The Constitution of the General Anthroposophical Society
GA 260a — 3 August 1924
Über Die Anthroposophisch-Pädagogische Tagung In Holland
Zu einer anthroposophisch-pädagogischen Tagung haben im Namen der holländischen Freunde der Anthroposophie Dr. F. W. Zeylmans van Emmichoven (im Namen des Vorstandes der anthroposophischen Vereinigung) und E. Mulder-Seelig (im Namen der Lehrer der «Freien Schule») für die Zeit vom 17. bis zum 24. Juli eingeladen.
Wir haben mit dieser Tagung ein befriedigendes Erlebnis hinter uns. Ein Teil der zu haltenden Vorträge, die pädagogischen und die öffentlichen auf Heilkunde bezüglichen, waren auch für Nicht-Mitglieder der Anthroposophischen Gesellschaft berechnet. An den pädagogischen nahmen außer den Mitgliedern, die von vielen Seiten zusammengekommen waren, viele Nicht-Mitglieder teil, so daß die ständige Zuhörerzahl etwa 250 betrug. Die öffentlichen Vorträge waren sehr gut besucht.
Der Vorstand der holländischen Vereinigung ist vollzählig erschienen. Von dem Vorstand am Goetheanum waren anwesend: außer mir der Schriftführer Frau Dr. I. Wegman, dann Frau Marie Steiner, Fräulein Dr. L. Vreede und Dr. Wachsmuth. Vortragende waren außer mir Dr. Zeylmans van Emmichoven, Dr. Schubert, Dr. von Baravalle und die Lehrer der «Freien Schule» Stibbe und van Bemmelen. Außerdem wurden zwei Kurse über Sprachkunst, ein allgemeiner und einer für Vorgerückte von Frau Marie Steiner gehalten.
Meine Tätigkeit umfaßte: einen pädagogischen Kurs in neun Vorträgen mit dem Thema «Der pädagogische Wert der Menschen-Erkenntnis und der Kulturwert der Pädagogik», drei öffentliche Vorträge über das Thema «Was kann die Heilkunst durch eine geisteswissenschaftliche Betrachtung gewinnen?», ferner drei Mitgliedervorträge und zwei Klassenstunden.
In den pädagogischen Vorträgen habe ich mir diesmal zur Aufgabe gesetzt, das Wesen einer echten Menschen-Erkenntnis und deren Bedeutung für den Erziehenden und Unterrichtenden so herauszuarbeiten, daß anschaulich werden konnte, wie die Erziehungsmaßnahmen sich an der lebendigen Einsicht in Leib, Seele und Geist so entzünden können, daß sie dem ganzen Menschen im Kinde die allseitige Entfaltung ermöglichen, Ich führte aus, wieviel der Erziehende vom gesunden und kranken Menschen wissen müsse und wie die dieses Wesen durchdringende Erzieher-Gesinnung in der pädagogischen Kunst wirkt. Inwieweit die Anschauung des Karmas, des im Kinde sich offenbarenden Schicksalszusammenhanges, in der Seelenverfassung des Pädagogen wirksam sein soll, wurde dargestellt. Wie die Erziehungsmaßnahmen die Seele fördern oder hemmen, in welcher Art die gesunde Entfaltung des Kindes richtig orientiert, dem Krankhaften vorgebeugt, oder wenn es sich einstellt, ihm begegnet werden kann: das bildete den Gegenstand der Ausführungen. An dem Beispiele der Waldorfschule wurde gezeigt, wie man in den Schulorganismus lebendige Menschen-Erkenntnis bringen kann. Das Leitmotiv der Vortragsreihe war: eine wahre pädagogische Kunst müsse durch das Leben, das der Erziehende in seiner Menschen-Erkenntnis entfaltet, eine lebendige Art des Erziehens zustande bringen, daß das Kind in Leib, Seele und Geist wirklich Leben empfängt. Durch Leben lebensvoll Leben bewirken. - Welche Bedeutung die Erziehung des werdenden Menschen für die Entwickelung der ganzen Menschheit hat, das wurde veranschaulicht.
In den öffentlichen, die Heilkunst berührenden Vorträgen versuchte ich zu zeigen, wie die anthroposophische Erkenntnis der menschlichen Organisation in das Wesen des Krankseins hineinleuchtet, und wie man dadurch eine solche Anschauung vom Kranksein erhalten könne, daß in diesem Anschauen die Erkenntnis des notwendigen Heilungsprozesses sich ergibt. Anthroposophie ist ja imstande, neben der Erkenntnis des Menschen eine solche Einsicht in die Substanzen und Vorgänge der außermenschlichen Welt zu vermitteln, daß man zum Beispiel zeigen kann, wie eine Substanz dem Wuchern oder Verkümmern in der menschlichen Organisation entgegenarbeitet. An dem Beispiel der Kieselsäure wurde das erörtert. Auf die Stellung des Klinisch-therapeutischen Institutes wurde gedeutet, das von meiner lieben Mitarbeiterin Dr. I. Wegman in anthroposophischem Sinne so geleitet wird, daß dasselbe die uralte Angliederung der Heilkunst an die in Weltanschauung lebende Erkenntnis in einer neuen Form wieder angestrebt wird. In den Mysterien war diese Angliederung vorhanden; sie muß wieder erreicht werden. - So konnte im Weiteren gezeigt werden, wie aus der Anschauung des Krankseins das Heilmittel und Heilverfahren sich ergibt. Das Wesen derjenigen Heilmittel, die durch die internationale Laboratoriumgesellschaft in Arlesheim hergestellt werden, konnte gezeigt werden.
In der lebendigen Teilnahme an den Kursen über sprachliche Kunst, die von Marie Steiner gegeben wurden, zeigt sich, daß die Bedeutung des «Sprechen-Könnens» einem sich steigernden Verständnis entgegengeht. In der künstlerischen Gestaltung der Sprache kommt ja das gesunde Zusammenwirken und Sich-Harmonisieren von Leib, Seele und Geist zur Offenbarung. Der Leib zeigt, ob er sich den Geist in rechter Art einzugliedern vermag; die Seele offenbart, ob der Geist in ihr auf wahre Art lebt; und der Geist stellt sich in unmittelbarer physischer Wirkung anschaulich dar. Die an Sprachkursen teilnehmenden Persönlichkeiten erleben so die Offenbarung der Anthroposophie an der Betätigung des Menschen ganz unmittelbar. Es darf als eine Erprobung der Anthroposophie angesehen werden, daß sie in der Lage ist, die Sprachkunst in ihrer vollen Bedeutung wieder aufleben zu lassen, die doch durch den Materialismus in der Weltanschauung in eine hilflose Lage gebracht worden ist.
In den Zweigvorträgen wurde die Art dargestellt, wie die Anschauung des übersinnlichen Elementes in der Menschheitsentwickelung zur Erkenntnis der Aufgaben führt, die der anthroposophischen Bewegung obliegen. Was man die «michaelische» Führung der Menschheit in einem übersinnlichen Geschehen im Altertum vom siebenten vorchristlichen Jahrhundert bis zur Alexanderzeit, dann wieder in unserer Gegenwart nennen kann, wurde zur Darstellung gebracht. Aus einer solchen Darstellung muß sich ja die Begeisterung ergeben, die das Leben der Anthroposophischen Gesellschaft durchdringen sollte.
Dr. Zeylmans in holländischer Sprache gehaltener Vortrag, der die Beziehung der Anthroposophie zu physiologischer und pathologischer Menschen-Erkenntnis zum Inhalt hatte, wird mir von Dr. I. Wegman als eine ganz ausgezeichnete Leistung charakterisiert.
Eine Probe in Eurythmie durch die Kinder der «Freien Schule» gliederte sich gut in den Rahmen des Programmes ein.
Unsere holländischen Freunde haben sich die größte Mühe gegeben, diese Veranstaltung zu einer würdigen zu machen; der herzliche Dank aller, die an dem Gedeihen der anthroposophischen Bewegung Anteil nehmen, muß ihnen entgegengebracht werden.