Zur Geschichte und aus den Inhalten der ersten Abteilung der Esoterischen Schule 1904 bis 1914

GA 264

Über Meisterpersönlichkeiten im Zusammenhang mit den Auferweckungen in den Evangelien

Ohne Orts- und Datumangabe, Gedächtnisnotizen von Elisabeth Vreede

Im Matthäus-Evangelium wird uns erzählt, wie aus dem Morgenlande die drei Magier kommen, die ihren Weihrauch, ihr Gold und ihre Myrrhen dem neugeborenen Jesuskinde, dem wiedergeborenen Zarathustra, darbringen. Sie huldigen ihrem wiederverkörperten Meister, der gewirkt hat in seinen verschiedenen Inkarnationen in den drei vorangegangenen Kulturepochen. Sie sind gleichsam die Bewahrer der alten Weisheitsschätze aus der altindischen, der altpersischen und der ägyptisch-babylonischen Epoche. Und indem sie diese in der symbolischen Form von Weihrauch, Gold und Myrrhen dem Jesuskinde zu Füßen legen, weisen sie gleichsam darauf hin, wie das, was als Kulturkeime in diesen Zeiträumen gewirkt hat, nur dadurch für die Menschheit gerettet werden kann, wenn es durchzogen wird von der Christus-Kraft, die einmal dieses Kindlein beseelen wird. Sie selber werden diese Auferstehung der Weisheitsschätze ihrer Kulturepochen nicht mehr erleben. «Sie zogen auf einem anderen Weg wieder in ihr Land».

Wir können uns aber die Frage vorlegen: Wo bleiben diese drei Weisen später, was wird eigentlich aus ihrer Weisheit? Und wir müssen uns daran erinnern, daß die Kulturen, die hier auf Erden entstehen und vergehen, einen Keim in sich bergen, der befruchtet werden kann von dem Christus-Impuls und der zur erneuten Blüte kommen wird in den Zeitperioden, die nach dem Mysterium von Golgatha verlaufen. Was die drei Magier aus dem Morgenlande als Kulturkeime dem Jesuskinde geopfert haben, das wird von dem Christus auferweckt werden; das enthält die Kräfte, welche diese drei späteren Kulturperioden wirklich mit dem Christus-Impuls durchdringen können. Das dritte nachatlantische Zeitalter wird in all dem, was es als Weisheitsgut enthielt, von dem Christus auferweckt, damit es unser fünftes Zeitalter befruchten kann. Das zweite Zeitalter, dasjenige des Zarathustra, wird auferweckt, damit im sechsten nachatlantischen Zeitalter das wahre Verständnis für den Christus da sein kann. Und das erste, das altindische Zeitalter, erfährt seine Auferstehung im siebenten nachatlantischen Zeitalter mit Hilfe der Christus-Kraft.

Und in jedem Falle muß der Christus eine bestimmte Persönlichkeit, eine menschliche Seele, auferwecken, die durch ihr Schicksal dazu berufen ist, der spezielle Träger dieses Kulturkeimes aus alter Zeit zu sein, und die zugleich diejenige Seele ist, welche dafür sorgen kann, daß das, was der Christus der Menschheit als Gaben gebracht hat, auch weiter fortgeführt wird, daß das Verständnis für den Christus und seine Mission auch in späteren Zeiten der Menschheit in der entsprechenden Weise beigebracht werden kann.

Wir wollen diese Auferweckungen der Reihe nach betrachten.

Erstens: Im Lukas-Evangelium (Kap.7) wird uns in ergreifenden Worten geschildert die Auferweckung des Jünglings zu Nain. Bedeutungsvoll ist jedes Wort an dieser Erzählung, die darauf hinweist, wie in dem Jüngling zu Nain lebte das ganze dritte nachatlantische Zeitalter, die ägyptisch-chaldäische Kultur, so wie diese sich hat entwickeln können unter dem Einfluß der Kräfte, die damals auf die Menschenseele wirkten.

Der Jüngling zu Nain aus dem Lukas-Evangelium ist kein anderer als der Jüngling zu Sais; bis in die Namen ist der Unterschied zwischen der geistigen Umgebung des dritten und des vierten Kulturzeitalters hineingeheimnist. Wissen wollte der Jüngling zu Sais unvorbereitet von den Geheimnissen der geistigen Welt; er wollte werden wie die anderen Eingeweihten ein «Sohn der Witwe», der Isis, die da trauerte um ihren verlorenen Gemahl Osiris. Da er aber unvorbereitet war, da er hier auf dem physischen Plan selber das Bild der Isis enthüllen und die himmlischen Geheimnisse schauen wollte, so verfiel er dem Tode. Kein Sterblicher konnte zu der Zeit den Schleier der Isis lüften. In dem Jüngling zu Sais symbolisiert sich die ohnmächtige Weisheit der ägyptischen Zeit.

Er wird wiedergeboren, er wächst heran als der Jüngling zu Nain, er ist wiederum ein «Sohn der Witwe», wiederum stirbt er im Jünglingsalter. Und der Christus Jesus naht sich, als der Tote aus dem Stadttor getragen wird. Und «viel Volk aus der Stadt» war mit seiner Mutter; es ist die Schar der ägyptischen Eingeweihten. Sie alle sind Tote, die einen Toten begraben. «Und da sie der Herr sah, Jammerte ihn derselbigen». Es Jammerte ihn der Mutter, die dasteht gleichsam als Isis, welche war die Schwester und Gemahlin des Osiris. Und er sprach: «Jüngling, ich sage dir, stehe auf!» «Und der Tote richtete sich auf und fing an zu reden, und er gab ihn seiner Mutter.» - Sie ist ja auf die Erde herabgestiegen, die frühere Isis; ihre Kräfte können jetzt auf der Erde selbst erlebt werden. Der Sohn wird der Mutter wieder geschenkt, es ist nun an ihm, sich völlig mit ihr zu verbinden. «Und die Umstehenden priesen Gott und sprachen: Es ist ein großer Prophet unter uns aufgestanden». Denn in dem Jüngling zu Nain hatte der Christus Jesus durch die Art der Initiation, welche diese Auferstehung darstellt, einen Keim gesenkt, der erst in seiner nächsten Inkarnation zur Blüte kommen konnte.

Ein großer Prophet, ein gewaltiger Religionslehrer ist aus dem Jüngling zu Nain geworden! Im dritten nachchristlichen Jahrhundert trat zunächst in Babylonien auf Mani oder Manes, der Begründer des Manichäismus. Eine eigentümliche Legende erzählt über ihn das folgende.

Skythianos und Therebinthus oder Buddha waren seine Vorgänger. Der Letztere war der Schüler des Erstgenannten. Nach dem gewaltsamen Tode des Skythianos flieht er mit dessen Büchern nach Babylonien. Auch ihm ergeht es schlecht; nur eine alte Wirwe nimmt seine Lehre an. Sie erbt seine Bücher und hinterläßt diese ihrem Pflegesohn, der im Alter von zwölf Jahren steht und den sie als siebenjährigen Sklavenknaben an Kindesstatt angenommen hat. Dieser, der auch wiederum ein «Sohn der Witwe» genannt werden kann, tritt mit 24 Jahren auf als Manes, der Begründer des Manichäismus.

In seiner Lehre war alles zusammengefaßt, was die alten Religionen an Weisheit enthalten hatten, und er beleuchtete es mit einer christlichen Gnosis, die möglich machte, daß die Bekenner der babylonisch-ägyptischen Sternenweisheit, die Anhänger der alten PerserReligion, ja sogar die Buddhisten aus Indien, sich durchdringen konnten mit einem Verständnis des Christus-Impulses in dieser Form.

Vorbereitend gewirkt hat diese Seele, die vorher in dem Jüngling zu Nain lebte und die eingeweiht wurde von dem Christus in dieser Weise für spätere Zeiten, wo das, was im Manichäismus enthalten war und was durchaus nicht zur vollen Entwickelung gekommen ist, aufgehen wird zum Heile der Völker des alten Orients, - vorbereitend hat diese Seele in ihrer Inkarnation als Manes gewirkt für ihre eigentliche spätere Mission: den wahren Zusammenklang aller Religionen zu bringen.

Damit sie dieses tun konnte, mußte sie wiedergeboren werden als diejenige Seele, die zu dem Christus-Impuls in einem ganz besonderen Verhältnis steht. Untertauchen mußte gleichsam noch einmal alles, was in jener Inkarnation als Manes an altem und neuem Wissen aus dieser Seele heraufgekommen war. Als der «reine Tor» mußte er dem äußeren Wissen der Welt und dem Wirken des Christus-Impulses in seinen Seelenuntergründen gegenüberstehen. Er wird wiedergeboren als Parzival, der Sohn der Herzeleide, der von ihrem Gatten verlassenen tragischen Gestalt. Als Sohn dieser Witwe verläßt nun auch er die Mutter. Er zieht hinaus in die Welt. Nach mancherlei Irrfahrten gelangt er dazu, zum Hüter des Heiligen Grals erkoren zu werden. Und die Fortsetzung der Parzivalsage erzählt uns, wie er wiederum hinzieht nach dem Morgenlande, wie er in den Angehörigen der dunklen Rassen seine Brüder findet, wie auch zu diesen die Segnungen des Heiligen Grals einmal kommen werden. So bereitete er sich in seinem Leben als Parzival dazu vor, später ein neuer Lehrer des Christentums zu werden, dessen Aufgabe es sein wird, das Christentum immer mehr und mehr zu durchdringen mit den Lehren von Karma und Reinkarnation, wenn die Zeit dazu reif sein wird.

Zweitens: Das zweite nachatlantische Zeitalter ist dasjenige des Zarathustra. Eine besondere Beziehung hat es dadurch zum Christus. Denn Zarathustra wies hin auf den Sonnengott, Ahura Mazdao, der sich der Erde näherte, und der kein anderer war als der zukünftige Christus. Und in seiner ganzen Mission war Zarathustra ein Wegbereiter für den Christus, indem er lehrte, die Erde zu schätzen und zu bearbeiten, vor den bösen Mächten nicht zu fliehen, sondern sie zu überwinden und dadurch zu erlösen. So konnte das Ich des Zarathustra, das höchstgestiegene menschliche Ich, dazu auserlesen sein, während 18 Jahren zu wohnen in den Hüllen, die dann den Christus aufnehmen sollten. Sein Ich verließ die Hüllen kurz vor der Johannestaufe im Jordan. So war er nicht im Fleische verkörpert dabei, als der Christus auf Erden wandelte. Er selber inkarnierte sich bald nach dem Verlassen der drei Hüllen des nathanischen Jesus; sein Ich verband sich mit dem Ätherleib des salomonischen Jesus, der bei dessen Tode von der Mutter des nathanischen Jesus mit hineingenommen worden war in die geistige Welt.

Es konnte der Christus Jesus also nicht den Zarathustra als den berufenen Repräsentanten des zweiten nachatlantischen Zeitalters auferwecken. Doch war gleichsam stellvertretend eine andere Individualität auf Erden verkörpert in jener Zeit, deren Entwickelung und für die Menschheit bedeutsamste Mission in merkwürdiger Weise derjenigen des Zarathustra parallel ging. Es war dies Lazarus, der wiedergeborene Hiram Abiff, der bedeutungsvollste der Kainssöhne, der gleichfalls gearbeitet hatte an der Erdenmission von dem menschlichen Ich aus, wie es Zarathustra im alten Persien getan hatte. Er wird «krank», er «stirbt» und wird ins Grab gelegt. Der Christus Jesus erfährt von seiner Krankheit und er spricht zu seinen Jüngern von dem Tode des Lazarus. «Da sprach Thomas, der genannt ist der Zwilling, zu den Jüngern: Laßt uns mitziehen, daß wir mit ihm sterben.» (Joh.11,16).

In dieser Auferweckung, die mit Lazarus stattfinden soll, werden die Seelen, die dem zweiten nachatlantischen Zeitalter angehören wie das «Volk aus der Stadt» bei der Auferweckung des Jünglings zu Nain das dritte nachatlantische Zeitalter repräsentiert — dargestellt von Thomas, dem «Zwilling». Denn der zweite nachatlantische Zeitraum war der Zeitraum der Zwillinge. Seine sonst völlig sinnlosen Worte bezeugen, daß der zweite nachatlantische Zeitraum bereit ist, von dem Christus auferweckt zu werden. Das, was als Kulturkeim in der alten persischen Zeitepoche gelebt hat, ist nicht gestorben. Es handelt sich nicht um die Auferweckung eines Toten, sondern um die Einweihung eines Lebendigen. Das ist der große Unterschied zwischen der Erzählung dieser Auferweckung und der beiden anderen. Daher spricht der Christus Jesus: «Ich bin die Auferstehung und das Leben; wer an mich glaubt, der wird leben, ob er gleich stürbe.»

Und der Christus Jesus kommt zu dem Grab, in das man den totgewähnten Lazarus gelegt hat, und er spricht die sakramentalen Worte vor allem Volk: «Lazarus, komm heraus!» -— Und der Verstorbene kam heraus, gebunden mit Grabtüchern an Händen und Füßen und sein Angesicht verhüllt mit einem Schweißtuch. Und der Christus Jesus spricht die Worte, die gleichsam andeuten, daß von der Stunde an dieser Eingeweihte wird anfangen zu wirken. «Löset ihn auf und lasset ihn gehen».

Er ist nicht ein Jüngling wie der Jüngling zu Nain, er ist ein Mann im vollen Besitze seiner Geisteskräfte. Und der auferweckte Lazarus wird der Schreiber des Johannes-Evangeliums. Er ist derjenige, der am Kreuze steht und zu dem der Christus Jesus vom Kreuz herab spricht, hinweisend auf die Mutter Sophia-Maria: «Siehe, das ist deine Mutter!» So wird noch einmal bekundet sein eigentümliches stellvertretendes Verhältnis zu dem Ich des Zarathustra, der als der salomonische Jesusknabe wirklich als der Sohn dieser Mutter geboren wurde.

Mit dieser Kraft in sich kann er wirken schon vor dem sechsten nachatlantischen Zeitalter, schon in dem fünften Kulturzeitalter bereitet er vor das sechste, dasjenige, welches das tiefste Verständnis des Christus-Impulses zeigen wird, welches das Johannes-Evangelium am besten verstehen wird.

(Unter den zwölf Aposteln ist Lazarus-Johannes selber gleichsam wiederum von einem anderen vertreten. Johannes, der Bruder des Jakobus und Sohn des Zebedäus, ist nicht ein Apostel im eigentlichen Sinn. Jakobus und Johannes sind gewissermassen Eins, sie vergegenwärtigen unter den intimeren Schülern des Christus Jesus die Kraft der Verstandes- oder Gemütsseele, die ja eine doppelte Funktion im Menschen hat, aber doch eine Einheit ist. Daher werden sie genannt «Söhne des Donners», denn der Donner ist makrokosmisch dasselbe, was der Gedanke im menschlichen Mikrokosmos ist. Wenn aber Lazarus zu Johannes wird, nimmt er die Stelle des einen Zebedäus-Sohnes ein, und als solcher ist er derjenige, der beim Abendmahle an der Brust Jesu lag.)

Drittens: Als der Christus Jesus auf Erden umherwandelte, waren von dem dritten nachatlantischen Kulturzeitalter nur noch die heruntergekommenen Nachkommen vorhanden. Das zweite nachatlantische Zeitalter war als Kulturträger fast ganz von der Erde geschwunden, nur wenige Anhänger von der vielfach entarteten Zarathustra-Religion lebten hie und da zerstreut. Aber das erste, das altindische Kulturzeitalter, das älteste und spirituellste, hatte seine Nachkommen sowohl zur Zeit des Christus Jesus, als noch in der unsrigen, wenn auch die Kultur siech geworden und angekränkelt war vom Materialismus. Es ist dasjenige Zeitalter, das am allerletzten auferstehen wird, das am längsten warten muß.

Und in geheimnisvoller Weise wird uns diese Auferstehung erzählt in der Geschichte von der Auferweckung von Jairus’ zwölfjährigem Töchterlein und der vorangehenden Heilung der Frau, die zwölf Jahre den Blutgang gehabt hatte.

Das Mädchen ist dem Tode nahe, der Christus Jesus soll sie heilen. Aber die Frau lebt auch, deren Krankheit begonnen hat bei der Geburt dieses Mädchens. Das Blut, das Leben strömt aus ihr weg. Sie ist dasjenige, was aus der einstmals so blühenden, spirituellen Kultur des alten Indiens geworden ist, was nicht geheilt werden konnte von den Ärzten, denn keine Jogamethoden, keine Vedantaphilosophie konnten in all ihrer Erhabenheit die indische Kultur vor dem Untergang retten.

Sie ist karmisch verbunden mit dem Mädchen, das im Alter von zwölf Jahren steht, das heißt, daß die Entwickelung des Ätherleibes nahe daran ist, abgeschlossen zu werden. Die altindische Kulturperiode war ja die Zeit der Entwickelung des ätherischen Leibes. Was in diesen Ätherleib als Keim gelegt worden ist in der uralt indischen Kultur, das soll auferweckt werden und aufbewahrt werden für das letzte, das siebente Zeitalter.

Diese Auferweckung kann aber nur stattfinden, nachdem die Frau geheilt ist. Sie kommt aus dem Volk hin zu Christus «von hinten» (Lukas 8,44), berührt den Saum seines Kleides und sie ist geheilt, denn «dein Glaube hat dich gesund gemacht» (Markus 5,34). Sie wird geheilt, weil sie den Glauben an den Geist, der im Fleische auf Erden verkörpert ist, in sich hatte. Und als sie geheilt ist von dem Blutgang, dadurch, daß sie aus freiem Entschluß das Kleid des Christus Jesus berührt hat, da kann auch dasjenige, was einmal als lebendige Kraft in ihr war und was jetzt im Sterben liegt, ja sogar schon als gestorben angesehen wird, auferweckt werden: Es ist das Töchterchen des Jairus, eines «Obersten der Schule», denn die erste Kulturperiode war diejenige der Brahmanen, der Priester. Eine große Schar ist um das tote Mädchen herum, «die da weineten und heulten»; sie sind wiederum die Angehörigen des ersten nachatlantischen Zeitalters, welche klagen um das, was vorbei ist. Matthäus erwähnt die Pfeifer (9,23), die bei der Toten spielen; auch Krishna spielte auf der Flöte und das Volk folgte diesem Klang.

Der Christus Jesus aber treibt alle heraus. Ein großes Mysterium wird sich vollziehen, denn die Auferweckung gerade des ersten Zeitalters mit seiner Entwickelung des Ätherleibes hat mit tiefen Geheimnissen der menschlichen Natur zu tun. Er nimmt nur mit Petrus, Johannes, Jakobus, den Vater und die Mutter des Kindes. Mit dem Christus Jesus und dem Kinde selbst waren also sieben Personen beisammen: die drei Seelenkräfte, die drei Geisteskräfte und der Christus als das kosmische Ich. So spiegelte sich das Zeitalter der alten heiligen Rishis in diesen sieben Anwesenden. Wie die Rishis nur wirken konnten, wenn sie zu sieben zusammen waren, so konnte das Mädchen nur auferweckt werden, wenn die Siebenzahl von Kräften anwesend war. Und sie wird geheilt und es sagt der Christus Jesus, sie sollten ihr zu essen geben. Denn vorher hatte die altindische Kultur nicht zu essen gebraucht, sie bekam ihr Wissen eben durch die wunderbare Entwickelung des Ätherleibes unmittelbar aus der geistigen Welt. Aber diese Nahrung ist ihr ausgegangen. Nunmehr soll sie essen von dem, was ihre Umgebung ihr reichen kann. «Und der Christus Jesus verbot ihnen hart, daß es niemand wissen sollte». Ein Gebot, das offenbar unmöglich im physischrealen Sinn aufgefaßt werden kann. Aber die Geheimnisse, die sich mit dieser Auferweckung abgespielt haben, sollten für lange Zeiten unbekannt und verborgen bleiben.

Neben diesen drei Auferweckungen der drei dem Zeitalter des Christus Jesus vorangehenden Kulturperioden, finden sich in den Evangelien noch einige merkwürdige Erzählungen, die sich mit dem Einleben des Christus-Impulses in die Menschheitsentwickelung in Verbindung bringen lassen.

Viertens: Im Johannes-Evangelium (Kap. 4, 47-54) wird erzählt von dem Sohn des königlichen Hauptmanns, das heißt des Römers, der todkrank war. In ihm siecht das vierte nachatlantische Zeitalter, das griechisch-römische dahin. Und der Christus heilt ihn, auf die Bitte des Vaters, weil der Vater geglaubt hat auch ohne «Zeichen und Wunder». Der Sohn wird nicht auferweckt, er ist nicht gestorben, denn das vierte Zeitalter war noch lebendig zur Zeit des Christus Jesus, es ist nur krank und kann nur geheilt werden durch den Glauben. Denn nur in der Form des Glaubens konnte das griechischrömische Zeitalter die Christus-Kraft in sich aufnehmen.

Fünftens: Unmittelbar nach dieser Erzählung im Johannes-Evangelium folgt diejenige von der Heilung des Kranken in Bethesda, dem Teich mit den fünf Hallen. Mit diesen ist angedeutet der fünfte nachatlantische Zeitraum, mit alledem, was in ihm lebt an Kräften der vorangehenden Kulturperioden. Krank sind die Menschen, die da liegen, sie haben nicht das richtige Verhältnis zur geistigen Welt, sie sind zu tief der Materie verfallen. Von Zeit zu Zeit steigt ein Engel herab, der das Wasser berührt: eine neue Offenbarung aus den geistigen Welten heilt diejenigen, welche dieser am nächsten stehen, doch hilft sie nicht mehr den später Kommenden. Und so war ein Mensch da, der hatte 38 Jahre gewartet, ohne zeitig an das Wasser herangekommen zu sein. 38 = 2 x 19, und 19 Jahre ist die Zeit, nach der sich Sonne, Mond und Erde wiederum in demselben Verhältnis zueinander befinden, oder mit anderen Worten, die Zeit, in der das Denken, Fühlen und Wollen des Menschen alle möglichen Schattierungen in ihrem Verhältnis zueinander durchgemacht haben. So steht die Zeit von 19 Jahren für eine Inkarnation, und die 38 Jahre deuten hin auf die zwei Inkarnationen, welche die Menschen seit der Erscheinung des Christus Jesus im Durchschnitt erlebt haben und die uns hinaufbringen bis in unsere Zeit, wo eine erneute Christus-Offenbarung von der geistigen Welt aus stattfinden wird. Der Christus heilt diesen Kranken nicht dadurch, daß er ihn in das Wasser läßt, wenn der Engel herabsteigt, sondern er spricht zu ihm die Worte: «Stehe auf, nimm dein Bett und gehe hin!», das heißt, er macht in dem Menschen diejenige Kraft stark, welche die Krankheit überwinden kann. Aber der Mensch wußte nicht, wer ihn geheilt hatte, «denn der Christus Jesus war entwichen, da so viel Volk an dem Ort war.» (Joh. 5,13). Der Christus hatte zwar in ihm gewirkt, doch wußte der Mensch nicht davon in seinem Oberbewußtsein. So war es ja die ganze Zeit seit dem Mysterium von Golgatha bis in unsere Tage. Aber darnach «fand ihn Jesus im Tempel und der Mensch ging hin und verkündete, es sei Jesus, der ihn gesund gemacht habe.»

Nun wußte er, daß das Wort wahr ist, welches der Christus Jesus zu den Juden sprach: «Mein Vater wirket bisher und ich wirke auch». Und weiter sagt der Christus: «Es kommt die Stunde und ist schon jetzt, daß die Toten werden die Stimme des Sohnes Gottes hören, und die sie hören werden, die werden leben», die Stunde, welche jetzt in unserer Gegenwart schlagen wird, die Stunde, wo der Christus das Richteramt über die Toten übernehmen und der Herr des Karma werden wird. So deutet in mannigfacher Weise diese Erzählung von der Heilung des Kranken zu Bethesda auf unsere Zeit hin.

Sechstens: In eigentümlicher Weise ist in das Lukas-Evangelium hineingeheimnißt eine Parabel, die hinweist auf die geistigen Verhältnisse des sechsten nachatlantischen Zeitraumes. Wir haben gesehen, daß dieser Zeitraum, der die Auferstehung des zweiten nachatlantischen Zeitraumes bedeutet, von dem Christus Jesus vorbereitet wird dadurch, daß er den Lazarus auferweckt. Und im Lukas-Evangelium erzählt der Christus Jesus, unmittelbar nachdem er vom Guten und Bösen, von «dem Gott dienen und dem Mammon dienen» gesprochen hat, eine Parabel (Kap.16). Er erzählt: Es war ein reicher Mann und auch ein armer mit Namen Lazarus. Diesem geht es schlecht auf der Erde, aber nach seinem Tode gelangt er in Abrahams Schoß, während der Reiche, der im Überfluß lebte, in die Hölle kommt.

So trennt sich in der sechsten Kulturperiode das Gute von dem Bösen und spielt sich dasjenige, was die wahren Verhältnisse angibt, in der geistigen Welt ab. Mit dem Namen des Armen aus der Parabel wird hingedeutet auf den Zusammenhang mit dem Lazarus des Johannes-Evangeliums. Und daß wir es mit der sechsten nachatlantischen Kulturperiode zu tun haben, drückt in der Parabel der Reiche aus, indem er sagt: «ich habe noch fünf Brüder», die dann auch alle unbekehrt sind. Sie sind derjenige Teil der Menschheit, der im sechsten Zeitraum noch nicht den Christus in sich aufgenommen hat und der daher dem Bösen verfallen muß.

Siebtens: Die siebente Kulturperiode wird nicht mehr im besonderen erwähnt, da diese schon angegeben ist in dem Verhältnis, das besteht zwischen dem blut£flüssigen Weibe und dem zwölfjährigen Mädchen. Das Weib ist schon geheilt als das Mädchen auferweckt wird; das eine kann nicht ohne das andere geschehen.

In solcher und ähnlicher Weise haben die Evangelienschreiber den geschichtlichen Verlauf der Menschheitsentwickelung in ihre Schriften hineingeheimnißt.1



  1. Siehe zu diesen Ausführungen auch Vortrag München, 31. August 1909; ferner über Manes und seine Lehre die Vorträge Berlin, 11. November 1904 und 19. April 1917. ↩

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