27. Ansprache zur 10. Generalversammlung des Vereins des Goetheanum, der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft
GA 259 — 17 June 1923, Dornach
Meine lieben Freunde!
Auch an mir wird es ja sein, anders und mit anderen Untergründen heute zu Ihnen zu sprechen, als das in den verflossenen Jahren bei diesen Versammlungen geschehen konnte. Denn wir stehen ja bleibend unter dem Eindrucke des Hinganges unseres geliebten anthroposophischen Baues, des Goetheanum. Es braucht wohl nicht immer wieder auch von mir hervorgehoben zu werden, was das eigentlich bedeutet. Es ist Ihnen in den schönen Worten des Herrn Vorsitzenden dies heute nahegebracht worden; und ich bin ja überzeugt davon, dass diese Worte aus der Seele eines jeden von Ihnen gesprochen waren. Es ist ja auch tatsächlich so, dass ein über ein bestimmtes Maß hinausgehendes Unglück im Grunde genommen nur in stummer Sprache sich offenbaren kann und dass Worte wirklich nicht hinreichen, um dasjenige zum Ausdruck zu bringen, was gerade für uns mit dem Goetheanum verloren worden ist.
Ich habe in den Vorträgen, die ich gelegentlich der Generalversammlung der Schweizerischen Anthroposophischen Gesellschaft und der Generalversammlung des Goetheanum-Vereines in der Zwischenzeit zwischen den beiden Versammlungen und im Anschlusse an sie zu halten hatte, über alles dasjenige zu sprechen gehabt, was mir gerade zu sagen in dieser Zeit obliegt.
Im Grunde ist ja sehr vieles von dem, was ich in dieser Zeit zu sagen habe, gerade im Hinblick auf den großen Schicksalsschlag gesagt, der uns betroffen hat. Es darf auch durchaus nicht verkannt werden, wie sehr dieser Schicksalsschlag gezeigt hat, dass ein gemeinsames Fühlen innerhalb der Glieder der Anthroposophischen Gesellschaft in einem herzlichen Maße vorhanden ist. Allein, meine lieben Freunde, dasjenige, was, ich möchte sagen, in einer für uns selbstverständlichen Weise zum Ausdrucke kam dazumal, als wir unter dem unmittelbaren augenblicklichen Eindrucke des Goetheanum-Brandes standen, dass wir die Kontinuität der Arbeit unseres Geisteslebens durchaus nicht aufgeben wollten, das muss uns ja immer beseelen. Und darauf kommt es ganz besonders an, dass wir uns tatsächlich zu verhalten wissen im Sinne des gestern von mir Gesagten: arbeiten aus dem Zentrum des Geistigen heraus und sich selbst durch die schmerzlichsten, wie ja auch durch die erhebenden Eindrücke der Außenwelt in dieser eigentlichen inneren, aus dem Zentrum herauskommenden Arbeit und Gesinnung nicht beirren lassen. Davon hängt doch die wirkliche Perspektive der anthroposophischen Bewegung ab. Sie hängt nicht davon ab, wie viele und wie geartete Schicksalsschläge von außen kommen. Diese müssen mit derjenigen Gesinnung hingenommen werden, die sich aus der anthroposophischen Lebensanschauung von selbst ergibt. Aber dass trotz aller Schicksalsschläge, auch trotz aller günstigen Schicksalsschläge, die innere Energie im Herausarbeiten aus dem Zentrum des Geisteslebens nicht erlahmt, davon hängt dasjenige ab, was mit der anthroposophischen Bewegung erreicht werden soll und auch erreicht werden kann.
Aber dasjenige, was notwendig ist zu einem solchen Arbeiten, das müssen wir uns immer wieder und wieder vor die Seele führen, müssen es ganz besonders in dieser für uns so ernsten Zeit.
Ich möchte da nur bemerken, dass es in einer so gearteten geistigen Bewegung, wie es die anthroposophische ist, wirklich ernst damit werden muss, wenn sie den rechten Weg finden soll, dass Erfolg und Misserfolg eigentlich im Grunde nichts bedeuten, dass allein dasjenige etwas bedeutet, was aus der inneren Kraft und den inneren Impulsen der Sache selbst hervorgeht. Da kommt aber sehr viel an auf das Bewusstsein derjenigen, die in der Anthroposophischen Gesellschaft vereint sind.
Meine lieben Freunde, Sie müssen nur das Folgende bedenken: Gesinnungen, Bewusstseinsimpulse, realisieren sich nicht von heute auf morgen. Man kann nicht sagen heute, welches die Erfolge der Bewusstseinsimpulse und der Gesinnungen von vorgestern sind. Wenn man das täte, würde man in ein ganz anderes Fahrwasser hineinkommen, als das anthroposophische sein kann. Man würde zum Beispiel, wenn man in dieser Weise äußerlich die Sache nehmen würde, sagen können: Wir verlassen uns auf unser gutes Glück. Dann aber würde man, wenn dieses Glück einmal in der Art, wie man es sich vorstellt, nicht da ist, auch sagen: Wir verlieren den Mut, die Energie. Ich hätte mir ja denken können, dass es in der Zeit, als uns das furchtbare Unglück betroffen hat, Seelen hätte auch unter Anthroposophen geben können, die gesagt hätten: Ja, warum haben uns in diesem Falle die guten geistigen Mächte nicht geschützt? Kann man denn an die Schlagkraft eier Bewegung’ glauben; die in dieser Weise verlassen wird von den guten Geistern?
Solch ein Gedanke, meine lieben Freunde, knüpft eben an Äußeres an, knüpft nicht an dasjenige an, was unbeirrt durch Äußeres, lediglich aus dem inneren Zentrum der Sache heraus kommt. Wenn man dieses ernst nehmen will, dass Gesinnungen, Gedanken, namentlich Bewusstseinsimpulse Realitäten sind, dann muss man an sie selbst glauben, an diese Bewusstseinsimpulse, an diese Gedanken, an diese Empfindungen, nicht an die Hilfen, die sie von außen haben können, sondern an ihre eigene Kraft. Dann muss man sicher sein, dass dasjenige, was man aus solchen Impulsen herausschöpft, trotz alles äußeren Scheinmisserfolges zu seinem richtigen Ziele kommt, zu dem Ziele, das ihm vorgeschrieben ist in der geistigen Welt; selbst dann, wenn es eines Tages durch die äußeren Umstände in der äußeren Welt zunächst ganz vernichtet würde.
Derjenige, der jemals den Glauben haben kann, dass ein Geistiges, das recht gewollt wird, durch irgendetwas in der äußeren Welt ganz vernichtet werden kann, wenn auch in der äußeren Maja die Vernichtung da ist, der glaubt nicht in Wirklichkeit an die Schlagkraft der geistigen Impulse, an die Schlagkraft der geistigen Energie. Man muss noch sagen können in dem Augenblicke, wo alles Äußere zugrunde geht: Demjenigen, was aus dem Innern gewollt wird, ist der Erfolg sicher. Aber man darf dann vom Erfolg nur in der Weise sprechen, dass man dasjenige meint, was im Sinne der inneren Impulse, der Gedanken, der Bewusstseinsabsichten selber liegt. Die Dinge, die in der äußeren Welt sich vollziehen, vollziehen sich in der Regel in einer Weise, die oftmals erst erklärlich wird nach Jahrzehnten, vielleicht nach noch längerer Zeit. Und nach den augenblicklichen Konstellationen die, wenn ich so sagen darf, Regierung der geistigen Welt beurteilen, hieße kleinmütig sein gegenüber dieser geistigen Welt. Die geistige Welt muss sich selbst ihre Stärke und Schlagkraft geben. Nun gibt es innerhalb der Erdenwelt nichts anderes als die Menschengemüter, in denen diese Schlagkraft ein Heim haben kann, ein Verständnis finden kann; nicht Einrichtungen, nicht Institutionen, und wären sie noch so schön oder noch so hässlich, können irgendwie beweisend oder widerlegend sein für dasjenige, was aus dem Geiste heraus wirklich gewollt wird.
Wer aus Äußerem die Wahrheit oder die Unwahrheit des Geistigen beweisen oder widerlegen will, befindet sich auf einem falschen Wege; denn er steht nicht innerhalb des Zentrums der geistigen Impulse, sondern außerhalb. Für die Beurteilung desjenigen, was da in Frage komm, ist einzig und allein das Innerste des Menschengemütes, niemals irgendwie ein äußerer Zusammenhang maßgebend. Das aber bedingt auf der anderen Seite, dass die Menschen, die Träger sein wollen einer solchen geistigen Bewegung, eben dahin kommen müssen, wenigstens immer mehr und mehr diese innere Stärke anzustreben und Verständnis zu haben für dasjenige, was es eigentlich heißt, aus dem inneren Zentrum einer geistigen Bewegung heraus zu arbeiten. Gerade in diesem Momente scheint es mir dringend notwendig zu sein, meine lieben Freunde, dass wir uns voll bewusst werden, wie schwer dieses ist und wie es nicht mit dem genügend erfüllt werden kann, was man oftmals dadurch ausdrückt, dass man sagt, ich habe die anthroposophische Gesinnung, ich habe den anthroposophischen Willen, dass es nicht mit dem irgendwie genügen kann.
Und da möchte ich kommen auf ein Wort, das ich öfters ausgesprochen habe, öfters seit dem Goetheanum-Brand ausgesprochen habe, und von dem ich wünschen würde, dass es tatsächlich ein wirklich gründliches Verständnis fände; ich habe es oftmals ausgesprochen: Das erste Goetheanum, die Form des ersten Goetheanum, dieses Heim der Anthroposophie, als Bau, wie er da stand, ist ja nicht wieder aufzurichten, kann nicht wieder aufgerichtet werden.
Sehen Sie, meine lieben Freunde, wenn solch ein Wort, das aus dem Geiste heraus gemeint ist, ausgesprochen wird, so muss man es als Realität empfinden, so muss man die Voraussetzung machen, dass man es von den verschiedensten Seiten anschauen kann, wie man Realitäten von den verschiedensten Seiten ansehen kann, dass man oftmals erst von einem gewissen perspektivischen Ausgangspunkte aus den richtigen Anblick gewinnen kann für ein solches Wort. Denn ein solches Wort ist ja zunächst aus einer geistigen Verpflichtung heraus gesprochen worden. Und man braucht in dem Augenblicke, wo das Wort aus einer geistigen Verpflichtung heraus gesprochen wird, durchaus nicht auf den physischen Händen herumzutragen all die Gründe, die sogenannten Gründe, die für ein solches Wort vorliegen.
Heute in dieser Stunde obliegt es mir weniger, von den äußeren Verhältnissen zu sprechen, sondern ich möchte heute besonders auf etwas zu sprechen kommen, das mit dem inneren Impuls dieses Wortes: Das erste Goetheanum kann nicht wieder aufgerichtet werden, zusammenhängt. Und zwar gestatten Sie mir schon, dass ich davon mit allem Ernste spreche; denn es kann ja nur dieser Ernst gegenüber der Aufgabe für den Wiederaufbau den Freunden die rechte Stellung geben.
Sehen Sie, eine äußere Tatsache können wir ja heute verzeichnen. Diese äußere Tatsache ist diese, dass nun die juristischen Untersuchungen, die sich angeschlossen haben an den Goetheanum-Brand, abgeschlossen sind; man kann sagen, so abgeschlossen sind, dass nun von behördlicher Seite der Entschluss gefasst werden konnte, uns die Versicherungssumme von drei Millionen und einigen hunderttausend Franken auszuzahlen. Die Auszahlung ist erfolgt. Diese drei Millionen sind da; und es kann diese Tatsache zunächst heute verzeichnet werden. Seit dem 15. Juni haben wir also diese drei Millionen.
Nun, meine lieben Freunde, könnte es sich herausstellen, dass Seelen freudig aufatmen würden angesichts der Tatsache, dass wir nun diese drei Millionen für den Bau haben und höchstens noch weitere drei Millionen durch die Opferwilligkeit der Freunde aufzubringen haben. Man könnte die Tatsache so charakterisieren. Man könnte nun diesen 15. Juni als ein außerordentlich freudiges Ereignis in der Entwicklung der anthroposophischen Bewegung verzeichnen.
Meine lieben Freunde, das ist er nicht. Und wenn ich also heute von einer ganz im Sinne des anthroposophischen Lebens gemeinten Seite her die Sache vor Ihnen beleuchten soll, so muss ich noch anders sprechen. Mir zum Beispiel ist diese Tatsache, die vielleicht von da oder dort als eine außerordentlich freudige bezeichnet wird, eine außerordentlich schmerzliche, eine außerordentlich traurige. Und zu denjenigen Leidempfindungen, die ich hatte seit dem Goetheanum-Brande, gehört diese ganz besonders, dass ich mir sagen musste: Das, was jetzt geschehen ist, muss ja herbeigeführt werden, muss in der besten und energischsten Weise, muss eben notwendig geschehen; aber es muss etwas herbeigeführt werden, was eigentlich gar nichts zu tun hat mit dem Zentrum der anthroposophischen Bewegung, was ganz außerhalb des Zentrumwirkens dieser Bewegung liegt.
Denn sehen Sie, meine lieben Freunde, der Ausspruch: Das erste Goetheanum kann nicht wieder aufgeführt werden, hat ja nicht nur einen ästhetischen, nicht nur einen opportunistischen, nicht nur einen äußerlich-historischen Hintergrund, sondern auch einen anthroposophisch-moralischen. Und über diesen anthroposophisch-moralischen Hintergrund lassen Sie mich einige Worte sprechen heute.
Sehen wir zurück in die Zeit [von] 1913, 1914, und fragen wir uns: Aus welchen Untergründen heraus ist dazumal der Entschluss zum Bauen und die Inangriffnahme dieses Baues des Goetheanum erfolgt? Was damals und im Weiteren bis zum 31. Dezember 1922 beziehungsweise 1. Januar 1923 verfolgt worden ist, stand auf der Grundlage, dass jeder einzelne Franken, der in das Goetheanum eingebaut worden ist, geflossen ist aus der Opferwilligkeit derjenigen, die sich in irgendeiner Weise zur anthroposophischen Bewegung bekannt haben. Das Goetheanum ist gebaut worden durchaus aus innerem Verständnis heraus. Jeder Franken floss aus innerem Verständnis für die Sache heraus.
Meine lieben Freunde, das Folgende ist Wahrheit, ist reale Wahrheit, weil die Wirklichkeit mit dem Inneren der Sache übereinstimmt: Wir hatten in dem Momente, wo der letzte Vortrag im Goetheanum gehalten worden ist, eine Heimstätte für die Anthroposophie, die mit den Opferpfennigen, mit den Opfercentimes derjenigen gebaut worden ist, die mit ihrem innersten Verständnis bei der Sache waren. Vom Dornacher Hügel herunter schimmerte ein Bau, der in jedem Kubikzentimeter Holz, in jedem Kubikzentimeter Stein eingebaut hatte anthroposophischen Willen, anthroposophische Opferwilligkeit. Diese moralische Substanz war in das erste Goetheanum hineingebaut.
Meine lieben Freunde, nun werden wir zu bauen beginnen mit drei Millionen Franken, von denen viele Franken aus den Taschen derjenigen stammen, die nicht nur etwa kein inneres Interesse an dem Goetheanum haben, sondern ein Interesse daran haben, dass dieses Goetheanum nicht sei. Und wenn das Goetheanum vom Dornacher Hügel wiederum herunterschimmern wird, dann wird nicht allein anthroposophische Opferwilligkeit hineingebaut sein, dann wird hineingebaut sein dasjenige, was außerhalb des Anthroposophischen im Gefüge der gegenwärtigen Welt gang und gäbe ist.
Dann, meine lieben Freunde, wird ein ganz anderer Bau da sein, vom inneren geistigen Gesichtspunkte aus angesehen. Es wird ganz sicher Leute geben, die dasjenige, was nun einmal nach dem sozialen Zusammenhange, der jetzt besteht, aus ihren Taschen herauskommt und in das Goetheanum hineingebaut wird, nicht nur mit keiner tiefen Sympathie, sondern vielleicht sogar mit einer Art Verfluchung begleiten werden.
Ich habe es oft gesagt: Innerhalb einer solchen Bewegung, wie die anthroposophische ist, handelt es sich darum, wach zu sein, nicht zu schlafen. Dieses, was ich Ihnen jetzt gesagt habe, sagt man sich nicht im schlafenden, sondern im wachenden Zustande. Für uns dürfen Worte wie «Segen einer Sache», «Zusammenhang des Segens mit schönen Eigenschaften des Menschengemütes» keine Phrase sein, für uns müssen sie Tatsache sein. Und daher erfolgte der erste Bau des Goetheanum mit dem inneren Gefühle, dass man etwas tat, was aus seinen rechten Ursachen heraus den Weg nach vorwärts so nimmt, dass dieser Weg der der Ursachen selbst ist. Jetzt bauen wir das Goetheanum auf in einer Richtung, meine lieben Freunde, die tragisch ist. Ein tragisch gebautes Goetheanum ist etwas anderes als das Goetheanum, das wir 1913, 1914 in Angriff nehmen konnten.
Sehen Sie, meine lieben Freunde, der Anthroposophie wird oftmals der Vorwurf gemacht, dass sie zu intellektuell sei. Nein, sie führt durch das, was in ihren wirklichen Impulsen liegt, zu den tieferen Empfindungen des Menschtums. Man konnte mit freudigem Herzen 1913 zu bauen beginnen; beginnt man heute, dann ist es fast notwendig, dass man das unter Tränen beginnt. Ich gebe Ihnen damit eben eine solche Schilderung, die aus dem inneren Zentrum eines geistigen Denkens stammt; und ein solches unterscheidet sich eben ganz wesentlich von dem Denken, das seine Impulse von äußeren Tatsachen hernimmt. Ein Denken, das sich an die äußere Tatsache knüpft, würde wahrscheinlich die Worte, die ich eben ausgesprochen habe, nicht aussprechen; sondern es würde freudig erregt sein darüber, dass der 15. Juni uns die drei Millionen gebracht hat.
Meine lieben Freunde, ich habe oftmals, wie es vielleicht vielen von Ihnen ungerechtfertigt erscheint, davon gesprochen, dass eine innere Opposition innerhalb der Anthroposophischen Gesellschaft vorhanden ist gegen dasjenige, was ich manchmal aus dem Zentrum der Anthroposophie heraus zu vertreten habe; heute möchte ich diese Opposition nicht wieder charakterisieren; aber ich möchte nur die Frage stellen: Ist denn überall im Laufe der letzten Monate, seit dem Goetheanum-Brande, die Empfindung vorhanden gewesen, die ich eben jetzt zum Ausdruck gebracht habe? Wenn eine andere vorhanden gewesen ist, so war sie eben ein Beispiel von innerer Opposition. Es war dann eine Empfindung, auf die eigentlich nicht mehr hätte zu rechnen sein sollen, nachdem die anthroposophische Bewegung die drei Perioden ihres Daseins durchgemacht hat.
Als wir am ersten Tage nach dem Brande schmerzgebeugt hier auf dem Dornacher Hügel standen, da die Flammen draußen noch züngelten, da versammelten sich manche Anthroposophen um den noch brennenden Bau. Der oder jener hat etwas gesagt. Schließlich kam es mir wirklich gar nicht darauf an, was irgendjemand gesagt hat, denn der Inhalt der Worte ist ja für den eigentlichen spirituellen Untergrund immer nur ein Symptom; aber ich möchte sagen, in zweierlei Hinsicht unterschied sich dasjenige, was an diesem ersten Tage nach dem Ausbruche des furchtbaren Unglücks gesagt worden ist. Da sprachen Anthroposophen das Wort zum Beispiel aus: Jetzt haben wir das Goetheanum nicht mehr, jetzt wollen wir es in unsern Herzen aufbauen. Es war eine elementare Empfindung, die schon etwas zu tun hatte mit dem Zentrum der Bewegung. Aber es waren andere Stimmen, die sprachen so: Das Goetheanum ist doch versichert; wird man es mit der Versicherungssumme wieder aufbauen können?
Meine lieben Freunde, ich will Sie in keinem Punkte des Lebens selbstverständlich zur Unpraxis verführen. Ich habe gar nichts dagegen selbstverständlich, dass diese Dinge so praktisch wie möglich angesehen werden. Aber es kommt auf die Intentionen an. Es kommt darauf an, ob man den Unterschied merkt zwischen dem, was früher da war, und demjenigen, was jetzt notwendigerweise wird gebaut werden müssen. Denn das darf auf anthroposophischem Felde niemand sagen: Ach, es sei gleichgültig, wie die Gesinnungen sind, wenn nur das Goetheanum wieder aufgebaut wird. Gesinnungen und Gedankenimpulse, namentlich Bewusstseinsimpulse wirken eben nicht von heute auf morgen, sondern sie bewegen sich fort in der Strömung der geistigen Welt und müssen nicht nach den bloßen äußerlichen Tatsachen beurteilt werden, die für sie nur Symptome, nicht eine unmittelbare Realität sind.
Nun versuchte ich bisher, in allem, was nach dem Brande geschehen musste - verzeihen Sie, dass ich das auch erwähne - , soweit es eben unter dem Einflusse der notwendigen Tatsachen ging, unser Wirken aus dem Zentrum der Sache heraus zu gestalten. Daher beruhigte ich die Freunde, welche gleich in den ersten Tagen als das Notwendigste ansahen, uns aller möglichen Hilfen zur Wahrung unserer Interessen - zum Beispiel während der Verhandlungen wegen der Versicherung - zu bedienen. Ich versuchte so weit wie möglich alles dasjenige aus unserem Handeln wegzubringen, was nicht aus dem Kern der anthroposophischen Bewegung selbst herauskommt.
Muss denn nicht, meine lieben Freunde, so gedacht werden, dass wir lernen müssen, unsere Angelegenheiten in die eigenen Hände zu nehmen, dass wir lernen müssen, nicht so vorzugehen, wie eben auf unanthroposophischem Boden vorgegangen wird? Wahrhaftig nicht, um mir noch mehr Arbeit aufzuerlegen, war es, dass ich versuchte, nun alle Verhandlungen so zu führen, dass sie von unserer Seite nur von uns selbst geführt werden.
Ich wusste, dass ich eine Verantwortung den Freunden gegenüber damit übernehme. Denn wenn der 15. Juni schlimmer ausgegangen wäre, so würde man natürlich gesagt haben: Hättet ihr dazumal die richtigen Advokaten genommen, so wäre es anders geworden. Aber solche Verantwortungen muss man eben übernehmen, wenn es sich um die höheren Pflichten aus dem Zentrum des anthroposophischen Wirkens heraus handelt. Die muss man ernst nehmen. Und man nimmt sie eben nicht mehr ernst, wenn man nicht im konkreten Falle, soweit es möglich ist, innerhalb des bezeichneten Zentrums stehen bleibt. Man schildert ja sofort seine Ohnmacht, wenn man in einzelnen Fragen sich außerstande erklärt, die Angelegenheiten, die die eigenen sind, selber führen zu können aus dem Zentrum anthroposophischer Impulse heraus. Natürlich können wir niemals uns heute vornehmen, dasjenige zu tun, was eigentlich, ich möchte sagen, als Radikalstes getan werden müsste: die drei Millionen zu irgendeinem wohltätigen Zwecke zu verwenden, und das Goetheanum aufzubauen wiederum nur aus der Opferwilligkeit der Freunde heraus.
Meine lieben Freunde, betrachten Sie mich, wie gesagt, nicht als einen Menschen, der Sie zur Unpraxis verführen will. Aber es handelt sich mir jetzt nicht darum, die äußeren Taten bloß ins Auge zu fassen, es handelt sich mir darum, einmal die Worte auszusprechen, ganz unverhohlen auszusprechen, die gesinnungsbildend unter uns sein müssten. Wenn wir sie gesinnungsbildend machen, dann werden sie auch, im edleren Sinne gesagt, die richtigen Erfolge haben.
Diejenigen würden natürlich jetzt unrecht haben, die sagen: Also müssen wir die drei Millionen zu wohltätigen Zwecken verwenden und müssen warten, bis der Bau aus Opferwilligkeit auferbaut werden kann. Die würden ja wieder nach der anderen Seite verwechseln dasjenige, was geschehen muss, mit demjenigen, was den eigensüchtigen, ehrgeizigen Absichten entspricht. Nicht darin besteht die Energie und die Kraft, dass man den bequemsten Weg wählt, auch wenn der bequemste Weg als ein im egoistischen Sinne außerordentlich moralischer geschildert werden kann; sondern darinnen besteht die Energie, dass man, auch wenn der Weg ein tragischer sein muss, sich eben, wenn ich so sagen darf, in die Tragik hineinstürzt. Das darf aber nicht schlafend geschehen, sondern man muss mit Bewusstsein sich in die Tragik hineinstürzen und wissen, dass man in einem Gebiete steht, in dem man nicht das rein Anthroposophische machen kann; man muss wissen, dass man also dasjenige, was man machen muss, trotzdem es nicht anthroposophisch ist, auf der anderen Seite es durch ein umso stärkeres Anthroposophisch-Sein ausgleichen muss. Wenn man etwas wiegt, so nimmt man ja auch nicht von der Waagschale, bei der sich ergibt, dass etwas zu schwer ist für die Gewichte auf der anderen Seite; von dem weg, das zu wiegen ist, sondern man gibt die Gewichte auf der andern Seite hinzu.
Das werden such wir nötig haben. Wir werden gegen das, in das wir tragischerweise hineingeführt werden als in etwas, was zum größten Teil, vielleicht zur Hälfte unanthroposophisch geschehen muss, die Gegengewichte schaffen müssen durch ein umso stärkeres Anthroposophisch-Sein. Ich kann ja sagen, auch mir wäre es vielleicht am bequemsten gewesen zu sagen: Ich reiche meine Hand zum Aufbau des Goetheanum nur dann, wenn die drei Millionen Versicherungssumme zu wohltätigen Zwecken verwendet werden und der Baufonds ganz und gar wieder durch Spenden geschaffen wird. Es wäre nämlich das Bequemer gewesen, weil es weniger Schmerz verursacht hätte. Man darf auch den Schmerz nicht scheuen, meine lieben Freunde, wenn man im Gebiete der Wirklichkeit arbeiten will. Aber man darf auch den Schmerz nicht verschlafen wollen. Man darf nicht immerfort sich nur sagen wollen: Wir tun ja dasjenige, was das Allerschönste, was das Beste ist. Das kann man in der irdischen Welt nicht tun, in der Gegenwart am allerwenigsten. Deshalb den Kopf sinken lassen und zu sagen: Dann sinkt mir überhaupt der Mut, das geht nicht. Wenn es von den Göttern einmal scheint, als ob sie verschwänden, als ob sie nicht da wären, als ob die Menschheit von ihnen verlassen wäre, da besteht die Weisheit der Götter darinnen, dass die Menschen die Impulse bekommen sollen, sie an den Orten, wo sie sich verborgen haben, erst recht zu suchen, nicht aber über ihr Verschwinden und über ihre Untätigkeit zu klagen. Die Erde nur als ein sanftes Ruhebett haben wollen und nur dann sie göttlich finden, wenn sie sich so zeigt, dass sie immer dem entspricht, was man gerne hätte, das kann niemals die Gesinnung einer geistigen Bewegung bilden, denn das ist nicht Kraft, das ist Kraftlosigkeit. Und aus Kraftlosigkeit werden wir das tragisch-kolorierte Goetheanum nicht aufführen, sondern nur mit Kraftentwickelung, mit dem Bewusstsein davon, dass, wo die Götter scheinen sich zurückgezogen zu haben, sie erst recht gesucht werden müssen von uns an ihrem Orte, an dem sie scheinbar verborgen sind.
Meine lieben Freunde, ich wollte Aufbaugedanken entwickeln. Und da es recht schwierig ist, zwischen den Zeilen zu sprechen, so habe ich heute manches in die Zeilen selber hineingefügt, ich möchte sagen, mit einer gewissen Deutlichkeit. Aber desjenigen, was ich in diese Zeilen hineingefügt habe, bedarf es wirklich, wenn wir in der nächsten Zeit für den Wiederaufbau des Goetheanum und auch noch für andere Sachen die rechte Gesinnung entwickeln wollen. Es würde gar nichts helfen, uns einzulullen in diese oder jene Illusion; sondern es hilft einzig und allein, sich schleierlos mit den Augen der Wahrheit gegenüberzustellen, in diesem Falle der inneren Wahrheit, die aus der moralischen Seite der Anthroposophie fließt.
Dann allerdings, wenn das geschehen kann, dann würde das eintreten, was eigentlich eintreten sollte, dass die Anthroposophische Gesellschaft inmitten des heutigen Weltgeschehens eine Stätte wäre, wo man sich einmal nicht den Illusionen hingibt, in denen heute alle leben. Denn für vieles, was in der Gegenwart geschieht, können Sie die Illusionen aufdecken. Seit 1914 leben die Menschen mit einer gewissen Wollust in Illusionen, weil sie gar nicht innerlich tapfer genug sind, sich die Wahrheiten zu gestehen. Wenn das erreicht werden könnte, dass die Anthroposophische Gesellschaft, dass der Verein des Goetheanum inmitten einer Illusionen hegenden Welt wachende Seelenkraft entwickelt, dann, meine lieben Freunde, wäre der tragischen Situation, in der wir jetzt stehen und der gegenüber wir uns keiner Illusion hingeben sollen, dasjenige eingefügt, was jeder wirklichen Tragik eingefügt ist.
Studieren Sie die Tragiker aller Zeiten. Sie werden sehen, es besteht die Tragik darinnen, dass alles Äußere zusammenzubrechen scheint und dass nur im Innern selber die Kraft ist, die über die Katastrophe hinausführt. Wenn das in der Kunst auftritt, schauen es manche Leute gern an, obwohl heute schon nicht mehr viele, weil die Tragödien nicht mehr sehr beliebt sind. Aber wenn es in der Wirklichkeit eintreten soll, dann müssen eben die Dinge so geschehen, wie ich sie charakterisiert habe. Dann muss etwas geschehen, durch das sich die Anthroposophische Gesellschaft, der Goetheanum-Verein ausnehmen in ihrer innerlich auf das Geistige bauenden Gesinnung wie eine Inselbildung innerhalb einer auf Illusionen bauenden Welt. Dann kann ausstrahlen in die auf Illusionen bauende Welt dasjenige, was eine wirkliche Kraft ist.
Meine lieben Freunde, wenn wir die Worte in der richtigen Weise nehmen, die ich zu Ihnen sprechen musste, dann wird viel Vorsatz, viel Vornahme, viel Anstreben eines anderen Zustandes, als in dem wir sind, in unserem Empfinden liegen. Dann wird nicht viel von Befriedigung, namentlich nicht viel von Selbstzufriedenheit uns blenden. Wir werden die Gedanken von Befriedigung und Selbstzufriedenheit aus uns wegschaffen und in uns diejenigen Gedanken erregen, die aus einer rein geistigen Anschauung der Dinge hervorgehen können. Dann werden wir rechte Aufbaugedanken aus dem Geiste heraus haben.
Meine lieben Freunde, das wollte ich in allem Ernste, aber, wie ich glaube, auch mit aller Objektivität gerade am heutigen Tage zu Ihnen sprechen. Und ich danke dem Vorstand des Goetheanum-Vereines, dass er mir Gelegenheit gegeben hat, gerade innerhalb dieser Veranstaltung diese Worte zu sprechen von dem, was so eng verknüpft ist mit dem Schicksal des Goetheanum, des vergangenen und des eventuell kommenden Goetheanum.