Zur Geschichte und aus den Inhalten der ersten Abteilung der Esoterischen Schule 1904 bis 1914

GA 264 — Berlin

Briefe im Zusammenhang mit dem sogenannten «Fall Leadbeater» III

An Annie Besant, ca. 1. November 19081

...2 Mit wahrer Trauer kann es erfüllen, daß die Angelegenheit des um die Gesellschaft so verdienten Mr. Leadbeater so starke Erschütterungen hervorgerufen hat. Es geht mit dieser Sache wie mit so vielem in der Welt. Sie ist in ihrer Wurzel im Grunde einfach; aber durch alles, was sich um sie gleich beim Entstehen und namentlich im Laufe der letzen Jahre gebildet hat, kompliziert geworden. Für mich hatte die Angelegenheit niemals etwas Unklares; und mein Standpunkt ist heute derselbe wie beim ersten Auftauchen. Meine Stellung zu Mr. Leadbeater ist überhaupt durch den ganzen Fall nicht im geringsten erschüttert worden. Der Fall ist aus der Sphäre des Okkultismus herausgerissen und auf ein Feld gebracht worden, auf das er prinzipiell nicht gehört, auf das Feld von Maßnahmen der T.S. Es geht nicht an, daß man in die Verantwortlichkeitssphäre eines Okkultisten auf exoterischen Wegen eingreift. Man könnte dahin kommen, sich «nicht einverstanden» zu erklären mit seinen Anschauungen und Maßnahmen. Aber in der exoterischen Gesellschaft gibt es kein Forum, das berufen sein könnte, darüber zu richten. Ich würde zum Beispiel niemals eine Diskussion in einer Generalversammlung der deutschen Sektion über die Angelegenheit selbst zugelassen haben und mich selbst an einer solchen Diskussion nur innerhalb eines rein okkultistischen Komitees beteiligt haben. Doch dies ist meine individuelle Meinung, die sich niemals geändert hat. Ich habe ja von Anfang an, so viel ich konnte, klärend und beruhigend zu wirken versucht. Aber ich möchte mich aussprechen in meiner amtlichen Position als Generalsekretär der deutschen Sektion mit Bezug auf die gegenwärtige Lage der Angelegenheit. Die Verhältnisse unserer Sektion machen es ganz unmöglich, gerade in diesem Zeitpunkt etwa dem Beispiel anderer Sektionen zu folgen und an Sie, dear Mrs. Besant, als dem Präsidenten die Bitte um Wiedereinsetzung Mr. Leadbeaters zu richten. Als das Komitee zur Behandlung der Angelegenheit vor zwei Jahren nach London berufen worden ist, hat man die deutsche Sektion völlig ignoriert. Nun sage ich dies natürlich nicht aus dem Grunde, weil etwa irgendjemand in der deutschen Sektion auch nur im geringsten sich gekränkt gefühlt hätte; sondern darum, weil dadurch die deutsche Sektion überhaupt niemals in die Lage gekommen ist, ein Urteil über den Fall abzugeben. Mein Bestreben war es nun, die Wogen, welche der Fall aufgeworfen hat, in keiner Weise in die deutsche Sektion hereinschlagen zu lassen. Dies ist vollkommen gelungen. Jetzt aber ist es ganz unmöglich, die deutsche Sektion für die Wiedereinsetzung zu engagieren, da sie sich in keiner Weise an dem Austritt beteiligt hat. Nun ist natürlich gegen diese Argumentation etwas wesentliches einzuwenden, nämlich, daß die Gesellschaft ein Ganzes ist, und daß daher eine solche Angelegenheit alle Mitglieder angeht. Dies würde auch unbedingt in Betracht kommen, wenn der Wiedereintritt Mr. Leadbeaters von einer Generalabstimmung abhinge. Das ist aber nicht der Fall. Mr. Leadbeater hat freiwillig resigniert und kann daher jeden Tag in jeder Sektion wieder aufgenommen werden. Gegen eine solche Wiederaufnahme wird die deutsche Sektion selbstverständlich nichts einwenden.

Da die Dinge für unsere Sektion so liegen, werden Sie, dear Mrs. Besant, es wohl billigen, daß ich auch bei unserer letzten Generalversammlung von einer Besprechung der Angelegenheit habe absehen müssen.

Im Hinblick auf die Entwickelung dieser Sache in der englischen Sektion kommt wohl die Stellungnahme [von] Mr. van Hook in Amerika in Betracht. Darf ich inbezug darauf erwähnen, daß Sie auf meine loyale Haltung nach dieser Richtung hin immer rechnen können. Gegenüber der Aussage, daß diese oder jene Kundgebungen auf spirituelle Quellen zurückgehen, werde ich stets betonen, daß niemandem das Recht abgesprochen werden darf, sich auf spirituelle Quellen zu berufen und sich in seinem Wirken an solche Quellen zu halten, wenn auch anderseits jeder andere für sich selbst eine derartige Berufung so bewerten mag, wie es ihm richtig dünkt. Ich würde mir selbst das Recht bestreiten müssen zu manchem, was ich tue, wenn ich zum Beispiel Dr. W. van Hook jetzt tadeln würde.3 ...4span class="footnoteText">Das Ende des Briefes betrifft die Angelegenheit Hugo Vollrath.



  1. Text nach einer handschriftlichen Vorlage zur Übersetzung ins Englische durch Marie von Sivers. A. Besant antwortete darauf formal am 23. November aus Adyar, ohne jedoch auf das Inhaltliche einzugehen. ↩

  2. Der vorhergehende Teil berichtet von theosophischen Aktivitäten in Deutschland. ↩

  3. Dr. Weller van Hook, Generalsekretär für Amerika, hatte etwa im Mai 1908 einen offenen Brief zur Rechtfertigung Leadbeaters versandt, und in einem privaten Brief gesagt, daß jener Brief ihm verbatim von einem Meister diktiert worden sei. Durch eine Indiskretion des Empfängers wurde dies allgemein bekannt. - Empört appellierte die Generalversammlung der englischen Sektion an die Präsidentin, an den Generalrat und an die Mitglieder, den Skandal zu beenden. A. Besant ergriff die Gelegenheit und antwortete am 7. 9. 1908 mit einem «Letter to the members of the T.S.» (der im November in England gedruckt wurde), in dem die Sache so gewendet wurde: Leadbeater sei 1906 ausgetreten, um der Gesellschaft Streit zu ersparen und um ihrem Ansehen nicht zu schaden. Da beides mißlungen ist, und er ein ehrenwerter Mann ist, muß man ihn bitten, wieder in die Gesellschaft einzutreten. Nur so könnte den Auseinandersetzungen ein Ende bereitet werden. ↩

German original of The “Leadbeater Affair” III · ← Previous · Next →