Zur Geschichte und aus den Inhalten der ersten Abteilung der Esoterischen Schule 1904 bis 1914

GA 264 — Berlin

An Frau Anna Wagner in Lugano

Berlin, 2. Januar 1905

Meine sehr verehrte, liebe Frau Wagner!

Nur kurz konnte ich Ihnen vor einigen Wochen die Mitteilung machen, daß Ihre Zugehörigkeit zur Esoterischen Schule verwirklicht werden kann. Man tritt in diese Schule als «Shrâvaka», das ist wörtlich «Zuhörer» oder «Schüler», ein.

Nun obliegt es mir zunächst, Ihnen von dem Wesen und der Bedeutung der Schule zu sprechen. Sie wissen, daß hinter der ganzen theosophischen Bewegung hochentwickelte Wesen stehen, die wir «Meister» oder «Mahatma» nennen. Diese erhabenen Wesenheiten haben den Weg bereits zurückgelegt, den die übrige Menschheit noch zu gehen hat. Sie wirken nun als die großen «Lehrer der Weisheit und des Zusammenklangs der Menschheitsempfindungen». Sie sind heute bereits tätig auf den höheren Planen (Ebenen), zu denen sich die übrigen Menschen im Laufe nächster Entwicklungszeiten, sogenannter «Runden», hinauforganisieren werden. Auf dem physischen Plane wirken sie durch die von ihnen beauftragten «Boten», deren erster H.P. Blavatsky war, das heißt für die theosophische Bewegung erster. Eine äußere Organisation oder Gesellschaft begründen die Meister weder, noch stehen sie einer solchen vor. Die Theosophische Gesellschaft ist zwar von ihren Begründern (H. P. Blavatsky, Olcott u.a.) ins Leben gerufen, um das Werk der Meister auf dem physischen Plan zu fördern, doch haben auf die Gesellschaft selbst als solche diese Meister selbst nie einen Einfluß genommen. Sie ist nach Wesen und Führung das Werk von Menschen rein auf dem physischen Plane.

Anders steht die Sache bezüglich der «Esoterischen Schule». Sie ist von den Meistern selbst begründet und steht unter der Leitung der Meister. Alles, was der theosophischen Bewegung an Wissen und Kraft zuströmt, strömt ihr durch diese Schule zu. Die Angehörigen machen ihre Probezeit durch und gelangen zuletzt zum unmittelbaren Verkehre mit den Erhabenen selbst. In welcher Zeit das bewirkt werden kann, das hängt natürlich ganz von diesen Angehörigen selbst ab. Zunächst kann jeder nicht mehr tun, als in treuer Hingabe das Werk der Meister fördern.

Zum ersten «Haupt der Schule» wurde von den Meistern Frau H.P.Blavatsky bestellt. Das gegenwärtige Haupt ist unsere liebe, hochverehrte Annie Besant.

Der Shrâvaka soll so weit kommen, daß für ihn Reinkarnation und Karma nicht bloß Theorie, sondern Gewißheiten des Lebens sind, und weiter dazu, daß er durch sich selbst die große Sendbotenschaft von H.P. Blavatsky erkennt. Aufgedrängt wird keinem in der Schule irgend etwas; nur angeregt wird zur Selbsterkenntnis. Nun kann man den Weg des Shrävakas auf vier Arten zurücklegen. Über diese vier Arten werden Sie ehebaldigst weitere Mitteilungen erhalten. Dann bitte ich Sie, dieselben sorgfältig mit Ihrem lieben Gemahl durchzunehmen und mir zu sagen, welchen der vier Wege sie zu wählen gedenken.

Als zugehörig zur Schule können Sie sich schon jetzt betrachten, wenn Sie an dem durch die Sternkonstellation bedingten Tage eine Meditationsübung beginnen. Diese will ich Ihnen vorläufig beschreiben. Modifiziert wird sie später.

Vorläufig hätte diese Übung in folgendem zu bestehen:

  1. Frühmorgens, bevor eine andere Tagesarbeit begonnen wird, womöglich vor dem Frühstück, wenn das nur irgend mit den sonstigen Familien- usw. Pflichten vereinbar ist, soll Folgendes geschehen:

I. Man soll vollständig wach, innerlich ganz ruhig und gesammelt werden. Keine äußeren Eindrücke sollen da Zugang gewinnen zu unserem Inneren. Auch sollen wir die Erinnerung an alle alltäglichen Erlebnisse unterdrücken. Haben wir so die vollständige «innere Stille» hergestellt, so treten wir ein in die Erhebung zu unserem höheren Selbst.

Dies geschieht, indem wir intensiv in Gedanken uns die folgende Formel vorhalten:

Strahlender als die Sonne
Reiner als der Schnee
Ist das Selbst,
Der Geist in meinem Herzen.
Dies Selbst bin Ich; Ich bin dies Selbst.

Darauf sollen etwa fünf Minuten verwendet werden.

II. Dann folgt das stille, in sich versenkte Nachdenken über einen Satz aus einer der inspirierten Schriften. Es würde sich darum handeln, daß Sie sich in diesem Teile der Meditation vorläufig vier Wochen nachdenklich versenkten in den Satz: «Die Standhaftigkeit steht höher als aller Erfolg».

Diesen Satz haben uns die Meister gegeben, um uns vor allem einzuschärfen, daß wir niemals uns in unserem Tun durch irgendeinen Mißerfolg ablenken oder entmutigen lassen. Hundert Mißerfolge sollen uns nicht abhalten, das zu tun - zum hunderteinten Male -, was wir als das Rechte erkannt haben.

III. Dann folgt, nachdem II. fünf Minuten gedauert hat, die wieder fünf Minuten dauernde gebetartige Hingabe an das, was uns das Höchste, das Göttliche ist. Es handelt sich nicht [darum], dies oder jenes als göttlich anzusehen, sondern alle unsere Gedanken, Gefühle und unseren ganzen Willen auf das zu lenken, was wir immer schon als das Göttliche angesehen haben. Das kann von dem einen so, von dem anderen anders benannt werden. Nicht darum handelt es sich, ob wir das, dem wir uns hingeben, Gott, Christus oder den «Meister» nennen, sondern um die hingebende (devotionelle) Stimmung selbst.

Damit ist die dreiteilige Morgenmeditation, welche fünfzehn Minuten dauert, erledigt.

  1. Abends vor dem Einschlafen hat jeder Schüler einen Rückblick auf sein Leben während des Tages zu werfen. Es kommt dabei nicht darauf an, daß wir möglichst viele Tagesereignisse an unserer Seele vorüberziehen lassen, sondern darauf, daß wir dies mit dem Wichtigsten tun. Wir fragen uns: Was können wir aus dem lernen, was wir erlebt oder getan haben? So machen wir unser Leben zu einer Lektion. Wir stellen uns selbst so gegenüber, daß wir von jedem Tag für jeden Tag lernen. - Dadurch nehmen wir die Vergangenheit mit hinüber in die Zukunft und bereiten unsere Unsterblichkeit vor. Dann schließen wir etwa den Tag mit dem Gedanken an liebe Mitmenschen ab, die unserer guten Gedanken bedürfen.

Es macht bei dieser Abendübung nichts, wenn der Schüler darüber einschläft. Denn dann entschläft er mit der Tendenz zur Aufwärtssentwicklung. Und auch das ist gut. Nur die Morgenmeditation muß vom Anfang bis zum Ende in ganz wachem Zustande erfolgen. Nur bitte ich Sie, die Abendrückschau rücklaufend zu machen, das heißt so, daß Sie mit den Ereignissen am Abend beginnen, dann zurückgehen bis zum Morgen.

Den Anfang mit der Meditation können Sie an einem der Tage machen, welche liegen zwischen dem 6. Januar und dem 20. Januar. Nach diesem Tage kann nicht angefangen werden. Wenn Sie verhindert wären, in dieser Zeit zu beginnen, dann könnten Sie erst wieder anfangen zwischen dem 6. Februar und dem 18. Februar. Ich kann Ihnen heute noch nicht sagen, warum das so ist. Doch wird eine Zeit kommen, wo Ihnen das ganz selbstverständlich sein wird.

Ich brauche Ihnen, da Sie Ihr Leben längst als Theosophin eingerichtet haben, vorläufig nichts weiteres zu sagen. Wein oder andere Alkoholika verhindern die Entwicklung.

Wenn wir das vollziehen, was ich angegeben habe, dann finden die «Erhabenen Meister» den Zugang zu unserer Seele. Diese können uns helfen und wir nehmen unter ihrem gesegneten Einfluße zu an Kraft, Wissen und Lebenszuversicht. Unsere liebe Annie Besant betont immer wieder und wieder, die Esoterische Schule ist das «Herz der theosophischen Bewegung». Und so ist es. Glauben Sie mir das eine, liebste, verehrteste Frau Wagner: In dieser Schule handelt es sich viel weniger um Lernen und intellektuelle Arbeit, sondern um treue Hingabe an die theosophischen Ideale. Liebe zum geistigen Leben und dadurch echte große Menschenliebe führt dorthin, wohin wir kommen sollen. Das Studium ist weiter nichts als ein Mittel. Wir sollen es so weit treiben, als wir jeder können. Aber die theosophische Gesinnung macht den echten E.S.-Schüler.

Und damit begrüße ich Sie zunächst als zu uns gehörig im Namen der heiligen Meister, denen ich zu Füßen lege, was ich vermag, und gegen deren Willen ich niemals im Leben bewußt etwas tun will. Gesegnet seien sie, die Erhabenen.

In Herzlichkeit ganz Ihr

Dr. Rudolf Steiner

Bitte ausdrücklichst: Fragen Sie mich um alles, was Sie in bezug auf die E.S. zu wissen nötig haben. Ich werde mir künftig eine Zeit aussondern lediglich für E.S.-Mitteilungen.

German original of To Mrs. Anna Wagner in Lugano · ← Previous · Next →