The Fateful Year of 1923
GA 259 — 17 June 1923, Dornach
Geschäftsbericht der zehnten ordentlichen Generalversammlung des Vereins des Goetheanum
Sonntag, 17. Juni 1923, vormittags 10 Uhr*/p>
Die Versammlung wurde von dem Vorsitzenden Herrn Dr. Emil Grosheintz mit folgender Ansprache eröffnet:
Sehr verehrte, liebe Freunde!
Im Namen1 des Vorstandes des Vereins des Goetheanum, der freien Hochschule für Geisteswissenschaft, begrüße ich Sie auf das herzlichste zu unserer heutigen zehnten ordentlichen Generalversammlung. Wir eröffnen diese Generalversammlung im Zeichen der Trauer, denn der letzte Tag des Jahres, über das heute hier zu berichten wäre, hat uns das Goetheanum, die Frucht einer zehnjährigen Arbeit, geraubt. Das erste Goetheanum ist nicht mehr. Nicht wir allein, die ganze Menschheit hat es verloren, denn dieser gehörte es. Wir hatten es nicht für uns selbst gebaut, sondern für die nach geistigen Wahrheiten sich sehnende Menschheit. Das Goetheanum war eine Stätte zur Pflege der neuen Geisterkenntnis, wie sie durch Rudolf Steiner in der Anthroposophie der Welt geschenkt wird, eine Stätte der Wahrheit. Das Goetheanum war ein einziges unersetzbares Kunstwerk. Im Gleichmaß der Raumgestaltungen, in der Harmonie der Formen und Farben trat hier, der staunenden Seele sich offenbarend, ein neues Reich des Schönen entgegen. - Das Goetheanum war eine Tat der Allmenschlichkeit. Menschen der verschiedensten Nationen haben es errichtet zu einer Zeit, da die Völker des Erdenrundes sich Elend, Tod und Knechtschaft brachten. Es war ein Werk der Menschenliebe in einer Welt des Völkerhasses.
Das Goetheanum war ein Werk Rudolf Steiners. Das Goetheanum gehört nun der Geschichte an.
Der Grundstein des Goetheanum wurde gelegt am 20. September 1913. Sieben Jahre später, im September 1920, fand darin die erste Veranstaltung statt, der erste anthroposophische Hochschulkurs.
Er wurde eingeleitet durch eine schlichte provisorische Eröffnung. In seiner Eröffnungsrede wies Dr. Steiner der Hochschule für Geisteswissenschaft den Weg, indem er von der Synthese von Wissenschaft und Kunst und Religion sprach, wie sie einstmals bestand und wie sie durch die Geisteswissenschaft wieder herbeigeführt werden soll.
Neben zahlreichen Veranstaltungen und Kursen, die in den Nebengebäuden stattgefunden haben, fand im Goetheanum neben vielen schönen Eurythmie-Vorstellungen statt: ein zweiter Hochschulkurs; 1921 ein Sommerkurs für englische Künstler; im Winter 1921 ein pädagogischer Kurs; im Sommer 1922 die sogenannte französische Woche und zu Weihnachten 1922 ein naturwissenschaftlicher Kurs, in dessen Verlauf das große Unglück des Brandes sich ereignete.
Der Kursus und die Veranstaltungen, die damals im Gange waren, wurden nicht unterbrochen. Die geistige Arbeit ging weiter. Dies hat bei manchen Menschen, auch unter der hiesigen Bevölkerung, doch einen gewissen Eindruck gemacht. Ein angesehener Bürger von Dornach drückte mir am Tage nach dem Brande sein Beileid über den Verlust des Goetheanum aus und sagte: «Man mag über die Anthroposophische Gesellschaft denken, wie man will, die viele Arbeit und Opferfreudigkeit, wovon das Goetheanum zeugt, muß einem Bewunderung einflößen. Aber am meisten habe ich bewundert» — so sagte er —, «daß Sie trotz Ihres schweren Unglücks die Veranstaltungen nicht unterbrochen haben. Und da» - sagte er —, «da mußte ich an die Verse Geibels denken, die Felix Dahn in seinem Roman «Ein Kampf um Rom als Motto vorangestellt hat.» Und er zitierte mir diese Verse. Sie beziehen sich auf diejenigen, die in diesem Kampf um Rom unterlegen sind. Sie lauten: «Wenn etwas ist, gewalt’ger als das Schicksal, so ist’s der Mut, der’s unerschüttert trägt.»
Aber, meine lieben Freunde, wir brauchen mehr als diesen passiven Mut des Tragens eines Schicksalsschlages. Wir müssen einen aktiven Mut entwikkeln. Die Zerstörung des Goetheanum ist ein Aufruf zur Tat.
Wie die Anthroposophische Gesellschaft es bereits getan hat, so bekundet auch heute der Verein des Goetheanum seinen Willen zum Aufbauen eines neuen Goetheanum und tritt an Herrn Dr. Steiner heran mit der Bitte, uns und der Welt ein neues Goetheanum zu schenken und uns mitarbeiten zu lassen.
Wenn dies Ihr Wille ist, so ersuche ich Sie, sich von Ihren Sitzen zu erheben.
(Die Versammelten erheben sich alle von ihren Sitzen.)
Und nun wende ich mich an alle diejenigen, die in unserer Bewegung stehen, mit der Bitte, dem Verein des Goetheanum als Mitglieder beizutreten. Die Sache unseres Vereins ist Ihre Sache. Wer Mitglied des Vereins des Goetheanum ist, hilft mitbauen.
Am 31. Dezember 1922 zählte der Verein 1059 Mitglieder gegen 1015 im Vorjahre. Der Zuwachs beträgt im Jahre 1922 44 Mitglieder. Von diesen 1059 Mitgliedern sind 496 außerordentliche und 563 beitragende Mitglieder. Davon gehören 694 dem valutaschwachen Mitteleuropa an und nur 365 der Schweiz und den übrigen Ländern.
Unsere erste Aufgabe wird sein die Schaffung des nötigen Baufonds, den wir Herrn Dr. Steiner zur Verfügung stellen. Dazu genügt die Summe, welche. uns von der Versicherung ausbezahlt wird, die drei Millionen einhundertdreiundachtzigtausend Franken beträgt, nicht, sondern, wie Herr Dr. Steiner uns bereits mitgeteilt hat, wird diese Summe ungefähr die Hälfte von. dem betragen, was als Gesamtsumme für die Vollführung der Arbeit notwendig sein dürfte. Wir haben Erfahrungen gesammelt, und die Zeiten haben sich geändert, seitdem das erste Goetheanum gebaut worden ist. Und so soll das Geld vorher da sein, ehe gebaut wird, wenigstens zu % sollte es da sein, ehe angefangen wird mit der Bautätigkeit.
Die bisher eingeleiteten Aktionen haben auch etwas Geld gebracht, vielleicht so gegen hundertfünfzigtausend Franken.
Nun wird auf Anregung unserer englischen Freunde eine internationale Delegierten-Versammlung am 22. Juli hier zusammentreten und beraten über die weitere Finanzierung des Baues. Aber ohne die bedeutenden Anstrengungen eines jeden einzelnen in unserer Bewegung wird die Sache nicht gehen.
Meine verehrten Freunde! Über die Bautätigkeit des verflossenen Jahres Ihnen zu berichten wäre jetzt, da der Bau nicht mehr steht, ebenso schmerzlich wie unfruchtbar. Wir wollen darum für dieses Jahr davon absehen. Unser Blick geht in die Zukunft, unser Wille unentwegt vorwärts.
Über die letzte Generalversammlung liegt ein Protokoll vor. Ich frage, ob
Sie wünschen, daß dasselbe gelesen wird? Wenn das nicht der Fall ist, so möchte ich unseren Geschäftsführer bitten, den Kassabericht zu geben. Herr Binder gibt in kurzem einen Überblick über die wesentlichen Ausgaben und Einnahmen im verflossenen Vereinsjahr und stellt die Vermögensbilanz dar, die sich nach Abzug des Brandschadens ergibt.
Im Jahr 1922 wurden verausgabt:
An Baukosten für das Goetheanum, für den Ausbau der Weganlagen, für Darlehen- und Hypothekzinsen, Kursverluste-Abschreibungen...Fr. 371,197.28 An allgemeinen Unkosten, für Bewachung, Beleuchtung, Beheizung des Baues einschließlich Instandhaltungskosten. Fr. 116,414.94 = Fr. 487,612.22
Dagegen wurde eingenommen:
Spenden...........................................Fr. 239,929.34
Darlehen...........................................Fr. 35,000.--
Mitgliederbeiträge.................................Fr. 24,459,60
Zinseinnahmen etc...................................Fr. 5,863.35
............................................... = Fr. 305,252.29 Aus Bankreserven wurden somit verbraucht. ........ Fr. 182,59,93 Das Goetheanum stand vor dem BrandzuBuchmit.....Fr. 5,657,101.39
Die Brandversicherungssumme beträgt.............Fr. 3,500,000.--
so daß ohne Berücksichtigung der ideellen
Werte ein Brand schaden entstand von............Fr. 2,157,101.39
Von der Brandversicherungsumme kommen zur Auszahlung Fr. 3,183,000.--, während der Rest von Fr. 317,000.— als geschätzter Wert des noch stehenden Betonsockels betrachtet wird.
Nach Berücksichtigung dieser Abschreibung ergibt sich folgende
Bilanz am 1. Januar 1923:
Aktiva Grundstücke................Fr. 265,411.47
Goetheanum Betonsockel.....Fr. 317,000.--
Goetheanum Nebenbauten.....Fr. 275,469.92
Häuser und Liegenschaften..Fr. 334,731.67
...................... = Fr. 1,192,613.06
Invent.u. Material.........Fr. 145 754.--
Debitoren..................Fr. 128,739.85
Banken:
a) Laufendes Konto..........Fr. 24,598.80
b) Versicherungssumme....Fr. 3,183,000.--
Kassa........................Fr. 4,656.70
...................... = Fr. 4,679,362.41 Passiva Stiftungskapital.........Fr. 5,471,952.50
(Ab Brandschaden)........Fr. 2,157,101.39
...................... = Fr. 3,314,851.11
Darlehen.................Fr. 1,022,047.83
Kreditoren..................Fr. 78,463.47
Hypotheken.................Fr. 264 000.--
...................... = Fr. 4,679,362.41
Die Rechnungsrevisoren bestätigen, daß die Bücher ordnungsmäßig geführt sind, und beantragen Entlastung der Rechnungsführung, die hierauf von der Versammlung gegeben wurde.
Die Rechnungsrevisoren wurden für nächstes Jahr wiedergewählt. - Anträge waren keine vorhanden, und zu Punkt 7 ergriff Herr Dr. Steiner das Wort zu folgendem Vortrag: [Siehe S. 146]
-
Protokoll vermutlich von Helene Finckh. Das Stenogramm liegt nicht vor. ↩