Correspondence with Edith Maryon 1912–1924
GA 263 — 17 August 1923, Hildesheim
Letter from Edith Maryon
Edith Maryon an Rudolf Steiner
Bildhauer Atelier, Goetheanum
Dornach bei Basel, 17. Aug. 1923
Sehr verehrter lieber Lehrer,
es scheint, der kurze Gewittersturm vom Mittwoch hat doch viel Schaden in Basel angerichtet, auch in Arlesheim durch Hagel, hier aber nicht. Nachricht gibt es heute keine. Über die Rückreise bin ich doch etwas besorgt. Ich bin mit Reiseromantik nicht einverstanden, wenn so etwas bei der Hinreise passiert, ist man unsicher über den Verlauf der Rückreise. Auch verstehe ich nicht, wie beide Herren so wenig Geistesgegenwart haben, daß beide gemütlich weiterreisen, statt daß wenigstens einer aussteigt im rechten Moment. Bei mir wäre das wohl nicht passiert.
Bis jetzt habe ich von nirgendwo ein Penmaenmawr-Programm erhalten, ob es immer noch keines gibt? Hoffentlich wird die Reise dorthin morgen gut gehen. Sind Sie mit der Ilkley-Konferenz zufrieden? Ich denke, Sie sind jetzt mitten im letzten Vortrag dort.
Sonntag. Gestern war Wind, Sturm, und heute ist der Himmel bewölkt. Abends kam der willkommene Donnerstag-Brief an. Bei einigen ZeitungsAbschnitten konnte man wohl die Hand von Baronin R[osenkrantz] vermuten, aber ich hatte gehofft, daß einige unabhängig waren. Desto schlimmer für Engl. Verständnis, wenn sie es nicht sind. Es kommt mir wirklich wie eine Beleidigung vor, daß Sie immer noch kein Programm erhalten haben, es ist sehr rücksichtslos, wann alles so ohne Höflichkeit und Ordnung vor sich geht!
So hat man doch eine Londoner Eur[rythmie]-Aufführung durchgedrückt. Frau Dr. Wegman war hier, sie reist Montag ab, bleibt aber zwei Tage in Paris, zwei in London, und trifft etwas verspätet in Penmaenmawr ein. Wir sagen: Wozu ein Zentrum in Dornach, wenn man immer in der Peripherie arbeitet? Nach dieser allzu langen Zeit kommt dann das ewige Stuttgart, Holland, Wien, Stuttgart, der Norden und was alles noch! Wahrscheinlich ist als nächstes Amerika an der Reihe.
Trotzdem bin ich doch froh, daß Sie meinen, die erste Eur[rythmie]Aufführung sei gut gegangen, aber noch viel mehr, daß etwas Verständnis für die Vorträge vorhanden zu sein scheint. Ich hoffe nur, erwas Praktisches könnte herauswachsen, daß irgendwo in der Welt es ein bißchen schöner sein könnte. Die häßlichen Nachrichten und Töne von überall sind so bedrückend und betrübend.
Ich habe eine Menge Zeitungsabschnitte bekommen, aber ich denke, Sie haben wohl alle dort.
Ich versuche meine alten Papiere durchzuarbeiten, bin aber nicht sehr weit gekommen, ich sehe, ich muß mich mehr aufraffen und schlechte Laune austilgen.
Nun weil ich überhaupt nichts von Penmaenmawr weiß, muß ich wohl das Allerbeste denken, hoffen.
Allerherzlichste Grüße
Edith Maryon