Zur Geschichte und aus den Inhalten der ersten Abteilung der Esoterischen Schule 1904 bis 1914

GA 264 — 23 March 1908, Berlin

An Anna R. Minsloff in Rußland

Berlin, 23. März 1908

Mein liebes Fräulein Minsloff!

Herzlichen Gruß vor allem. Die Übungen waren nicht so gemeint, daß sie eines Tages aufhören sollten, sondern immer fortge 1) Liegen nicht vor. setzt werden, bis Sie neue erhalten. Es wird nun gut sein, wenn Sie die Morgen- und Abendübung genau in der Art weiter machen, wie Sie dieselbe bei Ihrem letzten Hiersein beschrieben erhalten haben. In dieser Übung liegen viele Mysterien verborgen, welche sich durch die innerliche Identifizierung mit dem Inhalte in jahrelanger Energie enthüllen. Sie insbesondere werden durch das geduldige Fortsetzen dieser Übung zu echten inneren Offenbarungen kommen. Wenn Sie jetzt zuweilen eine Schwächung der Kräfte fühlen, so ist das eine vorübergehende Erscheinung, die weiter keine Bedeutung hat und die wieder in Energie übergehen wird. Besonders wichtig in der Morgenübung sind: 1.) Die Ihnen bekannten 7 Zeilen; 2.) Die vier Meditationen über «Ich bin»; «Es denkt»; «Sie fühlt»; «Er will» im Zusammenhange mit den Ihnen beschriebenen Atmungen. 3.) Das Kraftwort, das Ihnen gegeben worden ist. 4.) Die Devotion an das göttliche Ideal. Zwischen das 2. und 3. fügen Sie ein die lebhafte Vorstellung einer Pflanze (Imagination) und suchen sich ganz zu versenken in die Vorstellung, wie der Mensch der Pflanze sein Leben verdankt. Man macht dies so:

Einatmung mit dem Anschauen der Pflanze und dem Gedanken:
Dein (der Pflanze) Tod - mein Leben
Dann Atemhalten und dabei imaginatives Hinschauen auf die vorgestellte Pflanze;
dann Ausatmen mit dem Gedanken:
Mein Tod - dein Leben.
Dies wiederholt man dreimal, dann läßt man folgen:
Einatmung wieder mit dem Satz:
Dein Tod - mein Leben;
dann Ausatmung
Mein Tod - dein Leben;
dann enthält man sich des Atmens eine Weile (dreimal so lang als man eingeatmet hat).
Dies wiederholt man wieder dreimal.
Dann versetzt man sich in die Pflanze; man identifiziert sich mit derselben in Gedanken, und sieht in Gedanken auf sich selbst, als ob man ein ganz anderes Wesen wäre, dabei Einatmung mit Gedanken:
Mein Tod - dein Leben
Ausatmung mit dem Gedanken:
Dein Tod - mein Leben; dann wieder eine Weile Atementhaltung.
Dies macht man einmal.
Dabei hat man in der Vorstellung immer die Pflanze vor dem geistigen Auge. Abends die Übungen, die Ihnen beschrieben worden sind. Die Nebenübungen: Gedankenkonzentration, Initiativhandlungen; Überwinden von Lust und Leid, Positivität, Unbefangenheit wiederholt man so, daß wenn man sie durchgenommen hat, [man] immer wieder von vorne beginnt; einen Monat Gedanken konzentration, dann einen Monat Initiativhandlung folgen läßt usw., wie es in Ihren Papieren beschrieben ist. Wenn Sie diese Übungen ausführen, wird alles gut gehen.

Und wenn Sie, mein liebes Fräulein Minsloff, Ihre Kraft nicht überanstrengen, dann kann ich mit allen den Dingen, die Sie für andere Menschen tun, ganz einverstanden sein. Sie werden segensreich wirken. Es ist alles recht, wie Sie es machen.

Nun noch einiges über die russische Sektionsgründung. Es wird wohl für die große geistige Sache, die allein heilsam sein kann und welche wichtig ist, durch diese Sektionsgründung nicht viel bewirkt werden. In Deutschland ist die Sektion in vieler Hinsicht schon ein Hemmschuh; aber ein notwendiger, der nicht außer Acht gelassen werden durfte. Wir mußten hier die Sektion haben. Bei Ihnen wird die Sektion noch weniger förderlich sein. Sie haben im Lande und namentlich im Volke den großen theosophischen Schatz, welcher durch eine geistige Verbindung mit dem, was Sie hier kennen gelernt haben als wahre Theosophie und auch als echtes lebenspendendes zukunftsicheres Christentum, zu der höchsten geistigen Blüte gerade im Osten Europas kommen muß. Im nicht theosophischen Geistesleben des Westens gibt es eine Wissenschaft, die in geistiger Beziehung für die Zukunft nur durch ihre umfassende Gedankentechnik Wert hat. Diese Gedankentechnik muß in aller Zukunft dem Geistesleben eingeimpft werden. Im Osten aber haben Sie einen Volks-Seelen-Inhalt, der zur Evolution gebracht werden muß zum Heile der ganzen Menschheit. Dieser Volks-Seelen-Inhalt macht es, daß in Vielem aus dem Osten große Weisheiten mit wenigen Sätzen geprägt werden, welche im Westen nicht mit ganzen Büchern zu erschöpfen sind. Die Leiden in Ihrem Lande sind die Geburtswehen dieses Volks-Seelen-Inhaltes. Wie ein Zauberhauch aber erscheint der Keim dieses Volks-Seelen-Inhaltes dem wahren Erkenner der Verhältnisse. Da ist große geistige Arbeit zu tun. Was Frl. Kamensky in München vorgebracht hat als Vortrag auf dem Kongresse, hat mit dieser geistigen Sache gar nichts zu tun, denn das sind im Grunde nur theoretische Reflexe des Westens; die Volks-Seele liegt viel tiefer. Vieles keimte von dieser Volksseele in Tolstoi hervor; doch muß sich dieses alles verbinden mit echter Theosophie, wenn daraus das echte werden soll.

Gegen das alles, was, wie ich weiß, auch Ihren Zielen, mein liebes Fräulein Minsloff, eingeprägt ist, gegen das alles ist die Sektionsgründung eine kindliche Pygmäenarbeit, das unschuldige Spiel einiger theoretisierender Menschen, welche innerlich fanatisiert sind durch die Eine Form der Theosophie, welche sie kennen gelernt haben. Und denen gegenüber ist das beste: man läßt sie gewähren mit ihrer Sektionsgründung und sagt sich, sie mögen tun, was sie wollen. Der Sache wird die Sektionsgründung nur durch das nützen, was man in das Sektionsgefäß hineingießt. Aus diesem Grunde wäre es wohl auch nicht ganz gut, wenn ich gerade jetzt Vorträge dort hielte. Mag erst die Sektion begründet sein. Wir werden mit und ohne Sektion von dem Wege keinen Schritt abkommen, auf dem wir wandeln. Und diesem ernsten Wege wird die Sektion bei Ihnen nichts nützen, aber auch nicht erheblich schaden. So scheint es das beste: Wir warten mit meinen Vorträgen eine kleine Weile, wenn auch nicht lange; lassen die Sektionsgründung ihre Wege gehen. Ihre eigene Arbeit, mein liebes Fräulein Minsloff, setzen Sie so fort, wie Sie sie bisher gemacht haben. Es ist besser, wenn Sie diese wertvolle Arbeit positiv tun und die Sektion trotzdem ruhig entstehen lassen. Ob Sie und die wenigen Angehörigen der deutschen Sektion der russischen Sektion beitreten sollen: das braucht jetzt noch gar nicht entschieden zu werden. Das kann dann geschehen, wenn die russische Sektion gegründet ist, falls es überhaupt geschehen soll.

Diesen Brief schreibe ich zur für Sie, und ich bitte Sie, den Inhalt niemand von den andern Theosophen mitzuteilen, mit nur Einer Ausnahme, wenn Sie dazu Gelegenheit haben: Fräulein Olga von Sivers. Doch auch diese soll die Sache nur als Richtschnur für sich betrachten und nicht dieses andern sagen.

In immer gleicher Art, ganz Ihr

Dr. Rudolf Steiner

German original of To Anna R. Minsloff in Russia · ← Previous