Correspondence with Edith Maryon 1912–1924
GA 263 — 2 June 1922, Hildesheim
Letter from Edith Maryon
Edith Maryon an Rudolf Steiner
Bildhauer Atelier Goetheanum,
2. Juni 1922
Sehr verehrter lieber Lehrer,
bis jetzt ist keine Nachricht aus Wien in Dornach angelangt. Ich warte ungeduldig darauf, daß irgend jemand hierher schreibt mit Nachrichten von der Reise und Bericht gibt über die Situation (den Kongreß betreffend), weil ich doch hoffe, daß vielleicht alle Zeitungsberichte über Dr. Koliskos Vortrag etwas übertrieben worden sind, und daß wir doch nicht so geschädigt werden, wie man bei dem ersten Anblick erwarten konnte. Auch möchte ich recht gerne wissen, ob irgendwas zu spüren ist in Wien von den feindlichen Attacken, die in Deutschland stattgefunden haben? Oder bleibt man dort verschont? Es würde wirklich recht schön [sein], wenn die Österreicher sich würdiger und vernünftiger zeigen würden, als leider die Deutschen es getan haben; man könnte dann mehr für die Zukunft der Mittelmächte hoffen. Von Mrs. Mackenzie habe ich noch keinen Bericht. In den Häusern gibt es viel zu tun, eine ganze Anzahl kleiner Reparaturen und Ausbesserungen.
Herr von Heydebrand hat zwei Aufnahmen von den Kindern im Fortbildungskursus gemacht, und wird nächste Woche die Kinder bei der Toneurythmie photographieren. Ist es Ihnen jetzt eingefallen, was Sie sagen wollen für «Anthroposophy»? Hoffentlich geht es Ihnen gut, und ist der erste Vortrag gut verlaufen? Sind recht viele Menschen gekommen? Ich wünschte, ich könnte auch dabei sein, hier ist es still, schwer und langweilig, [man ist] auch ängstlich, man weiß gar nicht, was alles geschehen kann und möchte alles mithören, miterleben! Bitte, recht gut acht geben. Gestern war ein Gewitter, heute auch ein bißchen, beide nicht schlimm.
Mit allerherzlichsten Grüßen
Edith Maryon