Fr. 25.- zu verlangen haben.
Beide Anträge werden angenommen, sowohl der, daß für die Zweigmitglieder eine Erhöhung von Fr. 5.- auf Fr. 10.- eintritt, und der zweite, daß für die Einzelmitglieder, die nicht an Zweige angeschlossen sind, total Fr. 25.- an die zentrale Lage zu entrichten sind.
Albert Steffen: Es ist noch eine Frage zu beantworten, wie es dann laufend 1923 sein soll, weil weder die einzelnen Mitglieder noch die Zweige einen Betrag bezahlt haben.
Karl Keller: Es gehe nicht gut rückwirkend, es müsse ab 1. Juli festgelegt werden.
Willy Storrer: In bezug auf den Zweig Basel schlägt er vor: rückwirkend auf 1. Januar.
Dr. Elisabeth Vreede: Unterstützt den Antrag Keller.
Albert Steffen: Ist eigentlich auch für den Antrag Storrer... Es scheint mir, Herr Storrer hat gesiegt.
Dr. Blümel: Wenn die Zweige von den Mitgliedern doch nicht dieses Geld bekommen, so könnte man vielleicht einführen, den ganzen Betrag zu bekommen. Es ist einfach das abgeliefert worden, was einging, nicht was die Mitglieder leisten sollten.
Willy Storrer: Ist der Ansicht, daß die Vertreter nicht von sich aus praktisch entscheiden können; sie müssen ja wieder an ihre Mitglieder gelangen und fragen, was garantiert werden kann; ob sie für den Beitrag aller Mitglieder aufkommen können. Es sei ja eigentlich nur ein großer Zweig in der Schweiz: 650 Zweig- und 50 Einzelmitglieder. Er glaubt, daß wenn einzelne Persönlichkeiten dafür zu haben sind, daß sie das Fehlende aufbringen für die Mitglieder, die nicht bezahlen können [so wäre dies das beste].
Die Versammlung ist mit diesem Antrag einverstanden.
Wir sind als Generalversammlung hier und sind beschlußfähig. Wir haben darüber abgestimmt; das ist angenommen worden. Es ist einfach eine Pflicht des Anstandes, daß die Gelder eingehen. Wie wir es den Mitgliedern gegenüber halten, die nicht zahlungsfähig sind, das ist unsere Sache, nicht die der Generalversammlung.
Dr. Blümel: Es muß eben ein Kontakt mit der Zentrale sein. Vielleicht muß man auch noch freiwillige Spenden und so weiter für die Gesellschaft bekommen. Man kann sich auch noch nach anderer Seite umsehen.
Dr. Steiner: Ich rede zwar wirklich nicht in diesen Angelegenheiten mit, aber ich möchte eine kleine Ergänzung doch dazufügen. Es ist ja jetzt, wie ich mir schon erlaubte zu bemerken bei der letzten Generalversammlung hier im April, die Begründung der einzelnen Ländergesellschaften im Gange. Ich sagte, das müsse angestrebt werden. Nicht wahr, die deutsche Anthroposophische Gesellschaft ist begründet worden, indem sie sich herausgeschält hat aus der allgemeinen Weltgesellschaft. Bei meiner letzten Anwesenheit in Norwegen ist die norwegische Anthroposophische Gesellschaft begründet worden. Die schwedische Anthroposophische Gesellschaft besteht schon so lange, als es eine Anthroposophische Gesellschaft gibt. Es besteht hier die Anthroposophische Gesellschaft in der Schweiz. Und so werden eben mit Rücksicht darauf, daß in kleinen Gebieten ordentliche Verwaltungen werden sein können, sich diese Ländergesellschaften bilden. Aber es wird ganz selbstverständlich dann, wenn eine genügend große Anzahl von diesen Ländergesellschaften sich gebildet hat, der Zusammenschluß stattfinden müssen, der auch überall, zum Beispiel neulich in Norwegen, besprochen worden ist, zu der einheitlichen, internationalen Gesellschaft, eben mit dem Zentrum in Dornach. Das ist heute noch nicht da, aber es muß sozusagen wachsen mit der Idee des Wiederaufbaues des Goetheanum und dergleichen.
Also, man muß heute daran denken, daß in einer verhältnismäßig kürzeren Zeit wiederum die einzelnen Ländergesellschaften zu einer internationalen Gesellschaft mit dem Sitz in Dornach sich zusammenschließen und daß dann die Zentrale in Dornach, die internationale Zentrale, eben sehr wichtige Arbeit auch wird zu leisten haben, nämlich gerade solche Arbeit, daß zum Beispiel, wenn jemand in Neuseeland ist und wissen will, ob dort irgend jemand getroffen werden kann und dergleichen... [Lücke im Protokoll].
Und wenn auch nicht in ausführlicher Weise, so wird es doch notwendig sein, daß auch die einzelnen Ländergesellschaften — wenn auch in bescheidener Höhe — Beiträge abliefern an die internationale Zentrale, damit die funktionieren können wird, wenn sie einmal da ist. Das ist zwar etwas, was zurückgestellt werden muß, aber woran gedacht werden muß, ebenso wie an die anderen Dinge. Denn das hängt mit den Lebensbedingungen zusammen, daß eine solche internationale Anthroposophische Gesellschaft hier in Dornach geschaffen werde, sobald in entsprechender Weise die einzelnen Ländergesellschaften zustande gekommen sein werden.
Albert Steffen: Wir sind Herrn Dr. Steiner außerordentlich dankbar für diese Bemerkungen. Sie bilden eigentlich das Gerüst zu dem, damit wir wirklich auch die Arbeit von Herrn Dr. Steiner richtig aufnehmen können. Uns schwebt ja vor - ich glaube uns allen, die wir die Arbeit hier richtig verstehen —, daß wir aus Dornach etwas machen müssen wie ein neues Weimar. Und wir wollen, daß eigentlich die Anthroposophische Gesellschaft zu Dornach in dem Verhältnis stehen müßte, wie der Großherzog Karl August zu Goethe gestanden hat. Also, die Anthroposophische Gesellschaft müßte eigentlich Herrn Dr. Steiner ermöglichen, daß er seine Impulse über die ganze Erde hin verbreitet. Die Gesellschaft ist ja, ich möchte sagen, dasjenige Gebilde, das heutzutage die einzige Möglichkeit hat von allen Gemeinschaften, wirklich zu bestehen. Wir sehen, wie die heutigen Gemeinschaften, eine nach der anderen, zusammenbrechen. Wir sehen es im Sozialismus, im Bolschewismus, wie das wirklich zu mörderischen Katastrophen führt. Wir sehen aber andererseits auch, wie religiöse Gemeinschaften dem Menschen Freiheit nehmen. Hier in der Anthroposophie ist wirklich die Möglichkeit für jeden da, daß er aus der Freiheit heraus ein Mensch ist, der Gesellschaftsinteresse haben kann. Und wenn wir wirklich eine solche Organisation zustande bringen, dann haben wir eigentlich das Ideal erreicht.
Aber jetzt sind immer noch, glaube ich, Sachen zu erledigen, die unsere schweizerischen sind.
Ich möchte fragen: Wer möchte weiter das Wort zu dem, was Dr. Blümel gesagt hat, ergreifen? —, nämlich zu demjenigen, was wir gestern in der Delegiertenversammlung verhandelt haben und was Dr. Blümel im Auszug vorgelesen hat?
Wenn das nicht der Fall ist, so müssen wir also auf ungefähr vier Wochen diese Angelegenheiten verschieben, wo sie dann durch eine Delegiertenversammlung aufs neue behandelt werden. Ich glaube, daß das der Wille der Versammlung ist.
Dr. Blümel fragt, ob diese Versammlung eigentlich die letzte in diesen Tagen sein soll.
Albert Steffen: Wenn die Versammelten etwas zu berichten haben, so ist es natürlich nicht die letzte. Ich hoffe, es ist die erste von vielen. Es gibt ja so viele Angelegenheiten der Gesellschaft, die wirklich erörtert werden müssen. Ich möchte zum Beispiel sagen: die Sache der Feinde -- Ich habe ja das «Goetheanum», die Zeitschrift, zu leiten; aber ich stehe da ganz allein. Ich müßte wirklich, damit ich gewisse Dinge auch schreiben könnte, von unseren Freunden unterstützt werden, sie müßten mir darüber berichten. Bis jetzt ist das im geringsten Maße der Fall gewesen. Die einzigen, die mich auf dem laufenden gehalten haben, das ist in Stuttgart Dr. Stein und hier in der Schweiz Dr. Hugentobler gewesen. Durch ihn weiß ich zum Beispiel genau die feindselige Stimmung, die in gewissen Redaktionsstuben in Zürich herrscht. Und durch andere, also zum Beispiel von Bern aus, werde ich ja auch ziemlich gut unterrichtet über dasjenige, was so in Pfarrerkreisen vorgeht. Es werden mir zum Beispiel Referate von Pfarrerversammlungen gebracht, die ich vielleicht nicht unmittelbar benutzen kann, aber ich bekomme so doch einen Eindruck von dem, was in der Schweiz vorgeht. Das müßte aber von allen Seiten geschehen. Es müßten wirklich, wenn Versammlungen in Zürich, Bern oder Genf stattfinden, einzelne von unseren Mitgliedern hingehen und aufschreiben, was dort los ist, damit ich mich danach richten kann. Es war zum Beispiel jüngst in Zürich ein Vortrag in einer sprachwissenschaftlichen Gesellschaft über Professor Beckhs kleine Broschüre über die Sprachlaute und so weiter. Da hätte jemand von unseren Mitgliedern dabeisein müssen. Das war eine sehr wichtige Aussprache unter den Sprachgelehrten. Professor Beckh wurde da als eine bedeutende Erscheinung hingestellt; er wurde aber auch wiederum abgelehnt. Es wäre gut gewesen, hier ein Referat zu haben, das nicht durch die «Neue Zürcher Zeitung» gegangen ist, das objektiver wäre. So sind aber viele Dinge. Es kennt wohl niemand unter Ihnen so recht die ausgezeichnete Organisation der Feinde. Es wurde ja vor einem Jahr in Berlin eine Konferenz der «nicht-anthroposophischen Kenner der Anthroposophie» veranstaltet, die auf den Ausführungen von unserem ehemaligen Mitglied, wenn man so sagen kann, fußen, auf Dr. Goesch, und auf den Referaten von Privatdozent Dr. Leisegang [siehe $. 795]. Ich kann Ihnen das nicht voll vorlesen. Ich möchte Ihnen aber vorlesen, was diese Leute zuletzt beschlossen haben darüber, wie man die Anthroposophie bekämpfen soll. ... [Hier wird das Protokoll sehr lückenhaft, da viel zitiert wird, nicht nur über diese Berliner Konferenz, sondern auch in bezug auf andere Fälle.]
Dr. Steiner: Selbst auf die Gefahr hin, mich zu wiederholen, möchte ich doch ein paar Worte sagen. Und ich werde jetzt wirklich einiges wiederum berühren müssen, was ich schon bei der Generalversammlung im April sagte.
Ich möchte anknüpfen an dasjenige, was unser lieber Herr Steffen vorgebracht hat über die Vereinigung - denn als solche muß sie ja wohl bezeichnet werden — nicht-anthroposophischer Kenner der Anthroposophie. Was dahinter steckt und wie die Dinge geführt werden, das ging Ihnen wohl aus den Worten des Herrn Steffen hervor. Aber ich möchte daran anknüpfen, daß diese Leute ja es verstehen, so gut tätig zu sein und sich zu organisieren. Und so ging aus dieser Gesellschaft die Organisation hervor für Vortragende, die nun herumgeschickt werden und die an den einzelnen Orten, die man gerade für angemessen hält, die Dinge vorbringen, mit denen man sie in entsprechender Weise ausrüstet. Es ist ja aus dieser Gesellschaft hervorgegangen ein Verzeichnis all desjenigen, was die betreffenden Leute an den eiinzelnen Orten zu sagen haben. Und es wird nun in einem, ich möchte schon sagen, großen Stil in all den Gebieten, die den Leuten zugänglich sind, das programmäßig von dieser Zentrale Ausgearbeitete vorgebracht. Das bitte ich Sie zunächst als eine Tatsache hinzunehmen und wiederum als einen Beweis dafür, wie außerordentlich gut zu organisieren gerade unsere Gegner verstehen.
Nun habe ich ja schon oft — und namentlich stark bei der letzten Delegiertenversammlung3 - eines hervorgehoben. Ich sagte, man solle nicht glauben, daß bei sogenannten Widerlegungen, anthroposophischen Widerlegungen, durch dasjenige, was von diesem oder jenem vorgebracht wird, besonders viel erreicht werde. Gewiß, ich will nicht den Eifer in irgendeiner Weise abstumpfen, mit dem unsere lieben Freunde für dasjenige eintreten, was sie von sich aus zu sagen wissen über das Anthroposophische; und je mehr das geschieht, desto besser, selbstverständlich. Es ist ganz natürlich, daß jeder, aus seinem Eigenen referierend, berichtend und so weiter, dasjenige vertritt, was er aus der Anthroposophie, über Anthroposophie und in Anknüpfung an Anthroposophie zu sagen hat. Allein ich möchte sagen: Das ist das eine der Sache. Und es muß immer wieder bemerkt werden, daß man sich auch in bezug auf die Gegnerfrage außerordentlich viel verspricht, wenn man sozusagen sich auf den Boden der Anthroposophie stellt und von der Anthroposophie aus dasjenige, was die Gegner von ihrem Standpunkt aus vorbringen, zu widerlegen versucht. Das ist zum Beispiel gerade das Vorzügliche an Herrn Steffens Aufsatz über Ragaz, daß er das nicht getan hat, sondern daß er darauf losgegangen ist, die inneren Widersprüche, Lächerlichkeiten, Torheiten und Unwahrheiten zum Beispiel in einem solchen Fall wie dem, den er neulich behandelt hat, darzulegen. Denn mit Hin- und Hergeplänkel von diesem Standpunkt zu jenem und umgekehrt wird eben mit Bezug auf die Gegnerfrage — das bemerke ich ausdrücklich - gar nichts erreicht. Alle die Gegenbroschüren und dergleichen, die da geschrieben werden, die erreichen nichts, wenn sie sich auf diese Dinge einlassen, weil ja die Gegner nicht überzeugt sein wollen und eben einfach die Dinge auch nicht verstehen.
Es sollte deshalb scharf unterschieden werden — das ist dasjenige, was ich bei der letzten Delegiertenversammlung sagte — das sozusagen Inhaltliche, was die Gegner einzuwenden haben, und wiederum das Inhaltliche, was wir zu erwidern haben. In bezug darauf wird Anthroposophie ihren Weg gehen. Es sollte das scharf unterschieden werden von etwas anderem. Sehen Sie, wenn Gegner aufgetreten wären im Verlauf der letzten zwei Jahrzehnte und nur sachliche Einwendungen gegen Anthroposophie gemacht hätten, so hätten diese Gegner nichts erreicht. Es würde gar nichts den Gegnern gelungen sein, wenn sie sachliche Einwendungen nur gemacht hätten. Aber das wissen sie und machen daher auch sachliche Einwendungen, nun ja, der eine oder der andere — je nachdem — mehr oder weniger unehrlich. Aber darauf kommt es in der Gegnerfrage eben nicht an; sie erfinden Unwahrheiten, sie lügen; und wir müssen scharf unterscheiden zwischen dem, was sie sozusagen sachlich einwenden, und zwischen dem, was einfach gelogen ist. Wir haben ja öfter Gelegenheit gehabt, die Kapitallügen, die erfunden werden von unsern Gegnern, kennenzulernen. Wie oft ist die Frohnmeyersche Lüge, nicht wahr, von dem Christus, der oben idealische und unten tierische Züge hat, und dergleichen aufgetaucht. Also diese faustdicken Lügen, die sind ins Auge zu fassen, denn die sind es, durch die die Gegner etwas erreichen, und zwar aus dem Grunde, weil die Leute die Sache glauben. Und solange wir nicht den Mut haben, wirklich die Lügenhaftigkeit einer sehr, sehr großen und immer mehr und mehr zunehmenden Gegnerschaft ins Auge zu fassen, die Lügenhaftigkeit ins Auge zu fassen, so lange erreichen wir nichts. Und dazu fehlt, ich möchte sagen, vielfach der Mut. Man schreckt davor zurück, dem oder jenem, der in einer gewissen Position ist und ja eigentlich nicht lügen darf, aber eben doch lügt, zu sagen: Du hast gelogen, es ist nicht wahr; du lügst eben, du sagst nicht die Wahrheit. - Solange man das nicht ins Auge faßt, wird in aller Gegnerfrage nichts erreicht werden. Das eminent Unmoralische, wodurch die Gegner gerade ihre großen Erfolge erzielt haben, dieses eminent Unmoralische, das muß man den Mut haben, ins Auge zu fassen.
Sehen Sie, ich möchte aber auch einen Beleg anführen für das, was ich eben ausgeführt habe. Resümiere ich das, was ich ausgeführt habe, so möchte ich sagen: Anthroposophie hat in sich schon das Zeug, sich auszubreiten, in Menschenherzen zu dringen. Dasjenige, was ihr schadet, sind die Lügen der Gegner, nicht die Widerlegungen, sondern die Lügen der Gegner. Und ich möchte es Ihnen belegen, wiederum in Anknüpfung an jene Vereinigung nicht-anthroposophischer Kenner der Anthroposophie. Sehen Sie, die haben nun also ihre Redner. Einer - ich glaube, er heißt Schweitzer — hat nun in Hamburg seinen Vortrag abgehaspelt vor einem selbstverständlich zahlreichen Publikum. Da marschieren dann alle die Unwahrheiten auf. Nun müssen Sie gerade einem solchen Vortrag gegenüber unterscheiden diese zwei Dinge, die ich hervorgehoben habe: die innere Kraft der Anthroposophie und die Kraft, welche die Gegner haben dadurch, daß sie lügen.
Nun, der Beleg für die innere Kraft der Anthroposophie war die nächste Folge dessen, daß dieser Herr Abgesandte der nicht-anthroposophischen Kenner der Anthroposophie in Hamburg einen Vortrag gehalten hat - die Gegner sind ja nichtgekommen, denn Sie wissen, auf Hin- und Herreden kommt es ihnen gar nicht an, sondern darauf, zu verleumden; also die Gegner sind natürlich nicht gekommen — und sich herausstellte, daß der Vortrag einen wirklichen Erfolg hatte — nicht der Vortrag des Herrn Werbeck, der nur ein Abwehrvortrag war und sehr gut war, außerordentlich dankbar begrüßt werden muß, sondern der Vortrag des Herrn Schweitzer, und zwar insofern, als sich nämlich an die 200 Leute gemeldet haben, die nun über Anthroposophie noch direkt etwas hören wollen, denn sie möchten über so etwas, das in einer solchen zynisch-frivolen Weise angegriffen wird, auch die andere Seite hören. Und diese 200, die sich gemeldet haben, sind ernsthafte Leute, die es wahrscheinlich sehr seriös nehmen werden. Also, da haben Sie die innere Kraft der Anthroposophie. Der Vortrag des Schweitzer hat in Hamburg 200 Leute darauf aufmerksam gemacht, daß es eigentlich an der Zeit ist, etwas über Anthroposophie zu hören. Also um die Schlagkraft der Anthroposophie brauchen wir nicht besorgt zu sein, meine lieben Freunde. Aber darüber müssen wir hinauskommen, daß uns täglich das Wasser abgegraben wird durch Verlogenheit, Unwahrheit und Verleumdung. Und dazu gehört schließlich der größere Mut, als sich hinzustellen und die Gegner der Anthroposophie zu widerlegen, etwas von dem zu sagen, was man weiß, der andere aber nicht weiß, weil er es doch nicht versteht. Aber nachzuweisen den Leuten, daß sie die Unwahrheit sagen, das ist doch etwas, was in der Anthroposophischen Gesellschaft erst gelernt werden muß, denn davor schreckt man zurück. Man findet: Man kann doch nicht - -! Der ist doch ein Pfarrer oder ein Professor; man kann doch solch einem Menschen nicht sagen, daß er gelogen hat, das geht doch nicht! —
Sehen Sie, das müssen wir scharf ins Auge fassen und dazu die Wege finden. Es ist wirklich so, daß da auch das van Leersche Prinzip der Internationalität Platz greifen muß. Sehen Sie, in der Schweiz geht es schon, wenn man dazu den Mut hat, in einer sehr handfesten Weise jemandem zu sagen, daß er gelogen hat. Aber in England zum Beispiel könnte man es nicht in derselben Weise sagen, denn da ist es noch viel mehr verpönt, irgend jemandem, von dem die Wissenschaft glaubt, daß er das nicht tun kann, zu sagen, er habe die Unwahrheit gesagt. Man muß eben dasjenige, was da dazugehört, überall lernen zu handhaben. Aber es ist unbedingt notwendig, daß darauf immer wieder und wieder das Augenmerk gelenkt werden muß, sonst werden Sie es erleben, daß Anthroposophie sich verbreitet... [Lücke].
Auf derselben Versammlung [nicht-anthroposophischer Kenner der Anthroposophie in Berlin] hat der Dr. Jeremias, der an der Universität Vorträge hält als Privatdozent, sogar die Bemerkung gemacht: Was uns an der Anthroposophie gefällt, was wir da finden, was wir brauchen können, das wollen wir nehmen. Aber den Steiner und die Anthroposophische Gesellschaft wollen wir ausrotten. - So ungefähr, nicht wahr, steht es ja in dem Bericht darinnen. Dieser Dr. Jeremias ist ja ein besonderer Typus, nicht wahr. Der hat sich zunächst in einer Weise, die man hier in Mitteleuropa «anschmeißen» nennt, in einer grotesken Weise an die Anthroposophische Gesellschaft und an mich herangeschmissen. Er hat sich einmal die Erlaubnis geholt, an einem intimeren Vortrag teilnehmen zu dürfen. Und als eine Eurythmievorstellung war in Berlin, kam er zu mir auf die Bühne, bat, er möchte auch in der Loge Frau Dr. Steiner vorgestellt werden und so weiter. Kurz, er schmiß sich an in einer unerhörten Weise, um eben den Eindruck zu machen: Da kannst du doch etwas haben davon. Aber nachher wird er das in einer [anderen] Institution ausbreiten. Manchen Leuten wäre es nämlich am liebsten, wenn ich längst tot wäre, die Anthroposophische Gesellschaft längst in alle Winde zerstoben wäre und sie nun aus den Büchern dasjenige in ihre Bücher hinübernehmen könnten, was sie brauchen wollen. Denn an der Widerlegung der Sache liegt es Ihnen gar nicht, sondern nur an dem, was ich Ihnen charakterisiert habe.
Wenn Sie das, meine lieben Freunde, nicht ins Auge fassen, wenn Sie immer wiederum glauben, daß man die Gegner anthroposophisch widerlegen kann, daß man mit bloßen anthroposophischen Widerlegungen auskommt, dann richten Sie die Möglichkeit, Anthroposophie in einer fortschreitenden Weise zu treiben — so daß nicht nur die Bücher ausgebeutet werden —, zugrunde. Sie richten natürlich auch die Anthroposophische Gesellschaft zugrunde.
Sehen Sie, es ist richtig: Anthroposophie läßt sich für die Gegner sehr gut gebrauchen. Als jetzt Herr Werbeck, der ja wirklich ein sehr geistreiches Buch über die Gegner schreibt, die Literatur der Gegner durchgestöbert hat, da kam er auf merkwürdige Sachen. Unter all den zum Teil recht trotteligen Dingen, die da erzählt werden, fand er auch einige ganz gute Gegenbemerkungen, einige ganz gute Einwände gegen die Anthroposophie. Aber die unterschieden sich im Stil etwas von denjenigen, die immer sagen, ich hätte einen schlechten Stil, weil sze den guten natürlich haben wollen. Also die unterschieden sich im Stil. Er ging der Sache nach und fand nun, daß diese Einwände aus meinen eigenen Büchern abgeschrieben sind. Wie Sie ja wissen, befolge ich seit Jahren den Usus, die möglichen Einwände an den betreffenden Stellen selber zu sagen. Also die Gegner haben es leicht; sie können meine eigenen Gegenbemerkungen, meine Gegeneinwände aus meinen Büchern abschreiben, wenn sie wollen. Bedenken Sie, was für eine Logizität darin liegt: wenn sie irgend etwas, was sie glauben lächerlich machen zu können, herausgerissen zitieren wollen, dann zitieren sie die «Geheimwissenschaft», Seite soundso viel, Zyklus soundso - denn die Zyklen haben ja die Gegner längst in der Hand. Wenn sie aber die Einwände, die ich probeweise mache, anführen, dann zitieren sie mich nicht, da schreiben sie das als ihre eigene Ansicht hin. Ja, das ist schon in einer Anzahl von Gegnerschriften zur Methode geworden. Welche innere Verlogenheit liegt in der ganzen Bekämpfung der Anthroposophie durch die Gegner! Für uns kommt es darauf an, daß man sich dessen bewußt ist und sich in diesem Sinne auch zu benehmen weiß in der Welt, daß man den Mut hat, sich entsprechend zu benehmen. Das muß ich immer wieder betonen.
Verzeihen Sie, ich bin ja in dieser Beziehung ganz schrecklich, daß ich dies immer wiederholen muß. Aber ich möchte Ihnen wirklich das betonen, weil man ja immer wiederum sehr gutmütig von manchen Leuten hört, daß sie sagen: Ja, es kann doch jeder seine eigene Meinung haben.- Selbstverständlich, aber die eigene Meinung darf nicht so weit gehen, daß gelogen wird, denn das geschieht in einer den Gegnern sehr geläufigen Weise.
Also das ist dasjenige, was einem, ich möchte sagen, mit urphänomenaler Bedeutung entgegentritt, daß gutmütigerweise gesagt wird: Ja, die Anthroposophen brauchen sich gar nicht zu beklagen darüber, daß andere Leute andere Meinungen haben. Selbstverständlich dürfen wir gar nicht den Anschein erwecken, daß andere Leute nicht andere Meinungen haben sollen; aber wir müssen mit aller Kraft darauf bestehen, daß man über uns nicht lügen darf und daß wir uns dagegen wehren möchten. Das ist dasjenige, was ich — wenn auch schon immer wiederholt — doch heute wiederum einmal sagen möchte.
Willi Aeppli: Wir sind Dr. Steiner und Herrn Steffen außerordentlich dankbar, daß sie uns aufgeklärt haben über diese Gegnerfrage. Denn offen gestanden, wir sind außerordentlich harmlos und naiv! Ich glaube, daß sich für uns die Überzeugung ergeben hat, daß wir in diesem Punkte doch mehr aufmerksam werden müssen, mehr arbeiten müssen, und vor allen Dingen, daß wir Herrn Steffen eigentlich in diesem aufreibenden Kampf unterstützen müssen. Herr Steffen hat die Möglichkeiten für uns schon aufgedeckt, ihm Mitteilung zu machen über die Art und Weise der Gegner, und zweitens uns womöglich, soweit unsere Fähigkeiten reichen, uns selbst arbeitend einzuleben. Mir scheint, daß die Kampfmethode der Gegner sich doch etwas geändert hat. Als Beispiel: Dr. Stein hat das Frohnmeyersche Elaborat erwähnt. Diese Flugschrift ist ja mit einem sündhaften Leichtsinn geschrieben, mit einer Unwahrheit, die bei einem Mann, der aus den Kreisen stammt, die wir kennen, zunächst wirklich erstaunt. Er hat sich aber auch mit dieser Schrift heillos blamiert. Das wissen seine geistigen Erben ganz genau. Man kann nun meinen, daß seine Flugschrift nun endgültig erledigt sei. Das heißt, man könnte gewisse Lehren daraus ziehen, sich still halten. Das ist aber nicht der Fall. Die Frohnmeyer-Schrift wird nächster Tage wieder erscheinen: umgearbeitet, erweitert, ergänzt. Prof. Heinzelmann in Basel, der angefragt wurde, ob er diese Umarbeitung übernehmen wolle, hat nach einigem Besinnen abgelehnt; ich glaube nicht, weil er von der Unwahrheit abgeschreckt worden ist, sondern weil er als Akademiker, als Inhaber eines Lehrstuhles der Universität, sich gefürchtet hat. Deshalb hat diese Aufgabe ein indischer Missionar, ein Pfarrer in Zürich [Alfred Blum-Ernst], übernommen. Ich muß nun bemerken: Frohnmeyer hat die Schriften von Dr. Steiner gar nicht gelesen; der Bearbeiter, der hat sie gelesen, und zwar sowohl die öffentlichen: «Philosophie der Freiheit», «Rätsel der Philosophie», «Theosophie» wie auch die Zyklen. Diese Zyklenfrage ist eine schwierige Frage! Er hat 32 Zyklen - nicht nur 31, sondern 32 - gelesen und aus diesen seine Kenntnisse von der Anthroposophie. Aus diesen öffentlichen Schriften und diesen Zyklen hat er sich nun ein Rüstzeug gebildet, um nun eben der Anthroposophie wieder einen Stoß zu versetzen. Der Zweck dieses Buches soll sein, die Kreise der Basler Mission usw. zu einem endgültigen Urteil über die Anthroposophie zu bringen, ihr ein Urteil aufzuoktroyieren. Es liegt also die Tatsache vor, daß eine Schrift, die von anthroposophischer Seite als unwahr dargestellt worden ist, daß die umgearbeitet ein zweites Mal erscheint und die Unwahrheit, die Lügenhaftigkeit wieder weitergeht. Dies als ein Beispiel zur Psychologie der Gegnerschaft.
Frl. Simons, Mülhausen i. Elsaß: In organisatorischer Beziehung waren wir früher in Berlin angeschlossen. Seit Friedensschluß hängt die Sache in der Luft. Ich möchte nun fragen, ob wir uns beteiligen sollen an dem Zusammenschluß mit Frankreich oder ob wir Elsäßer — ich kann ja nur für Mülhausen sprechen, nicht für die gesamten Elsäßer — uns hier in Dornach anschließen können? Es wäre uns leichter, Dr. Steiner hier in Dornach zu hören, als wenn wir noch lange warten müssen, bis Dr. Steiner nach Paris kommen kann. Die schöne Arbeit im Elsaß liegt brach. Wir können, wenn wir uns in Paris anschließen, der Sache nur schaden; außerdem ist in Paris noch nichts geschehen. Ich wäre sehr dankbar, da ja auch Frl. Sauerwein hier ist, wenn über diese Dinge gesprochen würde.
Emanuel van Leer: Es wäre doch vielleicht möglich, über die Aufgabe zu sprechen, die Frl. Sauerwein übernommen hat, ob sie sich unterstützt fühlt von Kolmar, Straßburg, Mülhausen? Wenn Sie sagen: Sie wollen Dr. Steiner hier hören — was schadet es? Sie können doch jede Woche nach Dornach fahren! — Die Sachen sind in Vorbereitung. Dr. Steiner wird im August in England sein und war im vorigen Monat in Skandinavien. Es wird so durchgeführt werden, daß eine französische Gesellschaft bestehen wird. Unterstützen Sie nur also Frl. Sauerwein in ihren Bestrebungen.
Frl. Sauerwein will sich zur Aussprache mit den betreffenden Freunden treffen.
Albert Steffen: Es ist nun die Frage, ob die Versammlung heute nachmittag fortgesetzt werden soll, denn ich fürchte, morgen sind viele Leute nicht mehr da. Sind wirklich Leute da, die sich weiter aussprechen wollen, was ich sehr wünsche, so sollen sie sich melden. Oder ist niemand mehr da, der etwas zu sagen hat? — Ich möchte, was mich betrifft, die Versammlung fortsetzen.
George Kaufmann: Ich bin nicht ganz im klaren, ob diese Delegiertenversammlung, um die wir gebeten haben, von hier aus angenommen ist! Es müßte doch die Einladung von hier ausgehen und so weiter, das alles müßte bestimmt werden. Wenn das schon der Wille dieser Versammlung ist, daß zum Beispiel durch den Arbeitsausschuß hier das geschehe, ehe - —
Zwischenruf: Es wird geschehen!
Albert Steffen: Meiner Ansicht nach war das schon erledigt. Ich glaube, wir haben das doch beschlossen? Meine Ansicht war, daß wir nachher vielleicht noch darüber sprechen, aber prinzipiell ist doch die Sache selbstverständlich.
Die Versammlung wird abgebrochen. Sie sol] nachmittags 14 Uhr 30 fortgesetzt werden.
Nachmittags, 14.30 Uhr, Fortsetzung
Albert Steffen: Geehrte Anwesende, wir haben nicht mehr lange Zeit, um die Aussprache weiterzuführen, um 4 Uhr muß nämlich der Saal geräumt werden wegen der Eurythmieaufführung; deshalb wollen wir gleich mitten in die Angelegenheiten hineinspringen. Dr. Blümel möchte über die Schulangelegenheiten sprechen.
Dr. Blümel: Berichtet über die Pläne, die vorliegen, damit die Schulbewegung in der Schweiz möglichst an Umfang und Verständnis zunehmen könnte.
Albert Steffen: Dr. Schmiedel wird vielleicht über die Klinik etwas sagen?
Dr. Oskar Schmiedel: Über die Klinik kann ich nicht gut sprechen; vielleicht will jemand anderes es tun?
Albert Steffen: Frl. Vreede hat sich nun gemeldet zum Bibliotheksbericht.
Dr. Elisabeth Vreede: Verehrte Freunde, es kann sich nur um ein paar Worte handeln. Die Bibliothek ist entstanden in der Zeit, als hier an unserem alten Goetheanum gebaut wurde, und zwar in ihren ersten Ursprüngen gedacht, um etwas Lektüre für die Schnitzer und Arbeiter am Bau zusammenzubringen. Sie ist aus Schenkungen entstanden, ist später vergrößert worden in systematischer Weise, soweit es die beschränkten Mittel erlaubten, durch Fräulein Hanna Günther, die leider sehr krank ist, durch Werke aus der Zeit der Idealisten, Goetheanisten besonders, die sie gesammelt hat, und eben solche Schriften, auf die Dr. Steiner in seinen Vorträgen als bedeutend hingewiesen hat.
Was die äußere Lage der Bibliothek betrifft, ist es so, daß, als sie zu einem gewissen Bestand gekommen war - sie ist nicht äußeren Initiativen, sondern einer Privatinitiative entsprungen -, sie im Einverständnis eigentümlich übertragen worden war an den Verein des Goetheanum, während der Zweig am Goetheanum für sie zu sorgen hat. Der Zweigam Goetheanum hat, seit dieser Zustand besteht, seit letzten Oktober oder November, monatlich 50 Fr. für diese Bibliothek beigetragen, was eine winzige Summe ist für Neuanschaffungen, denn die andere Arbeit ist freiwillig gemacht worden. Hoffentlich bietet sich eine Möglichkeit, daß man diese Bibliothek in größerem Maßstab ausbaut. Wenn die ganze Anthroposophische Gesellschaft sich für diese Bibliothek interessieren würde, wäre es sehr gut. Aber sie könnte auch durchaus in größerem Kreise verwendet werden. Und vielleicht kann man im Laufe der Woche einmal Gelegenheit nehmen, sich die Sache anzusehen. Es wäre natürlich sehr erfreulich, wenn die Anthroposophische Gesellschaft in der Schweiz hier mithelfen würde. Der Zweig am Goetheanum hat eben die Verpflichtung auf sich genommen, ist aber gern bereit, diese mit der Anthroposophischen Gesellschaft in der Schweiz zu teilen.
Dr. Ita Wegman wird gefragt, ob sie über die Klinik sprechen würde? Sie sagt, daß sie keine Rednerin, mehr eine Frau der Tat sei.
Albert Steffen: Ein Argument, dem man eigentlich nicht widerstehen kann. Wird Dr. Schmiedel vielleicht doch darüber etwas sagen?
Dr. Oskar Schmiedel: Ich glaube, ich brauche nicht so sehr viel über die Klinik zu sagen, weil jedermann vor Augen hat, was Frau Dr. Wegman dort gemacht hat. Viele von Ihnen sind ihr ja schon sehr zu Dank verpflichtet in bezug auf ihre Heilung. Ich möchte mehr orientieren über die Arbeit in den Laboratorien. Im allgemeinen scheint ja nicht so sehr viel von den Laboratorien gewußt zu werden. Ich glaube ja, daß es doch sehr wichtig ist, daß diese Laboratorien und die Bestrebungen, die mit ihnen zusammenhängen, mehr in das Interesse der Gesellschaft gerückt würden. Eine durchaus wichtige, eine Hauptaufgabe der Laboratorien besteht darinnen, die Impulse, die von Dr. Steiner eben auf medizinisch-therapeutischem Gebiete gegeben sind, für eine größere Anzahl von Menschen fruchtbar zu machen, immer mehr und mehr der Allgemeinheit nutzbar zu machen. Wenn eine pharmazeutische Industrie, Laboratorien, in die Welt gerufen werden soll, hat man auf äußerlichem Gebiete mit großen Hindernissen zu kämpfen. Der pharmazeutische Markt ist überfüllt. Bei uns ist die Schwierigkeit noch größer. Wir haben nicht nur diese Überfülle vor uns, sondern auch, daß wir auf ganz anderem Wege wandeln wollen, wie die gewöhnliche pharmazeutische Wissenschaft, nämlich: eine neue Therapie in die Wege zu leiten. Andererseits ist die Schwierigkeit, daß eine gewisse Animosität all diesen Bestrebungen entgegengebracht wird. So stehen wir ja bedeutend schwieriger da in der Welt als alle anderen. Es geht eben alles allmählich.
Aber wir können jetzt doch immer hoffnungsvoller und zuversichtlicher in die Zukunft blicken, wenn einmal eine Anzahl von Ärzten sich dazu entschließt, unsere Präparate anzuwenden, die an und für sich schon für sich selbst Propaganda machen, für sich sprechen. In der letzten Zeit versuchten wir etwas mehr das Heuschnupfen-Mittel an die Ärzte heranzubringen. Zu diesem Zweck wurde eine besondere Berichtsammlung über die bisher gesammelten Fälle, unter Mitwirkung von Dr. Knauer, ausgearbeitet. Dieser Artikel ist an eine große Anzahl von Schweizer Ärzten hinausgesandt worden, und es wird großes Interesse entgegengebracht. Sonst, wenn solche Dinge hinausgehen, haben wir 2-3 % Anfragen; diesmal hatten wir viermal so viel Anfragen wie gewöhnlich. Bitten um Proben wurden ausgesprochen. Wir haben auch schon eine ganze Reihe von Bestellungen bekommen und Mitteilungen, wie das Mittel ausgezeichnet wirkt. Aus einem Bericht über die kantonale Ärzte-Versammlung über das Heufieber... [Lücke in der Nach schrift].
So werden wir immer mehr und mehr Fuß fassen können. Sie kennen ja auch den Namen. Wir nannten uns «Internationale Laboratorien A. G.». Der Name ist aus folgendem Gesichtspunkt entstanden, daß wir in allen Ländern Schwestergesellschaften errichten, gewissermaßen «Landesgesellschaften» sich bilden, die auch eigene Produktionsstätten haben, die ganz eng mit uns arbeiten, so daß die einzelnen Ländergesellschaften dann die Länder beliefern, bearbeiten. Dieser Idee liegt ungefähr dasselbe zugrunde, wie jetzt die Anthroposophische Gesellschaft organisiert werden soll: daß man gewissermaßen getrennte Gesellschaften hat, die aber doch wieder eine Einheit bilden. Bisher haben wir in folgenden Ländern Einrichtungen: 1. in Frankreich (St. Louis bei Basel), 2. in Holland und 3. in der letzten Zeit in England (London). Das neueste wird, soweit wir die Nachricht haben, in kurzer Zeit auch möglich sein: daß wir in Amerika eine eigene Filiale, Gesellschaft, gründen. Die Dinge sind noch nicht ganz abgeschlossen, aber es scheint alles ziemlich sicher zu sein. Vorläufig ist es noch nicht so weit, daß alle Präparate dort selber erzeugt werden, sondern es ist noch so, daß wir die Sachen herstellen, in konzentrierter Form schicken, dort wird es dann weiter verarbeitet und abgefüllt. Dadurch sind die Länder dann schon vertraut mit unseren Produkten.
Sie wissen ja auch, daß wir eine ganze Reihe von Präparaten den Anregungen und Impulsen von Dr. Steiner verdanken und daß wir absichtlich noch nicht alle Präparate in den größeren Handel bringen. Es ist ja selbstverständlich, daß wir allen Ärzten, die es wünschen, die Sachen zur Verfügung stellen. Eine nette Anzahl von Ärzten arbeitet ständig mit unseren Mitteln und sendet uns ständig ihre Mitteilungen ein. Die Produkte sind in Originalpackungen verpackt. Aber je mehr Produkte wir hinausschicken wollen, desto mehr Geld brauchen wir. Finanziell haben wir nicht so viel Unterstützung, als wir möchten. Wir haben schon Mittel gegen Influenza, gegen Heuschnupfen, gegen chronische Migräne - nicht ein Narkotikum wie Phenozin, Aspirin und so weiter. In nächster Zeit wird ein Mittel gegen die See- und Eisenbahnkrankheit herauskommen, dann noch ein Mittel gegen beginnende Sklerose, das ist schon vorbereitet. Außerdem wissen Sie ja auch, daß wir kosmetische Präparate, also Zahnwasser, Mundwasser, Haarwasser, Zahncreme in den Handel gebracht haben.
Ich muß dabei einen Punkt berühren, der uns gewissermaßen etwas enttäuscht hat. Wir dachten, wenn wir diese Dinge hinausgeben, daß wir von allen Seiten der Anthroposophischen Gesellschaft ein Echo haben werden, daß wir in ganz kurzer Zeit, wenn bekannt wird, daß wir hier unter den Impulsen und Anregungen Dr. Steiners solche Präparate hinaussenden, die doch die meisten von Ihnen alltäglich brauchen, der Nachfrage nicht werden genügen können! Sie wüßten nicht, wo man die Dinge bekommt, hieß es. Wir haben daraufhin eine Liste sämtlicher Depots hinausgesandt. Wir haben eine Enttäuschung erlebt, denn leider waren die Nachfragen auch nicht in einem besonders großen Umfang vorhanden. Wir hätten sehr gut den Anforderungen entsprechen können. Ich möchte herzlich bitten, unsere Bestrebungen doch auch zu den Ihrigen zu machen. Sie werden ja auf der einen Seite sich selbst den besten Dienst leisten, indem Sie sich überzeugen können und müssen, daß das, was von uns herausgegeben wird, durchaus konkurrenzlos dasteht und allen anderen Mitteln, die im Handel sind, überlegen ist. Denn die Mittel sind eben ganz andere Produkte, aus dem Quell, aus dem sie fließen, und werden ganz anders nützlich sein. Man sollte sie deshalb nicht nur selbst gebrauchen, soweit es notwendig ist und angeht, sondern sie auch seinen Bekannten, Ärzten und Freunden senden oder empfehlen. Zum Beispiel sind ja die Erfahrungen mit dem Heuschnupfenmittel schon sehr erfreulich; viele fremde Ärzte benutzen es schon. Und auch in England wirkt ausgezeichnet das Migränemittel. Die erste Abrechnung im Mai war schon über alles Erwarten ausgezeichnet. Solche Propaganda wie in England können wir jamomentan in der Schweiz in diesem Umfang nicht machen. Aber wenn Sie alle persönlich mithelfen, so wird auch noch die Zeitungspropaganda größer werden. Es ist betrüblich, wenn von Seiten, die nicht außerhalb stehen, sogar Gegnerschaft entstehen würde. Gerade in unseren Kreisen, einige von Ihnen werden es wissen, werden, ich muß sagen, die unwahrsten, die verlogensten Dinge über die Laboratorien verbreitet, und einzelne Persönlichkeiten werden in der brüskierendsten Weise angegriffen. Aber ich möchte Sie doch bitten, sich soweit zu orientieren, daß Sie eine Urteilsfähigkeit haben. Von Anfang an sind die Dinge durchaus verlogen, und wenn etwas Wahres einmal dabei ist, so sind die Sachen so verdreht. Einzelne dieser Elaborate - wir können uns natürlich nicht auf alle diese Dinge einlassen -, aber auf einzelnes muß von irgendeiner Seite aus ein Protest sein. Besonders in einem Briefe sind niederträchtige Beschuldigungen ausgesprochen, die durchaus unwahr und verlogen sind. Sie können wirklich die Zuversicht haben, daß wir aus der besten Überzeugung heraus arbeiten und daß, wenn Sie uns unterstützen und die Dinge so weitergehen können, wie es jetzt den Anschein hat, wir einer Zukunft in den Laboratorien entgegensteuern, die sehr erfreulich ist. Aller Reingewinn, der aus den Laboratorien erfließt, wird wieder zurückfließen können all den Bestrebungen zu, die in der Anthroposophischen Gesellschaft wurzeln. Alle diese finanziellen Klagen, daß Geld da und dort fehlt, für die Schulbewegung zum Beispiel, die werden in früherer oder späterer Zeit doch schwinden müssen dadurch, daß wir gerade aus unserer Industrie heraus so viel Kapital haben, um solchen geistigen Bewegungen, wie die Schulbewegung ist, helfen zu können.
Es kommen öfters Klagen zu unseren Ohren, daß unsere Mittel etwas teuer sind oder wenigstens so teuer, wie die teuersten Produkte bei der Konkurrenz, und ob man nicht die gewöhnliche Zahncreme und so weiter mindestens zu demselben Preis liefern könne? Die ganze Verarbeitungsart für Mundwasser, Zahncreme und so weiter ist so, daß man sie nicht anders machen kann. Ich möchte bitten, daß Sie dieses Vertrauen uns entgegenbringen, daß wir nicht übergroße Gewinne daran machen wollen.
Albert Steffen gibt Dr. Usteri das Wort.
Dr. Alfred Usteri: Ich möchte hier etwas zur Sprache bringen, was mir scheint, daß es eine gewisse Verhandlung erfordert. Ich habe wiederholt mit Arbeitern hier gesprochen. Da bekommt man immer wieder Klagen zu hören gegen die Bauleitung. Ich stehe nicht hier, um den Ankläger zu spielen. Die Anklagen können aus der Luft gegriffen sein; aber es ist doch wichtig, daß die Arbeiter, die für uns arbeiten müssen, nach jeder Richtung hin zufrieden sind. Ich habe aber auch darauf aufmerksam gemacht, daß es doch richtig wäre, diese Klagen nicht bei mir, sondern an zuständiger Stelle anzubringen. Sie sagten: Wir sind eben in Stellung und müssen riskieren, daß uns irgend etwas passiert, daß wir gemaßregelt werden. — Ich möchte, daß hier den Arbeitern, die anwesend sind, erlaubt werde, daß sie ihre Klagen, wenn sie solche haben, hier vorbringen. Sie sollen ruhig ihre Klagen vorbringen dürfen. Man kann immer wieder hören: Ja, Dr. Steiner, den mögen wir gern; aber mit der Gesellschaft als solcher wollen wir absolut nichts zu tun haben. — Das gleiche Motiv war daleitend: sie mögen nichts sagen, denn es könnte ihnen passieren, daß sie um ihre Stellung kämen. Wenn Klagen gegen meine eigene Person sich richten sollten, bin ich bereit, Rechenschaft abzugeben.
Albert Steffen: Wer möchte sich zu dieser Äußerung melden? Mir sind persönlich nie solche Klagen zugekommen; ich kann dazu eigentlich nichts sagen. Ich kann mir höchstens vorstellen, daß einzelne Mitglieder an einer gewissen Unfähigkeit leiden, höflich zu sein auch gegen Arbeiter. Aber ich möchte doch bitten, daß die Klagen gesagt werden. Ja - vielleicht sprechen einige, die gut mit den Arbeitern auskommen, über dieses Thema.
Frau Bollig: Ich kann vielleicht eine kleine Erklärung geben, die durchaus nicht irgendwie beleidigend wäre für irgend jemand aus der Gesellschaft, sondern es ist doch so: Der sozialistische Hauch, der diese Menschen erfüllt, hat eine gewisse Antipathie gegen uns, so daß sie sogar mit den Damen nicht sprechen wollten, wenn sie ihnen begegneten. Also ist das nicht ein Fehler der Gesellschaft, sondern es liegt bei den Arbeitern. Die Mitglieder könnten dadurch, daß sie doppelt liebenswürdig sind, die Sache mehr in Einklang bringen.
Albert Steffen: Ich fürchte, es liegen doch die Fehler bei unseren Mitgliedern; denn wenn die Arbeiter sagen, daß sie mit Herrn Dr. Steiner gut auskommen können, kann es doch nicht an der Weltanschauung liegen. Ich meine, es kann doch einen Sozialismus geben, der anthroposophisch ist. Aber das sind ja überhaupt gewisse Dinge, die man auch von Nichtarbeitern zu hören bekommt: Wenn ein Fremder nach Dornach kommt, so fällt es ihm auf, daß er nicht gegrüßt wird. Das zweite Stadium ist, daß er Moralreden hört.
Herr Kaufmann jr., Basel: Er sei bloß ein einfacher Proletarier und könne sich nicht so ausdrücken, wie es sein sollte. Aber es sei da so etwas, daß die Arbeiter im tiefen Innern fühlen, daß hier noch etwas wie ein Standesunterschied herrscht. Ich fühle das auch, sagte er, aber ich bin über diesen Ton hinweg, ich kann das überwinden. Aber andere Arbeiter haben es wirklich viel schwerer. In der Tram zum Beispiel: Arbeiter, die am Goetheanum arbeiten, haben sich schon beklagt -- Ich habe auch schon Klagen gehört über die Bauleitung, die die Leute unter sich ausgetauscht haben und geschimpft haben. Zum Beispiel habe ich den Namen Schleutermann gehört und Aisenpreis. Ich habe sie viel im Tram getroffen; sie sagen: Die können Moral predigen, aber sie tun in der Tat nichts. - Es ist gut, ein Goetheanum zu bauen, aber damit haben wir nicht gegessen — — Der Standesunterschied ist sehr stark fühlbar, so daß in den Vordergrund tritt, daß man eben ein verachteter Proletarier ist. Besonders die, die das Geld haben, spielen sich stark auf, und das wird empfunden. Zum Beispiel die Arbeiter, die in Basel wohnen, verkehren wieder mit vielen Arbeitern in Basel und bringen diese Sachen unter ihre Kollegen. Wir haben es kolossal schwer mit den sozialistischen Impulsen in den «Kernpunkten»; es heißt: Das ist für uns abgetan, die können uns nichts bringen. — Über Schleutermann kommen alle möglichen Klagen -
Albert Steffen: Wünscht jemand zu diesem Thema zu sprechen? Sehen Sie, es wäre ja dabei auch noch zu beachten, daß es im Schweizer Charakter liegt, daß er grob ist; aber daß er, wenn er grob ist, nicht alles so furchtbar ernst meint. Über Herrn Aisenpreis habe ich zum Beispiel hier in der Umgebung sehr viel Gutes gehört, muß ich sagen, besonders von den Bauern. Über Herrn Schleutermann habe ich nichts Schlimmes gehört. — Aber ich möchte noch auf eines zurückkommen, nämlich auf die Trambahn, die von hier nach Basel fährt. Da bekommen wir nämlich wirklich von Leuten Gespräche berichtet, die darin stattfinden. Es mag schon ein Jahr her sein, da war ein Deutscher darin, unterhielt sich mit einem Schweizer und sagte: Ja, es ist nichts hier, das muß ganz anders organisiert werden in der Schweiz! - und solche Sachen mehr. Und die Leute, die im Tram saßen, die wurden natürlich wütend. Und wenn dann solche wütend gewordenen Leute das Blatt von Kully lesen, ja, dann fallen diese Aussprüche, die Lügen von Kully, auf einen fruchtbaren Boden. Das ist ganz selbstverständlich, und das ist dann sehr schwer auszurotten. Es wäre vielleicht klug, wenn man im Tram nicht auf diese Art spräche.
Herr (Name nicht notiert): Dieses Thema, das hier angeschnitten ist, ist ein alltägliches und scheint auch hier in Dornach unter den Anthroposophen so gut zu existieren wie auf andern Bauplätzen. Ich selbst bin Baufachmann, war 35 Jahre in leitender Stellung auf Bauplätzen — allen Leuten kann man es nie recht machen! Ich habe da manche Erfahrung; man muß wirklich ein ganz gediegener-ich weiß nicht recht, wie ich den Ausdruck bringen soll— Mensch sein, um sich da zurechtzufinden, um sich zwischen den Arbeitern und den Arbeitgebern durchschlängeln zu können, um es halbwegs recht zu machen zwischen diesen zwei Extremen. Ich habe den Namen Aisenpreis gehört; er ist ja hier der Bauführer auf dieser Baustelle. Sie werden es alle kennen: Über den Bauführer wird zuerst geschimpft. Man muß die Sachen nehmen, wie sie sind. Die Leute stellen sich vor, wenn sie hier arbeiten, sie sollten hier etwas sozialer behandelt werden als bei den übrigen Arbeitgebern, die einfach auf ihren Profit sehen. Andererseits muß man auch bedenken: Derjenige, der hier den Bau leitet, zu beaufsichtigen hat, der hat auch eine gewisse Verantwortung gegenüber der Gesellschaft. Das muß auch beachtet werden. Die Gesellschaft ist immer auf fremde Hilfe angewiesen; beständig muß bei den Mitgliedern herumgebettelt werden, wie wir Schweizer sagen, so daß die Leute sehr viel in Anspruch genommen werden, um die Mittel zusammenzubringen, um wieder einen Bau herzustellen. Wir sind auch dazu da, daß wir unser Redliches getan haben, daß wir nicht nur unsern Lohn in der Tasche haben, sondern daß auch eine produktive Arbeit geleistet wird. Und wenn einmal von den Vorgesetzten vielleicht ein Wort gesprochen wird, das einen verletzt, so muß man bedenken: Der Mann hat nicht nur das, sondern vieles andere, das vielleicht nicht jeder Arbeiter übernehmen würde; der kann nicht Feierabend machen, wenn die Glocke schlägt, da geht seine Arbeit erst an. Es sollte auf beiden Seiten Entgegenkommen herrschen und dafür Sorge getragen werden, daß nicht unnützerweise die Sachen so stark verteuert werden. Aber das sind lokale Angelegenheiten; sie sollten eigentlich nicht in einer Generalversammlung zur Sprache kommen. Man könnte vielleicht in einer Bauversammlung darüber sprechen.
Albert Steffen: Es sind gewiß lokale Angelegenheiten, aber es ist doch ein wichtiger Kern dabei, nämlich etwas, was das Gemeinschaftsleben betrifft. Man wird, wenn man die richtige innere anthroposophische Verfassung hat, eigentlich mit einem Arbeiter gut auskommen, ich glaube sogar besser als mit einem anderen Menschen.
(Name nicht notiert): Ich bin derselben Meinung. Herr Doktor hat im Berner Vortrag4 viel gesprochen von allgemeiner Menschenliebe; das sollte man im Praktischen verwirklicht sehen. Ein besseres gegenseitiges Verständnis sollte doch möglich sein, und man sollte sich doch gegenseitig besser verstehen lernen.
Dr. Steiner: Ich will nicht viel sagen, aber es scheint mir doch der Sache irgend etwas zugrunde zu liegen. Das schien mir aus verschiedenem hervorzugehen. Nicht wahr, wer mit dem Leben bekannt ist, weiß ja, daß irgendwelche Dinge, wie sie hier gerügt worden sind, mit Recht, schon überall vorkommen. Aber als wir im April die Generalversammlung hier hatten, na, nicht wahr, da kam es uns vor, als ob diese Generalversammlung nicht ganz abgeschlossen war. Herrn Steffen namentlich kam’s auch nicht ganz abgeschlossen vor, und er hatte das Bedürfnis nach einer Fortsetzung. Nicht, er sagte dann dazumal zu mir, es müßte die Fortsetzung aber dann verbunden werden mit einem Vortragszyklus. Und da meinte ich, was für ein Thema das dann sein sollte, und er sagte, vielleicht könne man so eine Art anthroposophischen Knigge über den Umgang mit Anthroposophen einmal zum Thema machen. (Heiterkeit.) Nun, das schien mir auf eine bestimmte Empfindung hinzudeuten, und dann kommen, nicht wahr, allerlei Ideenassoziationen. Es ist schon wirklich so, wenn ich Ihnen die Stimmen, die mir von den allerverschiedensten Seiten da zukommen, einzeln vorlegen würde, so würden Sie Statistiker werden können, so viele kommen von allen Seiten. Nun, sie können dann doch zusammengefaßt werden, weil man die eine Bemerkung überall hört: Ja, Anthroposophie, das wäre schon ganz schön, aber der Gesellschaft treten wir nicht bei. - Und wenn man dann fragt: Ja warum denn nicht? -, dann heißt es: Na, diese Gesellschaft entbehrt doch der Menschenfreundlichkeit; und dazu sind die Leute, die drinnen sind, so sonderbar hochmütig.
Nun, ich habe ja auch, wie Sie gesehen haben, das Thema geändert, aus dem einfachen Grunde, weil ich nicht gleich sündigen wollte gegen dasjenige, was mir mit diesem Thema zugemutet wird. Wenn man über einen «anthroposophischen Knigge» sprechen wollte, so würde man ja gleich gegen ihn sündigen, denn es ist doch ganz entschieden eine Art von Unhöflichkeit. Aber nicht wahr, von außen kommt es so häufig. Ich habe einmal das Sprichwort gehört: «Höflichkeit ist eine Zier, doch weiter kommt man ohne ihr.» Das wird sehr häufig gerade auf Anthroposophen angewendet. Als ich neulich einmal in einem Vortrag5 über verschiedene Persönlichkeiten sprach und wie diese ihre Moralgrundsätze aufgefaßt haben, da kam ich auch auf eine Persönlichkeit zu sprechen, die die Höflichkeit unter die Tugenden gerechnet hat. Ich zählte die Tugenden auf, die diese Persönlichkeit genannt hatte, und dabei war die Höflichkeit. Und da fiel mir auf, daß das auf das Auditorium einen so spaßigen Eindruck machte, daß die Höflichkeit eine Tugend sein sollte. Es wurde ja natürlich nichts gesagt, aber es wurde so empfunden; man weiß ja, wie das Auditorium empfindet. Es war so frappierend für das Auditorium: Höflichkeit soll eine Tugend sein. Und, ich will ganz gewiß selbst nicht unhöflich werden, aber ich möchte doch darauf aufmerksam machen, daß aus allerlei sektiererischen Tendenzen und aus einer bei sehr vielen Mitgliedern auftretenden starken Beschäftigung nur mit sich selbst das hervortritt, daß wenig Interesse, natürliches Interesse für andere Menschen ist.
Natürlich, Theorie von Menschenfreundlichkeit, Theorie von Hilfsbereitschaft ist viel da, und im Ernstfall ist sie ja auch in Wirklichkeit da. Aber da ist doch auf der einen Seite die allgemeine Anschauung über die allgemeine Menschenliebe - und dann: nun, im Ernstfalle ist sie schon da, diese Menschenliebe, selbstverständlich — aber nun liegt etwas dazwischen. Und unglückseligerweise liegt eben auch der alltägliche Verkehr dazwischen, und da reduziert sich die Menschenliebe eben auf das gegenseitige Sich-Entgegenkommen. Und da, da sieht man manchmal — wenn man so vorbeigeht, wie ein Anthroposoph einem Nichtanthroposophen begegnet - doch so etwas, was man dann schon zu einer solchen Behauptung hinzu schlagen muß, daß die Leute einem sagen: Ja, wir können, wenn wir die Mitglieder anschauen, nicht beitreten. — Und das geschieht auf alle mögliche Art. Es ist schon etwas in den Dingen gelegen, was, wenn es nun diskutiert würde — ich möchte es ja von mir aus nicht diskutieren, aber wenn man sich einmal so recht aufrichtig darüber aussprechen würde -, so würde manches von dem herauskommen, warum die Anthroposophische Gesellschaft in vieler Beziehung so abgeschlossen bleibt. Die Gründe des Abgeschlossenseins liegen schon darinnen, daß der allgemein menschliche Ton so schwer gefunden wird, der über alles hinausliegt. Nicht wahr, ob schließlich einer Großherzog oder Arbeiter ist, er ist ein Mensch, und dieses allgemein Menschliche, dieses ganz unbefangen — auch ohne Theorie—Sichbegegnen, dieses Unbefangene, das ist doch natürlich etwas, was im weiten Umfange, ich will nur sagen, nicht empfunden wird.
Also, es liegen den Klagen schon reale Sachen zugrunde. Und auch Herr Steffen hatte nicht, wie ich glaube, ohne eine reale Unterempfindung mir diesen Vorschlag gemacht: Ich soll einmal acht Tage vor Ihren Ohren einen «anthroposophischen Knigge» verfassen. Ich werde es Ja natürlich aus Kniggehaftigkeit nicht tun. Aber ich meine, es weist das auf allerlei Dinge hin, und man kann daran auch so symptomatisch etwas erkennen.
Albert Steffen: Will sich noch jemand aussprechen?
Eine Dame: Wenn schon Herr Steffen auf die Höflichkeit hingewiesen hat, möchte ich sagen, wenn ich schon hierherkommen darf: Man kommt am Abend in den Saal herein, ist froh und dankbar, daß man einmal hier ist, und dann ist da ein Getümmel und Getöse im Saal und eine Unruhe am Anfang und auch am Ende -- Es wirkt wie eine Unhöflichkeit Dr. Steiner gegenüber.
Albert Steffen: Was die Dame gesagt hat, das wurde mir aufgetragen, auch in dieser Versammlung zu sagen; aber ich dachte, vielleicht sagt es vorher jemand. Ich wollte es eigentlich auch vorbringen. Überhaupt, wenn man hinaufsteigt zum Goetheanum, sollte man wirklich wissen, wohin man geht. Ich weiß, viele von unseren Freunden gehen immer fast neugeboren hinauf. Sie wissen ja, alles, was sie sehen, die Blumen ringsum und das Licht und die Bäume, sie könnten es doch nicht so anschauen, wenn sie ihnen nicht entziffert worden wären. Sie sind wirklich zu einer neuen Anschauung, zu einer neuen Naturanschauung gekommen. Und das gibt den meisten von uns, so glaube ich wenigstens, ein feierliches Gefühl, wenn sie da hinaufkommen. Und mit diesem Gefühl sollte man eigentlich in den Saal hier eintreten und sollte noch ein anderes Gefühl haben, nämlich dasjenige, daß man Geschichte erlebt. Wirklich: Hier erleben wir Geschichte! Was wird man nach hundert Jahren von Dornach sagen? Man wird doch Dornach als den Mittelpunkt des geistigen Lebens rückschauend erkennen! Und jedermann wird sagen: Hätten wir doch damals gelebt, hätten wir doch dieser Persönlichkeit gegenübergestanden, auch nur ein einziges Mal! Ein einziges Mal ihn angehört! — Dieses freudige Gefühl, verehrte Anwesende, erstens der Natur gegenüber, die uns durch Anthroposophie neu geschenkt wurde, und zweitens der Geschichte gegenüber, die wir hier in ihrem höchsten Impuls erleben können, die trifft man überhaupt kaum, wenn man hier im Saale ist. Da ist ein Getümmel und Gerede, da sagt jeder, was er morgen zu Mittag kocht und so weiter, aber es ist schrecklich. Vielleicht täusche ich mich darin, dann möchte ich um Verzeihung bitten.
Verehrte Anwesende, möchte noch jemand das Wort ergreifen?
Frl. (Name nicht notiert) aus Straßburg: Stellt eine Frage über die Gegner, insbesondere die «nicht-anthroposophischen Kenner der Anthroposophie». Man habe eigentlich das Verlangen, das betreffende Schriftstück ganz zu kennen.6
Albert Steffen: Es ist furchtbar lang und zuweilen auch sehr langweilig. Aber ich kann einmal vielleicht, wenn jemand das wünscht, die symptomatischsten Stellen daraus vorlesen.
Fragestellerin: Man weiß zu wenig darüber. Man sprach von einem Bund dagegen, kann das nicht bald der Fall sein?
Albert Steffen: Ja, dieser «Bund» sollte eben die Gesellschaft sein!
Fragestellerin: Man sollte öfters zusammenkommen, wenn man in Dornach ist, und darüber sprechen; man wäre mehr auf dem laufenden, könnte andererseits einen Rat holen; so schläft es immer wieder ein.
Albert Steffen: Es ist ja so, daß verschiedene Leute schon arbeiten. Gestern schrieb mir Dr. Stein von einer medizinischen Persönlichkeit, die den Fall Goesch vom medizinischen Standpunkt aus betrachten wird, in bezug auf Wahnvorstellungen und dergleichen. Und auch Leisegang wird bearbeitet. Es fehlt nicht an Leuten, die das machen möchten, aber diese müssen auch Material bekommen von den andern, und sie müssen vor allen Dingen bei den anderen Interesse finden. Sie werden sich ja erinnern, daß in Stuttgart der Vortrag über die Gegnerschaft zuerst nicht angehört werden wollte?7 Ich muß sagen, ich finde gerade dieses Thema eigentlich so außerordentlich interessant für die Gegenwart. Man kann nämlich so viel lernen über die Dekadenz unserer Zeit. Und wir Anthroposophen müßten doch eigentlich, was krank ist, gesund machen. Und deshalb müssen wir es kennenlernen. Es muß eben jeder sein Bestes tun.
Dr. Oskar Schmiedel: Es fehlte so sehr an einer richtigen Information. Es kann nicht jeder zu Herrn Steffen laufen. Kann man nicht einmal im Monat hier zusammenkommen? Man würde informiert über die Gegnerfrage oder andere lebenswichtige Fragen.
Albert Steffen: Ich bin selbstverständlich bereit; aber ich selbst müßte dann auch immer informiert werden.
Dr. Steiner: Jetzt kommt eben die große Schwierigkeit, darauf aufmerksam zu machen in möglichst einwandfreier Weise, daß wir hier in einer Stunde eine Eurythmie-Aufführung haben, und weil wir nicht viel Zeit übrig haben, will ich nicht erst viele Worte machen. Und kurze Worte machen - da ist es ganz besonders schwer, höflich zu sein, und ich möchte doch nicht gerade in diesem Moment gegen die Höflichkeit verstoßen, nicht wahr. Deshalb möchte ich Sie bitten: Nehmen Sie freundlichst die Einladung an, in die Natur draußen einzutreten, und zwar möglichst schnell einzutreten! (Heiterkeit.)
Schluß der Versammlung.