Zur Geschichte und aus den Inhalten der ersten Abteilung der Esoterischen Schule 1904 bis 1914
GA 264 — 27 August 1904, Berlin
An Mathilde Scholl in Köln
Berlin, 27. August 1904
Verehrtes, liebes Fräulein Scholl!
Ganz rasch möchte ich Ihnen vorläufig auf Ihren Brief einiges antworten.1 Falls Mr. Keightley nach Deutschland kommt, so kann für uns nur Eines maßgebend sein: die Sache so unbefangen wie möglich anzusehen. Wer Mrs. Besant kennt, der weiß, wie sie sich in einem solchen Falle verhält. Sie läßt die Dinge geschehen, und vertraut auf die geistigen Kräfte, die mit ihr sind. Und ich tue es nicht anders. Diplomatisches Denken muß uns, die wir nicht menschlichen Verstandeserwägungen, sondern den Meistern folgen, ganz fern liegen. Wir fragen deshalb auch gar nicht «warum» in einem solchen Falle. Mrs. Besant hat nur einmal an Frl. v. Sivers geschrieben, sie «erwarte mit Mr. Keightley» in Hamburg zusammenzutreffen. Das ist alles. Und ich frage nicht nach anderem. Aber, liebes Fräulein Scholl: Eines ist notwendig, daß wir, die um Mrs. Besant, in der nächsten Zeit fest und innig zusammenstehen. Was wir tun werden, das wird sich in jedem einzelnen Fall ergeben. Ich bitte Sie nun auch, nicht aus irgendwelchen Erwägungen zur Zeit von K’s Anwesenheit von Frl. Link fernzubleiben, sondern so zu tun, wie Sie ohne Rücksicht auf ihn getan hätten, und seine Anwesenheit als etwas nicht weiter Verwunderliches anzusehen.2
Bitte betrachten Sie diese Zeilen als Vertrauenssache. Sie müssen kurz sein, wenn sie Sie morgen früh noch treffen sollen. In den Dispositionen für das Datum usw. ist nichts maßgebend, als was zwischen Ihnen und Frl. Sivers abgemacht worden ist.
Morgen weiteres. Ich muß diese Zeilen in den Kölner Zug werfen.
Herzlich
Dr. Rudolf Steiner
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Mathilde Scholl hatte am 26. August geschrieben, wie besorgt sie sei, aus England zu erfahren, daß Keightley Annie Besant auf ihrer Deutschlandreise begleiten und ihre Vorträge übersetzen werde; dies erscheint auch in Rudolf Steiners Brief an Marie von Sivers vom 27. August 1904 (in GA 262). Offenbar bestand gegenüber Keightley ein gewisses Mißtrauen, vermutlich, weil er damals in seiner Eigenschaft als Generalsekretär der englischen (ehem. europäischen) Sektion eine Bestrebung unterstützte, die eine unabhängige süddeutsche Sektion von der deutschen Sektion abspalten wollte (wie aus seinem Brief vom 7. 3. 1904 an Rudolf Steiner hervorgeht). ↩
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Nach dem Brief von Mathilde Scholl vom 26. August war Frl. Link mit Keightley befreundet und bei dieser als Gast angemeldet. ↩