Our Dead

GA 261 — 3 May 1924, Dornach

Gedenkworte Für Charlotte Ferreri Und Edith Maryon

Meine lieben Freunde!

Wir haben kurz hintereinander zwei der aufopferndsten Mitglieder unserer Anthroposophischen Gesellschaft durch den Tod hindurchschreiten, von der physischen Welt weggehen gesehen. Während der Zeit meiner Abwesenheit ist ja vor kurzem Frau Ferreri in Mailand gestorben, und zunächst darf ich wohl heute an diesen Hinweggang denken. Es handelt sich bei Frau Ferreri um ein langjähriges Mitglied in unserer Gesellschaft, das in der aufopferndsten, hingebendsten Weise für diese Gesellschaft gewirkt hat. Überall da, wo es sich darum handelte, für irgend etwas in selbstloser Weise einzutreten, was das Interesse der Gesellschaft nach der einen oder nach der anderen Seite berührte, war Frau Ferreri da.

Sie wirkte ja nicht nur in Norditalien von Mailand aus für die anthroposophische Sache, der sie ganz hingegeben war, sondern sie wirkte auch in dem fernen Honolulu für die Begründung eines Zweiges, der eigentlich ihr Werk ist, und der, wenn auch hier nicht viel davon gesehen wird, weil er eben so fern liegt, doch in einer außerordentlich günstigen Weise gedeiht und mit einem warmen Anteil innerhalb der anthroposophischen Bewegung wirkt. Gerade von diesem Zweige kommen uns von Zeit zu Zeit immer wiederum die stärksten Beweise für Interesse und Teilnahme zu.

Es war immer in einer außerordentlichen Weise rührend, wie Frau Ferreri hingebungsvoll in jeder Beziehung wirkte. Und das ging bei ihr aus einem tiefen inneren Zusammenhang mit der anthroposophischen Sache hervor, aus jenem tiefen inneren Zusammenhange, den ich nennen möchte einen inneren wissenden Glauben, wissend durch seine Sicherheit. So war es eben bei ihr: wissend durch die Sicherheit des Drinnenstehens in der anthroposophischen Bewegung. Und so war sie in ihrem Herzen treu geblieben bis zu ihrem Tode hin, so treu, daß sie, trotzdem sie außerordentlich schwer erkrankt war, und trotzdem ihr zweifellos jede Hilfe in dem Orte, wo sic war, in Mailand, zugekommen ist, dennoch in den letzten Tagen ihrer Krankheit hierher reisen wollte, weil sie, wie sie dazumal an Frau Dr. Wegman schrieb, nur glaubte, hier an dem Zentrumsorte der anthroposophischen Bewegung gesund werden zu können. Nur der rasche Tod hinderte sie daran, zu kommen, verhinderte diesen letzten Schritt, der eines der schönsten Zeugnisse für ihr treues Hingegebensein an die Sache war.

Ich denke, daß wir — und zwar die verschiedensten unter uns, zahlreiche Mitglieder, die auch hier heute versammelt sind, zahlreiche andere Mitglieder - in der schönsten Weise das wunderbare Gemüt, die edle Seele von Frau Ferreri.kennen gelernt haben, und daß wir in der tiefsten Empfindung unseres Gemütes mit unseren Gedanken der Seele folgen, die da durch die Pforte des Todes gegangen ist und ganz gewiß in inniger Beziehung weiter mitleben wird mit der anthroposophischen Sache. Ich bitte, daß mit diesen Gedanken, die verweilen wollen bei den Gedanken der Dahingegangenen, unsere lieben Mitglieder, soweit sie hier versammelt sind, sich eine Weile von ihren Plätzen erheben, um ihre Gedanken mit der Dahingegangenen zu vereinigen.

Nun, meine lieben Freunde, anläßlich dessen, daß ein an der Aufrichtung des Dornacher Goetheanums, des Goetheanum-Baues selber innig wirkendes, tatkräftig wirkendes Mitglied den physischen Plan verlassen hat, und jetzt in diesem Augenblicke gerade der Sarg geschlossen und weggeführt werden muß, werden Sie mir gestatten, für zehn bis fünfzehn Minuten zum Schließen des Sarges diesen Vortrag zu unterbrechen und ihn dann fortzusetzen. Es ist Sonnabend, und es geht nicht anders, der Sarg muß heute noch überführt werden in das Krematorium in Basel. (Pause.)

Meine lieben Freunde, nun haben wir die irdischen Überreste von Edith Maryon nach dem Krematorium in Basel zu schicken gehabt. Freitag früh ist die Mitgliedschaft unserer Anthroposophischen Gesellschaft, soweit sie hier ist, von der schmerzlichen Nachricht betroffen worden, daß unsere langjährige Mitarbeiterin, Mitarbeiterin seit dem Beginne der Arbeit hier am Goetheanum, Edith Maryon, den physischen Plan verlassen hat. Es wird heute mir nur obliegen, kurz hinzuweisen auf einiges von dem, was die Dahingegangene innerhalb der Anthroposophischen Gesellschaft gefunden, gegeben hat, was sie hier am Goetheanum gewirkt hat, und wir werden uns dann am Dienstag um elf Uhr zur Kremation im Basler Krematorium zur eigentlichen Totenfeier einfinden.

Edith Maryon hat das, was in der anthroposophischen Bewegung zu finden ist, dadurch gesucht, daß sie zunächst innerhalb einer anderen esoterischen Gruppe Mitglied war und an den verschiedensten Arbeiten dieser Gruppe als ein sehr tätiges Mitglied teilgenommen hatte. Es handelt sich da um eine esoterische Gruppe, die dann später in einer Reihe von Mitgliedern auch den Eingang in unsere anthroposophische Bewegung gefunden hat. Dann kam, noch immer zu kurzen Besuchen der anthroposophischen Bewegung innerhalb Deutschlands, Edith Maryon aus England herüber. Es wurde ihr zuerst das Äußerliche des Eingliederns schwer, da sie nicht Deutsch verstand. Sie überwand aber mit einem eisernen Fleiße gerade dieses Hindernis und konnte so in einer verhältnismäßig kurzen Zeit sich ganz hineinfügen in alles, was innerhalb gerade des deutschsprechenden Teiles der anthroposophischen Bewegung gegeben wird. Sie fand sich so innig mit der anthroposophischen Bewegung zusammen, daß sie schon von 1914 ab, von der ersten Arbeit hier ab, teilnahm von der Seite ihrer besonderen Künstlerschaft aus.

Edith Maryon war eine bekannte Bildhauerin seit langem. Sie hat bildhauerische Porträts der angeschensten Persönlichkeiten der englischen Politik und Diplomatie und Gesellschaft gemacht, die Anerkennung gefunden haben. Es ist natürlich schwer, gerade auf dem Gebiete der Kunst heute durchzudringen; aber bis zu einem hohen Grade ist es Miss Maryon gelungen, zur Geltung innerhalb der bildhauerischen Kunst zu kommen.

Das Wesentlichste ihrer Seele war aber nicht irgend ein besonderer Zweig menschlicher Betätigung, und sei es auch der der Kunst, das Wesentlichste ihrer Seelen-Tendenzen, ihrer Seelen-Intentionen war das Streben nach Geistigkeit, das sie eben, wie gesagt, schon in jener esoterischen Gruppe gesucht hatte, in der sie war vor ihrem Zutritt zur anthroposophischen Bewegung. Vorzugsweise diese esoterische Vertiefung war auch das, was sie dann fortdauernd suchte innerhalb der Anthroposophischen Gesellschaft für sich und für das Streben ihrer Seele. Dabei aber war sie durchaus von einer weitgehenden und umfassenden Absicht beseelt, mitzuarbeiten an unserem Werke. Und das ist, was ich hier darstellen möchte, weil ja Edith Maryon eine langjährige und intensive Mitarbeiterin war, und wir diese nun in ihr verloren haben.

Ich möchte darauf hinweisen, wie sie in gewisser Beziehung doch vorbildlich war gerade in der besonderen Art ihrer Hingabe an die Gesellschaft, insofern es sich um Mitarbeiterschaft an der Gesellschaft handelt. Anthroposophie ist heute, meine lieben Freunde, eine nicht nur in der Welt viel angefochtene, sondern auch schwer zu vollbringende Sache, wenn sie ernst genommen wird. Wird Anthroposophie und anthroposophische Bewegung ernst genommen, dann geht es eigentlich nicht anders, als daß der einzelne das, was er aus diesem oder jenem Gebiete hereinzuarbeiten in der Lage ist, sozusagen am Opfer-Altare des Wirkens der Gesellschaft darbringt. Und so war es bei Miss Maryon. Sie hat ihre gesamte Künstlerschaft am Opfer-Altare der anthroposophischen Sache dargebracht. Denn sie war hineingewachsen in eine Art von Bildhauerkunst, wie man sie eben heute gewinnt, wenn man die entsprechende Schule durchmacht, wenn man alles das durchmacht, was dann die Möglichkeit herbeiführt, vor ein für Kunst Interesse habendes Publikum zu treten und so weiter. Das alles - es darf eben gesagt werden, weil es Miss Maryon durchaus verstanden hat -— hilft eigentlich gar nichts innerhalb der anthroposophischen Bewegung. Derjenige, der glaubt, daß das etwas hilft innerhalb der anthroposophischen Bewegung, der ist doch auf einem falschen Wege. Man kann in einer gewissen Beziehung in die anthroposophische Bewegung nichts hineintragen, sondern man muß eigentlich zunächst das liegen lassen, was man vorher hat, wenn man aktiv mitarbeiten will. Wer das nicht glaubt, der hat doch nicht eine eindringliche Ansicht davon, inwieweit anthroposophische Bewegung, wenn sie ihre Aufgabe erfüllen will, wenn sie ihr Ziel erreichen will, sein muß etwas durchaus aus den allerursprünglichsten Quellen der Menschheits-Entwickelung heraus schöpfendes Neues. Und so wie es auf den verschiedensten Gebieten geht, meine lieben Freunde, so ist es auch auf dem Gebiete der Bildhauerkunst gegangen, als es sich darum handelte, diesen uns leider in so schmerzlicher Weise entrissenen Goetheanum-Bau aufzuführen.

Edith Maryon hat ja nicht bloß an der Ausarbeitung der Mittelpunkts-Gruppe teilgenommen, sondern an dem mannigfaltigsten Bildhauerischen, das zustandezubtingen war für die Aufrichtung des Goetheanums. Dabei handelt es sich gar nicht immer bloß darum, irgend ein Modell für etwas herzustellen, sondern es handelt sich darum, alle die äußerlich nicht eigentlich sichtbaren Arbeiten zu leisten, die schon einmal notwendig sind, wenn eine solche spezielle Kunst sich in dasjenige eingliedern soll, was im allgemeinen das Goetheanum wollen muß. Und so ist eigentlich, wenn wir von vornherein voll uns mit dem Bewußtsein durchdringen, daß eben in Miss Maryon ein Mensch in die anthroposophische Bewegung hereingekommen ist, der im eifrigsten, vollsten Sinne das Esoterische gesucht hat, in die Waagschale die Art und Weise zu werfen, wie sich die von dem physischen Plan jetzt Weggegangene wirklich in die Arbeit hineingestellt hat. Das ist, was ich gerade, indem ich Ihre Erinnerung an sie wachrufen will, besonders charakterisieren möchte.

Es ist ganz natürlich, meine lieben Freunde, wenn jemand etwas von außen hereinbringt, sei es diese oder jene Kunst. Jedes, was durch äußere Schulung hereingebracht wird, ist eigentlich von vornherein etwas - ich bitte das nur in aller Tiefe aufzufassen -, mit dem ich gewissermaßen nicht einverstanden sein kann, so daß immer das Hereingebrachte eigentlich nicht das ist, mit dem ich einverstanden sein kann. Dennoch ist es zum Gedeihen des Ganzen notwendig, daß der einzelne sein Können bringt. Es ist Ihnen das von vornherein begreiflich, daß der einzelne sein Können bringen muß. Der Bildhauer muß sein Können bringen. Der Maler muß sein Können bringen und so weiter, und so weiter. Es ist Ihnen das begreiflich, denn sonst hätte ich den ganzen Goetheanum-Bau allein aufführen müssen. Also es sind Mitarbeiter für das Goetheanum wirklich im intensivsten Sinne notwendig gewesen, Mitarbeiter, welche das Beste ihres Könnens bringen, aber auch dieses Beste ihres Könnens eben opfern, weil, wenn ich das Äußere der Sache ausdrücke, ich eigentlich mit dem, was hereingebracht wird, niemals einverstanden sein kann.

Das, was ich nun selber von mir aus zu leisten hatte in der Bildhauerkunst, war natürlich etwas wesentlich anderes, als was Miss Maryon hereinbringen konnte. Um was konnte es sich also eigentlich handeln dabei? Es konnte sich nicht darum handeln, etwa so zusatnmenzuwirken, daß irgend eine Resultante des Zusammenwirkens entstanden wäre, sondern es konnte sich nur darum handeln, daß die Arbeit so geleistet wurde, wie ich es haben mußte, wie sie geleistet werden mußte nach den Intentionen des Goetheanums, die ich zu vertreten hatte.

Sehen Sie, meine lieben Freunde, dabei kommt in Betracht, daß nun ein ganz neues Interesse entsteht: das Interesse an der Arbeit selber. Dazu gehören dann Menschen, welche ohne irgend etwas anderes dieses Interesse an der Arbeit haben, daß die Arbeit als solche zustandekommt. Ob man einverstanden ist miteinander oder nicht, die Arbeit muß zustandekommen, die Arbeit muß möglich sein. Indem ich dieses charakterisiere, charakterisiere ich gerade das, was notwendig für die Arbeit am Goetheanum ist.

Und es brachte Miss Maryon zwei Eigenschaften mit, die, ich möchte sagen diejenigen sind, die beim wirklichen Arbeiten in der anthroposophischen Bewegung vor allen Dingen notwendig sind, zwei Eigenschaften, auf denen eigentlich der Grundstock des Wirkens von Miss Maryon hier am Goetheanum und überhaupt in der Anthroposophischen Gesellschaft beruhte. Das war erstens eine ganz in sich abgeschlossene Zuverlässigkeit. Es gab keine Möglichkeit, daß irgend etwas, was von mir beabsichtigt war, was Miss Maryon hätte ausführen sollen, daß das nicht ausgeführt worden wäre, daß das nicht in vollstem Sinne ernst genommen worden wäre und bis zu dem Punkte gebracht worden wäre, bis zu dem es zu bringen war, der in der Angabe lag. Das ist die eine Eigenschaft, die man braucht - ich meine innerhalb der anthroposophischen Arbeit -, daß wenn von mir selber etwas angegeben wird, daß es dann bei der Angabe gewissermaßen genügt, daß einfach das Faktum der Angabe dastehen kann und daß dann die Sicherheit vorliegt, daß die Sache ausgeführt wird.

Das Zweite war ein außerordentlich stark ausgeprägter praktischer Sinn. Gerade bei der Gelegenheit des Hinwegganges vom physischen Plane darf das gesagt werden, aus dem Grunde, weil eigentlich dieser praktische Sinn das ist, was wir restlos zurücklassen hier auf Erden, wenn wir durch die Pforte des Todes gehen, was aber unerläßlich ist, wenn es sich darum handelt, wirklich zu arbeiten. Sehen Sie, es gibt viele Idealisten, die bloße Idealisten ohne praktischen Sinn sind. Und es ist schön, wenn es Idealisten gibt, und der Idealist selber ist schön. Aber der Idealist mit praktischem Sinn ist doch das, was in der Welt notwendig ist. Und die bloßen Idealisten sind angewiesen auf diejenigen Menschen, die einen allseitigen praktischen Sinn entwickeln, wenn diese praktischen Leute nur auf derselben Höhe des Idealismus stehen. Die Verachtung des praktischen Sinnes ist es durchaus nicht, was irgendwie gerade zu einer solchen, vom Geiste durchdrungenen, vom Geiste durchzogenen Arbeit führen kann, wie sie innerhalb der Anthroposophischen Gesellschaft und Bewegung dringend notwendig ist. Da sind Leute mit praktischem Sinn ganz besonders wertvoll. Da sind Leute wertvoll, die Bildhauer sind, aber auch wirklich, wenn es nötig ist, an einer Stelle, wo eine besondere Ausgestaltung dazu notwendig ist, einen Lampenschirm machen können, die alles eigentlich, was sie sich vornehmen, in einer gewissen Weise können. Selbstverständlich liegt das immer in gewissen Grenzen. Aber wir brauchen schon Menschen innerhalb der anthroposophischen Bewegung, welche das, was sie wollen, auch wirklich können, denn wollen tun eben viele Menschen, aber das Gedeihen unserer Anthroposophischen Gesellschaft beruht auf denen, die das können, was sie wollen.

Es ist auch hier öfter der Ausspruch von Fichte angeführt worden: Der Mensch kann, was er soll, und wenn er sagt, ich kann nicht, so will er nicht.

Diese zwei Eigenschaften haben dann Miss Maryon dazu geführt, wirklich vieles zu tun, was in stiller, ruhiger Art getan worden ist, nachdem sie eigentlich ihre eigene Bildhauerkunst nur noch sporadisch zur Geltung brachte, und ohne das eigentlich die Arbeit der letzten Jahre nicht möglich gewesen wäre.

Dabei hat sie dieses ihr praktisches Interesse und ihren praktischen Sinn auch über anderes ausgedehnt, was eben durchaus unsere Bewegung gefördert hat. Ihren selbstlosen Bemühungen ist es zuzuschreiben, daß der Lehrerkurs hier zustande gekommen ist, der vor einiger Zeit um die Weihnachtszeit herum war, der von englischen Lehrern und Lehrerinnen besucht war. Ihren selbstlosen Bemühungen ist es zuzuschreiben, daß Mrs. Mackenzie sich in der energischesten Weise für die Bewegung namentlich auf pädagogischem Gebiete in englisch sprechenden Ländern so stark eingesetzt hat. Zuletzt geht es auch auf ihre selbstlosen Bemühungen zurück, daß der Oxforder Kursus hat stattfinden können, der Stratforder Shakespeare-Besuch hat stattfinden können und manches andere gerade in der Vermittelung zwischen der anthroposophischen Zentrale und den englisch sprechenden Gebieten.

Dabei war außerordentlich wertvoll, daß sie aber auch wiederum da, wo sie wirkte, nirgends einen starken Widerstand entgegensetzte, wenn es sich darum handelte, eine Intention, die ihr lieb war, ganz abzuändern. So ist zum Beispiel in ihr der Gedanke der Eurythmie-Figuren entstanden, der Gedanke, auch die ersten Versuche, solche Eurythmie-Figuren zu machen. Der Gedanke war ein außerordentlich fruchtbarer. Die Gestalt der Eurythmie-Figuren selber mußte aber ganz abgeändert werden. Miss Maryon hat nie davor zurückgeschreckt, irgend etwas ganz abzuändern den Verhältnissen gemäß, so daß nach dieser Richtung etwa der Widerstand eines Eigensinnes nicht gewirkt hat.

Und so darf ich sagen, meine lieben Freunde, es ist durch die jetzt vom physischen Plan Hinweggegangene viele stille, ruhige Arbeit geleistet worden, für die die Anthroposophische Gesellschaft wirklich alle Veranlassung hat, innig dankbar zu sein. Ich will nicht einmal so sehr auf die Quantität dabei sehen, gewiß, der Quantität nach leisten sehr viele sehr viel, aber Arbeit der Qualität nach, der Einreihung dieser Arbeit in die anthroposophische Sache nach, ist von der Dahingegangenen sehr viel geleistet worden, das eigentlich unersetzlich ist. Unersetzlich ist nur dasjenige in der Entwickelung der Menschheit, was eine besondere innere Qualität hat. Gewiß, auch solche Dinge können ersetzt werden, aber dann kommt eben eine gleiche innere Qualität. In der Regel aber werden sie in der Entwickelung nicht ersetzt. Und es muß nun einmal auch mit diesem Karma gerechnet werden, daß gerade diese besondere Qualität Miss Maryons fehlen wird bei der Erbauung des zweiten Goetheanums.

Es sind allerdings die merkwürdigsten Schicksalsverkettungen gerade mit der Errichtung des ersten und zweiten Goetheanums verbunden. Der Keim zu der Erkrankung von Miss Maryon ist gelegt worden während der Brandnacht des Goetheanums. Und von dem, was durch diesen Keim gelegt worden ist während der Brandnacht des Goetheanums, konnte sie wirklich durch die sorgfältigste Pflege nicht geheilt werden. Das sind eben karmische Zusammenhänge. Und gegen diese karmischen Zusammenhänge kann zwar selbstverständlich und muß sehr viel durch die Heilkunst getan werden, aber das Karma wirkt doch eisern, und man muß dann, wenn auch die sorgfältigste Pflege nicht zum Ziele führen konnte, dann erst eigentlich an das Karma denken. Während ein Mensch noch auf dem physischen Plane ist, darf nur daran gedacht werden, wie er geheilt werden kann. Und nach dieser Richtung hin ist wirklich durch die ganz aufopferungsvollen Bemühungen von Frau Dr. Wegman alles geschehen, was nur geschehen konnte. Edith Maryon hat auch an der Seite von Frau Dr. Wegman - ich selbst konnte ja abgehalten durch andere Verpflichtungen nicht zugegen sein — den physischen Plan verlassen.

Nun, meine lieben Freunde, ich habe damit auf die besondere Art der Verbindung hingewiesen, welche zwischen der Anthroposophischen Gesellschaft und Edith Maryon bestand. Und ich glaube, daß diese Art der Verbindung dasjenige sein wird, was Miss Maryon unvergeßlich machen wird für die Anthroposophische Gesellschaft. Unvergeßlich wird sie all denjenigen Mitgliedern sein, denen sie in der einen oder in der anderen Weise im Laufe der Zeit hier entgegengetreten ist, und ich darf alles das, was im Speziellen der Dahingegangenen noch nachzurufen ist, dann ihr nachrufen, wenn wir am Dienstag um elf Uhr die Totenfeier im Basler Krematorium haben werden.

Das, was ich heute zu sagen hatte, sollte durchaus darinnen gipfeln, zu zeigen, wie hier ein stilles, aufopferungsvolles Arbeitsleben innerhalb der anthroposophischen Sache gewirkt hat, das unersetzlich ist, und von dem ich gewiß bin, daß diejenigen, die verstehen, was es eigentlich heißt, leitend, wie ich es tun muß, innerhalb der anthroposophischen Bewegung zu wirken, das Gesagte in einem verständnisvollen Sinne aufnehmen werden. Es ist nicht leicht, innerhalb der anthroposophischen Bewegung verantwortlich zu wirken.

Meine lieben Freunde, betrachten Sie das, was ich an Miss Maryons Tod anschließe, zu gleicher Zeit als etwas, was ich heute ganz im allgemeinen zu Ihnen sagen möchte. Diese Leitung, was bedingt sie denn? Diese Leitung bedingt nämlich das folgende, und ich habe insbesondere oftmals seit der Weihnachtstagung auf das ganz Besondere hinweisen müssen, was diese Leitung der anthroposophischen Bewegung bedingt. Sie bedingt, daß dasjenige, was im Zusammenhange mit mir geschieht, ich selber in der Lage bin, hinaufzutragen in die geistige Welt, um nicht nur eine Verantwortung zu erfüllen gegenüber von irgend etwas, was hier auf dem physischen Plane ist, sondern eine Verantwortung, die dutchaus hinaufgeht in die geistigen Welten. Und sehen Sie, Sie müssen sich schon, wenn Sie im rechten Sinne mitmachen wollen, namentlich dasjenige mitmachen wollen, was die anthroposophische Bewegung seit der Weihnachtstagung geworden ist, in diesen Gedanken hineinfinden, was es heißt, vor der geistigen Welt die anthroposophische Bewegung zu verantworten.

Ich könnte viel über dieses Thema reden, und ich möchte das eine von dem vielen gerade bei dieser Gelegenheit sagen. Natürlich, bei den Menschen, die in der anthroposophischen Bewegung sind, kommen mannigfaltige persönliche Dinge zum Ausdruck. Dasjenige, was auf der Erde als Persönliches vertreten wird, das ist, wenn es sich vermischt mit dem, was gerade für die anthroposophische Sache geschehen soll, ein Element, das der geistigen Welt gegenüber, wenn es persönlich bleibt, nicht zu verantworten ist. Und welche Schwierigkeiten erwachsen dem, der irgend eine Sache vor der geistigen Welt verantwortungsvoll zu vertreten hat, wenn er zuweilen mitzubringen hat mit dem, was er zu verantworten hat, das, was aus den persönlichen Aspirationen der teilnehmenden Menschen kommt. Was das bewirkt, dessen sollten Sie sich doch ein wenig auch bewußt sein. Es bewirkt die schauderhaftesten Rückschläge von seiten der geistigen Welt heraus, wenn man der geistigen Welt in der folgenden Art gegenüberzutreten hat.

Irgend ein Mensch arbeitet mit in der anthroposophischen Bewegung. Er arbeitet mit; aber er arbeitet in das, was er mitarbeitet, persönliche Ambitionen, persönliche Intentionen, persönliche Qualitäten hinein. Nun hat man dann diese persönlichen Ambitionen, diese persönlichen Tendenzen. Die meisten wissen nicht, daß sie persönlich sind, die meisten halten das, was sie tun, eben für unpersönlich, weil sie sich selber täuschen über das Persönliche und Unpersönliche. Das ist dann mitzunehmen. Und das wirkt in den wirklich schaudervollsten Rückschlägen heraus aus der geistigen Welt auf denjenigen, der diese Dinge, die aus den Persönlichkeiten hervorquellen, mit hineinzutragen hat in die geistige Welt.

Das sind innere Schwierigkeiten, meine lieben Freunde, die sich gerade für eine solche Bewegung ergeben, wie die der Anthroposophie innerhalb der Anthroposophischen Gesellschaft ist. Und es muß schon sein, daß darauf aufmerksam gemacht werde. Gewiß, es ist schrecklich, daß wir solch schreckliche Gegner haben, aber diese Gegner müssen halt in irgend einer Weise in der richtigen Art von uns behandelt werden. Aber in bezug auf das Innere, wie Anthroposophie zu vertreten ist, ist es viel schrecklicher, wenn es nötig wird, das, was erarbeitet wird innerhalb der anthroposophischen Bewegung, das belastet hinauftragen zu müssen in die geistige Welt, belastet mit persönlichen Interessen des einen oder des anderen. Und es wird wenig eigentlich nachgedacht gerade über dieses Faktum.

Das ist es, was ich erwähnen muß, wenn ich gerade die besondere Leistung von Edith Maryon charakterisieren will. Und in dieser Beziehung ist die Anthroposophische Gesellschaft der Hingegangenen zu einem großen Dank verpflichtet, weil sie immer mehr und mehr verstanden hat, ihre Arbeit gerade in diesem Sinne zu leisten. Das sind die Dinge, die ich heute vorbringen wollte und vorbringen sollte aus dem Gedanken heraus, daß ja solche Leistungen, symbolisch gesprochen, wirklich in das goldene Buch der Anthroposophischen Gesellschaft eingetragen sind, und vor allen Dingen in die Herzensbücher der Mitglieder eingetragen werden sollen.

Es ist gewiß auch ganz in Ihrem Sinn, wenn ich das heute und am Dienstag bei der Kremation zu Entwickelnde so auf Ihre Herzen lege, daß ich Sie bitte, Ihre Gedanken hinauf zu richten zu der in geistige Welten Eingetretenen, denn ihre Gedanken werden ganz gewiß beim weiteren Fortgang der anthroposophischen Bewegung sein. Und durch die Art und Weise, wie sie sich in dieselbe hineingestellt hat, werden sie kraftvolle Gedanken sein, und es wird daher auch etwas Kraftvolles darstellen, sich mit ihren Gedanken zu verbinden. Und zum Zeichen dafür, daß das unser Wille ist, werden wir uns von unseren Sitzen zur Ehrung der Dahingegangenen erheben in der sicheren Zuversicht, daß dadurch eine schöne, eine bleibende, eine für die anthroposophische Bewegung kraftvolle Verbindung entstanden ist.

Nun, meine lieben Freunde, ich habe das, was ich heute zu Ihnen zu sagen hatte, was in einem gewissen Sinne auch mit dem KarmaGedanken zusammenhängt, denn Leben und Lehre hängen für uns zusammen, schon hineingefügt in die beiden Nachrufe, die ich bewegten Herzens heute zu sprechen hatte. Es wird jetzt meine Aufgabe sein, die Betrachtungen über das Karma weiter fortzusetzen, so daß dasjenige, was wir gewonnen haben durch die Betrachtung einzelner karmischer Zusammenhänge in. der Menschenwelt, nunmehr wird seine Anwendung finden können, wenn wir die große Frage stellen werden in unserem eigenen Herzen, in unserem individuellen Sein, wie das, was wir persönlich erleben, was wir sehen als oftmals erdrückende, oftmals erfreuliche Ereignisse in unserer Umgebung, was wir erschüttert sehen, erschüttert mitmachen, wie das zum Karma steht, wenn wir das schicksalsgemäß, karmisch beobachten wollen, wenn wir durch die Beobachtung des Katmas zu einem kraftvollen Wirken in dem Leben kommen wollen. Das wird sich anschließen können an die karmischen Betrachtungen, die wir seit Wochen gepflogen haben und die wir dann morgen in besonderer Anwendung auf den einzelnen individuellen Menschen, das heißt auf das individuelle menschliche Erleben, auf die persönliche Stellung des Menschen zum Karma, in dieser Weise anfangen werden auszugestalten.

German original of Memorial address for Charlotte Ferreri and Edith Maryon · ← Previous · Next →