Our Dead
GA 261 — 26 December 1915, Dornach
Gedenkworte Für Sophie Stinde
Als ich das letzte Mal hier von diesem Orte zu Ihnen sprach, war noch unter uns diejenige Persönlichkeit, die mit am innigsten verbunden ist mit diesem unserem Bau: unsere liebe Sophie Stinde.
Sie haben hier des großen, schmerzlichen Verlustes gedacht, und in der Zeit, als Sophie Stindes Seele von uns ging, in Ihren eigenen Seelen jene Empfindungen wachgerufen, welche aus der tiefen, innigen Verbindung hervorgingen, die in bezug auf unsere geistige Arbeit zwischen Ihren Seelen und Sophie Stindes Seele bestanden hat. Dennoch kann ich diese Vorträge hier, meine lieben Freunde, nicht wieder aufnehmen, ohne des so tief in unser Leben einschneidenden Hinwegganges der Seele Sophie Stindes vom physischen Plane zu gedenken. Es brauchen nur wenige Worte zu sein, denn vieles, vieles sprechen unsere Seelen, eines jeden Seele zu uns, gerade wenn wir an die von uns gegangene Seele denken, und je reichlicher, je umfänglicher vielleicht dasjenige ist, was gerade an diesem Orte jede Seele sich selber sagen muß, desto kürzer darf das sein, was mit äußeren physischen Worten ausgesprochen wird.
Meine lieben Freunde, durch viele Jahre waren wir hier in der physischen Welt treulich verbunden mit dieser von uns gegangenen Seele auf eine Art, von der wir sagen dürfen, im höchsten Sinne des Wortes sagen dürfen: Sie war uns und galt uns vorbildlich. - Denn die Art und Weise, wie sich Fräulein Stinde in unsere geistige Bestrebung hineingestellt hat, ist so, daß sie zusammenhängt mit dem tiefsten, innersten Seelenimpulse dieser Persönlichkeit, mit dem in dieser Persönlichkeit, was innerhalb dieser Inkarnation ihren wesentlichen Daseinscharakter ausmacht.
Es war erst kurze Zeit, da wir die Arbeit innerhalb Mitteleuropas begonnen hatten, und es handelte sich darum, diese Arbeit an verschiedenen Orten heimisch zu machen. In dem Hause Fräulein Stindes und ihrer lieben Freundin, Gräfin Kalckreuth, war es für München möglich, daß ich gewissermaßen die ersten intimen Worte zu einer Gemeinde sprechen konnte, die damals diese Worte aufnehmen wollte. Und von jenem Zeitpunkte an war Fräulein Stinde aus der ganz reichen Fülle ihres schönen Wollens heraus mit dieser unserer Arbeit, war in einem Sinne mit unserer Arbeit, wie ihn unsere Arbeit braucht.
Denn zweierlei müssen wir unterscheiden. Dasjenige, was der Inhalt ist unserer Arbeit, er muß aus der geistigen Welt herausgeholt werden, er muß, wenn die Erde an ihr Ziel kommen soll, zu dem gehören, was im Laufe der künftigen Erdenzeiten in die geistige Menschheitsentwickelung einfließt. Das ist es, was uns in aller Demut vor der Seele stehen muß. Von diesem Inhalte kann man in unserer Gegenwart überzeugt sein, man kann ihn auch ablehnen. Das ist eine Sache, von der man sagen kann, sie gehört zu etwas, was vielleicht schon jetzt, aber jedenfalls einmal, in die geistige Menschheitsentwickelung einfließen wird, wenn auch unsere Bestrebungen, wie sie in der Gegenwart von uns versucht werden, an dem Widerstande der für unsere Sache zu schwachen Seelen scheitern sollten.
Etwas anderes aber ist innerhalb unserer Gesellschaft die Arbeit in dem Kreise, der sich mit uns bestrebt, dasjenige, was den geistigen Inhalt unserer Weltanschauung betrifft, in das geistige Gut der Menschheit jetzt hineinzuarbeiten, diesen Inhalt an die Seelen, an die Herzen derjenigen Menschen heranzubringen, die seiner bedürfen. Da gibt es keine Möglichkeit zu sagen: Wenn nicht jetzt, so später. — Da gibt es nur die eine Möglichkeit, mit ganzer ungeteilter Seele sich einzusetzen. Und wer sich also einsetzt, wer zugleich alles dasjenige, was er hat und tun kann, so in den Dienst der Sache setzt, als ob diese Arbeit zu dem Notwendigsten gehörte, was ihm im Leben obliegt, von dem dürfen wir sagen, daß er den ganzen vollen Sinn dessen begriffen hat, wie durch einen Kreis, der gesellschaftlich organisiert ist, unsere Arbeit in die Geisteskultur der Welt einfließen soll.
Für das Erste, für den Inhalt unserer Weltanschauung, bedarf es keines guten Willens der Menschen, da bedarf es nur des inneren Wahrheitscharakters der Sache. Aber allerdings ist damit verbunden, daß unter Umständen die Sache mißglücken kann, und die Zeit ferner liegen kann, in welcher dieser Inhalt der geistigen Kultur der Menschheit sich einverleiben kann. Da gibt es nichts als Verstehen des Inhaltes, nichts als Erkennenlernen, da braucht nicht gesprochen zu werden von Vertrauen, von dieser oder jener Artung des Willens, da braucht nur gesprochen zu werden von der inneren Wahrheit der Sache.
Anders ist es, wenn wir auf das Instrument sehen, durch welches dieser geistige Inhalt in die Welt hineinkommen soll. Das hat nichts zu tun mit dem Wahrheitsgehalt unserer Weltanschauung. Aber in dasjenige, was wie in einem notwendigen Strome der Entwickelung in der Gegenwart hintragen muß diese Wahrheit, in dem Vertrauen, das gegenseitig die Seelen der Mitglieder zu einander haben, muß hineinragen der gute Wille, der mit der Wärme und dem Lichte der Sache verbundene gute Wille.
Da kommt dann für diejenigen, die gewissermaßen an einem besonderen Platze zu arbeiten haben, mancherlei in Betracht. Das Erste ist, daß sie den guten Willen haben, zusammenzutragen das, was ihnen Karma in dieser Inkarnation bis zu dem Momente gebracht hat, wo sie durch die Pforte unserer geistigen Bestrebungen in unser gewissermaßen geistiges Haus treten, daß sie alles das, was sich ihnen da in der gegenwärtigen Inkarnation geboten hat, umzuformen, umzuwandeln wissen, um es in den Dienst unserer Sache zu bringen. Der eine wird dieses, der andere jenes herantragen; der eine war tüchtig, als er herankam, in dem, der andere in jenem. Es gibt keinen Weg im Leben der gegenwärtigen Menschheit, der nicht also führen würde, wie wenn er käme von den Enden eines Kreises und doch führen würde in den Mittelpunkt hinein: dahin, wo das Tor zu jenem Hause steht.
So war Fräulein Stinde. Und sie hatte Wichtiges, Wesentliches herzutragen, und sie hatte guten Willen, besten Willen, heranzutragen durch unser Tor dasjenige, was ihr mit dieser Inkarnation geworden ist. Unter dem mancherlei, dessen wir gedenken dürfen in diesen Tagen der Weihnachtszeit, steht vor allen Dingen der Welt Erdenwahrspruch vor unserer Seele:
Offenbarung von göttlichen Kräften in den Höhen
Und Friede den Erdenmenschen,
Die eines guten Willens sind.
Ja, eines guten Willens war diese Seele. Sie hatte ein Lebensziel, als sie zu uns kam, dieses Lebensziel war umschlossen von ihrer künstlerischen Bestrebsamkeit. Ein inniger künstlerischer Sinn lebte in ihrer Seele und drückte sich aus für alle, welche kennen lernten das, was gerade diese Seele auf dem Gebiete der Kunst versucht und geschaffen hat, durch die innige Art, wie sie künstlerisch sich betätigte. Das aber war von unendlichem Werte, daß sie solches heranbringen konnte durch das Tor zu unserem geistigen Hause. Denn dasjenige, was in der künstlerischen Phantasie blüht, findet den Weg vielleicht leichter, als von manchem anderen Ausgangspunkte aus, zu dem, was aus den Welten der Imagination herunter an geistigen Geheimnissen geholt werden muß. Und was erleben konnte, was sich diese Seele erwerben konnte aus der Kunst heraus, sie brachte es uns.
Nur dadurch war es möglich, jenen Willen zu entfalten, der dann sich ausbreitet und viele ergreift, jenen Willen zur Entwickelung, der seinen Ausdruck findet in diesem unserem Bau. Zu den allerersten, denen der Gedanke an diesen unseren Bau aufgegangen ist, gehörte Sophie Stinde, und man kann das Gefühl haben, daß wir kaum die Möglichkeit gefunden hätten, aus unseren Münchner MysterienGedanken heraus den Weg zu diesem Bau zu finden, wenn ihr starker Wille nicht am Ausgangspunkte des Gedankens dieses Baues gestanden hätte.
Ein Zweites, meine lieben Freunde, darf uns vor die Seele treten, wenn wir Sophie Stindes Seele sehen, was innig mit dem Wirken und Leben in unserer Gesellschaft zusammenhängt: ihr Vertrauen. Innerhalb des Zweiten also, innerhalb dessen, wo Vertrauen notwendig ist, weil Miteinanderarbeit notwendig ist, kann uns Fräulein Stinde vorbildlich sein. Und wo Miteinanderarbeit notwendig ist, ist gegenseitiges Vertrauen notwendig, ganz unabhängig von der Lehre und der Weltanschauung, zu denen das Wahrheitsstreben und das Erkenntnisstreben gehört und nicht etwa Vertrauen. Aber zum Zusammenarbeiten gehört Vertrauen,
Ja, an Sophie Stindes Art konnten diejenigen, die mit ihr zusammen zu arbeiten wußten, erkennen lernen, welche besondere Art des Vertrauens gerade das Zusammenarbeiten auf unserem Gebiete nötig macht. Ich möchte ein Wort dabei sagen, von dem ich wünschte, daß es sich in viele Seelen so einschreibt, daß sie es ganz verstehen möchten: Im Zusammenarbeiten nach einem gewissen Ziele hin, nach einem Ziele, das sich oftmals nach längerer Zeit erst der äußeren Welt mitteilen kann, das erst nach längerer Zeit in der äußeren Welt dastehen kann, ist es nötig, daß man miteinander arbeitet nach einem solchen Ziele, das man nicht vor die anderen hinstellen kann, sondern das sich entwickeln will. Menschen müssen miteinander arbeiten, die zueinander Vertrauen fassen können, daß sie miteinander arbeiten wollen, auch wenn man nicht programmäßig abstrakt, theoretisch mit ein paar Sätzen das Ziel vor Augen hinstellen kann, sondern auch dann, wenn man in lebendiger Arbeit lebendige Seelenglut erreichen kann. Vertrauen nicht in Arbeit, nicht in Theorien, Vertrauen in Seelen, von denen man fühlt und erlebt, man werde mit ihnen das erreichen, was erreicht werden soll, wenn man es auch noch nicht in der äußeren Welt feststellen kann, denn in der Entwickelung selber wird sich das zeigen. Wissen muß man, mit Menschen hat man es zu tun, die also nicht allein dieses Tiefere, nicht auf äußerlich Formulierbares sich gründende Vertrauen zu erfassen vermögen, sondern zu erfassen vermögen das Miteinanderleben der Seelen, die miteinander gehen wollen, auch wenn sie das Ziel nicht wissen. Dieses Ziel wird das rechte sein. Das heißt: im lebendigen Kern mit der Arbeit verbunden sein; das heißt: in diesem Lebenskern erleben die Arbeitstreue; das heißt: selbstlos mit der Arbeit verbunden sein.
Wir werden miteinander einverstanden sein vielleicht erst in demjenigen, was wir in Jahren vor uns haben werden, was wir jetzt verderben würden, wenn wir es schon äußerlich formuliert vor uns hinstellen wollten: das muß man einander sagen können, wenn man in einem solchen Zusammenhange Vertrauen hat, wie unser Zusammenhang einer sein soll. Daß ein solches Vertrauen vorhanden war zwischen ihnen und Sophie Stinde, wußten diejenigen, die Sophie Stinde wirklich kennen lernten in dieser Beziehung.
So ist vor allen Dingen der Gedanke, wenn wir über sie nachdenken: weil wir wissen, wie sie in der Seele bei uns ist, weil wir wissen, wie sie zu denjenigen Seelen gehört, die, nachdem sie durch das Todestor geschritten sind, mit all den Machtmitteln, die ihren Seelen dann zur Verfügung stehen und die die Blüte desjenigen sind, was sich die Seelen hier in der Erdeninkarnation angeeignet haben, in unserer Mitte arbeiten.
Ihr Platz in der äußeren physischen Welt wird künftig leer sein. Aber von diesem Platze wird ausgehen für diejenigen, die sie haben verstehen gelernt, der Gedanke der vorbildlichen, hingebungsvollen, opfersinnigen Arbeit innerhalb unserer Reihen. Und dieser Gedanke muß insbesondere leben in den Räumen, über denen sich die Doppelkuppel wölbt, in den Räumen, in denen als ihrem Mit-Werke Sophie Stindes Seele während dieser Erdeninkarnation schon wirkte. Wird es doch, wenn wir in richtigem Sinne unser Verhältnis zu ihr erfassen, unmöglich sein, den Blick zu wenden an unsere Formen, ohne uns verbunden zu fühlen mit ihr, die den Blick in erster Linie dem zuwandte, dem sie ihre eigene Arbeit gewidmet hat, und in dem Sophie Stindes Seele weiterwirken wird.
Meine lieben Freunde, die Geisteswissenschaft kann nicht da sein, den Schmerz zu dämpfen, der sich auf unsere Seele legt, wenn wir großen Verlust haben, ist doch der Schmerz ein Weltenprinzip. Und das Große, das Erhabene in der Welt ergibt sich, wie wir an verschiedenen Stellen unserer Weltanschauung ausgeführt haben, als Blüte und Frucht aus dem Mutterboden des Schmerzes heraus. Würden wir gegen den Schmerz sündigen, wir würden gegen allen Sinn der Welt sündigen. Aber hinaufschauen dürfen wir zu den Worten, die sie als Sophie Stindes Geist gesprochen hat, den Worten, die wir von ihr lernen können: Ich werde mit Euch sein, wie ich mit Euch war! - Verwandelt haben wird sich unser Verhältnis durch den Durchgang durch das Tor des Todes, verwandelt nur, nicht geändert, und man darf denken, daß unser Verständnis für den Zusammenhang mit den hingegangenen Seelen unser gesamtes Verständnis des menschlichen Zusammenhanges mit der geistigen Welt dann noch vergrößern kann. Denn durchwirkt ist und erhalten ist von der Liebe und dem gegenseitigen Vertrauen dasjenige Verständnis, das wir haben dürfen zu solchen Persönlichkeiten, wie Sophie Stinde eine war.
Ich denke nicht, daß es jemals eine bedeutende Gelegenheit innerhalb dieses Baues geben kann, bei der man nicht wird gedenken müssen, wie am Ausgangspunkte dieser Begründung Sophie Stindes Seele gewaltet hat, wie sie damit sich verbunden hat. Gewiß, Seelen dieser Art, welche die Aufgabe wohl erkennen, die innerlich obliegt dem, der sich mit unserer Arbeit vereint, müssen manches Mißverständnis hinnehmen, manche Schwierigkeit durchmachen; sie werden nicht leicht von anderen verstanden, von vielen mißverstanden. Das muß ertragen werden. Aber es gibt genügend Seelen in unseren Reihen, welche in ihrem tiefsten Innern eine Liebesflamme tragen, eine wunderschöne Liebesflamme tragen, welche hinleuchtet zu Sophie Stindes Seele. Jene Liebesflammen, die in den Herzen unserer Mitglieder angezündet hat Sophie Stindes Wesen, sie erscheinen mir besonders vor der Seele.
Man denke nur, wie so manche Seele gesucht hat, zu ihr gekommen ist, und mit jenem Worte, das sie zu sprechen vermochte, jene Liebe, Treue und Freundschaft gefunden hat, deren eine solche Seele bedürftig ist. An solcher Liebe, Treue und Freundschaft entzünden sich dann der Liebe Flammen, sie entzünden sich insbesondere dann zu einem Dauernden da, wo sie in der richtigen Weise aufflammen, da wo sie entzündet werden können dutch eine Seele, die ergreift, was sie für die Welt in höchstem Pflichtgefühl zu ergreifen hat, und deren Pflichtgefühl nie spricht, auch wenn es hierbei ablehnend sprechen muß, ohne daß dieses Pflichtgefühl durchsetzt wird von der mildernden Liebe. Wir brauchen niemals durch die Liebe uns verführen zu lassen, von der Pflicht abzulassen. Die Liebe muß durch die Pflicht erwärmt, die Pflicht durch die Liebe gekräftigt werden. Gerade an Sophie Stindes Seele konnte man dies sehen. Und so waltete sie auch innerhalb dieser Räume, so waltete sie zu unseres Baues Segen, und so wird der Geist ihrer Seele weiter walten als unseres Baues Seele. Mögen die Seelen recht zahlreich sein, die verständnisvoll auf die Art blicken, wie Sophie Stindes Seele mit diesem unserem geistigen Arbeitswerke verbunden ist.
Meine lieben Freunde, nicht wollte ich das Wort wiederum ergreifen innerhalb dieser Räume, in denen Sophie Stindes Seele waltete, ohne einleitend ihrer zu gedenken. Haben wir sie geliebt, als sie im physischen Leibe unter uns wandelte, so werden wir sie lieben, da sie als Geist uns durchwärmt und durchleuchtet ohne Ende. Suchen wir sie unter denjenigen, zu denen wir mit besonderer Treue aufschauen in den Zeiten, in denen die Geistesreiche noch heller erglänzen als zu anderen Jahreszeiten, suchen wir insbesondere jene wirksamen Kräfte, die von Sophie Stindes Seele ausgehen, und denen gegenüber wir uns so würdig machen wollen, daß sie durch unsere Arbeit, insbesondere auch in diesen Räumen, immer waltend wirken können.