Our Dead

GA 261 — 29 March 1923, Stuttgart

Ansprache Bei Der Kremation Von Elisabeth Maier

Liebe Leidtragende!

Nachdem die feierliche, priesterliche Handlung für unsere liebe ‚Freundin Elisabeth Maier hier vollzogen worden ist, seien aus der Geistgemeinschaft, welcher die teure Dahingegangene aus den Tiefen ihres Herzens angehört hat, der lieben, guten Seele einige Worte durch mich nachgesprochen.

Elisabeth Maier hat gesucht diese Geistgemeinschaft aus den Tiefen ihrer Seele heraus, weil sie durch ihr ganzes Wesen eine innige Verwandtschaft zu geistigem Sein und zu geistigem Wirken hatte, weil sie durch die besten Kräfte, die in ihrer Seele lebten, menschlich klar wußte, wie allezeit das Leben im Geiste den Sieg davonzutragen hat über den Tod im Stoffe. Mit Menschenseelen suchte ihre Seele Gemeinschaft, welche mit ihr in dieser heiligen Überzeugung verbunden sind, so verbunden sind, daß das Band, durch das sie verbunden sind, durch nichts getrennt wird, welche daher auch wissen, daß der Tod nur ein Übergang von einem Leben zu dem andern ist. Deshalb aber, geliebte Leidtragende, bleibt der Schmerz, die Trauer, die solche Seelen an den Särgen der von ihnen Weggehenden empfinden, in seiner vollen Größe bestehen. Der Schmerz und die Trauer werden verklärt, aber sie werden nicht vermindert.

Daher darf ich mich ganz besonders in diesem Schmerzens-, in diesem Traueraugenblicke zunächst wenden an die geliebte Mutter der teuren von uns Hingegangenen, ihr zu versichern, daß es gibt in den Seelen, die mit der teuren Elisabeth Maier verbunden waren, tiefsten, aufrichtigsten, ehrlichsten Schmerz für jene Lebensempfindung, die solchen Schmerz verstehen kann und die sich ausdrückt darin, daß man sagen muß: Einem teuren Wesen hat man das Leben gegeben als Mutter, und man muß dessen irdisches Leben früher entschwinden sehen, als man sich selbst in die geistigen Gefilde hinaufhebt.

Und aus diesem tiefen Mitschmerze wende ich mich an alle übrigen Geschwister, an alle übrigen Verwandten und an die weitere Leidund Trauergemeinde, die hier vereint ist. Ihr alle, liebe Leidtragende, dürft in diesem Falle den Schmerz wahrhaftig so betrachten, daß er die Grundlage ist für schöne, gute, heilige Empfindungen und Gedanken, welche die jetzt in die Höhe steigende Seele begleiten dürfen und begleiten können. Und wir dürfen auf der Grundlage dieses echten, aber durch unsere Überzeugung verklärten Schmerzes die Worte aussprechen, die sein sollen ein Gelöbnis, in weiterer treuer Verbindung bleiben zu wollen mit der von der Erde weggehenden Seele.

Seelen, die in zarter, inniger Weise verbunden waren hier auf Erden mit demjenigen, was als geistiges Leben und geistige Erhebung fließt durch die Geistesüberzeugung, in der Elisabeth Maier lebte, von solchen Seelen darf gesagt werden, sie schritten schon in das Leben herein, vorbestimmt dazu, den Geist wieder zu suchen hier auf Erden, von dem sie heruntergestiegen waren aus geistumfangenem Daseinsatem im vorirdischen Leben, aus der Gemeinschaft im Geiste, dem göttlichen Geiste, der die Welt durchlebt und durchwebt. Solche Seelen tragen das Geist-Zeichen hier auf Erden mit. Und eine solche Seele war Elisabeth Maier. Man konnte von ihr wirklich sagen: Geboren war sie aus dem im Gotte ergriffenen Geiste. — Und die Kraft dieses Geistes führte sie zu jener Geist-Erkenntnis und Geist-Überzeugung, die ihr vorangeleuchtet hat wie ein Ideal, das sie getragen hat wie eine stark wirkende Seele. Gerade das war etwas, meine lieben Leidtragenden, liebe Trauergemeinde, was man erleben konnte mit unserer teuren Elisabeth Maier, und was in dieser Stunde schmerzlichen Herzens, aber auch, ich möchte sagen wie erflehend erst recht die Verklärung der teuren Seele, hier ausgesprochen werden kann. Das geistige Ideal, das sich Elisabeth Maier aus den Tiefen ihrer Seele heraus gestellt hatte, es war ein hohes Ideal. Es war ein Ideal, zu dem starke Kräfte notwendig waren. In dem von jeher schwachen Körper waren diese nach seelischer Stärke rufenden Kräfte. Aus dem schwächlichen Körper schauten seit langem diese Seelenaugen, die so sehnsüchtig nach ihrem hohen Ideale hinblickten. Das war die tiefere Seelengrundlage dieses körperlichen Leidens, an dem unsere Elisabeth Maier seit langem siechte. Der Lebensmut wollte ihr wanken, die Lebensftische wollte ihr wanken, weil sie sich unter der Größe ihres Ideals schwach fühlte. Und es waren wohl menschliche Worte nicht stark genug, den Lebensmut ihr zu geben, die Lebenskraft ihr zu schenken, welche sie gebraucht hätte. Und so starb sie in einer gewissen Weise entgegen auch ihrer Seele, dem Leben in den ewigen Gefilden des Daseins, zu denen sie jetzt aufsteigt von dieser Erde. Gerade aus der Kraft, aus der uns hier oft etwas wie mangelnde Lebenshoffnung entgegenkam, wird ihr jene starke Seelenkraft kommen, die sie nun weiterführen wird im Geiste. Denn im Grunde genommen kam letzten Endes dasjenige, was ihr Lebensfrische nahm, doch aus einer seelischen Stärke. Sie wollte alles dasjenige, was sie in der Seele aufzubringen vermochte an Kräften, vereinigen in dem großen Ideal der Geistgemeinschaft, der sie mit einer so innigen, herzlichen Gesinnung angehörte.

Weil aus dieser Geistgemeinschaft heraus die stärksten Lebenskräfte für die Seele kommen, stehen wir, indem wir ganz zart und innig diese Empfindung in unserer Seele aufsteigen lassen, an der entschwindenden, in die Höhe hinaufsteigenden Seele, der Seele Elisabeth Maiers.

Wissen wir, liebe Leidtragende, liebe Trauergemeinde, daß sie durch diese starke Kraft aber gefunden hat die Gemeinschaft mit demjenigen, der aus geistigen Höhen in inniger Geistgemeinschaft mit den Menschen heruntergestiegen ist, um sich mit Menschengeschick zu vereinigen, der Besieger des Todes ist, der Begründer des ewigen Lebens in allen Menschen ist. Wissen wir, liebe Leidtragende, liebe Trauergemeinde, daß sie gefunden hat den Christus, der da leitet die menschlichen Seelen, die ihn suchen, durch die Pforte des Todes, und wissen wir, daß solche Seelen, die in solcher Innigkeit zu diesem Geist aufschauen, den durch alle Räume und Zeiten waltenden Geist finden. Wissen wir, daß mit diesem Geist zusammenfinden sich wird die jetzt von uns entschwindende, uns teure Elisabeth Maier.

Wir werden nicht ihre Augen weiter schauen. Wir werden aber unsere Gedanken ihrer Seele, unsere Empfindungen mit den Empfindungen ihrer Seele, unser bestes menschliches Sein mit ihrem Seelensein vereinigen wollen, und so dürfen wir denjenigen, welche die nächsten Leidtragenden sind, der Mutter, den Geschwistern, der weiteren Verwandtschaft und den ihr Geistverwandten versichern, daß mit dem Gedanken, der hinaufeilt zu dem Seelenwesen Elisabeth Maier in Zukunft sich vereinigen werden alle diejenigen, die innerhalb der von Elisabeth Maier gesuchten Geistgemeinschaft mit ihrem Geiste innig verbunden waren.

So wie finden werden diejenigen, denen sie teuer war, oben in den Geisteshöhen diese teure Seele, so werden sie stets finden die Gedanken derjenigen, denen sie, zu ihrem Leide, zu ihrem Schmerze von der Erde allzu früh entrissen worden ist. Sie werden sie finden in den Geisteshöhen. Und so senden wir denn mit der hinaufeilenden Seele heute die Gedanken, die uns am innigsten, am herzlichsten verbunden haben mit der teuren Elisabeth Maier, wir senden sie hinauf auf denselben Wegen, auf denen Du hinaufgehst, auf geistigen Wegen, damit sie Dich stets finden werden. Aus dem Worte des heutigen Gelöbnisses heraus wollen wir die Kraft schöpfen, daß unsere mit Dir verbundenen Gedanken Dich auch immer suchen werden, damit Du die Gemeinschaft finden wirst immerdar durch alle Welten, in denen Menschenseelen durch alle Daseinsverwandlungen hindurch leben in Weltenfernen und durch alle Zeitenräume. Das wollen wir Dir heute mit Deinen teuren Angehörigen und den Dir Nächststehenden in Treue geloben für alle Zeiten.

German original of Eulogy at the Cremation of Elisabeth Maier · ← Previous · Next →