The Constitution of the General Anthroposophical Society

GA 260a — 9 March 1924, Dornach

8. Die Arbeit In Der Gesellschaft

Man wird sich erinnern, daß ich in meinen öffentlichen Vorträgen, die ich im Dienste der Anthroposophischen Gesellschaft gehalten habe, nach Möglichkeit versuchte, überall einzufügen, was an entsprechenden Erkenntnissen im gegenwärtigen Zeitalter vorhanden ist. Ich tat dieses, weil Anthroposophie nicht dastehen darf wie eine willkürlich ersonnene Sektenmeinung. Sie muß zum Ausdrucke bringen, was sie in Wahrheit ist: die von unserer Zeit selbst geforderte Weltanschauung und Lebenspraxis.

Es erscheint mir ganz verfehlt, wenn der Anthroposoph zur abweist, was außer seinem Gebiete von dem geistigen Leben der Gegenwart hervorgebracht wird. Tut er dies sogar in einer solchen Weise, daß der Kundige sogleich bemerkt, er weist ab, was er gar nicht genügend kennt, so wird Anthroposophie niemals etwas ausrichten können.

Diein den Zweigen tätigen Mitglieder werden dies beachten müssen. Man wird aber nicht erreichen, was erstrebenswert ist, wenn man neben den anthroposophischen Darlegungen auch solche veranstaltet, die aus den verschiedensten Wissensgebieten der Gegenwart die Dinge so bringen, wie dies außerhalb der anthroposophischen Bewegung geschieht. Dadurch wird nur eine für die zuhörenden Mitglieder peinigende Kluft geschaffen zwischen dem heute üblichen Erkennen und demjenigen, von dem Anthroposophie sprechen muß.

Es ist vom Übel, wenn ein Thema aufgeworfen wird und von vorneherein der Eindruck entsteht, es werde nur die Gelegenheit ergriffen, um Kritik an irgendwelchen Gegenwarts-Vorstellungen zu üben. Es sollte erst überall sorgfältig geprüft werden, inwiefern in einer solchen Vorstellung ein gesunder Ausgangspunkt gegeben ist. Die Sache liegt zumeist so, daß in der Gegenwart überall solche bedeutsame Ausgangspunkte vorliegen. Man wird deshalb nicht mit der Kritik zurückhalten müssen. Aber man sollte nur kritisieren, was man zuerst auch in seiner Eigenart auseinandergesetzt hat.

Würde das beachtet, so könnte in der Anthroposophischen Gesellschaft etwas hinwegfallen, was in der letzten Zeit Schwierigkeiten gemacht hat. Es haben die Wissenschafter bei uns eine Wirksamkeit entwickelt, über die man nur tief befriedigt sein kann. Und doch ist in vielen Mitgliedern das Gefühl entstanden, daß diese Wissenschafter zu «wenig anthroposophisch» wirken.

Ein Seitenstück dazu ist dadurch entstanden, daß anthroposophische Haltung versucht worden ist als Lebenspraxis auf verschiedenen Gebieten auszubilden. Auch da ist in vielen Mitgliedern das Gefühl entstanden, es gehe in solchen «Unternehmungen» gar nichtanthroposophisch zu.

Die Kritik, die hier einsetzt, ist gewiß nur zum Teil berechtigt. Denn der Kritiker sieht oft nicht, wie schwierig derartige Versuche in der Gegenwart sind, und wie alles Zeit braucht, um in entsprechender Art verwirklicht zu werden.

Aber eine gesunde Grundlage hat doch die Empfindung vieler Mitglieder. Man hat als Anthroposoph zunächst die Aufgabe, durch Anthroposophie das Seelenauge zu schärfen, um dasjenige im rechten Lichte zu sehen, was unsere Zeitkultur hervorbringt. Denn diese hat ja das Eigentümliche, daß sie unendlich viel Fruchtbares findet, aber des Bodens ermangelt, in dem sie in richtiger Art dieses Fruchtbare einpflanzen kann. Sicherlich muß man oft gerade dann mit der herbsten Kritik schließen, wenn man sich positiv und nicht negativ zu den Zeiterscheinungen der Gegenwart stellt.

Wenn man die positive Orientierung außer acht läßt, wird man der Gefahr nicht entrinnen, zurückzuzucken vor dem Sprechen in der wirklichen anthroposophischen Art. Wie oft hört man gerade von Wissenschaftern in der Anthroposophischen Gesellschaft sagen: wir schrecken die Nicht-Anthroposophen ab, wenn wir ihnen so ohne weiteres vom ÄAther- oder Astralleib reden. Aber wir bleiben unfruchtbar, wenn wir die Nicht-Anthroposophen auf ihrem Felde kritisieren und dabei uns nur derjenigen Urteile bedienen, die auch auf diesem Felde selbst wachsen können. Man kann von Äther- und Astralleib sprechen, wenn man sagt, warum man dieses tut. Bestrebt man sich aber, von dem eigentlich Anthroposophischen so zu sprechen, daß man überall das von Anthroposophie geschärfte Seelenauge walten läßt, dann wird auch unter den Mitgliedern der Anthroposophischen Gesellschaft das Gefühl verschwinden, unsere Wissenschafter reden in einer Art, die nicht anthroposophisch genug ist, und die Praktiker handeln so, wie man es von Mitgliedern der Gesellschaft nicht erwarten sollte.

Man wird die Gesinnung in dieser Richtung orientieren müssen, wenn unsere Weihnachtstagung nicht eine Summe frommer Wünsche bleiben soll, sondern wenn ihre Absichten der Verwirklichung entgegengehen sollen.

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