The Fateful Year of 1923

GA 259 — 10 July 1923

Sitzung des Dreissigerkreises (ohne Rudolf Steiner)

(In der Bibliothek des Forschungs-Instituts zur Vorbereitung auf die morgige Sitzung, zu der Dr. Steiner sein Erscheinen zugesagt hat.)

Eingangs wurde festgestellt, daß es auch nach der Ansicht Dr. Steiners nicht die Aufgabe des Kreises sei, Fragen zu erörtern, wie dies in der Sitzung vom 2.Juli geschehen und für die spätere Teilnahme Dr. Steiners an den Sitzungen vorgesehen worden sei, die darauf hinaus laufen, wie man sich auf die Erscheinung des ätherischen Christus vorzubereiten habe, wie man die Toten der Gesellschaft berücksichtigen solle, welche Ideale welcher Kulturepoche (der 5. oder 6.) in der Grundhaltung der Gesellschaft zu repräsentieren seien. All dies seien Angelegenheiten intimen Studiums. In unserm Kreise seien dagegen die Vertreter der Institutionen zusammen, um praktische Arbeit zu leisten. Die theoretischen Diskussionen müßten aufhören, und wir müßten endlich dazu übergehen, wirkliche Arbeit zu leisten.

Darauf wurden verschiedene Angelegenheiten vorgenommen. Es wurde darüber gesprochen, daß die Studenten (Maikowski, Rosenthal u.a.) beabsichtigen, aus den Mitteln, die bei der Delegierten-Versammlung für eine Hochschule zur Verfügung gestellt worden sind, auf dem Gelände der Waldorfschule ein Haus zu bauen, das zugleich als Versammlungsraum für die Freie Anthroposophische Gesellschaft dienen solle. Da Leinhas, der diesen Fonds verwaltet, nicht anwesend war, konnte nicht festgestellt werden, ob den Stiftern überhaupt von dieser nicht im ursprünglichen Sinn der Stiftung liegenden Verwendung Mitteilung gemacht wurde. Auf alle Fälle wurde jedoch festgestellt, daß, wenn die Mittel nicht direkt für eine Hochschule Verwendung finden - Dr. Steiner habe nämlich einmal gesagt, selbst wenn wir Milliarden für eine Hochschule hätten, könnten wir keine solche aufmachen, weil keine Lehrer da wären und weil, wenn die Waldorflehrer dafür beansprucht würden, dann die Waldorfschule zugrunde gehen werde -, sie keinesfalls für einen solchen Bau aufgebraucht werden dürften. Dann sei es schon besser, sie für eine Bewegung für ein freies Hochschulwesen auszugeben oder sie mit dem beabsichtigten Goetheanum-Stiftungsfonds zusammenzulegen.

Darauf erzählte Dr. Stein von einem Gespräch mit Herrn Kretzschmar. Er habe diesen nach der «Finanz-Besprechung» vom 22.6. darauf aufmerksam gemacht, daß sich die noch nicht im Kommenden Tag zusammengeschlossenen anthroposophischen Wirtschafter zusammentun sollten, um die Bewegung zu stützen, nachdem sich die Stuttgarter Finanzleute im Kommenden Tag festgelegt hätten. Kretzschmar habe jedoch erwidert, dies sei gar nicht der Fall. Unger und Del Monte hätten im Gegenteil durch die Gründung des Kommenden Tags ihre Unternehmungen saniert, ein Bombengeschäft gemacht und liefen jetzt noch obendrein mit dem Heiligenschein herum. Stein sagte, er habe dies Leinhas mitgeteilt, der an Kretzschmar geschrieben, jedoch eine ausweichende Antwort erhalten habe.

Benkendörfer sagte dazu, solche Dinge tauchten immer wieder auf, er sei nach den trüben Erfahrungen, die er gemacht habe, an einer Aufklärung jedoch völlig desinteressiert. Unger erklärte, daß er sich um derartiges überhaupt nicht mehr kümmere.

Zum Schluß berichtete Dr. Stein, daß der Kerning-Zweig seit der Delegiertenversammlung ununterbrochen an den Vorstand wegen des Verbleibens Dr. Ungers in demselben herantrete und selbst nachdem der Vorstand erklärt habe, er werde weiterhin mit Dr. Unger zusammenarbeiten, auch nachdem er alles wisse, was der Kerning-Zweig gegen ihn vorgebracht habe, sich nicht damit zufrieden gebe und drohe, die Angelegenheit weiter zu verfolgen.

Bei der Behandlung der Angelegenheit wurde auf Ereignisse verwiesen, die vor 16 Jahren den ersten Anlaß dazu gegeben haben.

Frl. Völker habe damals von der Judenherrschaft gesprochen, die hier sei. Benkendörfer habe dagegen beim Sturz der Besant geäußert, daß es Frl. Völker bald ebenso gehen werde.

Auch hier erklärten Benkendörfer wie Unger die Hoffnung auf eine Verständigung als völlig aussichtslos.

German original of Meeting of the Circle of Thirty (without Rudolf Steiner) · ← Previous · Next →