Zur Geschichte und aus den Inhalten der ersten Abteilung der Esoterischen Schule 1904 bis 1914

GA 264 — 14 May 1904, London

An Doris und Franz Paulus in Stuttgart

London, 14. Mai 1904

Streng vertraulich.

Verehrteste Frau und Herr Doktor!

Vielfache Arbeit und Reisen haben es mir bis heute nicht möglich gemacht, Ihre lieben Briefe ausführlich zu beantworten. Ihr letztes Schreiben ist mir besonders lieb, denn ich sehe, daß Sie die Meditationsarbeit fortgesetzt haben, und das bitte ich immer so zu halten. Sie können versichert sein, daß Sie zur rechten Zeit immer von mir das Nötige erhalten. Ich mußte gerade wegen unserer esoterischen Arbeit in Deutschland die letzten Tage in London hier bei unserem spirituellen Oberhaupte Mrs. Besant zubringen, um von ihr volle esoterische Autorisation für alles zu erlangen, was ich auf diesem Felde tue. Denn Sie können versichert sein, daß im Esoterischen jede Anweisung, jeder Rat in der allersorgfältigsten Weise und unter wirklicher Leitung der großen spirituellen Führer des Menschengeschlechtes gegeben werden. Zweifeln Sie nicht, daß Sie über kurz oder lang durch die Meditationsarbeit selbst den Weg zu diesen Führern finden werden. Wer erlebt hat, was ich erlebt habe, der darf so sprechen. Ich bitte Sie nun, auch noch in den nächsten Wochen die Teile der «Stimme» zu meditieren, welche den sieben Stimmen vorangehen. Ich werde unter Autorisation in den nächsten Tagen diese sieben Stimmen interpretieren und Sie erhalten dann ein erstes Exemplar der Interpretation. Es wird dann noch viel mehr Wert für Sie haben, als wenn ich es Ihnen vor 14 Tagen noch ohne volle Autorisation gegeben hätte. Denn mein esoterisches Wirken hat erst in den letzten Tagen noch die volle Weihe erhalten.

Nun wende ich mich zu Ihren Fragen, liebe Frau Doktor. Wäre ich nicht Esoteriker und stünde ich nicht im spirituellen Leben, so würde ich vielleicht sagen: Ihre Fragen in Stuttgart und später die brieflichen haben mich überrascht. Aber durch die genannten Eigenschaften war ich für die Erkenntnis Ihres tiefen psychologischen Blickes voll vorbereitet. Ich kann Ihnen nur sagen: Sie haben gute psychische Gaben und eine schöne Vorbedingung sowohl zur spirituellen Erkenntnis wie auch zum Wirken in der physischen Welt von den spirituellen Plänen aus. Was Sie erleben, zeigt einfach, daß Sie Verbindung haben mit den spirituellen Mächten der Welt, und Ihre ganze Art zeigt wieder, daß Sie berufen sind, diese geistigen Gaben in edler Art zur Hilfe für die Menschen anzuwenden. Sie fragten mich u.a. wiederholt, wer ich sei. Es wird wohl auch die Zeit kommen, in der wir darüber sprechen können. Doch heute will ich Ihnen nur sagen, daß ich Berechtigung zu dem Glauben habe: Sie haben mir selbst in einem früheren Leben einmal einen recht großen Dienst geleistet. Mißverstehen Sie mich nicht. Irrtümer sind natürlich auch bei spirituellen Beobachtungen nicht ausgeschlossen. Ich bin aber kein Mensch, der in Illusionen lebt. Ich bin auf den spirituellen Feldern einer derjenigen, die man vorsichtig, und wohl auch «nüchtern» nennt. Deshalb darf ich von berechtigtem Glauben sprechen. Es hat in meinem früheren Leben vor Jahrhunderten eine Persönlichkeit die Rolle gespielt, daß sie mich einer gewissen Familiensphäre entriß und mir die Wege damals möglich machte, die zu meinem damaligen Berufe, einem katholischen Priester, nötig waren. Es waren Zeiten, in denen die Kirche noch nicht ganz verfallen war wie heute. Sie bewiesen damals die Vorurteilslosigkeit, die mir auch heute so groß an Ihnen erscheint. Sie haben sich damals wohl auch die Bedingungen zu Ihrem heutigen Leben geschaffen. Das sind Andeutungen, die ich Sie bitte so kritisch wie möglich aufzunehmen; aber ich kann Ihnen nur sagen, daß ich sie mit Grund für vollberechtigt halte. Es wird Ihnen, wenn Ihnen plausibel erscheint, was ich sage, auch klar sein, daß Sie zu psychischem Leben berufen sind. Erschrecken Sie vor dieser Veranlagung nicht. Solche Gaben müssen wir als ein Heiligtum betrachten; wir müssen mit ihm leben, so vertraut, wie wir mit den Tischen und Personen unserer physischen Umgebung leben. Wir müssen sie ganz objektiv hinnehmen, und unser Selbstbewußtsein, unser «Ich» stets intakt und als festen Mittelpunkt erhalten.

Niemals dürfen wir uns unfrei machen lassen von solchen Einflüssen. Sie sind uns geschenkt; aber niemals mit der Absicht, uns zu überwältigen. Was auch kommen mag, halten Sie fest an dem Grundsatz: alle Mächte der Welt, physische wie geistige, sind in der gegenwärtigen Entwickelungsepoche der Welt dazu da, daß der Mensch als freies, selbstbewußtes, denkendes, auf sich selbst gestütztes Wesen zunächst hier auf dieser Erde seine Aufgabe erfülle. Die geistigen Mächte und Einflüsse sollen ihn nur leiten, hier die rechten Wege zu finden. Und insbesondere ist heute die Frau berufen, ihr Selbst zu finden und geltend zu machen. Alles, was auf diesem Gebiete geschieht, wird zum Heile der Menschheit beitragen.

Ich bin am 17. Mai wohl wieder in Berlin und schreibe Ihnen dann diesen Brief weiter.1 Für heute sage ich Ihnen beiden noch allerherzlichste Grüße von hier aus in Treuen ganz Ihr.

Rudolf Steiner



  1. Brief vom 11. August 1904 ↩

German original of To Doris and Franz Paulus in Stuttgart · ← Previous · Next →