Our Dead
GA 261 — 25 September 1915, Dornach
Gedenkworte Für Gertrud Noss
Meine lieben Freunde!
Es ist mir Bedürfnis, heute noch einmal zu sprechen von unserem schweren Verluste, den wir erlitten haben; nicht so sehr, weil ich glaube, nach dem, was ich gestern zu sagen hatte, da wir unsere liebe Freundin, Frau Gertrud Noß, dem Feuerelemente übergeben haben, etwas Besonderes, Neues hinzufügen zu können, sondern weil ich wirklich denke, daß gerade die Hinlenkung der Gedanken in die ganz einzigartige Wesenheit dieser Frau für unsere Seelen, für unsere Herzen von einer großen Bedeutung insbesondere auch in diesem Augenblicke sein kann und sein soll.
Wir dürfen so, wie Frau Gertrud Noß unter uns stand, sie wirklich als eine vorbildliche Persönlichkeit betrachten, und wir dürfen den Blick auf ihre Wesenheit als etwas durch unser ferneres Leben tragen, das geeignet ist, uns mit Kräften auszustatten, die tiefe Bedeutung für unser Leben haben können.
Meine lieben Freunde, der Tod, wenn er uns vor Augen tritt, ist, man darf sagen, die tiefst einschneidende Erscheinung im menschlichen Leben, und tritt er uns insbesondere so vor Augen, daß er für die Lebenden bedeutet: Du witst nicht mehr in ein Auge schauen können, in das Du so oftmals schauen durftest, Du wirst nicht mehr eine Hand in der Deinen halten können, die Du so gern lange Zeit hindurch immer wieder und wieder in der Deinen fühlen wolltest, Du wirst nicht mehr gegenübertreten einer Persönlichkeit, mit der Du im Leben innig verbunden warst, - tritt der Tod als Lebenserscheinung so an uns heran, dann verbindet uns dieses Herantreten wirklich für kürzere oder längere Zeit, je nachdem wir dessen fähig sind, mit dem Ewigen, mit den Quellen des Geistigen.
Nun haben wir bei dem Tode unserer lieben Freundin, Frau Gertrud Noß, alle Veranlassung, gerade diesen Gedanken recht tief in unseren Seelen zu befestigen. Wir haben kurz hintereinander zu schauen gehabt, wie Frau Gertrud Noß selber vor den letzten sterblichen Resten ihres geliebten Sohnes stand, der als eine unserer Hoffnungen so schön in unserer Mitte gestanden hat. Und wenigstens einige von uns - das sollten aber viele von uns wissen - konnten erleben, wie damals der Tod eines innig geliebten Nahestehenden selber auf unsere Freundin wirkte. Einige von uns konnten berührt werden von jener großen Veränderung, die mit der Seele dieser Frau vor sich gegangen war, nachdem tief bedeutungsvoll, tief schmerzlich der Tod eines Nahestehenden an ihr vorübergezogen war.
Aus tiefster Seele heraus, meine lieben Freunde, sprach ich gestern das Wort, daß dieser Tod für unsere Freundin war eine Art von Geistesweihe. Merken konnte man an der Seele unserer Freundin, wie nahe sie in einer selbstverständlichen Weise der Geistesvertrautheit gekommen war, gerade seitdem der Tod in einer so schmerzlichen Weise an ihr vorübergezogen war. Ich habe es oftmals ausgesprochen, daß es niemals die Aufgabe eines Menschen sein kann, der Worte zu sprechen hat dann, wenn der Tod an uns herantritt, die überlebenden Freunde zu trösten, daß es niemals die Meinung sein kann desjenigen, der anläßlich eines Todesfalles zu sprechen hat, Trost zusprechen zu wollen, der den Schmerz lindern soll. Denn den Schmerz zu lindern, wäre eine Spekulation auf die Lebensschwäche des Menschen. Der Schmerz, den wir empfinden in einem solchen Falle, ist voll berechtigt, und der, welcher ihn lindern wollte, rechnete nicht in Wirklichkeit mit den tiefsten Anforderungen des Lebens. So kann es auch nicht die Aufgabe sein in diesem unserem Falle, denjenigen, die von Schmerz ergriffen sind, in diesem Augenblicke diesen Schmerz lindern zu wollen.
Allein etwas anderes ist es, was uns die Worte auf die Zunge preßt, wenn wir einem solchen Ereignisse gegenüberstehen. Wir haben also gesehen, wie der Tod unsere liebe Freundin berührt hat, und wir mußten dann selber von dem Tode dieser Freundin berührt werden. Der Tod des uns nahestehenden Menschen bringt uns, wie er unsere Freundin nahegebracht hat, nahe der geistigen Welt, er bringt uns unter allen Umständen in irgend einer Weise dem Empfinden, dem realen Erfassen der geistigen Welt näher. Denn schon das Allernächste, das Allernaheliegendste, das wir empfinden und erleben müssen dem Tode gegenüber, ist, daß wir uns sagen: Stehen wir dem Menschen im Leben gegenüber, so sind vielleicht viele Bedingungen da, welche unser Gefühl, unsere Empfindungen gegenüber dem Menschen in dieser oder jener Weise so nuancieren, daß sie in einer späteren Zeit leicht wieder anders werden können. — Es sind viele, viele Bedingungen da, die, nachdem wir ein Urteil, ein Urteil des Lebens über einen Menschen uns gebildet haben, da machen, daß wir später dieses Urteil über den Menschen durch das oder jenes, was uns von dem Menschen entgegentritt, wieder ändern. Wir denken vielleicht nicht nach, wie wir eine Änderung in diesem Sinne vornehmen, aber wir ändern so manches. Jeder weiß, der etwas über das Leben nachgedacht hat, und jeder kann es wissen, wenn er nur ein wenig über das Leben nachdenkt: Wir ändern vielfach unsere Empfindungen und Gefühle den Menschen gegenüber und haben auch immer den Glauben, ich möchte sagen, an ein nicht abgeschlossenes Urteil. - Wenn wir dem Leben gegenüber mit einem solchen Urteil stehen, dann drängen sich uns unsere Gedanken über das Wesen eines Menschen, über dasjenige, was wir mit ihm erlebten, an ihm empfunden haben, in die Seele. Wenn wir dem Augenblicke des Todes gegenüberstehen, dann verspüren wir es unwillkürlich, daß dasjenige, was dann sich in unsere Seele drängt, was dann wie ein unwillkürlicher Rückblick auf das Leben, das wir mit dem Menschen gelebt haben, uns erscheint so, daß darinnen etwas ist wie ein Dauerndes, wie etwas, das nun als ein Abschluß in unserer Seele steht, wie etwas, wovon wir nur dann kein unbefriedigtes Gefühl haben, wenn wir wissen: Wir bilden uns diese Gedanken so, daß sie in einer gewissen Weise in unserer Seele bleiben können. — Ja, wir haben schon von vornherein das Gefühl, wir dürfen uns nur solche Urteile und Empfindungen bilden, die in unserer Seele bleiben können und Wurzel fassen können so, daß wir sie behalten können. Wir fühlen dies als eine heilige Verpflichtung gegenüber dem Toten, wir fühlen wie erwachend in unserer Seele eine gewisse Verantwortung, dem Toten gegenüber ganz wahr zu sein, und wir fühlen ferner, wenn wir uns dem Toten gegenüber wissen, daß er nun eigentlich beginnt, uns viel näher zu sein. Wir sagen uns vielleicht nicht, daß er beginnt, uns viel, viel näher zu sein, aber in einer unterbewußten Weise haben wir in unseren Gedanken, in unseren Empfindungen das, daß wir uns danach richten wollen, jetzt dem Menschen näher zu sein, als wir ihm noch im Leben waren.
Im Leben hatten wir das Bewußtsein: Bis in unsere Gedanken herein reicht der Mensch nicht. - Nun, da wir dem toten Menschen gegenüberstehen, erhalten wir das Gefühl, er wächst nach und nach mit dem, was von seinem Wesen aus dem Zeitlichen in das Ewige übergeht, zugleich in unsere Gedanken herein. Wir dürfen, wenn wit nicht wollen, schon durch dasjenige, was wir denken, vor ihm als Lügner zu stehen, nichts Unwahres über ihn denken, wir dürfen nichts über ihn denken, was verfälscht ist für unser eigenes Gefühl durch unsere eigene Empfindung, die ja oftmals von Rankünen und Neid dem Lebenden gegenüber beherrscht sind, ohne daß wir es wissen. So kommen, wenn wir dem sogenannten Toten gegenüberstehen, über uns die Gedanken über das, was wir mit ihm erlebt haben; wir bekommen wie in eine Art Fazit zusammengefaßt, das wir in uns haben unwillkürlich bei dem Bilden der Worte, eine größere Verantwortlichkeit, so daß wir eine größere Verantwottlichkeit fühlen, als das dem Lebenden gegenüber der Fall war. Und auch mit unseren Gefühlen müssen wir in einer gewissen Weise dem Toten gegenüber abschließen. Er steht da, gewissermaßen aus dem Zeitlichen in das Reich des Dauernden, in das Reich des Dauerhaften für uns eingegangen. Er steht so da, daß er für uns nunmehr etwas wird, was unwechselvoll auf uns nun hinblickt. Selbstlos müssen unsere Gefühle dem Toten gegenüber werden, weil wir nun wissen, daß wir die Liebe, die wir ihm entgegenbringen auf dem Erdenplane, nunmehr durch kein irdisches Mittel ausgedrückt bei ihm als Gegenliebe finden können.
Das, meine lieben Freunde, bedeutet viel, viel. Wir treten zu einer Seele, die wir haben lieben gelernt, in ein neues Verhältnis. erman Grimm, von dem ich hier öfter gesprochen habe, war einstmals bei der Bestattung eines Freundes, und als er dann über den Verstorbenen Worte drucken ließ, war innerhalb dieser Worte ein naheliegender, aber außerordentlich bedeutungsvoller Satz. Da sagte Herman Grimm: Was bis dahin wie fernes, lichtes Gewölk nur vor ihm aufgetaucht war, ist nun Wirklichkeit für ihn geworden, und was ihn bis dahin leibhaftig umgab, liegt wie fernes Gewölk unter ihm. - Ein einfacher Satz, aber ein schöner Satz, der das Hineinwachsen eines Menschen in die geistige Welt schön, wenn auch einfach zum Ausdruck bringt. Es bleibt ja gewiß - wenn wir uns auch noch so sehr vertiefen in dasjenige, was uns das Studium der Geisteswissenschaft gibt die geistige Welt ein lichtes, feines Gewölk, und Wirklichkeit wird dieses lichte, feine Gewölk dann, wenn die Wirklichkeit, die uns umgibt, bevor wir in dieses lichte, feine Gewölk eintreten, selber dazugehört zu diesem lichten, feinen Gewölke, wenn uns diese Wirklichkeit nunmehr selber zu einem lichten, feinen Gewölk wird.
Ja, meine lieben Freunde, die Seelen, die durch des Todes Pforte gegangen sind, gehören nun selber zu jenem lichten, feinen Gewölke und nicht mehr zu der Wirklichkeit, aus welcher der Tote hinweggegangen ist. Aber wirklicher und immer wirklicher können wir den Bedürfnissen des Toten entgegenkommen, wenn wir das lichte Gewölk ausfüllen mit dem, was wir im näheren Zusammenhange mit dem Toten erlebt haben.
Meine lieben Freunde, wir reden von den sterblichen, physischen Resten eines Menschen; wir können auch sprechen von jenen Resten eines Menschen, die das Seelische auf Erden zurückläßt. Und dieses Seelische auf Erden wird in Gröberes gebettet, das unsere Herzen, unsere Seelen selber sind, solange wir im irdischen Leibe verkörpert sind. Die Gedankensteine, die Gedankenziegel aus diesem Gröberen sind die Gedanken, die wir durch das Leben mitnehmen von denjenigen, mit denen uns das Leben zusammengeführt hat. Bei einer Persönlichkeit, wie sie unsere Freundin war, können wir vielleicht wir dürfen sagen - für das Erdenleben weiter belebende Gedanken mitnehmen. Ergreifend war die Gesinnung, welche unsere verstorbene Freundin vor ihrem Hingange entwickelte aus ihrer Geistvertrautheit heraus. Denn von Geistvertrautheit muß man bei ihr für ihre letzten Lebensmonate sprechen. Wie ich schon sagte, ergreifend war die Gesinnung. Das, was nun mit ihr geschehen werde, wie sie selber ihr Dasein weiter finden werde im großen Weltenzusammenhange, war durchzogen von einer Grundempfindung insbesondere in den letzten Tagen, als ihr bereits klar war, daß die Waage sehr schwankte zwischen Leben und Tod auf Erden. Eine Grundempfindung ging durch ihre Gesinnung, das war die Empfindung der Ergebung, der Ergebung in dasjenige, was da kommen werde, sei es nun Leben oder Sterben; denn so fest wurzelte die Überzeugung von der die Welt durchwaltenden Weisheit in der vom Leibe sich lösenden Seele bei unserer Freundin, daß sie wußte, wie es auch kommen mag: Alles entspricht dieser die Welt durchwaltenden Weisheit. Alles, wie undurchdringlich es auch für die einzelne menschliche Seele sein mag, muß vor dem Blicke der Geister der höheren Hierarchien ein Richtiges sein. — Diese Empfindung war als eine tief bedeutungsvolle Kraft in der Seele unserer Freundin. Daher konnte sie mit ruhigem, gelassenem Blicke zurückschauen in die Erdenwelt und mit ruhigem, gelassenem Blicke hineinschauen in die geistige Welt.
Indem sie mit ruhigem, gelassenem Blicke hineinschaute in die irdische Welt, bewährte sich die Gesinnung, die sie durch das Leben immer getragen hat, von der ich bei ihrer Bestattung sprechen durfte, die Gesinnung, die man mit den Worten ausdrücken muß: Sie versuchte überall, wo sie konnte, sich selber auszulöschen, um für andere dasjenige zu tun, was diesen anderen Lebensnotwendigkeit war. — So dachte sie in ihren letzten Tagen an ein mögliches Weiterleben auf der Erde nicht als von einem Bedürfnis für ihre eigene Sehnsucht, sondern nur wie von einer Gelegenheit, die dann ihr gegeben sein würde, weiter zu sorgen für diejenigen Menschen, die ihr nahestanden und mit denen zusammen, im engeren Sinne zusammen, sie den Lebenskampf zu führen hatte. Sie dachte nur, wie es anders sein werde, wenn diese Menschen nunmehr ohne sie werden hier leben müssen, wenn sie ihnen nicht mehr Führerin und Helferin wird sein können. Das waren ihre Gedanken; nicht der Gedanke, nicht ein Bedürfnis, selber noch hier auf der Erde zu leben. Sie lebte ja auch früher immer vorzugsweise in dem, was sie für andere tat, und in dem, was sie anderen sein durfte, und so erstanden eben vor ihrem Blicke vor ihrem irdischen Hingang die Bilder derjenigen, die da sein werden und die nunmehr ohne sie den Kampf im Leben werden aufzunehmen haben, die nunmehr ohne sie dastehen werden in diesem Erdenleben, während sie doch so lange das erwärmende, regelnde Licht von ihr erhielten.
Dann wohl kamen in diese Gedanken hinein auch diejenigen des ihr vorangegangenen Sohnes, der mit ihrer Seele in innigem Zusammenhange geblieben war und mit dem sie nur noch inniger verbunden war, seitdem er von seiner irdischen Hülle sich getrennt hat. Und da lebte denn dasjenige in ihr, was so schwer auszusprechen ist, meine lieben Freunde, was gewiß nicht mit einem deutlichen Gedanken vor die Seele unserer Freundin trat, was aber in ihr lebte und die stille, ruhige, Ehrfurcht gebietende Gelassenheit über ihr ganzes Wesen in ihren letzten Tagen ausbreitete, der Gedanke, der da hinschaute von den Lebenden zu den Toten, von den Toten zu den Lebenden, vom Geistigen zum Irdischen, vom Irdischen zum Geistigen und der da wie selbstverständlich zu vereinigen wußte die beiden Welten in eine einzige.
Zu einer solchen Grundempfindung, die ihren Tod so verklärte, hatte sie sich wirklich emporgerungen durch die Art und Weise, wie sie hier auf der Erde gelebt hat. Und vieles, vieles von dem, wie sie gelebt hat, macht sie zum Vorbilde für alle, und wir würden schlecht anwenden dasjenige, was uns an Gefühlen und Empfindungen aus der Wesenheit vom Geiste erblüht, wenn wir nicht auszusprechen wagten bei einer solchen Gelegenheit das, was wir an Menschenwert und Menschenwürde gerade durch die Geisteswissenschaft, durch ihre Vertiefung zu erkennen vermögen dem einzelnen Menschen gegenüber.
Wohl, meine lieben Freunde, weiß ich es, daß die schlichte, innere Größe und die große Bescheidenheit unserer Freundin niemals würde gestattet haben, daß ihr gegenüber ausgesprochen würde das, was auszusprechen während der Zeit ihres Erdenlebens nicht möglich war. Aber das gehört auch zu den Eigentümlichkeiten des Todeserlebnisses bei anderen, dal uns mit Bezug darauf die Zunge gelöst werden darf. Wenn wir uns fragen, wodurch war denn gerade diese unsere Freundin von einer solchen Größe im unmittelbaren ihr Gegenüberstehen? Dann müssen wir sagen, weil unsere Freundin das Leben
versuchte, man könnte sagen, zu durchforschen, um nach Möglichkeit die Schwierigkeiten dieses Lebens bei anderen in selbstverständlicher Art zu beheben. Es war niemals bei ihr die Frage, ob sie, wo sie in der Lage war, zu helfen, eingreifen sollte oder nicht, sondern es war immer gleich die andere Frage vor ihrer Seele: Wie greift man am besten ein, wie lernt man die Bedingungen kennen, um am allerbesten einzugreifen, um das Beste in einer solchen Weise zu tun, daß es auch in der besten Weise den Menschen bekam, auf die es sich beziehen sollte.
Das wußte aus ihrer ursprünglichen, elementaren Güte heraus dieses Frauenherz immer zu finden. Wenn unsere Freundin, Frau Gertrud Noß, Menschen gegenüberstand, mit denen sie es im Leben zu tun hatte, dann kam es ihr niemals darauf an, diesen Menschen das Allergeringste, was sie für sie oder im Zusammenhange mit ihnen zu tun hatte, so zu machen, daß sie daran dachte, den Menschen irgend etwas aufzudrängen oder gegen die Natur dieser Menschen in irgend einer Weise zu handeln. Darinnen war sie geradezu in einer wunderbaren Weise vorbildlich.
Wir sehen, meine lieben Freunde, im Leben so viele Naturen, die vor allen Dingen darauf bedacht sind, die Menschen, denen sie begegnen, anders zu machen, den Menschen, denen sie begegnen, etwas beibringen zu wollen, was diese Menschen anders machen soll. Wir sehen so viele Menschen, die da sagen: Wie kann ich diesem oder jenem Menschen helfen? - Und sie haben dabei eigentlich nur im Auge, wie sie sich selber helfen können, weil sie nicht leiden können, daß dieser oder jener Mensch anders ist als sie. Von dieser Art war unsere Freundin, Frau Gertrud Noß, nie. Niemals hatte sie das Verlangen, irgend einen Menschen anders machen zu wollen, als er ist, niemals hatte sie das Verlangen, die Schwierigkeiten, die im Verhältnisse mit den Menschen entstehen, dadurch zu verringern, daß man erst den Menschen anders machen will, als er ist, bevor man mit ihm in eine Lebensbeziehung tritt. Sie wußte aus ihrer ursprünglichen Lebensweisheit heraus viel zu gut, wie wenig, wie wenig man im Leben an den Menschen eigentlich ändern kann. Sie wußte aber auch und sie empfand es mit einem sicheren Instinkte, daß dennoch die Menschen zu ändern sind, und daß sie sich am allermeisten dann ändern, wenn man sie nicht ändern will, aber im entsprechenden Augenblicke das tut, was man in diesem Augenblicke für die Menschen als das Richtige empfindet. Wenn wir erst unsere Hilfsmöglichkeit für die Menschen umwandeln in Taten, in eine solche Tat, die dem Menschen in diesem Augenblicke entspricht, in dem wir ihm entgegentreten, ohne daß wir ihn in diesem Augenblicke ändern wollen, wenn wir alles so tun, daß wir den Menschen lassen, wie er ist, und das Richtige tun, vielleicht dasjenige, was wir selber nicht wollen, aber was er will, tun, dann werden die Taten, die wir also im Lebenszusammenhange verrichten, auch zu Ursachen für die anderen Menschen nach gewissen Richtungen hin. Das ist gemeint, wenn gesagt wird: Wir tragen am meisten zur Veränderung der Menschen, die etwa nach unserem Urteile geändert werden sollen, bei, wenn wir sie gar nicht ändern wollen, sondern wenn wir im richtigen Augenblicke das Richtige tun.
Meine lieben Freunde, wenn ich selber im Leben oftmals unserer Freundin Gertrud Noß gegenüberstand, dann tauchte mir ein Gedanke auf, den ich gerade gegenüber dieser Frau wie eine Selbstverständlichkeit empfand. Sie finden in dem Buche, in dem ich zusammengefaßt habe das, was ich bis in die neunziger Jahre an Gedankenformen durch mein Lebensforschen gewonnen hatte — ich meine die «Philosophie der Freiheit» — ein Kapitel, das handelt über den Takt des Lebens, über den Übergang desjenigen, was unsere Moral, unsere ethischen Prinzipien sind, in dasjenige im Leben, was in selbstverständlicher Weise sich ausspricht als der Lebenstakt, wo in dem Menschen wie eine Gewohnheit zutage tritt das, was seine Lebensbeziehungen regelt zu anderen Menschen, wo es selbstverständlich geworden ist für den Menschen, was er in dieser oder jener Lage des Lebens tun soll, so daß er nicht nachzudenken braucht, warum er dieses oder jenes tun soll, und es doch so tut, daß es richtig wird im Leben. Das muß immer wieder und wieder den Glauben der Menschen an das Leben stärken, daß es Menschen gibt, die einen solchen Lebenstakt haben, die, ich möchte sagen, in kurzer Weise immer dasjenige wissen, was im Leben notwendig ist, die moralischen Takt, Lebenstakt haben. Das ist dasjenige, was wie eine Prägung über das ganze Wesen unserer Freundin ausgebreitet in ihm abgedrückt war, so daß man sagen konnte, man schaute in Gertrud Noß vieles, was Glaube an Lebenswerte und Lebensgehalt erwecken kann, wenn man ihr unbefangen entgegentrat. Diejenigen Menschen lassen am allermeisten jene Quellen erströmen, die den Lebensglauben erwecken, welche die Gewißheit in sich erstrahlen lassen, daß sie in dem, was sie tun, nichts Hinterhältiges haben können, und es gehört wirklich ein nicht ganz gerader Sinn dazu, an Gertrud Noß, wenn sie einem entgegentrat, nicht ohne weiteres zu sehen, daß dasjenige, was sie über die Oberfläche ihres Tuns und Handelns ausgoß, aus dem Allerinnersten ihrer Seele zugleich kam; sie hatte die Gabe, in jedes Wort und in jeden Blick hineinzulegen: Seele. Und schöne Seelenhaftigkeit drückte sich aus in ihrem Tun und auch in allen ihren Beziehungen, die sie zu begründen hatte mit den Menschen. Das gibt dann im Umgange mit solchen Menschen denjenigen, die solchen Menschen nahekommen dürfen, Sicherheit, Lebenssicherheit. Wo hätte bei denjenigen, die geraden Sinnes sind, wenn sie Gertrud Noß nahegekommen sind, der Gedanke, die Empfindung auftauchen können: Du bist unsicher über die Empfindungen, die dir diese Frau entgegenbringt? - Nun, sie machen einen sicher, daß dasjenige, was sie im Augenblicke geben, auch für alle folgenden Augenblicke des Lebens tief begründet ist, sie machen einen sicher darüber, daß man, wenn man mit ihrer Seele einmal verbunden sein kann, von ihrer Seele auch niemals wiederum verlassen sein könnte. Der Umgang mit solchen Menschen und die Anknüpfung von Lebensverhältnissen mit solchen Menschen gibt dem Leben Sicherheit, jene Sicherheit, die das Leben braucht, und diese Sicherheit entstand auch dann, wenn man Gertrud Noß in den heiligsten Angelegenheiten ihres Lebens gegenüberstand. Ich habe schon gestern zu erwähnen gehabt, wie sie nicht aus blindem Glauben und: leichten Herzens in unsere Geistesbewegung hereingekommen ist, wie sie vielleicht sogar von den ersten Eindrücken, die von unserer geistigen Bewegung ausgegangen sind ihr gegenüber, abgestoßen war, wie sie aber dann in diese geistige Bewegung hineinwuchs, und aus dem, wie sie so hineinwuchs und wie wir sie innerhalb derselben kennen lernten, dürfen wir wiederum jene Lebenssicherheit haben, die wir auch in unserer geistigen Bewegung brauchen und die wir in unserer Geistesbewegung müssen zu schätzen wissen. Sie besteht darinnen, daß der Mensch in einer natürlichen, elementaren Weise mit der geistigen Welt verbunden ist und nicht in einer sentimentalisch-egoistischen Weise. Gertrud Noß wird niemals denjenigen, die unsere Lehre zunächst nicht anzieht, diese Lehre in irgend einer äußeren Weise haben aufdrängen wollen. Gertrud Noß hat gewußt, über unsere Lehre zu reden, wenn es richtig war, und sie hat gewußt, über unsere Lehre zu schweigen, wenn es richtig war. Das ist auch der schöne, richtige Lebenstakt.
Und wenn wir nun darauf hinblicken, was sowohl diejenigen, die innig und eng mit unserer Freundin im Leben verbunden waren, die ihr die Nächststehenden waren, und was jene mit uns, die wir durch eine gemeinsame Weltanschauung in einem Verhältnis zu ihr standen, verband, wenn wir auf das blicken, so kommt uns zunächst vor allen Dingen ein Gedanke nahe, der uns naheliegen kann: Das Schmerzliche, das in dem Tode von Frau Gertrud Noß liegt.
In einem frühen Lebensalter ist diese Frau von uns gegangen. Sie gehörte also zu jenen, bei denen uns der Gedanke nahetritt: Was wäre noch alles möglich gewesen an Lebensgemeinschaft zu entwickeln, wenn wir länger hätten in das sonnige Auge schauen dürfen, wenn wir länger den sonnigen Umgang hätten genießen können, wenn wir länger hätten mit ihr zusammenhängen können hier in diesem Erdenleben. - Sie gehört gewissermaßen zu den Frühverstorbenen. Wenn wir sie so kennen, wie wir sie kennen lernen konnten, dann sagen wir uns: So wie sie immer abgeklärter und abgeklärter zweifellos geworden wäre, hätte sie vieles, vieles zum inneren Wohle derjenigen, mit denen sie verbunden war, noch während dieses Erdenlebens machen, tun können. Aber so ging sie von uns, und wir gedenken denn im Sinne unserer Lehre, wie sich anschließt an dieses Erdenleben das Leben in den geistigen Welten. Wir gedenken auch, wie ein jegliches Erdenleben in der Art, wie es zugebracht ist, die Vorbereitung ist für die künftigen Erdenleben. Und nunmehr fragen wir uns: Wie war es um das Gemüt dieser unserer lieben Freundin mit Bezug auf einen der Lebensnerven unserer Lehre, mit Bezug auf die wiederholten Erdenleben?
Ich kann mir denken, daß es viele Menschen geben kann, die aus einer gewissen Eitelkeit heraus den Glauben hegen konnten, sie stünden der Lehre von den wiederholten Erdenleben näher, als Gertrud Noß ihr gestanden hat, weil sie sich viel, viel gerade im Hinblick auf das eigene Leben beschäftigten mit dieser Lehre. Ich glaube, sagen zu dürfen, daß für unsere Freundin Gertrud Noß nichts, nichts ferner gelegen hatte, als an sich selbst zu denken. Bei dem Gedanken der wiederholten Erdenleben sich für diese oder jene Verkörperung, für diese oder jene historische Persönlichkeit zu halten und zu gleicher Zeit an Gertrud Noß zu denken - es ist unmöglich. Und warum? Es ist unmöglich aus dem Grunde, weil unserer Freundin diese Lehre viel zu heilig war, um sie unmittelbar mit ihrem eigenen Leben zu verknüpfen. Und darinnen zeigt sich mir die innige Vertrautheit mit dem geistigen Leben mehr, als an einem Hinunterzerren dieser uns heiligen Lehre in das persönliche Leben. Ein feierliches Empfinden gegenüber der geistigen Welt hatte unsere Freundin im allerhöchsten Sinne, jenes feierliche Empfinden, dem gegenüber man sicher sein konnte, daß auch im innersten Herzen niemals mit der Anschauung von der geistigen Welt Mißbrauch getrieben werden könne. Daß in den Bereich persönlicher Phantastik Gertrud Noß jemals herunterziehen könnte das, was uns heilig ist, das zu denken, war durch den Charakter und das edle Wesen dieser Freundin ausgeschlossen, und das mußte auch jeder, der in ihre Nähe kam, für ausgeschlossen halten. Datinnen offenbarte sich eine große Sicherheit mit Bezug auf den Umgang mit unserer Freundin, Gertrud Noß.
Das war ihre Treue zu dem, was sie gefunden hatte innerhalb unserer geistigen Bewegung. Sie gehörte zu denjenigen, die eine Bereicherung sind unserer geistigen Bewegung, die etwas in sie hineinzubringen haben an sicherer, innerer Haltung der Seele, an, wie ich schon gestern sagte, geradem, innerem Wahrheitssinn. Sie wußte und hörte niemals auf zu wissen, daß, solange der Mensch im physischen Leibe verkörpert ist, er seine Lebenspflichten im irdischen Leibe zu verrichten hat, daß er diesem Leben der Erde nicht fremd werden dürfe. Und so verlor sie niemals den Boden unter den Füßen, so gehörte sie niemals zu denjenigen, die hier auf der Erde in den Sternen leben wollen und dann, weil sie die Bedingungen des Erdenlebens nicht achten, in alles mögliche hineinkommen, wozu gerade eine geistige Weltanschauung niemals führen sollte. So war dasjenige, was Gertrud Noß in unsere Bewegung hineinbrachte, vor allen Dingen ein gesundes, ein herzhaftes, gesundes Seelenleben. Und in dieser Beziehung ist sie vorbildlich, vorbildlich zweifellos für viele.
Meine lieben Freunde, wir lernen nicht nur von denjenigen, die mit Worten der Lehre zu uns sprechen, wir lernen viel mehr noch, wenn wir uns selber machen müssen zu Lernenden. Von Gertrud Noß konnte man viel lernen, wenn man nur lernbegierig war, denn das Leben selber ist noch ein größerer Lehrmeister als jedes Wort und jede Lehre. Aber das Leben spricht bescheiden, spricht so, daß man erst das Seelenohr geeignet machen muß, um damit hören zu können. Der Umgang mit Frau Gertrud Noß war eine Lehre, eine tiefe Lehre. Und unter dem mancherlei, an das uns der Tod dieser edlen Frau so erinnern soll, daß es uns bleibend ist, ist auch das, daß wir nicht vorübergehen sollen an den Gelegenheiten, wo das Leben unser Lehrmeister werden kann. Man spricht oftmals vom Ausgleich im Leben. Aber man hat es in unseren heutigen Zeiten verlernt, diesen Ausgleich des Lebens in einer.richtigen Weise zu empfinden. Sehen Sie, wenn wir entgegentreten demjenigen, was auf der Wiese wächst, dann werden wir es als selbstverständlich empfinden, die schöne Blume zu unterscheiden von einer minderschönen Blume, ohne dabei der minderschönen Blume eine Schuld geben zu wollen, daß sie nicht die schönere Blume sei, weil wir in der Schönheit der Blume nicht nur den Ausdruck dessen sehen, was unmittelbar vor uns ist, sondern den Ausdruck des göttlich-geistigen Wirkens. Wir müssen uns wirklich hindurchringen zu der Anschauung, daß es göttlich-geistiges Wirken ist, wenn in einem Menschen so viel schönes Wirken zum Ausdruck kommt, wie es in unserer Freundin zum Ausdruck gekommen ist. Wir müssen wieder den Begriff uns bilden lernen von göttlich begnadeten Menschen.
Ja, meine lieben Freunde, und dann kommt der Gedanke des Aus gleichs, dann dürfen wir uns wohl auch, wenn solche Menschen durch die Todespforte gegangen sind, Gedanken machen darüber, wie der Ausgleich gerade in einem solchen Falle wird, und da schen wir, wie unsere Freundin, die frühzeitig durch die irdische Todespforte gegangen ist, ein irdisches Leben hinter sich hat, das uns gerade dann, wenn wir von wiederholten Erdenleben sprechen, so berührt, daß wir sagen: Es war verflossen dieses Leben so, daß derjenige, der mit diesem Leben begnadet war, vieles, vieles von dem ihm beigefügt hat, was in ein späteres Leben groß und schön zur weiteren Erdenentwickelung wird hinübergetragen werden können.
Und wie könnte uns denn entgehen der Gedanke von der göttlichgeistigen wirklichen Weisheit der Welt, wenn wir bei dieser göttlichgeistigen Weisheit entstehen sehen auf der einen Seite Menschen, die uns erscheinen mit Göttlichem begnadet, und auf der anderen Seite Menschen, die uns zeigen, wie sie gerade dadurch die Mühe und Arbeit des Lebens auf sich nehmen und alle Möglichkeiten suchen, wie sie im Leben nützen, wie sie Lebenskräfte schaffen können. Und wie sehen wir da, wie wir gerade am intensivsten, ich möchte sagen, in solcher Menschen Arbeit die Bedeutung des einen Erdenlebens für die folgenden in der Realität erkennen können. In dem, was sie tat, wie sie es tat, sprach sich bei Frau Gertrud Noß das aus, wie sie den Zusammenhang des jetzigen Erdenlebens mit dem folgenden dachte und empfand. Und das ist das gesunde, das feste Darinnenstehen im Leben und zu gleicher Zeit in der geistigen Anschauung. Das ist es auch, was mich zwang, die Worte auszusprechen bei der Feuerbestattung von Frau Gertrud Noß, daß die Spuren, die sie eingegraben hat in unsere Bewegung hier während des Erdenlebens, so lange nicht werden verlöschen können innerhalb unserer Bewegung, wie diese Bewegung selbst besteht. Und so wie wir, als unser lieber Fritz Mitscher starb, daran dachten, wie er uns in seiner Vergeistigung ein Helfer ist, so denken wir es auch jetzt, so denken wir, wird die beste Hilfskraft für unsere geistige Bewegung uns dann erstehen, wenn solche Seelenwesen uns verbunden werden, wie Gertrud Noß eines war. Und wenn uns einmal der Gedanke auftauchen sollte, daß unsere Bewegung doch vielleicht auf Irrtum, auf Verirrung beruhen könnte, dann kann uns immer wieder und wieder das trösten, daß Seelen von solcher Gesundheit, von solcher Geradheit, von solchem Wahrheitssinn mit unserer Bewegung sich verbinden wollten, wie Gertrud Noß es war. Und so bleiben wir, wollen wir bleiben verbunden, innig, innig verbunden mit ihr. Daß ihr Verlust im Erdenleben uns tief schmerzlich ist, daß wir uns nicht darüber trösten wollen, das wollen wir uns nur gestehen. Aber gestehen wollen wir uns auch, daß wir würdig werden wollen, solche Seelen unter uns zu haben, die eine solche Sicherheit für das ganze Menschenleben geben können.
Nicht mehr werden wir in ihre lieben Augen schauen können, nicht mehr werden wir ihr wunderbar menschliches Entgegenkommen vor unseren physischen Augen haben, aber verbunden bleiben wir ihr mit unserer Seele, weil wir die Sicherheit haben, daß wir uns mit ihr so zusammengefunden haben, daß wir ihr gegenüberstehen so, daß sie uns nicht verlassen wird. Und das wird für uns eine wichtige, eine wesentliche, eine bedeutende Sache sein.
Bitten möchte ich diejenigen, die wenn auch nur als die beiden Repräsentanten derjenigen, die im Leben auch sonst noch außer unserer Bewegung nahegestanden haben, nächstgestanden haben unserer Frau Gertrud Noß, die beiden ihr Verwandten und heute unter uns Befindlichen, bitten möchte ich sie zu wissen, daß die Vereinigung des Geistes, die Gertrud Noß aufgesucht hat, dieser unserer Freundin Liebe und Treue bewahren werde, Liebe und Treue immer entgegenbringen werde, daß wir mit ihnen an ihr hängen, insofern wir sie erkannt haben. Dieses bitte ich, uns, die wir Gertrud Noß kennen gelernt haben, zu glauben. Und wenn Schmerz, der auch in diesem Falle nicht durch leichten Trost kuriert werden soll, dadurch erfahren werden muß, daß wir in der physischen Nähe eines geliebten Menschen, in der wir so gerne weiter gelebt haben würden, nicht mehr leben können, wenn ein solcher Schmerz, der so tief berechtigt ist im Leben, dadurch gelindert werden kann, daß er mitgetragen wird, dann bitte ich diejenigen, die unserer lieben Frau Gertrud Noß so nahegestanden, zu glauben, daß sie Mittragende dieses Schmerzes, Mittragende dieses Leides finden werden, daß sie nicht. allein stehen werden in der Menschheit mit ihrem Leide. Aus dieser Gesinnung heraus, meine lieben Freunde, beginnen wir jene Gedanken anzuknüpfen, die sich uns selbstverständlich ergeben haben im Leben, die, wenn wir Gertrud Noß nahegestanden haben, in unserer Seele sind und in unserer Seele weiterleben sollen. Noch einmal lassen wir die Gedanken durch unsere Seele ziehen, die ich gestern unseren Seelen nahebringen mußte, als wir vor den irdischen Resten unserer innig geliebten Freundin standen und ihre schöne Seele in die geistige Welt aufsteigen sahen. Ist es uns doch wohl allen, wenn wir eine solche Seele in die geistige Welt aufsteigen sehen, etwa so, wie es Friedrich Rückert war, als er die Gedanken hinlenkte auf die Seele jener, die ihm im Tode vorangegangen war. Da hat Friedrich Rückert, der so vieles gerade an Empfindungen und Gefühlen aus der geistigen Welt heraus geschöpft und gestaltet hat, einen wunderschönen Gedanken geäußert, und der Gedanke tauchte vor mir auf, als ich so denken mußte, wie das Himmlisch-Geistige dieser Frau sich verband zu gnadedurchwirktem Erdendasein mit einem physischen Leibe, mit einem physischen Menschenleben, durch das sie vielen zum Glücke ward. Dieses Zusammensein des Geistigen mit dem Physischen, es konnte vor die Seele treten so, wie es etwa einem auch durchgeistigten Menschen wie Rückert vor die Seele getreten ist, als er den Gedanken hinlenken mußte an seine im Tode vorangegangene Frau:
Es träumte mir, ich steh als eine Rebe
In eines Grabes Boden eingesenket,
Die Wurzel sei dem Grunde zugelenket,
Indes die Krone nach dem Himmel strebe. Und aus dem Grabe durch die Wurzel hebe
Der Lebenssaft sich, der die Rebe tränket,
Der, durch der Rebe Augen ausgeschenket,
Zu festen Tränen werdend, Trauben gebe. Dann fliege aus vom Himmel eine Taube,
Und von des tränenträchtigen Weinstocks Stengel
Entpflücke sie die beerenreiche Traube
Und trage sie hinauf, da wo ein Engel
Sie lächelnd abnimmt und in Edens Laube
Die Tränen zählet aus dem Land der Mängel.
So fühlten wir auch, wie eine geistige Taube sich vereinigen unserer Freundin Seele mit dem Leben, und so fühlen wir, wie hinaufträgt diese Geistestaube die Geisteskeime, die sie auf Erden gepflanzt hat, wo ein Engel sie lächelnd abnimmt und in Edens Laube die Tränen zählt aus dem Land der Mängel.
So lassen Sie uns, meine lieben Freunde, anknüpfen an dasjenige, was wir aus dem Leben dieser Frau uns zu eigen gemacht haben, an die Gedanken, daß wir ihr Treue bewahren werden in treuer Geistesverbindung mit ihr.
Ein heller Menschenstern
Verglomm dem Erdenschauen;
Er wird im Geistesglanze
Den Seelenaugen strahlen,
Die seines Lichtes Schönheit
Als Lebens-Glückesgabe fühlten. Wann strahlte uns am hellsten
Aus Deinem Treu-erfüllten Herzen
Das freudige Lebenssternenlicht? —
Wenn Freude Du erschufest
Den Seelen, die der Freude
Bedürftig Du erfandest. Wann fühlte Deine stille
Von Güte leuchtende Menschengröße
Des Lebens schönstes Glück?
Wenn Dir gelang, des Glückes
Erwarmend Licht zu wecken
Auf andrer Menschen Lebenspfaden. So warst Du selber Glück
Den Seelen, die vom Schicksal
Im Lebenskampfe Dir verbunden.
Du trugest edler Liebe Kraft
Im Blicke und im Worte,
Im Schaffen und im Denken. Wer Dich in voller Lebenskraft
In Deinem Wert erkannte,
Dem ward an Dir geoffenbart,
Wie güt’ge Kraft und Wahrheitsinn
Aus Herzens- und aus Seelengründen
In Menschenwesen sich verkörpern. Wer Deiner Seele Lösung
Von Körper-Sein und -Form,
In heil’ger Ehrfurcht folgte,
Dem ward durch Dich erwiesen,
Wie Seelen sich im Geiste finden,
Die geisterstrebend leben wollten. Du blickst auf unsre Trauer;
Wir fühlen Deines Blickes Milde;
Wir fühlen Deiner Seele Kraft;
Wir brauchen Trost im Leide:
Du selber tröstest uns
Mit liebevollem Geisteswort. Wir sind gewiß, daß Du ferne-nah,
Vereint mit Deines Sohnes Kraft,
Der in des Geistes lichten Höhen
Entgegen Dir nun wandelt,
Uns unverloren leuchten wirst,
Ein andrer Seelenstern im Geistbereich.