The Fateful Year of 1923

GA 259

Vorbemerkungen des Herausgebers

«Immer wieder hat die Anthroposophische Gesellschaft vor Schicksalsentscheidungen und vor Wendepunkten ihres Werdens gestanden» (Marie Steiner). Sie war nicht nur äußeren Angriffen ausgesetzt — sowohl durch die von der Theosophical Society ausgegangene orientalisierende Richtung als auch durch die Vertreter der materialistischen Wissenschaft und der Bekenntniskirchen -, sondern sie hatte auch innere Krisen zu bewältigen. Im Zusammenhang mit einer solchen inneren Krise begann Marie Steiner Ende der 30er, Anfang der 40er Jahre Vorträge und Protokolle zur Geschichte der Anthroposophischen Gesellschaft zu veröffentlichen, geleitet von der Einsicht, daß aus der Kenntnis der Geschichte soziale Qualitäten für gegenwärtiges und zukünftiges Wirken erbildet werden können. So gab sie 1943 unter dem Titel «Rudolf Steiner und die Zivilisationsaufgaben der Anthroposophie — Ein Rückblick auf das Jahr 1923» eine Dokumentation heraus über die das ganze Jahr 1923 bestimmenden Bemühungen Rudolf Steiners, die Anthroposophische Gesellschaft auf eine neue Grundlage zu stellen. Das Erscheinen dieses Bandes wurde von ihr damals im Nachrichtenblatt «Was in der Anthroposophischen Gesellschaft vorgeht - Nachrichten für deren Mitglieder» (Jg. 1943, Nr. 49 vom 5. Dezember 1943) wie folgt angekündigt: «... Einer Pflicht der Pietät Rechnung tragend und im Bewußtsein der hohen Bedeutung aller von Dr. Steiner an die Mitglieder gerichteten Ansprachen, wird ... ein Werk erscheinen, das uns Dr. Steiners Stellungnahme zu den Ereignissen des so bedeutenden Jahres 1923 in seinen eigenen Worten vermittelt. Ein seine Ansprachen mannigfaltigster Art verbindender erzählender Bericht ist von mir geschrieben.» Einige Jahre später (1947) veröffentlichte sie weitere Protokollaufzeichnungen von Sitzungen mit Rudolf Steiner im Jahre 1923 unter dem Titel: «Studienmaterial aus den Sitzungen des Dreißigerkreises Stuttgart 1923». In ihren Vorbemerkungen dazu heißt es: «Dieses aus unvollkommenen Nachschriften und Notizen zusammengestellte Arbeitsmaterial kann in der Zukunft noch Ergänzungen und Vervoliständigungen erfahren.»

Für die vorliegende Publikation innerhalb der Rudolf Steiner Gesamtausgabe wurden diese beiden Veröffentlichungen Marie Steiners zu einem Ganzen vereinigt und um die von ihr angekündigten Ergänzungen erweitert. Da diese ziemlich umfangreich sind, bedingte dies eine völlige Neugestaltung, insbesondere für Marie Steiners Herausgabe «Rudolf Steiner und die Zivilisationsaufgaben der Anthroposophie — Ein Rückblick auf das Jahr 1923». Die in ihrem «erzählenden Bericht» eingebetteten Wortlaute Rudolf Steiners aus Vorträgen, Ansprachen, Versammlungsprotokollen etc. wurden herausgenommen und mit dem ganzen neu dazugekommenen Material in zwei Teile gegliedert, die in sich wiederum chronologisch geordnet sind. Marie Steiners «Rückblick», nunmehr ohne Wortlaute Rudolf Steiners, bildet den ersten Teil. Er vermittelt jetzt einen gerafften Überblick über die Aktivitäten und Reisen Rudolf Steiners während des Jahres 1923, so wie sie von Marie Steiner an der Seite Rudolf Steiners miterlebt worden sind. In bezug auf Publikationsangaben wurde er auf den neuesten Stand der Gesamtausgabe gebracht. Aber auch die von ihr herausgegebenen Protokollaufzeichnungen «Studienmaterial aus den Sitzungen des Dreißigerkreises 1923» mußten aufgegliedert werden. In Teil II finden sich diejenigen, die anthroposophische Arbeitsfragen behandeln; in Teil III diejenigen, die sich auf die Neugestaltung der deutschen Gesellschaftsform beziehen; wiederum jene, die mit der Affaire der deutschen Wochenschrift «Anthroposophie» zusammenhängen, finden sich in dem betreffenden Teil des Anhanges.

Da Marie Steiner alles, was von Rudolf Steiner im Hinblick auf die Gesellschaft vorliegt, als aktuell bleibenden Schulungsstoff für die Bildung anthroposophischen Gemeinschaftsbewußtseins wertete, wollte sie es als einen Teil des Gesamtwerkes behandelt wissen, auch wenn des öfteren nur unvollkommene Nachschriften oder sogar nur Notizen erhalten geblieben sind. Darüber heißt es in ihren Richtlinien für die Herausgabe von Rudolf Steiners Werk («Welches sind die Aufgaben des Nachlaßvereins?», 1945, heute in «Marie Steiner: Briefe und Dokumente», Dornach 1981):

«... Aber es gibt noch anderes Material als jene rein geistige, die Bewegung tragende Substanz, und das bezieht sich auf die Geschichte der Gesellschaft und ihre Kämpfe. ... Man kann daraus ersehen, was für Aufgaben — die leider nicht aus tröstender geistiger Substanz bestehen — ihrer Erledigung noch harren. ... Es gibt endlose Aktenmappen über die Geschehnisse innerhalb der Gesellschaft, Stöße von Korrespondenzen darüber. Alles zum Beispiel, was im Zusammenhang steht mit der Loslösung der Anthroposophischen aus der Theosophischen Gesellschaft, mit den Umtrieben von seiten des «Stern des Ostens usw. usw. Nicht wenige Krisen gab es. So glatt ging es nicht, wie es manche vielleicht gern gewünscht hätten. Es war ein ständiges Ringen. Dieses Ringen war aber die notwendige Erziehung zu Erkenntniskräften, denn nur aus Schmerzen entsteht Erkenntnis. Und nichts ist schwerer als eine Erziehung zu Gemeinschaftsbewußtsein... Und wieviel Erzieherisches liegt in dem Notizenmaterial der in der Waldorfschule gehaltenen Lehrerkonferenzen! [GA 300/1-3] Wieviel gesellschaftlich Erzieherisches in dem noch schlechteren des sogenannten Dreißigerkreises von Stuttgart [im vorliegenden Band]. All das gehört zur Historie und zur Gewissenseinkehr. ... Alles, was zusammenhängt mit der Gegnerschaft von seiten der Außenwelt, die da gegipfelt hat im Brand des Goetheanum, im gewaltsam erzwungenen Abbruch der öffentlichen Vortragstätigkeit Dr. Steiners, endlich in seiner 'Todeserkrankung — auch das gehört zur Geschichte der Gesellschaft und müßte einmal sachgemäß und aus der nötigen Distanz, aber eindrücklich behandelt werden...»

Für eine solche künftige Geschichtsdarstellung liegt inzwischen in der Reihe der Gesamtausgabe «Schriften und Vorträge zur Geschichte der anthroposophischen Bewegung und Gesellschaft» der größte Teil der dokumentarischen Unterlagen vor. Einen weiteren wesentlichen Teil bildet die hier vorgelegte Dokumentation des in der Geschichte der Anthroposophischen Gesellschaft so bedeutsamen Jahres 1923, das von zahlreichen Krisen und Schwierigkeiten geprägt war, wie sie eine Gemeinschaft, die um höhere Bewußtseinsformen ringt, notwendig mit sich bringen muß.

Wie Dokumente für das Geschichtsverständnis ganz allgemein zu gewichten sind, darüber hat sich Rudolf Steiner in einer Konferenz mit den Lehrern der Waldorfschule in Stuttgart, 30. März 1923 (in GA 300/3) mit Bezug auf einen kurz vorher von Dr. W.J. Stein gehaltenen Vortrag über Geschichte so geäußert: «...Sie haben über Erleben in der Ge ‚schichte gesprochen. Sie haben mit Hinweis auf Herman Grimm auf Dokumente furchtbar geschimpft — Herman Grimm, der, als er methodisch gesprochen hat, betont hat, daß man nur so weit Geschichte vortragen kann, als Material vorhanden ist. Wenn Sie erzählten, man soll eine Geschichte aufbauen aus dem Inneren und auf die Dokumente verzichten, so tritt der Einwand zutage, was weiß denn der Dr. Stein aus seiner ganzen Geschichte, wenn er nicht Geschichte studiert hat. Also, es ist etwas, was in sich selbst zusammenstürzt. ... In der Geschichte ist ohne Dokumente nicht das geringste zu machen, wenn man nicht den Gegenpol entwickelt, wenn man nicht zeigt, jedes Dokument hat erst den richtigen Stellenwert, wenn es in der richtigen Weise beleuchtet wird.»

Auch ein richtiges Wirken in und durch die Anthroposophische Gesellschaft wollte Rudolf Steiner auf der Kenntnis ihrer Geschichte beruhend sehen. In der Mitgliederversammlung, die in Stuttgart am 4. September 1921 stattfand und von etwa 1200 Mitgliedern besucht war - es war die erste Mitgliederversammlung, die seit dem Ausbruch des Krieges im Sommer 1914 wieder abgehalten werden konnte -, forderte er die Anwesenden auf: «Bitte studieren Sie die Geschichte dieser Bewegung!» Und im Zusammenhang mit den schweren Problemen des Jahres 1923 sagte er in der Sitzung in Stuttgart, 28. Februar 1923 (in diesem Band): «Wenn ich mit jemandem, seien es Gruppen, seien es einzelne, die im Auftrag von Gruppen kommen, verhandle: ja, dann versteht man zunächst nichts von dem, was ich sage... aber es ist vorhanden eine unendlich große Aktivität, ein unendlich guter Wille. Alles, was man nicht verstanden hat, wird gleich getan! ... Aber man muß hineinwachsen in die alte Historie, man muß mit allen Einzelheiten bekannt werden!»

Hella Wiesberger

German original of Editor's Preface · ← Previous · Next →