Zur Geschichte und aus den Inhalten der ersten Abteilung der Esoterischen Schule 1904 bis 1914
GA 264 — Berlin
An Martha Langen in Eisenach
über Grundsätzliches zur esoterischen Schulung
Verehrte Frau Langen!
Erst heute kann ich Ihnen auf Ihren Brief antworten.1 Allerdings würde die Antwort in voller Ausdehnung nur mündlich gegeben werden können; doch möchte ich Ihnen vorher schriftlich einige Bemerkungen senden, damit Sie sehen, ob es sich gegenwärtig für Sie als praktisch und wünschenswert betrachten läßt, etwa die Reise nach Hannover zu machen.
Durch die Art, wie in unserer Zeit Theosophie verbreitet werden muß, machen sich nur zu leicht Mißverständnisse über deren Grundlagen, zum Beispiel über den Okkultismus und seine Schulung geltend. Ein solches Mißverständnis besteht zum Beispiel darin, daß die Theosophie einen jeden Menschen, der sie in irgendeiner Form annimmt, auch zur okkulten Schulung drängen müsse. Das ist aber durchaus nicht der Fall. Aufgefunden können die okkulten Wahrheiten nur von okkult Geschulten; verstanden können sie werden durch den ganz gewöhnlichen Menschenverstand. Und auch angewendet können sie im Leben werden auf Grund eines solchen durch die gewöhnlichen Seelenkräfte erlangten Verständnisses. Ich selbst werde nie öffentlich etwas lehren, was - wenn es durch okkulte Wege gefunden ist - nicht durch die gewöhnlichen Seelenkräfte begriffen werden könnte, wenn man diese nur anwenden will. Theosophie ist unserem Zeitalter notwendig; und die Menschheit müßte auf dem gegenwärtigen Punkte ihrer Entwickelung in absolute Ödheit und allseitige Unfruchtbarkeit verfallen, wenn ihr die Theosophie nicht als ein mächtiger Kraftstrom zufließen würde. Schlimm aber wäre es, wenn ein jeder Theosoph auch zum okkulten Schüler werden wollte. Das wäre - verzeihen Sie den trivialen Vergleich - gerade so, wie wenn deswegen, weil alle Menschen Kleider brauchen, auch ein jeder müsse Schneider werden. Theosophie brauchen alle Menschen unter gewissen Voraussetzungen; esoterische Schulung wenige.
Auf der andern Seite aber kann niemand diese Schulung verweigert werden, wenn er sich dazu eignet. Denn wie viele sie auch suchen: gegenwärtig werden es vorläufig zu viele nicht sein. Also steht in gewisser Beziehung der okkulten Schulung keines Menschen etwas im Wege. Da nun unter solchen Umständen viele heute die Schulung anstreben, so können Mißverständnisse selbst unter Schülern nicht ausbleiben. Heute denkt ein jeder, was für ihn gut ist, müsse es auch für andere sein. So bilden sich allgemeine Ansichten über die Schulung heraus, welche im Grunde so unrichtig wie nur möglich sind. Der okkulte Lehrer ist natürlich genötigt zu sagen, daß der Weg, den ein in sexueller Beziehung asketischer Mensch geht, anders ist, als derjenige, den ein Mensch geht, welcher sich in dieser Beziehung der Aufgabe nicht entzieht, der Menschheit Dienste zu leisten. Was von dem okkulten Lehrer in dieser Richtung gesagt wird, das erfährt dann bald die Umdeutung: die Askese sei eine Bedingung okkulter Entwickelung. Wahr ist vielmehr etwas ganz anderes. Die Askese in sexueller Beziehung erleichtert den okkulten Pfad, macht ihn in einer gewissen Beziehung bequemer. Wer also aus reinem Egoismus der Erkenntnis heraus vor allem «Schauen» will, der kann sich versprechen, bald zu einem gewissen Ziele zu kommen durch eine gewissen Askese nach dieser Richtung. Es kann aber keine Verpflichtung zu einer solchen Askese geben, sondern nur eine Berechtigung, die man sich erst erwerben muß. Sie besteht einzig darinnen, daß man die Möglichkeit erlangt, der Menschheit einen vollgü ltigen Ersatz dafür zu geben, wenn man sich der sonst vorliegenden Verpflichtung entzieht, Gelegenheit zur Verkörperung von Seelen zu geben. Sie sehen also, daß Askese in dieser Richtung nicht Regel sein darf, sondern nur unter gewissen Voraussetzungen manchem Okkultisten zugestanden werden kann.
Nach den Voraussetzungen, mit denen Sie an den Okkultismus herantreten, werden Sie ja ohnedies leicht begreifen, daß jede Art von Egoismus, auch wenn er der verborgenste, maskierteste ist, in der okkulten Schulung doch nicht weit kommen läßt. Natürlich wird die Frau bald weiter sein, die sich ihren weiblichen Pflichten nicht entzieht, wenn sie unter Voraussetzung derselben das richtige tut, als diejenige, welche unbekümmert um das Schicksal der Menschheit in im Grunde doch egoistischer Entsagung nach «Erkenntnis» strebt.
Damit ist ja wohl ein größerer Teil der Fragen Ihres Briefes beantwortet. Ablenken von seinen Lebensaufgaben kann die okkulte Schulung niemand, wenn er nicht einen falschen Weg geht. Gewiß, Sie können viele sogenannte «Schüler» finden, die Sie zu einem ersprießlichen Wirken unbrauchbar finden. Aber man bildet sich ein falsches Urteil, wenn man diese «Schüler» vergleicht mit denen, welche, ohne von Theosophie etwas wissen zu wollen, ihre Lebensaufgaben lösen. Man müßte die ersteren nicht mit den letzteren vergleichen, sondern sich fragen: Wie unnütz wären diese erst ohne Theosophie? Und bezüglich der zweiten wäre die richtige Frage: Wie würde der Inhalt ihres Wirkens erhöht, wenn sie ihrem Leben die Theosophie, oder gar die Schulung einfügen könnten?
Zu «üben» ohne Anleitung könnte ich Ihnen auch nicht empfehlen. Überreden, sich der «Schulung» anzuvertrauen, möchte ich niemand. Bei jedem muß es eigner, freier Entschluß sein.
Die Vorgänge Ihres inneren und äußeren Lebens drängen Sie zu dieser Schulung hin. Ihre Lebensaufgaben werden Sie gewiß mit Hilfe der Schulung leichter und sicherer lösen können. Ihr Mann hat es viel schwerer mit der Theosophie als Sie selbst. Das kann nur jemand beurteilen, der weiß, daß gegenwärtig eine gelehrte Bildung geradezu unüberwindliche innere Hindernisse gegenüber den theosophischen Wahrheiten auftürmt. Und vielleicht ist aber andererseits nichts so sehr geeignet, diese Hindernisse zu überwinden, als ein praktischer Beruf, wie [er] sich gerade Ihrem Mann gegenwärtig eröffnet.
Ihre Schulung wird nur die richtige sein, wenn sie Ihnen nichts nimmt und zu dem, was Sie haben, manches hinzugibt: an Gesundheit, Kraft des Lebens, Sicherheit des Wirkens und innerem Frieden, den der Mensch nicht um seinetwillen, sondern für die Mitmenschen braucht. Kein Wirken dient der Menschheit, das nicht aus innerem Frieden stammt. Jedes Wirken, das aus einer innerlich unbefriedigten Seele stammt, zerstört die gesunde Menschheitsentwickelung, wo es auch immer statt hat.
Wollen Sie es, nach diesen Bemerkungen, versuchen, so wird Ihnen jeder mögliche Anhalt von mir geboten werden. In Hannover bin ich vom 21. September abends bis zum 4. Oktober. Wenn Sie Ihre Anwesenheit daselbst per Karte anzeigen wollten, dann werde ich alles einrichten für eine gründliche Aussprache. Adresse: Dr. Rudolf Steiner, z.Zt. Hannover, Ferdinandstraße 11 bei Fleissner.
Grüßen Sie herzlichst Ihren lieben Mann und seien Sie selbst herzlichst gegrüßt von
Dr. Rudolf Steiner
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Dieser Anfragebrief liegt nicht vor. ↩