Correspondence with Edith Maryon 1912–1924
GA 263 — 31 July 1923, Hildesheim
Letter from Edith Maryon
Edith Maryon an Rudolf Steiner
Bildhauer Atelier Goetheanum
Dornach bei Basel, 31. Juli 1923
Sehr verehrter lieber Lehrer,
heute ist ein ziemlich langweiliger Tag. Ich bin müde, habe erwas Hustenreiz, so bleibe ich einstweilen zu Hause, und beschäftige mich mit den elektrischen Licht-Rechnungen für die drei Häuser, eine komplizierte Sache, die sich über viele Monate erstreckt. Als Lohn nachher für diese mühsame Arbeit, lese und studiere ich wieder alle meine alten Meditationen usw. Kalähne ist nach Basel gefahren, mir allerlei kleinen Kram zu kaufen, es fehlt an Stecknadeln usw. Abends gibt es so ein Donnerwetter über den Bergen, es scheint aber nicht ganz nahe kommen zu wollen. Der ganze Himmel ist vom Blitz beleuchtet, manchmal sehr violett im Ton, was ich selten bemerkt habe.
Von Miss Beverley erhalte ich gerade einen langen Brief, sie meint, daß Sie noch nicht von hiet weggereist sind, und frägt, ob ein Buch von Miss McMillan angekommen ist? Sie ist die Rednerin für nächsten Samstagabend, und das Buch sollte von Ihren Ansichten in Erziehungsfragen handeln. Auch schickt sie diese Postkarte für Sie, es scheint eine sehr antike Schnitzerei zu sein, auf der Weide bei Ilkley.
Den Schnee [Schnupftabak] habe ich bereits bestellt, hoffentlich kommt er gut an! Bitte mir zu schreiben, ob er bei Ihnen angelangt ist.
Über die Entlobung von Schleutermann sagt mir Bauer, daß die Kleine krank gewesen war, und einige Tage allein mit ihrer Mutter zu Hause blieb; als sie dann zurückkam, brachte sie den Ring und gab ihn S. wieder. Sie scheint etwas geknickt zu sein über die Sache. Aisenpreis soll gesagt haben, daß $. seine Bedingung an die Kleine gestellt hat, und auch sie an ihn. Aber was für welche weiß man eben nicht, vorläufig auch nichts Weiteres.
Mittwoch. Heute ist schönes Wetter, aber viel Wind. Es geht immer noch weiter mit Rechnungen usw. Kalähne hat sich aus Basel eine komische Sorte von Drahtbesen mitgebracht und machte Jagd auf die Fliegen, wovon es allzu viele gibt.
Hoffentlich haben die Stuttgarter Leute diesmal — als Ausnahme - keine böse Überraschung vorbereitet, der Erfahrung entsprechend erwartet man immer was.
Ich werde sehr an die Reise und Überfahrt denken, hoffentlich gibt es Windstille, so daß man gut schlafen und ein bißchen ausruhen kann - das ist allzu notwendig. Ich hoffe, daß man auch in London einen Ruhetag verbringen kann. Das Hotel ist gut, aber vielleicht viel Lärm.
Wenn Sie ein Programm (mit Details von Vorträgen) von Penmaenmawr erwischen könnten, bitte mir eins zu senden. Nichts weiß ich, was dort geschehen soll. Mit besten Wünschen für die Konferenz und
allerherzlichsten Grüßen
Edith Maryon