The Constitution of the General Anthroposophical Society

GA 260a — 6 April 1924, Dornach

Bericht Über Prag

Vor dem Vortrag

Gestern abend habe ich in Prag meinen letzten Vortrag gehalten. Die Reiseverbindungen sind jetzt etwas schwieriger als früher, daher bin ich um ein paar Minuten später in Dornach eingetroffen. Die Prager anthroposophische Veranstaltung hat sich in einer, ich darf wohl sagen, recht schönen Weise abgespielt, und es ist mir eine tiefe Befriedigung, zu sehen, wie das, was durch die Weihnachtstagung an einer andern Stimmung, an einem andern Grundton und auch an einem ganz andern esoterischen Leben in die anthroposophische Bewegung hineingebracht worden ist, immerhin ein Echo findet - wie man ganz objektiv sagen kann -, daß dasjenige, was jetzt den Menschen entgegentönt, eben doch in einer andern, wesentlich andern Stimmung und mit einer wesentlich gesteigerten Empfänglichkeit entgegengenommen wird.

Es hat sich in Prag darum gehandelt, daß ich eine Anzahl öffentlicher Vorträge zu halten hatte, eine Anzahl von Vorträgen innerhalb der Anthroposophischen Gesellschaft, zwei Vorträge der ersten Klasse der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft, und dann schlossen sich an diese Veranstaltungen die entsprechenden Eurythmieaufführungen an. Am 28. März war der erste öffentliche Vortrag: «Die Erforschung der geistigen Welt aus Anthroposophie.» Das war am Freitag. Am darauffolgenden Samstag war dann der erste Mitgliedervortrag, dem am Sonntag der zweite Mitgliedervortrag folgte. Am Sonntag war außerdem eine Versammlung der Mitglieder der Anthroposophischen Gesellschaft in der Tschechoslowakei. Bei dieser Versammlung der Mitglieder handelte es sich darum, etwas wie ein Statut für die Landesgesellschaft der Tschechoslowakei auszuarbeiten. Die Verhältnisse in der Tschechoslowakei sind ja wirklich recht sehr verschieden von den Verhältnissen, die mehr im Westen von Europa bekannt sind.

Wir betrachten es hier gewissermaßen als eine Selbstverständlichkeit, daß in bezug auf das Sprachliche einem jeden entgegengekommen werde, daß eben jeder so spricht, wie er nun sprechen kann oder auch nicht kann, daß übersetzt werde dasjenige, was gesagt wird, wenn ein Bedürfnis darnach ist: kurz, wir im Westen sehen nicht das sprachliche Element als etwas besonders Schwieriges an. Das wird sofort anders, wenn solche Verhältnisse vorliegen, wie sie in der Tschechoslowakei sind. Da stehen sich zunächst im ehemaligen österreichischen Kronland Böhmen, Deutsche und Tschechen gegenüber. So entstand denn natürlich auch die Frage: Wie soll die Versammlungssprache sein in einer Gesellschaft, die sein sollte die Tschechoslowakische Anthroposophische Gesellschaft, in der also beide Nationalitäten, wie es ja natürlich ist innerhalb der Anthroposophischen Gesellschaft, zusammenwirken.

Nun war zunächst, als wir hinkamen, im Statut der Passus: Die Versammlungssprache ist gleichmäßig die deutsche und die tschechische. Man wendete mit Recht ein, das sei eine Beeinträchtigung der Rechte der Slowakei, denn die versteht nicht tschechisch und auch nicht deutsch. Und so konnte denn auch wirklich in der Tschechoslowakei kein anderer Ausweg gefunden werden, als der, möglichst sich zu richten nach dem allgemeinen, ich möchte sagen, von anthroposophischer Gesinnung geforderten Usus. Es ist dann auf meinen Vorschlag der Passus etwa so angenommen worden: Jeder spricht in derjenigen Sprache, die er beherrschen kann oder die ihm gebräuchlich ist, die nach seiner Gewohnheit ihm liegt — ob das nun tschechisch oder deutsch oder slowakisch oder französisch oder englisch ist, das ist eben nicht ausgedrückt — und je nach Bedürfnis wird das Betreffende übersetzt.

Sehen Sie, etwas, was hier selbstverständlich ist, mußte dort schon in einen Paragraphen geschmiedet werden. Aber eswar dann gutso. Und manches andere war noch zu ordnen zwischen den beiden Nationalitäten. Nun glaube ich aber, daß alles das, was nach dieser Richtung festzulegen war, wirklich zur allgemeinen Befriedigung unserer deutschen Freunde, wie auch der tschechischen und slowakischen Freunde in der Tschechoslowakei hat geordnet werden können.

Am Dienstag war dann der zweite öffentliche Vortrag: «Sittliche Lebensgestaltung durch Anthroposophie.» — Am Mittwoch hatte ich einen Vortrag über eurythmische Kunst zu halten, in welchen Proben eurythmischer Darstellung zur Illustration eingeschaltet waren. Am Donnerstag hatte ich wiederum einen öffentlichen Vortrag zu halten: Die Wissenschaft der Gegenwart und die Anthroposophie. Diesem Vortrag ging voraus eine Stunde der ersten Klasse der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft. Am Freitag hatte ich dann zu sprechen über Erziehung und Unterricht auf Grundlage wirklicher Menschenerkenntnis. Am Samstag, gestern, hatte ich zuerst eine Stunde der ersten Klasse der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft zu halten, und dann den letzten Mitgliedervortrag vor unseren tschechoslowakischen Freunden. An all das schloß sich dann das Eurythmische an. Am Sonntag, den 30. März, war die erste Eurythmie-Matinee; am Mittwoch, wie gesagt, waren eurythmische Einschaltungen in meinen Vortrag über eurythmische Kunst, und heute, wo ich nicht mehr dabei war, weil ich wenigstens heute abend hier sein wollte, heute war dann im tschechischen Nationaltheater mit einem internationalen Programm eine zweite Eurythmieaufführung.

Es ist mir also doch gelungen, meine lieben Freunde, in den neun Tagen, die ich in Prag zugebracht habe, elf Vorträge zu halten. Aber nicht das ist es, was ich eigentlich besonders erwähnen möchte, sondern erwähnen möchte ich, daß ein allgemeiner Eindruck der war, daß gegenüber den Veranstaltungen im vorigen Jahr alles, was in diese elf Vorträge hineingeschoben war, wirklich mit empfänglicherem Gemüte aufgenommen worden ist.

Hoffen wir, meine lieben Freunde, daß das so weitergehen kann, daß tatsächlich dasjenige, was an innerem Impuls in die anthroposophische Bewegung seit der Dornacher Tagung zu Weihnachten hineinkommen konnte, auch wirklich weiterwirken kann und verspürt wird, empfunden wird, indem es weiterwirkt.

German original of Report on Prague · ← Previous · Next →