Zur Geschichte und aus den Inhalten der ersten Abteilung der Esoterischen Schule 1904 bis 1914
GA 264 — Berlin
An ... [Empfänger unbekannt]
[ohne Datum]
Sehr verehrter Herr Doktor!
Beifolgend habe ich Ihnen aufgeschrieben, was zu dem besprochenen Zwecke zunächst dienlich ist. Ich bemerke, daß die Beschreibung solcher Übungen immer nur eine Art Richtung angibt; man findet sich bei Einhaltung der Übung dann in eine gewisse Praxis selbst hinein. Unter dieser Voraussetzung darf ich auch annehmen, daß die skizzenhafte Angabe genügt und nichts fraglich läßt.
Mit theos. Gruß
Dr. Rudolf Steiner
Berlin W, Motzstrasse 17
Beilage:
Sehr verehrter Herr Doktor!
Zu dem besprochenen Ziel ist folgendes zu raten: Am Abend, nach Vollendung des gesamten Tagewerkes, so daß keine Tagessorgen etc. zwischen diese Übung und das Einschlafen fallen: Ausfüllen des gesamten Bewußtseinshorizontes mit einem ernsten, der Weltanschauung entnommenen Gedanken, den man in wenige Silben zusammenfaßt. Z.B. man denke über das Leben der Weltseele in der Menschenseele durch einige Minuten nach, so daß einem konkrete Gedanken über die Sache durch die Seele ziehen und das ganze Nachdenken einen hingebungsvollen Charakter hat. Man denkt nicht bloß die Wahrheiten; man empfindet, fühlt sie. Man faßt sie dann zusammen, so:
Weltseele im Ich
Auf eine solche Vorstellung - die also Endergebnis einer Gedankenund Gefühlsreihe ist - konzentriere man das gesamte Bewußtsein; erfülle sich mit demselben so, daß man alles andre Denken, Fühlen und Empfinden ausschließt.
Dann erfülle man die eigene Leibesform ganz mit dieser Vorstellung, indem man sie im Gedanken vom Kopfe durch den Leib in die Füße und Hände gleiten läßt. (Zeit etwa 10 Min. für das Ganze. Nicht nach der Uhr; nach dem Gefühle).
Lage des Körpers etc. ist an sich gleichgültig. Es kommt nur darauf an, daß man sich in eine solche Situation versetzt, in welcher man durch nichts abgelenkt werden kann. Je länger man dann - ohne die Sache zu übertreiben - in der Seele den Nachklang der Übung - ohne andre Vorstellungen - festhalten kann, desto besser.
Am Morgen, nach dem Erwachen, wiederhole man den ganzen Übungsvorgang.
Man kann den gleichen Vorgang viele Tage fortsetzen - am besten kommt man vorwärts, wenn man die Geduld hat, mit den gleichen Vorstellungen wochenlang zu arbeiten - dann variiert man ihn.