Our Dead
GA 261 — 31 January 1915, Zurich
Ansprache Bei Der Kremation Von Sibyl Colazza
Liebe, mit uns gleichstrebende Seele, die Du verlassen hast die Erde, hinauf folgen wollen wir Dir über die Pforte des Todes hinaus in die Gefilde, die Du betreten hast. Durch das Innerste meiner Seele und aus dieser Seele heraus seien die Worte nachgesprochen, die sich mir aus Deines Geistes Denken in meinem Denken ergeben haben.
Du tratest unter uns.
Deines Wesens bewegte Sanftmut
Sprach aus Deiner Augen stiller Kraft
Ruhe, die seelenvoll belebt,
Floß in den Wellen,
Mit denen Deine Blicke
Zu Dingen und zu Menschen
Deines Innern Weben trugen;
Und es durchseelte dieses Wesen
Deine Stimme, die beredt
Durch des Wortes Art mehr
Als in dem Worte selbst
Offenbarte, was verborgen
In Deiner schönen Seele weset;
Doch das hingebender Liebe
Teilnahmsvoller Menschen
Sich wortlos voll enthüllte—
Dies Wesen, das von edler, stiller Schönheit
Der Welten-Seelen-Schöpfung
Empfänglichem Empfinden kündete.
Du wolltest hier, während Deines Erdenwallens in Deine Seele aufnehmen jenes Bewußtsein von dem starken Weltenimpuls, der sich für uns an den Christus-Namen knüpft und der alle Schwäche menschlicher Erdenkraft innerlich durchstärkt, auf daß es belebt sei in dem Leben, das nicht stirbt, wenn die Seele durch die Pforte des Todes schreitet. So bist Du gestärkt und wissend, fühlend in Dir die Christus-Kraft, durch die Pforte des Todes geschritten, geschritten in jene Regionen, wo liebevoll in der Welt sich Freude und Gefühle der Schönheit einverweben werden in den großen Schöpfungsplan des Daseins. Wo Schmerzen aber auch eingeschrieben werden als schöpferische Kräfte in das ewige Sein, damit die Welt wissend werde. So blicken wir zu Dir auf und folgen Dir in treuer Liebe, in herzlich zugetaner Freundschaft.
Meine lieben Freunde!
Es gibt Seelen, die hier durch das Erdenleben wallen, so als ob sie gleichsam durch dieses Leben dahinschwebten, leicht schwebten über der Erde und nur wenig in ihren Schritten den Boden des Erdenseins betreten, Seelen, die wie bestimmt erscheinen, durch dasjenige, was ihnen anhaftet, was ihnen einverwoben ist bei ihrer diesmaligen Geburt, sich eine eigene innere Welt aufzubauen, in dieser eigenen inneren Welt zu leben und die gerade deshalb schwer berührt werden von demjenigen, was in der äußeren Welt auf sie einwirkt, einfließt.
Zu solchen Seelen gehörte unsere liebe Frau Colazza. Wahrhaftig war es so, wenn man in ihre liebestrahlenden Augen blickte, als wenn die innerliche Bewegung ihrer Seele sich liebegetragen durch den stillen Blick ergoß und in einer bewegten Ruhe tiefes, schönstes menschliches Wesen erstrahlte auf diejenigen, die in ihrer Umgebung waren.
Für solche Seelen ist es gerade oft, meine lieben Freunde, als wenn sie mit den Mächten des Daseins, die keine Kraft vergehen lassen, unvertraut im Weltall stehen, sich erst erobern mußten durch Schmerz und Leid, durch Duldung und Entsagung die Kräfte, die hingeführt werden von dem sterblichen Menschen-Dasein in jene schöpferischen Regionen, wo die ewigen Kräfte leben und sich regen. Und so ist denn Schmerz und Leid an unsere Freundin herangetreten, hat sich tief eingeschrieben in ihre Seele. Und noch als wir, die wir sie kannten, an ihrem entseelten Leibe standen, konnten wir aus diesem ihrem toten, ihrem schönen Leibe entnehmen, wie viel die Seele in diesem Leibe geduldet, wie viel sie erlitten hat. Aber wahrhaft, die wir versuchen im Geiste die Rätsel der Welt nicht zu lösen, sondern den Spuren dieser Rätsel bis zu gewissem Grunde zu folgen, uns prägt sich tief in die Seele die Wahrheit, daß in der Welt keine Kraft verlorengeht, weder im physischen noch im geistigen Leben. Und wir wissen, daß die Schmerzen von den Seelen, die sie erlitten haben, eingewoben werden in den göttlich-geistigen Schöpfungsplan.
Uns muß es erscheinen, als ob die fruchtbatsten, die regsten Kräfte dieses Weltenplanes als schöne Blumen hervorsproßten aus demjenigen, was als Schmerz, als Leid leben mußte. Oftmals ist es so, daß den Menschen grundlos erscheint das Leid einer Menschenseele. Was diese Seele ist, zeigt sich im Spiegel des Daseins, das vielfach im Leben zurückstrahlt auf diejenigen Seelen, die dieser unserer Freundin so nahe gewesen sind, die ihr Liebe entgegengebracht haben. Sie haben das in solcher Art getan, daß in ihrer Seele sich widerspiegelt das edle, sanfte, milde Wesen, daß es sich umwandeln wird, nachdem es durch den Tod gegangen, in starke, fruchtbare Kraft der Welt.
Und dann müssen wir, die wir die durch die Pforte des Todes Gegangene geliebt haben, dankbar denjenigen sein, die ihr befreundete Stütze, liebevolle Pfleger waren in den letzten Tagen ihres Daseins. Vor allen Dingen sei gedankt ihrer Freundin Miß Fulton, ihrer Freundin Tamara von Statkowski und all den anderen, die sie pflegen durften und die nun geleiten dürfen ihren physischen Leib an diejenige Stätte, aus der sie geholt hat der ewig wirkende und webende Weltengeist. Gedankt sei hiermit auch dem sie liebend pflegenden Arzte und den anderen liebend Pflegenden, die ihr die letzten Zeiten erleichtert haben. Meine lieben Freunde, die Liebe, wie sie entgegengebracht wurde unserer Freundin, sie ist zugleich ein Versprechen, das wir der Seele geben, ein Versprechen, daß wir im wahrsten Sinne des Wortes Treue halten.
Unter den mancherlei Dingen, die sich in unsere Gefühle hereindrängen, in der Betrachtung der geistigen Welt, die wir finden, wenn wir uns dazu vorbereiten, unter diesen mancherlei Gefühlen ist vor allen Dingen dieses: Die Liebe, in der verbunden war die Seele mit anderen Seelen, wird jene, die durch die Pforte des Todes gehen, hindurchführen, -tragen in die Welt der lichtvollen Geistigkeit. — Die Toten vergessen die Lebenden nicht, und unter den Wünschen, die sie lenken in das Tal des Erdenlebens, sind diejenigen vor allen Dingen, die für uns Zurückbleibende in Betracht kommen, die da gehen nach der Liebe, die wir auf uns genommen haben, unausgesprochen, aber wie ein teures Versprechen, das wir den Seelen gegeben haben. Und richtig gesehen, das Verhältnis von Seele zu Seele gibt uns das Gefühl, die Überzeugung: Es ist wie ein unerfülltes gegebenes Versprechen, wenn wir nicht imstande sind, hinauszutragen über die Zeiten, in denen wir uns physisch trennen müssen, die Liebe, die wir ihnen hier entgegengebracht haben. —- Denken können wir oft und oft, daß der Tote es empfindet wie ein Versprechen, das ihm gegeben wurde und dessen Erfüllung er erhofft, das aber unerfüllt bleibt, wenn wir ihm nach dem Tode die Liebe entziehen, die wir ihm im sogenannten Leben gegeben haben. Die Liebe ist in gewissem Betracht etwas, was seine Geistigkeit schon durch sein Dasein beweist... Die Echtheit, die Geistigkeit beweist sich, wenn wir die Liebe bewahren bis in die Zeiten hinein, wo man sich uns nicht mit Blicken, nicht mit der Stimme, nicht mit einem Händedruck nähert, sondern wenn sich unsere Liebe von Herzen in andere Herzen ergießt.
Das, was selbstlose Liebe war, bewährt sich dadurch, daß wir diese Liebe hindurchtragen in die Zeit, in welcher sie selbstlos werden muß, weil das andere Selbst auf einen Schauplatz gegangen ist, auf den wir ihm zunächst nicht folgen können mit den Kräften, durch die wir in der physischen Welt den Horizont um uns herum zu betrachten und mit unserem Leben zu erfüllen imstande sind.
So wollen wir, meine lieben Freunde, wie ein Bleibendes an den sterblichen Resten unserer Freundin, die Worte ihr zusprechen, daß wir ihr treu bleiben wollen mit unserer Liebe, damit, wenn sie aus ihrem Lichte hier herunterblickt, sie finden möge ungeschwächt und unvermindert die Gefühle, die wir für sie hegen.
Der jungen, der lieben befreundeten Seele dürfen wir folgen in der befriedigten, beruhigten Zuversicht, daß die Kräfte, die sie versuchte hier ihrer Seele einzuverleiben, sie hindurchtragen durch die Pforte des Todes und sie beleben in jener Welt, zu der wir im Geiste folgen können, jener Welt, in welcher die Kräfte, die hier auf dieser Erde im Geiste gesammelt wurden und die auch nur im Leben für das Erdenwerk und dessen Umkreis selber wirken konnten, die dort in jener Welt walten, wo Wesen sich entrissen haben den Leibeshüllen, schaffend das ganze Universum.
Seien wir eingedenk, daß da etwas als ewiger Wesenskern im Menschen ruht, wenn es im Kreis der menschlichen Hüllen nicht mehr nur wirkt innerhalb der Grenzen, die ihm angewiesen sind durch das Werkzeug des Leibes, sondern daß er als universelle Kraft wirkend, nicht nur der Menschheit, sondern aller Welt zugute kommen wird.
Die Zeit wird kommen, wo man ahnend erkennen, erkennend wissen wird, daß in der uns umgebenden Welt verborgen sind die Kräfte, die uns verlorengegangen sind innerhalb des menschlichen Erdenwirkens. Die Zeit wird kommen, wo einverwoben werden alle Kräfte, die wir durch Geistbetätigung erworben haben, in die Welt des physischen Daseins, als Schönheit uns entgegenleuchten aus dem Kosmos herein, wo auch die Schmerzen, die uns einverwoben sind als kosmische Schöpferkräfte, fruchtbar wirken im Universum, wenn sie sich keimhaft angesetzt haben innerhalb des Erdenwirkens.
Mit diesem Gefühle, meine lieben Freunde, stehen wir hier, begleitend Deine irdischen, sterblichen Überreste, stehen wir hier, die wir in der Seele mit Dir verbunden, in der Seele mit Dir innig verwandt uns fühlen.
Wir lassen unseren Geistesblick auch hinüberschweifen zu demjenigen, der als Lebensgefährte Dir verbunden war, der durch seine Pflicht verhindert ist, hier an Deinen sterblichen Resten zu stehen, auf den Du herunterblickst, auf daß ihm werde Stärkung und Kraft in der Prüfung, durch die er hindurchgehen muß, dadurch, daß Du in dieser Zeit von diesem Erdenplane von uns hinweggegangen bist. Und stehen wir nicht durch Naturbande Dir verbunden hier da, die wir Deinen Leib begleiten und Deiner Seele folgen, die sich aufschwingt in lichte geistige Höhen, so stehen wir doch als Dir treu verbundene Seelenverwandte hier, Seelenverwandte, die den Bund mit Dir geknüpft haben, der unzerreißbar sein soll und dadurch seine Echtheit bewähre. Und aus diesem Gefühle des Verbundenseins in geistigseelischem Streben mit ihr seien aus tiefst ergriffener Seele die Worte zu Dir gesprochen an Dein Geisteshören, die sich in die Seele drängen sollen, damit sie nochmals in der Vorstellung beleben das Bild, das erschienen ist von dieser Seele während Deines Erdenwallens.
Du tratest unter uns.
Deines Wesens bewegte Sanftmut
Sprach aus Deiner Augen stiller Kraft
Ruhe, die seelenvoll belebt,
Floß in den Wellen,
Mit denen Deine Blicke
Zu Dingen und zu Menschen
Deines Innern Weben trugen;
Und es durchseelte dieses Wesen
Deine Stimme, die beredt
Durch des Wortes Art mehr
Als in dem Worte selbst
Offenbarte, was verborgen
In Deiner schönen Seele weset;
Doch das hingebender Liebe
Teilnahmsvoller Menschen
Sich wortlos voll enthüllte—
Dies Wesen, das von edler, stiller Schönheit
Der Welten-Seelen-Schöpfung
Empfänglichem Empfinden kündete.