The Constitution of the General Anthroposophical Society

GA 260a — 7 June 1924, Wrocław

Ausführungen Über Die Weihnachtstagung In Breslau

Vor dem Vortrag

Die so außerordentlich lieben Worte Ihres Vorsitzenden gehen ja ganz tief in das Gemüt und in das Herz, und Sie dürfen mir es glauben, daß ich nicht nur außerordentlich dankbaren Herzens entgegennehmen will eine so liebevolle Begrüßung, sondern daß es mich auch mit tiefinnerlichster Befriedigung erfüllt, wiederum nach langen Jahren hier in der Mitte unserer im Osten wohnenden Freunde sprechen, wirken zu können. Es ist ja noch nicht lange her, da handelte es sich bei unserer Weihnachtstagung in Dornach um einen ernsten Augenblick in der Entwickelung der Anthroposophischen Gesellschaft. Und weil dieser Ort, an dem ich nunmehr unter Ihnen durch mehrere Tage hindurch sprechen darf, sozusagen doch noch zu den ersten gehört, an denen ich nach unserer denkwürdigen Weihnachtstagung am Goetheanum wirken darf, so ist die Befriedigung, von der ich hier spreche, noch eine um so größere.

Wir mußten ja in den schwierigen Jahren, die wir durchgemacht haben seit 1919, durchgehen durch eine so unsachliche Bekämpfung der anthroposophischen Bewegung, der Anthroposophischen Gesellschaft. Wir mußten ja immer wieder und wiederum hören, wie unter unseren Untaten auch sozusagen eine schlesische Untat aufgeführt wurde, von welcher der Ausgangspunkt zu übler Bekämpfung genommen worden ist! Und so mußten wir oftmals überall draußen, wo anthroposophische Freunde sind, an unsere Freunde in Schlesien denken. So war es denn oftmals ein wirklich tiefbewegender Gedanke - der an unsere schlesischen Freunde. Und da gab es immer diesem Gedanken gegenüber eines, was uns wiederum erfüllte mit einer gewissen starken Zuversicht, gerade dann erfüllte mit einer starken Zuversicht, wenn wir hierbei nicht nur der Arbeit hier im Osten gedachten, sondern überhaupt der Arbeit in der anthroposophischen Bewegung. Und das war der Gedanke an Ihren lieben verehrten Vorsitzenden, Herrn Bartsch, der so schöne, liebevolle Worte an mich gerichtet hat, der in einer so eifrigen Weise auf den ernsten Augenblick auch innerhalb der anthroposophischen Bewegung hingewiesen hat. Die Art und Weise, wie unser lieber Freund Bartsch seit vielen Jahren in so verständnis-hingebungsvoller Art für die anthroposophische Bewegung wirkt, ist wirklich vorbildlich, und er gehört tatsächlich, ich darf es mit tiefster Befriedigung sagen, zu den starken Stützen, die wir innerhalb der anthroposophischen Bewegung haben. Das macht den Gedanken an unsere schlesischen Freunde immer zu einem solchen, der auch zuversichtlich ist. Daher sind auch so liebevolle, so herzliche Worte, wie sie eben von Herrn Bartsch gesprochen worden sind, um so tiefer befriedigend.

Es darf gesagt werden, daß die mancherlei Sorgen um die anthroposophische Bewegung nicht gerade unsachlich von unserem Freunde charakterisiert worden sind. Allerdings, er scheint gefühlt zu haben, daß man sich schon selbst väterlich alt fühlen muß innerhalb der anthroposophischen Bewegung, wenn man alles dasjenige, was an sie herangetreten ist, mit einem gewissen Gleichmut hinnehmen will. Aber dennoch, es ist so, daß das ganze Wesen der anthroposophischen Bewegung, wie es sich dargelebt hat in den letzten Jahren, dazu geführt hat, daß zweierlei Dinge kommen mußten, die zu diesem Altväterlichen, das ich an mir trage, nicht gerade gut stimmen. Das eine ist, daß tatsächlich durch die Weihnachtstagung am Goetheanum in Dornach beabsichtigt ist, in die ganze anthroposophische Bewegung einen völlig neuen Zug hineinzubringen, sie aus den Fundamenten heraus neu zu begründen. Und das wurde bei dieser Weihnachtstagung recht eindringlich zur Geltung gebracht. Wenn man also, wie es bei mir der Fall ist, gewissermaßen frisch noch einmal anfängt, dann stimmt das wenig zu den altväterlichen Gefühlen. Auf der andern Seite ist in erfreulicher Art etwas anderes hervorgetreten, was auch wenig dazu stimmt. Das ist: Es ist aus den Gemütern unserer jüngsten Freunde, derjenigen Freunde, die das « Jung-Sein», wie es ja im Mitteilungsblatte zur «Goetheanum»-Zeitschrift zum Ausdruck gekommen ist, als ihr besonderes Charakteristikum auffassen, es ist wirklich durch diese anthroposophische Jugendbewegung ein ganz neuer Geist eingezogen in unsere Anthroposophische Gesellschaft. Und es werden schon manche unter Ihnen erfahren haben, daß der Boden dieser Jugendbewegung nicht ganz dazu stimmt, um in altväterlicher Weise an sie heranzugehen. Da muß man schon die Gabe entwickeln, sich um einige Jahrzehnte zurückzuschrauben. Nun, ich kann nicht sagen, wie mir das gelingt, aber ich will mich jedenfalls im Sinne dessen, was unser lieber Freund Bartsch gesagt hat, anstrengen, die Altväterlichkeit nun auch mit der Führung der Jugendsektion in entsprechender Weise zu verbinden. Wir wollen sehen, wie es dem alten Vater gelingen kann, nach diesen zwei Seiten hin ein Jugendliches wiederum zu entwickeln.

Aber einiges möchte ich doch am ersten Tage meines Hierseins einleitend gerade über den Sinn und über den Geist unserer Weihnachtstagung sagen. Es ist nicht zu leugnen, daß uns in den letzten Jahren von all dem, was angestrebt worden ist aus starken Impulsen heraus — aus durchaus berechtigten Impulsen heraus, aus Impulsen, die durchaus begründen die Aussage, daß die Dinge haben geschehen müssen, daß man sie nicht hätte unterlassen können —, daß durchaus von dem, was da aus den besten Intentionen, auch aus richtigen Intentionen hervorgegangen ist, manches nicht gelungen ist! Ich brauche nicht Einzelheiten zu erwähnen, ich kann im großen ganzen sagen, daß die der Welt wirklich so notwendige Dreigliederungsbewegung als eine gelJungene nicht bezeichnet werden darf. Und sie war so veranlagt, daß sie entweder einen starken Eindruck hat machen sollen, den sie nicht gemacht hat, oder daß sie überhaupt keine große Bedeutung haben konnte, Das hängt aber zusammen mit mancherlei, was unsere anthroposophische Bewegung heute noch schwierig macht. Und all diese Dinge haben dazu geführt, daß vor der Weihnachtstagung, durch die beabsichtigt wurde, in ganz bestimmter Weise einen neuen Zug in die anthroposophische Bewegung hineinzubringen, die Frage auftrat, ob es denn möglich wäre, daß ich selber nun den Vorsitz für die Anthroposophische Gesellschaft übernähme,

Dabei ist so mancherlei ins Auge zu fassen, was vielleicht heute gar nicht voll bedacht wird. Es trat mir eigentlich kurz vor meiner Abreise wiederum in aller Lebendigkeit vor das Auge. Es wurde uns nach Dornach geschickt der Korrekturabzug eines Aufsatzes über die anthroposophische Bewegung, der von einem unserer Freunde in einem größeren Sammelwerk erscheinen soll. In diesem Aufsatz, der noch vor der Weihnachtstagung geschrieben ist und von dem uns jetzt der Korrekturabzug zugeschickt worden ist, steht das Folgende: «Dr. Steiner ist überhaupt nicht der Anthroposophischen Gesellschaft beigetreten und ist bis heute noch kein Mitglied der Anthroposophischen Gesellschaft.» — Das war bis zur Weihnachtstagung noch durchaus richtig, denn ich hatte in der Anthroposophischen Gesellschaft keine Funktionen. Ich stand in ihr nur als Lehrer darinnen, dessen Lehren man entgegennehmen wollte, und die Verwaltung wurde ganz unabhängig von mir in der verschiedensten Weise besorgt. Nun, es trat einem da, ich möchte sagen, der so schnell zustande gekommene Anachronismus besonders stark entgegen. Seit der Weihnachtstagung bin ich nicht nur Mitglied der Anthroposophischen Gesellschaft, sondern deren Vorsitzender. Also seit der Weihnachtstagung ist mancherlei geschehen.

Und damit hat sich ein anderes vollzogen. Damit, daß ich selber mich entschließen mußte, Vorsitzender der Anthroposophischen Gesellschaft zu werden, damit ist sozusagen etwas, was ich immer betont habe, rein auf den Kopf gestellt. Ich habe immer betont: Auf der einen Seite steht die anthroposophische Bewegung. Diese anthroposophische Bewegung war ja aufzufassen als die äußere Ausgestaltung dessen, was aus dem Inhalte der geistigen Anschauung hervorging, die zustande kommen konnte in der Weise, wie es Ihnen bekannt ist. Das war die anthroposophische Bewegung. Dann gab es eine Anthroposophische Gesellschaft. Die war begründet, um in ihrer Art dasjenige, was von Anthroposophie kommt, sozusagen zu verwirklichen. Man mußte unterscheiden zwischen der anthroposophischen Bewegung und der Anthroposophischen Gesellschaft. Das ist seit der Weihnachtstagung nicht mehr so. Seit der Weihnachtstagung sind anthroposophische Bewegung und Anthroposophische Gesellschaft ein und dasselbe, sind durchaus identisch geworden. So daß seit der Weihnachtstagung gesagt werden muß: Früher war die anthroposophische Lehre da, die durch die anthroposophische Bewegung gepflegt wurde. Seit der Weihnachtstagung ist die Anthroposophische Gesellschaft einfach durch das, was sie da geworden ist, selber eine anthroposophische, ja sogar esoterische Sache. Seit der Weihnachtstagung haben wir die Anthroposophische Gesellschaft so aufzufassen, daß in ihr nicht nur Anthroposophie gelehrt wird, sondern daß alles, was getan wird, Anthroposophie ist. Anthroposophisches Tun ist seit der Weihnachtstagung dasjenige, was nicht mehr zu trennen ist von der Anthroposophischen Gesellschaft.

Dazu ist der Ihnen ja bekannte, heute auch in einer Anzahl von Freunden hier vertretene esoterische Vorstand der Anthroposophischen Gesellschaft am Goetheanum berufen. Dazu ist er berufen, überzuführen dasjenige, was anthroposophische Lehre ist, in anthroposophisches Tun in jeder Einzelheit. Dieser anthroposophisch-esoterische Vorstand will kein Verwaltungsvorstand sein, er will ein Initiativvorstand sein, der die Anregungen gibt in demjenigen, was als Wesen durch die Anthroposophische Gesellschaft fließen soll. Selbstverständlich kann das nur langsam und allmählich geschehen. Aber ein gutes Stück ist dennoch schon geschehen durch das unserer Zeitschrift beigegebene Mitteilungsblatt mit seinen Leitsätzen und Betrachtungen, und indem versucht worden ist, solche positiven Initiativanregungen zu geben, wie sie von dem esoterischen Vorstande ausgehen sollen. Selbstverständlich ist das Allerwenigste bisher geschehen. Aber man muß auch da den fünften Schritt nicht vor dem dritten machen wollen, sondern man muß durchaus sich klar sein, daß alles nur langsam und allmählich gehen kann. Wie also die Anregungen, die notwendig sind, auch immer mehr und mehr zu geben sind, dazu ist vor allen Dingen das erforderlich, daß verstanden werde, wie unsere Verwaltung sich unterscheiden muß von jeglicher andern Verwaltung in der Welt. Sie muß so fern wie möglich jeder Bürokratie sein, muß rein auf das Menschliche aufgebaut sein. Die menschlichen Verhältnisse, welche überall von Seele zu Seele sich schlingen sollen innerhalb der Anthroposophischen Gesellschaft, die sollen dasjenige sein, was eigentlich die Anthroposophische Gesellschaft bewegt, trägt als das menschliche Sein. Dieses Menschliche kann sich in Kleinigkeiten und in Großigkeiten zum Ausdruck bringen. Ich möchte nur eine winzige Kleinigkeit nennen, damit Sie genau sehen, was ich meine. Wir hatten, um markante Züge zu bezeichnen, die für die anthroposophische Tagung in den Weihnachtstagen in Betracht kamen, alle Mitgliedszertifikate zu erneuern. Da hatten wir ja zwölftausend solcher Zertifikate zu unterschreiben. Ich brauchte früher kein einziges zu unterschreiben. Nun haben mir manche geraten, für diese zwölftausend Unterschriften einen Stempel zu benutzen. Ich konnte doch nicht eingehen auf diesen Vorschlag aus dem einfachen Grunde, weil es ein Unterschied ist in bezug auf eine wirklichkeitsgemäße Weltanschauung, ob jedes Mitgliedszertifikat mit dem Namen jedes Mitglieds einmal vor mir gelegen hat, ich den Namen gesehen, mit den Augen darauf geruht habe und meinen Namen mit meiner eigenen Feder daruntergesetzt habe. Es ist die winzigste persönliche Beziehung, aber es ist eine persönliche Beziehung. Und diese persönlichen Beziehungen, die müssen immer mehr und mehr von Seele zu Seele gepflogen werden. Man muß verstehen, was damit gemeint ist, daß es uns nicht darauf ankommt, diese oder jene Botschaft in die Welt zu schicken und dieses oder jenes Mitglied zu erreichen, sondern daß es uns darauf ankommen würde, durchaus das Allermenschlichste zu betonen. Nun wird das natürlich eine Zeitlang dauern. Durchgreifend verstanden werden muß dieser neue Zug, der in der Weihnachtstagung in die Anthroposophische Gesellschaft hineingekommen ist. Aber es:darf schon bemerkt werden, daß ja auch ein allmählich immer mehr und mehr ins Esoterische hineingehender Geist durch das geistige Leben gehen wird, welches durch die Anthroposophische Gesellschaft fließen soll. Und vielleicht wird es mir gerade während dieser Tagung, an der ich unter Ihnen sein darf, gelingen, Ihnen ein wenig die Überzeugung beizubringen, daß dieser neue Zug da ist.

Ich spreche diese Einleitungsworte aus dem Grunde, weil wirklich das Gelingen dessen, was nun gelingen soll, abhängt davon, daß in weitesten Kreisen unserer Anthroposophen ein Verständnis geweckt werde für dasjenige, was durch die Weihnachtstagung gewollt wurde. Es hängt doch alles davon ab, welche Auffassung von dem, was gewollt wird, im Herzen unserer Freunde ist. Ich bin auch davon wieder überzeugt, daß durch die ausgezeichnete Führung, die gerade hier in Schlesien, wie ich schon erwähnt habe, vorhanden ist, dieser Geist gerade hier sehr bald in der richtigen Weise unter unseren Freunden leben werde.

Lassen Sie mich nach diesen begrüßenden Worten mit einer Art von Einleitung beginnen, mit einer Einleitung, welche den Grundton dessen abgeben soll, was den Inhalt dieser unserer Mitgliederversammlungen bilden soll.

German original of Remarks on the Christmas Conference · ← Previous · Next →