The Constitution of the General Anthroposophical Society

GA 260a — 16 March 1924, Dornach

9. Die Individuelle Gestaltung Anthroposophischer Wahrheiten

Die vorangehenden Betrachtungen habe ich an die Mitglieder gerichtet in der Hoffnung, dadurch einiges dazu beizutragen, daß sie den Gegenstand von Erwägungen an den verschiedenen Orten bilden, an denen Anthroposophen sind. Es erschiene mir gut, wenn die in der Gesellschaft tätigen Mitglieder sie zum Ausgangspunkte nehmen wollten, um an sie anknüpfend die gesamte Mitgliedschaft zu einem gemeinsamen Bewußtsein von dem Wesen der Anthroposophischen Gesellschaft zu erheben.

Es ist gewiß richtig, daß in unseren Zweigversammlungen das Besprechen der anthroposophischen Weltanschauung und deren Einführung in das Leben den Hauptteil der Tätigkeit ausmachen muß. Aber es kann in so mancher Zweigversammlung doch auch ein — wenn auch noch so geringer — Teil der Zeit dazu verwendet werden, um solche Dinge zu besprechen, wie sie in diesen Betrachtungen angedeutet werden. Gerade dadurch wird manches Mitglied in rechter Art angeregt werden, auch der nicht-anthroposophischen Außenwelt gegenüber ein Repräsentant der Gesellschaft zu sein.

Über die Anthroposophische Gesellschaft wird man nicht so denken können, als ob ihr Wesen und ihre Aufgabe mit ein paar Statutenparagraphen erschöpft wären. Dadurch, daß Anthroposophie tief in das Denken, Fühlen und Wollen des Menschen Impulse bringt, wird sie auch wieder von dem Seelenleben der Menschen stark beeinflußt. Man kann ihren Inhalt in allgemeine Sätze fassen, wie man das auf den verschiedensten Gebieten des Geisteslebens tut. Allein, so notwendig dieses ist, man sollte dabei nicht stehenbleiben. Die allgemeinen Sätze werden lebensvolle Färbungen dadurch erhalten können, daß sie ein jeglicher, der sie in seinem Gemüte trägt, aus seinen eigenen Lebenserfahrungen heraus ausspricht. Und mit jeder solchen individuellen Gestaltung kann etwas Wertvolles für das Verständnis der anthroposophischen Wahrheiten gewonnen sein.

Legt man dieser Tatsache Gewicht bei, so wird man die Entdeckung machen, daß man in dem Wesen der Anthroposophischen Gesellschaft immer wieder neue Seiten gewahr wird.

Jedes in der Gesellschaft tätige Mitglied wird oft genug in der Lage sein, über dieses oder jenes gefragt zu werden. Der Fragende sucht Belehrung durch die Antworten, die er erhält; der Gefragte kann Belehrung suchen durch die Art, wie die Fragen gestellt werden. Man sollte an dieser Belehrung nicht unaufmerksam vorbeigehen. Man lernt vor allem an den Fragen das Leben kennen. Es tritt oft der Anlaß zutage, aus dem heraus gefragt wird. Der Gefragte sollte dankbar sein, wenn Fragende so zu ihm sprechen. Er wird durch ihre Hilfe imstande sein, immer besser in seinen Antworten sich verhalten zu können. Was insbesondere sich bessern wird, ist der Gefühlston, der durch die Antworten hindurchklingt. Und dieser Gefühlston ist ein Wesentliches im Mitteilen anthroposophischer Wahrheiten. Es kommt dabei durchaus nicht bloß darauf an, was man sagt, sondern vor allem, wie man es sagt.

Anthroposophische Wahrheiten sind doch, von einem gewissen Gesichtspunkte aus, das Wichtigste, was Menschen sich mitteilen können. Solche Mitteilungen einem andern ohne tiefen innern Anteil an dem Mitgeteilten zu machen, ist eigentlich schon eine Entstellung derselben. Aber diese Anteilnahme wird dadurch vertieft, daß man bei den verschiedensten Menschen fühlt, aus welchem Lebensuntergrunde sie die Fragen stellen. Man braucht jedoch nicht zum Examinator oder seelischen Vivisektor des andern zu werden. Man kann ganz zufrieden sein mit dem, was er ganz von sich aus in sein Fragen legt. Befriedigt damit sein, auf alle Fragen nach einem zurechtgelegten Schema zu antworten, sollte kein tätiges Mitglied der Anthroposophischen Gesellschaft.

Man betont — mit Recht — oft, Anthroposophie müsse Leben im Menschen werden, nicht bloße Lehre bleiben. Aber Leben kann nur etwas werden, das fortdauernd vom Leben angeregt wird.

Durch die Pflege eines solchen Verhaltens in der Anthroposophie wird diese zum Antrieb der Menschenliebe. Und in diese sollte alles Wirken auf anthroposophischem Gebiete getaucht sein. Wer sich viel in der Anthroposophischen Gesellschaft umgesehen hat, der kann wissen, daß viele Persönlichkeiten in sie kommen, weil ihnen an andern Orten die Lebenswahrheiten so entgegentreten, daß sie des Grundtones der Liebe entbehren. Diesen Ton hört die Menschenseele aus dem Gesprochenen mit feiner Empfindlichkeit heraus. Und er bildet im höchsten Grade einen Vermittler des Verständnisses.

Man wird vielleicht sagen: wie soll man Liebe in eine Darstellung der Erdenentwickelung bringen? Hat man sich ein Verständnis dafür angeeignet, daß die Erd- und Weltentwickelung nur die andere Seite der Menschheitsentwickelung ist, so wird man nicht zweifeln, daß gerade für solche Wahrheiten die Liebe das Seelenvolle in ihnen bildet.

German original of Individual Formulation of Anthroposophical Truths · ← Previous · Next →