Our Dead

GA 261 — 17 November 1916, Dornach

Zum Jahrestag Des Todes Von Sophie Stinde

Ein vielgenannter Amerikaner hat vor einiger Zeit das Wort geprägt: Kein Mensch sei unersetzlich hier auf Erden. Das bezeuge, daß ein jeder nach seinem Tode sogleich wiederum mit Bezug auf seine Stelle voll durch einen anderen ersetzt werden könne. Man muß sagen: Wie armselig nimmt sich eine Vorstellungswelt aus, welche zu einem solchen Gedanken, zu einer solchen Empfindung kommen kann. - Derjenige, der aus jenen Untergründen heraus, welche gewonnen werden können aus intensiverer Empfindung der menschlichen Lebenszusammenhänge, dem Mysterium des Todes gegenübertritt, er wird gerade die entgegengesetzte Empfindung in seiner Seele regsam spüren.

Wir blicken nunmehr seit dem verhältnismäßig kurzen Bestande unserer anthroposophischen Geistesbewegung zurück auf Tode lieber Freunde, auf Tode, die unseren Herzen nahe-, sehr nahegegangen sind. Freunde haben wir durch die Todespforte schreiten sehen, die ihr Leben durch, wie man sagt, eine normale Anzahl von Jahrzehnten über die Erde tragen durften, und junge Freunde haben wir durch die Todespforte schreiten sehen. Im stillen Frieden einer ruhigen Umgebung ist der eine hingegangen; die Stürme der heutigen Zeit haben auch aus unseren Reihen viele, viele Seelen herausgerissen, andere sind aus dem heute so sturmdurchwühlten Leben hinweggegangen durch die Todespforte hindurch. Und indem wir den empfindenden Blick werfen auf den Hingang unserer lieben Freunde, so wird sich uns zweifellos ja - insbesondere am heutigen Tage, der uns so schmerzlich daran erinnert, daß wir bereits ein Jahr unsere Arbeit führen müssen ohne unsere liebe, teure Sophie Stinde hier auf dem physischen Plane -, so wird sich uns gerade heute das andere Wort, die andere Empfindung tief aus der Seele heraus losringen: Für den physischen Plan ist ein jeder Mensch, der durch die Todespforte geht, unersetzlich. - Und scheint es auch dem oberflächlichen Blick oftmals anders, so braucht man ja nur hinzublicken auf die Seelen derjenigen, welche in der einen oder in der anderen Art karmisch verbunden waren mit dem Toten, und man wird es gewahren: Ein jeder ist unersetzlich.

Indem wir uns ein solches Wort wohl in die Seele schreiben wollen, blicken wir auf der anderen Seite auf zur geistigen Welt, in die der Tote eintritt durch die Todespforte, blicken zu dieser geistigen Welt so auf, wie wir aufblicken dürfen, wenn in unserer Seele nicht nur lebendige Empfindung wird dasjenige, was die Geisteswissenschaft uns geben kann, sondern wenn auch werktätiges Leben selber in unserem Wesen diese Geisteswissenschaft wird. Wissen wir es nicht schon vergleichsweise aus dem physischen Leben, daß wir nur dasjenige Wesen verstehen können, recht verstehen können, von dem wir in unserem eigenen Sein Verwandtes, Anklingendes tragen? Verständnis eines Wesens ist ja nur möglich, wenn etwas in uns lebt, das in dem anderen Wesen auch lebt. Wir eignen uns die Begriffe, die Ideen davon an, wie lebendig des Menschen Leben und in welcher Art lebendig des Menschen Leben bleibt, wenn er durch die Todespforte schreitet. Aber wir sollen uns auch bestreben, daß dasjenige, was an Begriffen und an Ideen und Vorstellungen uns die Geisteswissenschaft gibt, immer lebendiger und lebendiger wird in unseren Seelen. Denn nur dadurch dringt in das Leben dieser unserer Seelen etwas herein, was zugleich lebt in den Seelen derjenigen, die abgestreift haben diese physische Hülle, die in der Geisteswelt selber leben mit einem Blicke ungetrübt durch physische Organe. Und lernen sollen wir allmählich, was es heißt: Verständnis sich aneignen für die teuren Toten, wenn wir Geisteswissenschaft zum lebendigen Bronnen in unserer eigenen Seele machen, denn das Wesen wird ja dann Teil unseres eigenen Wesens, das ihnen, den Toten, Lebenselement ist. Nicht mehr, wenn wir uns so aneignen Verständnis ihres Lebenselementes, brauchen sie dann herüberzuschauen auf die Seelen, auf die Herzen, die sie hier zurückgelassen haben, also daß sie gewahren müssen: O diese Seelen, o diese Herzen da unten, es fehlt ihnen dasjenige Verständnis, das sie haben müssen, wenn sie zu uns heraufblicken mit einem Blick, den wir ihnen beantworten können! — Wie man ein Wesen selbst hier auf dem physischen Plane nur kennenlernen kann, wenn man sich in seine Welt zu vertiefen vermag, so können wir verständnisvoll eins sein mit unseren Toten nur dann, wenn in uns leben Vorstellungen derjenigen Welten, in denen sie sich befinden.

Das, meine lieben Freunde, scheint mir — und scheint mir nicht nur - wie eine Mahnung zu sein derjenigen Toten, zu denen wir mit Liebe blicken wollen, die aus unseren Reihen hinaufgestiegen sind in die geistigen Welten, eine Mahnung von ihnen, weil sie jetzt wissen aus ihrer Anschauung heraus, was es für die ganze Welt bedeutet, wenn Menschen erkennen das Wesen der geistigen Welten. Und wir dürften ja schon so weit sein im Verfolge unserer Geisteswissenschaft, daß wir mit eindringlichen Worten zu unseren Seelen sprechen hören die aus den geistigen Welten von unseren teueren Toten zu uns herunter gesprochenen Worte: «Erkennet die geistige Welt! Denn unter dem vielen, was dadurch wird für die Menschheit, ist auch dieses, daß eine Einheit bilden können die Toten und die Lebendigen.»

Ich weiß, daß wir im Sinne vieler unserer teuren Toten denken, vor allem auch im Sinne Sophie Stindes, so wie sie jetzt denkt, wenn wir diese Mahnung uns gerade heute in unsere Seelen schreiben, und wenn wir dazufügen so manchen anderen Gedanken, der uns nun auch schon werden kann, wenn wir in vollem Ernste und in voller Tiefe dasjenige nehmen, was Geisteswissenschaft uns sein soll.

Vielleicht darf ich etwas anknüpfen an die Tatsache, daß mir die Liebespflicht nun schon öfter geworden ist, angesichts des eben erfolgten Todes teurer dahingegangener Glieder unserer Bewegung bei ihrer Beerdigung oder Kremation sprechen zu sollen. Ich darf sagen: Solche Augenblicke führen einem besonders den Gedanken vor die Seele, was es heißt, Worte auszusprechen unter derjenigen Verantwortung, die sich ergibt, wenn gewußt wird: Nicht nur im Allgemeinen ist eine geistige Welt vorhanden, sondern im Konkreten schaut derjenige auf dich herab, mit dem zusammen du gearbeitet hast hier, zu bekräftigen das Dasein und das Wesen der geistigen Welten. - In solchen Augenblicken und in denjenigen Augenblicken, die sich daraus ergeben, von der Wahrheit also zeugen zu sollen, daß man sich bewußt ist der Gemeinschaft in dieser Wahrheit zwischen den Lebenden und den Toten, das gehört zu den Herzens-, zu den Seelenerrungenschaften der geisteswissenschaftlichen Weltanschauung, gehört zu demjenigen, was durchströmt die geisteswissenschaftliche Bewegung von dem lebendig empfundenen Mysterium des Todes aus. Und wir dürfen, meine lieben Freunde, alle, alle uns durchdringen von dieser Empfindung, von der Empfindung unserer Gemeinschaft, die wir pflegen hier als Lebende im physischen Leibe mit den Lebenden, die durch die Todespforte gegangen sind, mit den Lebenden im Lichte der geistigen Welt und im geistigen Leben. Und wenn wir das Gefühl entwickeln jener Verantwottlichkeit gegenüber der Erkenntnis der geistigen Welten, die sich ergibt durch das Bewußtsein: Hier gedenken wir der geistigen Welt, und dort sind die Geistesaugen, die herunterschauen prüfend, wie wir zur Wahrheit der Welt stehen, dort sind die Geistesohren, die herunterhören, ob Wahrheit oder Lüge in unseren Herzen wohnt, -— wenn wir entwickeln dieses Gefühl in konkreter Gemeinschaft mit denjenigen, die hier Seite an Seite mit uns gearbeitet haben und die jetzt weiter mit den Strömungen unserer Seele mit uns arbeiten, dann, dann wird uns geisteswissenschaftliche Weltanschauung, geisteswissenschaftliche Bewegung jenes Lebendige, das die Brücke schlägt zwischen Welten, zwischen denen in unserer Zeit und in der ewigen Zukunft auf eine andere Weise keine Brücke geschlagen werden kann.

Und wenn wir solche Gefühle entwickeln, wenn wir solche Gefühle so recht beleben in unseren Seelen, dann fühlen wir, wenn wir in der einen oder in der anderen Weise den durch des Todes Pforte Gegangenen nahegestanden haben, auch in besonderer Weise den karmischen Zusammenhang. Und dann lernen wir auch allmählich durch jene subtilen, feinen Offenbarungen hindurch spüren, die stets bestehen zwischen der geistigen Welt und unseren Seelen, dann erfahren wir sie schon — die Stimmen unserer Toten, derjenigen namentlich, die karmisch mit uns ganz besonders verbunden waren. Wir erfahren sie dadurch, daß wir in der eben gekennzeichneten Weise die Gedanken zu ihnen richten und in der inneren Seelenatmosphäre und Seelenaura, die uns diese Gedanken übermitteln, in vielleicht leiser, in recht intimer, aber darum doch allmählich wahrnehmbarer Art verspüren, wie sie fortleben in uns, die durch des Todes Pforte Gegangenen, wie sie mit uns leben, wie sie teilnehmen an unserem Schicksal, aber wie sie zu gleicher Zeit ihre Kraft für alles dasjenige geben, was vielleicht das Beste in uns selber ist und im Wirken der Welt aus uns werden kann. Und so wird es uns, ausgehend von solchen Empfindungen und Gedanken, immer mehr und mehr möglich, die abstrakten Empfindungen gegenüber dem Tode, die in unserer materialistischen Zeit sich immer mehr und mehr verbreiten müssen, wiederum in lebendig konkrete zu verwandeln, wiederum zusammen sein zu dürfen geistigseelisch mit denjenigen, die uns als physische Persönlichkeit für eine Weile, bis wir ihnen folgen durch des Todes Pforte, verlassen haben. Und vielleicht ist es eine Botschaft unserer Toten an uns, wenn ich sagte: Wir sollen uns bewußt sein, welche Belebung das Erdendasein über die Vorstellung des Todes hinaus in der Richtung der Heiligung dieses Eirdendaseins erfährt dadurch, daß wir mit jener Auftichtigkeit Geisteswissenschaft nehmen, die notwendig ist, wenn wir fühlen: Unsere Toten schauen uns zu, hören unsere intimsten Gedanken und unser wahres oder unwahres Dabeisein bei den Erkenntnissen der Geisteswissenschaft.

Wie eine Botschaft der teuren Toten empfindet man es, daß aufgehen müsse der Menschheit im allgemeinen die Vorstellungswelt des Geistes. Denn wie schneidet es einem gerade heute, gerade in unserer Gegenwart ins Herz, wenn man von da- oder dorther, von Seiten her, die viele Menschen sogar als Berufene, die unzählige Menschen als Berufene ansehen, wenn man von solchen Seiten her in dieser traurigen Zeit oftmals heute die Worte hört: man sei es den Toten schuldig dasjenige fortzusetzen, was heute in so grausiger Weise durch die Welt geht! — Erkennt man die eben gekennzeichnete Meinung der Toten, dann weiß man auch, daß zum Ärgsten des Materialismus dies gehört, daß das Mysterium des Todes also in unserer Zeit, wo die Menschen so den Tod in die Welt bringen, entheiligt wird, indem die Leidenschaften der Lebenden sich berufen auf diejenigen, die durch des Todes Pforte gegangen sind.

Ehren und lieben wir unsere teuren Toten, meine lieben Freunde, dadurch daß wir lebendiges Leben der Geisteswissenschaft hineinzutragen versuchen auf alle die Plätze, auf die wir gestellt sind, der eine und der andere, im Erdendasein. Dadurch tragen wir geistiges Leben auch in alles Weltendasein hinein nach unserem Vermögen, und wir werden gerade in unserem Eifer, in unserer Hingabe für geisteswissenschaftliche Weltanschauung am besten zusammensein mit unseren teuren Toten. Und ich weiß, daß ich auch im Sinne der nun schon ein Jahr in der Geisteswelt weilenden Sophie Stinde spreche, wenn ich diese Worte, die heute zu ihrem und der anderen uns Nahestehenden und durch des Todes Pforte Gegangenen Gedächtnis gesprochen worden sind, gerade an diesem Tage ausspreche. Wenn ich gerade an diesem Tage versuche, in Ihnen das Bewußtsein rege zu machen, daß in der Arbeit für die geisteswissenschaftliche Weltanschauung immer wieder und wieder jene großen, aber auch jene intimen Augenblicke für unsere Seele kommen, in denen diese unsere Seelen wissen: Jetzt bist du nicht allein: bei dir ist sie, die Seele, der du nahestandest, als sie sprach mit den Organen des physischen Leibes, als sie dich ansah mit den Augen des physischen Leibes, als du blicken durftest in ihre physischen Augen. Nahe ist dir jetzt diese Seele, der du damals nahegetreten bist, die Seele, die du begleitet hast zu des Todes Pforte, die Seele, die du betrauert hast, als sie sich vom physischen Dasein zu wenden hatte. Du kanntest sie, du liebtest sie, dir war sie teuer; du kennst sie weiter, du liebst sie weiter, sie ist dir weiter teuer. Und da du sie begleitetest zu des Todes Pforte, da war es nur, daß sich verwandelte die Art deines Zusammenseins mitihr; denn du fühlst, wie sie um dich, wie sie bei dir ist.

Durchdringen wir uns, meine lieben Freunde, heute an dem Jahrestage des Todes unserer lieben Sophie Stinde mit solchen Gedanken, und gedenken wir all derer in solchen Gedanken, die aus unseren Reihen durch des Todes Pforte gegangen sind, und die sich wohl alle mit ihr zusammenfinden, weil alle mit ihr vereint hat das gemeinsame geistige Streben. Und suchen wir ihnen allen nahe zu sein durch die intimsten Phasen unserer Seele, indem uns mit ihnen vereinigt das gleiche Sehnen, das gleiche Streben nach der geistigen Welt.

German original of Anniversary of the Death of Sophie Stinde · ← Previous · Next →