The Constitution of the General Anthroposophical Society
GA 260a — 13 April 1924
Über Eine Reihe Anthroposophischer Veranstaltungen in Prag
Mit großer Befriedigung bin ich soeben von der Arbeit zurückgekehrt, die ich im Dienste der Anthroposophie in Prag verrichten durfte. Ein schöner Strom ernster Begeisterung und eifriger Hingabe an die anthroposophische Sache von seiten unserer Prager Freunde kam meiner Aufgabe für die Tage vom 28. März bis zum 5. April entgegen. — Die Ausführung der Weihnachtstagung am Goetheanum fordert, daß ich die esoterische Grundlage der Anthroposophie nunmehr eindringlicher durch das tönen lasse, was ich mitzuteilen habe. Und dieser Ton hat bei unsern Freunden einen herzlichen Widerhall gefunden. Im Namen der Anthroposophischen Gesellschaft und in Vertretung des mir zur Seite stehenden Vorstandes am Goetheanum sei den tätigen Mitgliedern der Tschechoslowakischen Gesellschaft der wärmste Dank ausgesprochen. Die lieben Abschiedsworte, die am Ende der letzten Mitgliederversammlung von dem hochgeschätzten Gelehrten, der eine Zierde der Gesellschaft ist, und dann von dem langjährigen treuen, für unsere Sache aufopferungsvoll tätigen Mitgliede des Zentralvorstandes der Tschechoslowakischen Landesgesellschaft ausgesprochen worden sind, tönen mir noch nach in den Ohren.
Ich konnte am 28. März über die «Erforschung der geistigen Welt als Anthroposophie» in einem ersten öffentlichen Vortrage sprechen. Es war da meine Aufgabe auszusprechen, wie sich die geistige Welt dem Seelenauge zeigt, das sich des übersinnlichen Schauens bewußt wird. Ich suchte im Verlaufe des Vortrages die Notwendigkeit anzudeuten, die Initiation, die in den alten Mysterienstätten im Charakter der früheren Entwickelungsstufen der Menschheit einen Einschlag in die Zivilisation gebildet hat, im Geiste der neuen Zeit gewandelt, wieder zu einem solchen zu machen. - In den Mitgliedervorträgen vom 29., 30., 31. März und vom 5. April sprach ich einleitend von der Umgestaltung der Anthroposophischen Gesellschaft durch die Weihnachtstagung am Goetheanum und dann über die Gestaltung der karmischen Zusammenhänge durch die aufeinanderfolgenden Erdenleben, über die Formung des Karmas durch das Leben zwischen dem Tode und einer neuen Geburt, dann über die Auswirkung des Karmas in dem irdischen Lebenswandel des Menschen, ferner über einzelne Menschenschicksale, vor allem solche, die Persönlichkeiten betreffen, die in die geschichtliche Entwickelung der Menschheit eingegriffen haben. — Am i. April hielt ich einen öffentlichen Vortrag über «Sittliche Lebensgestaltung durch Anthroposophie». Ich war bestrebt, zu zeigen, wie den anthroposophischen Erkenntnissen etwas moralisch Wirksames deshalb anhaftet, weil ihre Erwerbung an die Ausbildung der moralischen Qualitäten gebunden ist. Die sittliche Lebensgestaltung eines Menschen hängt ab von seiner sittlichen Einsicht, von dem sittlichen Verständnis für andere Menschen und von der sittlichen Kraft. Nun kann die imaginative Anschauung nicht anders als auf der Grundlage sittlicher Einsicht, die Empfänglichkeit für die Inspiration nur durch Übung im sittlichen Verständnis und die Intuition nur durch Pflege von sittlicher Kraft entwickelt werden. Daher kommt es, daß mitgeteilte Imaginationen bei dem sie Aufnehmenden zu sittlicher Einsicht, Inspirationen zu sittlichem Verständnis, Intuitionen zur Auslösung sittlicher Kraft anregen. In der Mitteilung solcher Einsichten wird also an den Quell des Moralischen im Menschen-Innern herangetreten. - Am 2. April konnte ich «Über eurythmische Kunst» sprechen. Ich charakterisierte die Eurythmie als sichtbaren Gesang und sichtbare Sprache, indem ich das Musikalische als die Offenbarung des Menschenwesens darstellte, insoferne dieses abgesondert von den anderen Reichen der Natur sich auslebt, das Sprachliche, insofern als es die Eingliederung in die irdische Umgebung sucht. Die eurythmischen Bewegungsformen für das Musikalische einerseits, für das Sprachliche andrerseits ergeben sich aus dieser Stellung des Menschenwesens in der Welt. - Am 3. April oblag es mir, in dem öffentlichen Vortrag über «Die Wissenschaft der Gegenwart und die Anthroposophie» zu zeigen, wie Anthroposophie der wahren Wissenschaft nicht oppositionell gegenübersteht, sondern treu deren Ergebnisse hinnimmt, um, von ihnen ausgehend, das in der Sinneswelt Wirksame sowohl für die Natur- wie für die Kulturwissenschaft mit den in ihm treibenden geistigen Kräften im Zusammenhange darzustellen. Ich führte aus, wie gerade dadurch, daß man es mit den wissenschaftlichen Ergebnissen recht genau nimmt, die auf geisteswissenschaftlichem Wege errungenen Einsichten durch diese Ergebnisse selbst ihre Rechtfertigung erfahren. Ich bemühte mich, dies bemerklich zu machen durch die geisteswissenschaftlichen Anschauungen über das menschliche Nervensystem, über Herztätigkeit und Blutzirkulation, über die Dreigliederung der menschlichen Wesenheit in das Sinnes-Nerven-, das rhythmische, das Stoffwechsel-Gliedmaßen-System, sowie auf kulturwissenschaftlichem Gebiete durch die Erkenntnis davon, wie sich die Menschenwesenheit im Laufe des geschichtlichen Werdens gewandelt hat. Am 4. April sprach ich über «Erziehung und Unterricht auf Grundlage wirklicher Menschenerkenntnis». Ich wies auf die Anforderungen hin, welche der Pädagogik und Didaktik dadurch gestellt sind, daß die Menschenwesenheit die Epochen von der Geburt bis zum Zahnwechsel, von diesem bis zur Geschlechtsreife mit ganz bestimmten Anforderungen an das Erleben durchmacht. Mein Dank sei an unser Mitglied vom Zentralvorstand der Tschechoslowakischen Landesgesellschaft gerichtet, das die große Mühe auf sich genommen hat, meinen Vortrag in drei Absätzen in die böhmische Sprache zu übertragen. - In einer Mitgliederversammlung, die am 30.März abgehaltenworden ist, konstituierten unsere Freunde die Landesgesellschaft in der Tschechoslowakei, indem sie das Statut festlegten, mit dem sich diese Gesellschaft zu den Arbeitsergebnissen des Goetheanums bekennt und mit dem sie der eigenen Arbeit die Wege weisen will.
Einen integrierenden Teil der Veranstaltung bildeten die Eurythmie-Aufführungen am 30. März und am 6. April, sowie die in meinen Vortrag vom 2. April eingeschlossenen Proben eurythmischer Kunst. Frau Marie Steiner, welche bei allen drei Veranstaltungen die Rezitation gab, hatte in sorgfältiger Art die Programme der Eurythmiedarbietungen so gestaltet, daß die gegenwärtige Entwickelungsstufe der Eurythmie von den Zuschauern empfunden werden konnte. Diese Eurythmievorstellungen verliefen so, daß Mitwirkende und Veranstalter das Gefühl davontrugen: es war eine wohltuende Stimmung und Empfänglichkeit im Theater am 30. März und 6. April, und im Konzertsaale (am 2. April) vorhanden.