Zur Geschichte und aus den Inhalten der erkenntniskultischen Abteilung der Esoterischen Schule von 1904 bis 1914
GA 265
War Rudolf Steiner Freimaurer?
by Marie Steiner
Das Werk Rudolf Steiners1 weist darauf hin, daß es in den alten Zeiten Mysterien gegeben hat, Einweihungen, durch welche die Menschenseelen heraufgehoben wurden zu der Teilnahme an dem spirituellen Leben. Ihnen entstammen die Impulse, die in ihren Auswirkungen zu den uns bekannt gewordenen großen Kulturen des Altertums führten. Dort wurde das Geheimwissen gepflegt, die Wissenschaft des Geistes, die in jenen Zeiten in hoher Blüte stand und als äußeren Ausdruck die polytheistischen Religionen hatte. Die Berater der Könige und die zu neuen Kulturbildungen ausersehenen großen Führerpersönlichkeiten gingen aus ihnen hervor. Innerhalb des Werdens und Vergehens und Aneinanderprallens der Völker bildeten ihre Weisheitsschätze das einigende Band. Die Ergebnisse jeder Kultur wurden gehütet und für den Menschheitsfortschritt erhalten und von Generation zu Generation weiter gereicht. Sie bildeten eine zweite Strömung neben derjenigen, die unmittelbar aus geistigen Quellen herunterfloß, die aber für das Bewußtsein der Mehrzahl der Menschen in demselben Maße abdämmerte, als das Wissen von den physischen Dingen an Umfang und Präzision gewann. Die Seele verlor die Erinnerung an ihren Ursprung. Es kam die Zeit, wo nicht nur ein einzelnes Volk, sondern die ganze Menschheit in die Dekadenz gekommen wäre, wenn nicht das Christus-Ereignis sich vollzogen hätte.
Die Bedeutung des Christus-Ereignisses für die Wiederbelebung der Menschheit in ihrem ganzen Umfange darzustellen, ist die Aufgabe, der Rudolf Steiner sein Leben gewidmet hat. Dazu mußte er alles Wissen heranziehen, das sich die Menschen bis jetzt erobert haben, und in alle Gebiete dieses Wissens hereinleuchten, die offenbaren und auch die geheimen. Zum Geheimen gehörten die versunkenen alten Mysterien: hier mußte in bildlichem Sinne der Schutt, unter dem sie lagen, ebenso hinweggeräumt werden, wie es die Archäologen bei den alten vergrabenen Tempelstätten tun. Vor allem wichtig war es aber zu retten, was noch an lebendiger Substanz hindurchzog in dem, auf alter Tradition beruhenden, aber in seinen menschlichen Repräsentanten immer mehr erstarrenden oder verfallenden Mysterienwissen. Uralte Weisheit ohne Wiederbelebung durch den christlichen Einschlag, ohne Verständnis für dieses größte der Mysterien, konnte im Laufe der Zeit nur in Verirrungen hinein führen.
Rudolf Steiner hatte durch die von ihm philosophisch begründete und organisch entwickelte Geisteswissenschaft eine umfassende Einsicht in diese Zusammenhänge. Deswegen hat er es in unserer Zeit als seine Aufgabe betrachtet, in den Fällen, wo aus solchen Kreisen, die - traditionsmäßig oder auf Grund einer neuen Anregung - uralte Geheimwissenschaft pflegen, die Aufforderung an ihn herantrat, sein Wissen ihnen zugänglich zu machen, dieses Ansuchen nicht abweisend, sondern prüfend behandelt. Er hat solche Kreise nie aufgesucht, aber da wo sie um Aufklärung und Unterweisung baten, hat er sich nicht geweigert, sie ihnen angedeihen zu lassen. Dies war ihm Menschheitsdienst.
Die Bemühungen von Vertretern der Theosophischen Gesellschaft, die ihn gern in ihren Reihen gesehen hätten, hat er zunächst mit Entschiedenheit abgelehnt, da die Theosophische Gesellschaft in einseitig orientalisierender Richtung arbeitete, und in vielen Fällen in einem wissenschaftlichdilettantischen oder psychisch-phänomenalistischen Fahrwasser sich bewegte. Insbesondere aber fehlten ihr die Grundlagen zur Erkenntnis wahrer christlicher Esoterik. Erst als die deutschen Theosophen eine selbständige Sektion gründen wollten unter seiner Leitung und damit auch auf der Basis abendländischer christlicher Esoterik, fühlte er die Verpflichtung, sich dieser Bitte nicht zu entziehen.
Als nach einer Reihe von Jahren die spätere Präsidentin der Theosophischen Gesellschaft, Annie Besant, dieses Wirken für ein lebendiges Christentum zu verhindern suchte, erfolgte die Trennung und die Begründung der Anthroposophischen Gesellschaft. Die Einzelheiten dieses Vorganges sind von Rudolf Steiner in seiner Selbstbiographie «Mein Lebensgang» geschildert.
Der andere Vorschlag kam von der Seite her, die traditionsgemäß mittelalterliche christliche Esoterik pflegt auf der Grundlage alter Mysterienweisheit. Sie legt Wert darauf, daß ihre historische Kontinuität zurückreicht bis in die Zeiten, wo in den alten ägyptischen Tempeln das okkulte Wissen gepflegt wurde. In ihren im Laufe der Jahrhunderte entstehenden mannigfaltigen Verzweigungen haben dann diese Kreise von den verschiedensten mystischen Strömungen her dasaufgenommen, was ihnen geistentsprechend und fördernd schien, besonders durch die Impulse der Kreuzzüge, der Bauhüttenverbände usw. Sie erhielten sich unter verschiedenen Benennungen als Freimaurer-Bünde, Illuminaten-Orden usw. Sie entfernten sich aber im Laufe der Zeit in ihrer Mehrheit immer mehr und mehr von ihrem Ursprungswissen und ihren Ursprungszielen, verfielen dann dem Rationalismus und oft dem Atheismus, und wurden allmählich zum Teil politisierende, zum Teil geschäftliche, zum Teil Wohltätigkeitszwecken dienende Verbände. Immer größer wurde die Enttäuschung derjenigen, die sich in jenen Bünden aufnehmen ließen, um Wissen vom Geiste dort zu erlangen. Immer wieder traten solche Enttäuschte an Rudolf Steiner heran, um ihm zu sagen, daß sie erst jetzt durch seine öffentlich vertretene Geisteswissenschaft den Zugang gefunden hätten zu dem, was sich hinter den Symbolen, die niemand bei ihnen verstünde, berge. Viele klagten, daß man der Unwahrheit diene, weil man althergebrachte Formeln hersage, die den Glauben an einen göttlichen Geist bekundeten, - dabei aber vollkommen skeptisch diesen Inhalten gegenüberstünde. Und einer großen Sehnsucht konnte man begegnen, etwas zu erleben von dem Ernst, der mit den alten kultischen Bräuchen einst hatte verbunden sein müssen. Es zeigte sich die Freimaurerei als eine versinkende Vergangenheitsströmung, deren äußerer Organismus von Gegenmächten ergriffen werden konnte, ja, es zum großen Teil auch schon war.
Aber das, was sich als Wahrheit in diesen Jahrtausende alten Bestrebungen erhalten hatte, ihr geistiger Gehalt, der ja nicht tot zu machen war, konnte und mußte in umgewandelter Form der Wiedererneuerung der Menschheit weiter dienen. Das war die Aufgabe, vor die sich Rudolf Steiner gestellt sah, als aus jenen Kreisen heraus der Vorschlag ihm gemacht wurde, durch historisch-legal dokumentierte Anknüpfung eine selbständige Organisation zu begründen. Angeregt wurde dieser Vorschlag durch einen geistig strebenden Menschen, der die Meinung gewonnen hatte, daß Rudolf Steiner mehr von geistigen Dingen wüßte als sie alle miteinander. Der Vorschlag wurde dann offiziell gemacht von einer Seite her, die gewiß mehr auf praktischen Nutzen bedacht war und geistigen Gesichtspunkten gegenüber einen höchst gleichgiltigen Standpunkt hatte. Es war nicht Rudolf Steiners Aufgabe, in der Vergangenheit dieses Menschen zu schnüffeln, lag es doch nicht in seiner Absicht, Beziehungen zu ihm aufrecht zu erhalten. Als nicht würdig ihres Amtes erweisen sich ja oft nicht nur titulierte Vertreter von Geheimgesellschaften, sondern auch von kirchlichen und anderen Institutionen. Daß sich - wie es aus ihren Schriften nun hervorgeht die verschiedenen Freimaurer-Orden gegenseitig nicht anerkennen, ist eine Tatsache, die sie ja wohl auch mit andern menschlichen Gründungen gemein haben, und die zu untersuchen viel Zeit und Mühe und auch juristische Spitzfindigkeit erfordert. Rudolf Steiner aber hatte das in Betracht zu ziehen, was für jeden Vertreter geistiger Wahrheiten von ausschlaggebender Bedeutung ist: historische Anknüpfung an eine uralt-ehrwürdige, wenn auch im Laufe der Zeiten in den Formen sich wandelnde Geistesströmung, um diese nach Maß der Möglichkeit vor der Dekadenz zu schützen. Ihr Wahrheitsgehalt konnte, wenn er einwilligte, zu neuem Leben wieder erweckt und, den Erkenntniskräften der Zeit entsprechend, dem Fortschritt der Menschheit dienstbar gemacht werden. In der Sprache der Bewußtseinsseele konnten die alten Symbole wieder aufleben, in den Offenbarungsmöglichkeiten der Kunst die ganze Menschheit ergreifen.
Rudolf Steiner stellte eine Bedingung. Er würde den historisch-legalen Anschluß innerhalb des ihm angebotenen Grades vollziehen, durch den er selbständig die Arbeit weiterführen durfte, - damit sollten aber die Beziehungen erschöpft sein. Kein einziger weiterer Anspruch dürfte gemacht werden, weder an Zusammenarbeit, noch an menschlichen, gesellschaftlichen oder organisatorischen Beziehungen. Nichts als eine äußere, in keiner Weise verpflichtende Formalität sollte vollzogen werden, keine einzige gemeinsame Arbeit stattfinden! - Der neugegründete vollkommen unabhängige Kreis, der sich aus solchen Theosophen rekrutierte, die Sehnsucht hatten, auch auf diese Art der abendländischen Esoterik näher zu treten, wurde mit den alten Symbolen bekanntgemacht, zunächst in ihrer bildhaften Bedeutung, dann immer mehr und mehr dem inneren Wesen nach, bis sie bewußtseinsmäßig verarbeitet waren. Sie wurden so dem mystischen Dämmerempfinden entrissen und dem künstlerischen und wissenschaftlichen Leben zugänglich gemacht. Als der Krieg ausgebrochen war, im August 1914, erklärte Rudolf Steiner den so begründeten Arbeitskreis, der unter dem Namen «Mystica aeterna» sich zusammengeschlossen hatte, für aufgehoben und zerriß als Zeichen dafür das darauf bezügliche Dokument.2 Nie ist man in dieser Weise wieder zusammengekommen.
Hiermit ist genau dargelegt, was zugrunde liegt der scheinbar widersprechenden Tatsache: daß von einigen Menschen behauptet wird, Rudolf Steiner sei ein Hochgradbruder gewesen, von andern, daß er nie der Freimaurerei angehört habe. Rudolf Steiner hat tatsächlich nie eine Beziehung zu Freimaurer-Orden gehabt. Er steht diesen Gemeinschaften vollkommen fremd gegenüber und wird sogar von ihnen stark bekämpft, denn er hatte ja vom Anfange seiner theosophisch-anthroposophischen Wirksamkeit an in seiner Lehre das enthüllt, was jene als ihre Geheimnisse betrachten, die ihnen Gewicht und Ansehen geben. Er enthüllt das esoterische Wissen, weil die Menschheit es braucht, weil es ein Zeitbedürfnis ist. Er schließt aber zugleich das Verständnis dafür auf. Um in berechtigter Weise in einem an die historische Strömung anknüpfenden und formell konstituierten Arbeitskreise die alten Symbole mit neuem Leben zu erfüllen, vollzog er einen äußeren Kontrakt und stand ganz abseits von dem Verkehr mit irgendwelchen Freimaurer-Brüdern. So ist das Wort Hochgradbruder, mit dem die Feinde gern herumwerfen, seitdem es ihnen nicht mehr möglich ist, ihn zum Juden zu machen, de facto irreführend. Da Rudolf Steiner in gar keinen Beziehungen zu irgend einem Freimaurer-Orden gestanden hat, diese Benennung aber den Anschein erwecken soll, als ob er zu diesen Organisationen gehört hätte, ist eine stimmungmachende Täuschung damit bezweckt. Durch diese Täuschung soll erreicht werden, daß die Menschen sich nicht mit der von Rudolf Steiner begründeten und entwickelten Geisteswissenschaft auseinandersetzen. Würden sie dies nämlich tun, so wäre der Gegensatz zu dem Freimaurertum alsbald offenbar. Rudolf Steiner hat aus der Erkenntnis, daß die heutige seelische Verfassung der Menschen das Geheimwesen nicht mehr innerlich bejahen kann und daß das Geheimnis offenbar werden muß, seine Geisteswissenschaft in voller Öffentlichkeit dargelegt.
In ihr hat er ein wahres Verständnis für das Christentum ermöglicht und den Weg und die Methode gegeben, mit der der heutige Mensch durch ein Erkennen der geistigen Tatsachen seine Lebenspflichten erfüllen kann. Es wird für das Schicksal der nächsten Zeitläufe von entscheidender Bedeutung sein, wie diese Geisteswissenschaft Rudolf Steiners, die nicht in geheimen Kreisen und unter machtpolitischen Gesichtspunkten, sondern in voller Öffentlichkeit gepflegt wird, im Bewußtsein der Gegenwart Aufnahme findet.
Marie Steiner,
geb. v.Sivers
Drei Entwürfe zu dem Aufsatz «War Rudolf Steiner Freimaurer?»
I
Es ist sehr schwer, die Behauptung aufzustellen, daß Dr. Steiner nichts mit der Freimaurer-Bewegung zu tun gehabt hat. Dr. Steiner selbst sagt das dafür in Betracht Kommende auf Seite ... seines «Lebensganges».
Die Freimaurer-Bewegung selbst ist eine in viele Organisationen zersplitterte und in die Dekadenz gekommene Bewegung, die ursprünglich hervorgegangen ist aus jenen Strömungen, die noch eine Verbindung hatten mit der alten Mysterienweisheit. Der ursprüngliche Strom ist in viele Nebenläufe und Kanäle abgeleitet worden. Sie haben alle ihre verschiedenen Geschicke durchgemacht und sind zum Teil recht weit von ihrem ursprünglichen Ziele, dem Erkenntnisstreben, abgekommen.
Dr. Steiners Bestreben ist es nun gewesen, die reinen Quellen der esoterischen Lehren wieder aufzudecken, sie in ihrem geschichtlichen Verlauf vor unserem seelischen Blicke abfluten zu lassen, sie von dem Schutt zu befreien, der sich allmählich in ihnen abgelagert hat, um zu zeigen, wie trotz Schutt und periodischer Trübung, die reinen Ursprungskräfte sich immer wieder neue Bahnen gesucht haben, um ihre belebende, den Fortschritt bedingende Wirkung, den Menschen zukommen zu lassen. In den Mittelpunkt des menschheitlichen geistgeschichtlichen Werdens stellt Rudolf Steiner das Mysterium von Golgatha, mit der Kraft, die wir aus seinen Schriften und Vorträgen kennen. Alle alte Mysterienweisheit tendierte zu diesem Höhepunkt hin; alle folgende neu belebte, durch diesen Kraftstrom wiedergeborene, der Abdämmerung entrissene Mysterienweisheit rang um die Mittel, bereitete die Wege, durch welche nicht nur in religiöser Weise die Herzenssehnsucht der Menschheit gestillt, sondern auch allmählich das Verständnis für den Christus-Impuls innerhalb der Menschheit entwickelt werden konnte.
Dieser Aufgabe hat Rudolf Steiner in höchstem Maße sein Leben gewidmet. Er hat auf allen drei Gebieten schöpferisch und impulsierend gewirkt, die früher in der Zeit der durch die Mysterien inaugurierten Kulturen eine Einheit waren: dem religiösen, dem künstlerischen, dem wissenschaftlichen. Allen Menschen, die auf diesen Gebieten Rat und Hilfe für ihr Suchen und Streben erbaten, hat er diese gegeben, ohne Unterschied der sozialen Zusammenhänge, aus denen sie gekommen sein mochten. Viele ernst strebende Freimaurer erkannten beglückt, daß in der von Rudolf Steiner vertretenen Anthroposophie ein Licht gegeben wurde, das ihnen ein Verständnis eröffnete für manches, was ihnen in ihren Logen in Bild und Zeichen als traditionsmäßig übernommenes Ritual geboten wurde. Sie fingen an besser zu verstehen, was damit gemeint sein möge. Es gab auch solche, die stark litten unter den Versuchungserscheinungen, in die manche Organisationen geraten waren, zu denen ihr Geschick sie geführt hatte. Sie sahen sich nach Hilfe um. Aus einem solchen Impuls heraus trat die Bitte an Rudolf Steiner heran, den Versuch einer Gründung zu machen, die frei von allem durch die Jahrhunderte angehäuften Wust, die reinen Grundprinzipien des esoterischen Strebens herausarbeiten könne. Die Art, wie das geschah, ergab sich aus den bestehenden Verhältnissen, die eben so stark unbefriedigend waren. Wenn Organisationen versumpfen, so trägt die Unzulänglichkeit der darin wirkenden Menschen die Schuld daran, besonders jener an ihre Spitzen gestellten. Das war in ziemlich abschreckender Weise hier der Fall, und Rudolf Steiner wollte nichts zu tun haben mit Verbänden, die unter solcher Führung standen.
Das war die Bedingung, die er stellte, als er darauf einging, einen historisch dokumentierten Anschluß zu vollziehen, durch welchen er sich verpflichtete, finanzielle Beiträge zu leisten als Gegenleistung für absolute Freiheit und Selbständigkeit in der Gestaltung einer Arbeit, die darauf ausging, allmählich die verdunkelnden Schleier hinweg zu ziehen von den symbolischen Bräuchen, die jetzt von den hellen Bewußtseinskräften erfaßt werden sollten. Dasjenige also, was er durch seine Anthroposophie dauernd tat: in der allmählichen Abstreifung mystischer Umhüllungen und im soliden Aufbau der durch Vernunft zur Weisheit sich steigernden Verstandeskräfte, die Erkenntnispflicht des Gegenwartsmenschen zu vollziehen.
Er tat dadurch etwas, was er der Menschheit gegenüber als seine Pflicht erachtete. Für ihn selbst war es eine neue Belastung, ein dargebrachtes Opfer. Aber jedes Opfer hat ja auch im geistigen Sinne seine positive Wirkung, indem sich neue Erkenntnisquellen dem willig die Last Übernehmenden erschließen. Und vielleicht hätte Rudolf Steiner nicht so manches tief auf Wahrheit begründete warnende Wort vor den Gefahren der heutigen Geheimorganisationen sprechen können, wenn er nicht in sein allgemeines Studium der heutigen sozialen Erscheinungen, wenn auch von ferne, so doch auch dieses einbezogen hätte. Es veranlaßte ihn, noch schärfer, noch deutlicher als vorher zu betonen, daß Geheimbünde heute nicht mehr bestehen könnten, daß der gegenwärtige Entwicklungszustand der Menschheit dies nicht mehr verträgt.
So wie jede Wissenschaft, so verlangt auch die Geisteswissenschaft einen allmählichen Aufbau, eine stufenweise Entwicklung der Verstandeskräfte, um zur Geist-Erkenntnis zu führen. In diesem Sinne kann man nicht dem Anfänger und Neuling zumuten, ein Auffassungsvermögen für die höheren Stufen der Erkenntnis zu haben. Sie müssen sich seinem Bewußtsein allmählich erschließen, wie die höheren Gebiete der Mathematik, die dem Anfänger auch noch ein Geheimnis sind.
Rudolf Steiners Werk ist ein der Menschheit öffentlich übergebenes, das stufenweise zur höheren Erkenntnis führt. Es liegt ausgebreitet vor uns da in seinen Schriften, Vorträgen und künstlerischen Schöpfungen und hat mit Geheimorganisationen nichts zu tun, auch nicht mit maurerischen. Längst sind die Erklärungen, die er für altehrwürdige Zeichen und Symbole gab, überholt von den geistigen Forschungsergebnissen, die er in unzähligen Werken dem menschlichen Verstandesbewußtsein und dem zur Wachheit aufgerufenen, die Wachheit wollenden Ich des Menschen hinterlassen hat.
II
Wer sich die Mühe geben würde, vorurteilslos die Werke Rudolf Steiners zu studieren, der wird bald sehen, daß hier ein Wissen über geistige Dinge sich kundgibt, das wahrhaftig nicht nach andern Quellen zu suchen braucht als denjenigen, die sich dem eignen Innern erschließen. Das Schulund Hochschulwissen wurde von ihm in umfassender Weise assimiliert, das Wissen über die mannigfachen Verhältnisse des Lebens und seiner sozialen Zusammenhänge brachte das wache Auge für die Dinge des Lebens und die vielen Beziehungen, in die ihn das Leben hineinstellte. Sie kamen an ihn heran, er suchte sie nicht, brauchte sie nicht zu suchen, denn er wurde gesucht, weil er mehr zu geben hatte als andere, und weil er mit Liebe gab, niemals mit Überhebung und Zurückhaltung. Was an ihn herantrat, wies er nicht zurück; auch wenn es minderwertig war, «wog er allein das Gute in den Seelen und ließ das Böse seine Sühne finden im Lauf der Weltgerechtigkeit».3 Aber der Wirksamkeit des Bösen gegenüber zog er eine scharfe Grenze und ließ es nicht die Kreise zersetzen, die er zu betreuen hatte.
Aus dieser Seelenhaltung erklärt sich einerseits seine ungeheure Nachsicht und Milde, seine Hilfsbereitschaft und uneingeschränktes Mitleid, und andrerseits seine eiserne Ablehnung aller beharrend schädlichen Elemente.
Mit diesem versuche ich anzudeuten, warum er nicht gleich jeden vor die Tür setzte, der ihm moralisch nicht gefiel, doch soweit es an ihm lag, seinem Einfluß keinen Spielraum gewährte. Im Gegenteil, er suchte auf dem Wege des positiven Wirkens in gute Wege herüberzuleiten das, was auf Abwege geraten war oder zu geraten drohte. Deshalb belastete er sich mit dem Leben der Theosophical Society, und deshalb wies er die ihm auf Grund seines höheren Wissens angetragene Begründung eines selbständigen Zweiges der Hochgradmaurerei nicht zurück. Der Großmeister jenes Ordens machte einen durchaus fatalen Eindruck; mit ihm konnte man nichts anderes zu tun haben als die in jenen Kreisen üblichen Gebühren zahlen. Es war eine kurze Zeremonie, nach welcher die Urkunde ausgestellt wurde, die Rudolf Steiner bei Beginn des Krieges zerriß.
Vielleicht hat ihm dieser nur auf Papier stattgefundene Anschluß doch die Möglichkeit gegeben, innerlich manches besser zu durchschauen, was er dann wiederholt ausgesprochen hat in seinen Vorträgen als Warnung und um die Urteilsbildung in die richtigen Wege zu lenken. Äußerlich hat er nie in irgendeiner Verbindung gestanden zu irgendwelchen Orden; nie hat es eine gemeinsame Sitzung gegeben, nie eine gemeinsame Besprechung. Deshalb ist es eine objektive Unwahrheit, wenn in einem Buche, wie ... von Huber4 und in Hetzschriften niederen Kalibers auf die Verbindung Rudolf Steiners mit der Maurerei in tendenziöser Weise hingewiesen wird. Man zählt all die großartigen Titel auf. Nun gut, die hat er nicht erstrebt, das ist ja Maurersitte, sich mit den supremsten, souveränsten, illustresten usw. Titeln zu bedenken, das gehört zur Tradition, zur Konvention und ist an sich heute drollig, besonders da ja für die meisten nur diese leere Schale übriggeblieben ist. Aber gerade deshalb ist es einem ernsten Menschen und einem Wissenden darum zu tun, den Kern zu retten, der von dieser Schale erdrückt und petrifiziert wird. Es kam Rudolf Steiner nur auf den Kern an. Deshalb war ihm auch höchst gleichgültig, inwieweit die verschiedenen Orden sich anerkannten oder nicht; ob diejenige, die ihm die Urkunde antrug, eine sogenannte Nebenorganisation, Winkelloge war oder nicht. Er wollte mit keiner Organisation etwas zu tun haben. Das war die streng durchgeführte Bedingung, der sich der mit vielen Titeln geschmückte Herr Reuß unterwarf, der durchaus seinem Charakter nach per Distanz und mit gewaschenen Handschuhen behandelt worden ist.
Rudolf Steiner hat vor den andern gewußt, daß die Zeit der mittelalterlichen und modernen Maurerei abgelaufen ist. Er ist mit der Enthüllung okkulter Wahrheiten vor die Welt getreten, weil der Mensch sie braucht, und weil das Wirken im Verborgenen zu Mißständen geführt hat. In den altehrwürdigen Symbolen liegt aber eine Kraft, und man braucht sie nicht wegen der äußeren Dekadenzerscheinungen preiszugeben. Man kann sie zum Beispiel retten und für die Menschheit erhalten durch die Kunst. Das hat Rudolf Steiner getan. In seinen Mysteriendichtungen, in seinem Bau, in manchen Werken seiner Schüler ist diese Metamorphose Leben geworden und so für die Menschheit fruchtbar gemacht. Darin besteht der Ewigkeitswert der Wahrheiten, die gerettet werden müssen aus dem Verfall der äußeren Form. Im Wandel die Kontinuität. Darin liegt die Berechtigung der Handlungsweise Rudolf Steiners, die ihm als Pflicht entgegentrat.
Das Tendenziöse der Lügen, die mit dieser Verleumdungskampagne verbunden sind, liegt klar auf der Hand. Die Maurer mögen einen von ihrem Standpunkt aus berechtigten Grund haben, gegen Dr. Steiner zu kämpfen und haben es auch mit aller Macht getan. Die Umdrehung des Spießes vielleicht haben sie auch dabei ihre Hand im Spiel - ist ein geschicktes Manöver, das mancherlei dunklen Zwecken dienlich sein mag. Wir brauchen das volle Licht in dieser Sache nicht zu scheuen.
III
Wenn jemand zur richtigen Zeit erkannt und ausgesprochen, daß die Zeit für die Freimaurerei vorbei sei, so ist es Rudolf Steiner. Nicht nur besagt dies sein Lebenswerk - die Anthroposophie -, nicht nur spricht er es künstlerisch in seinem Drama aus (die Repräsentanten der okkulten Gesellschaft übergeben ihre Symbole und treten ab),5 sondern in den ersten Tagen, nachdem der Weltkrieg ausgebrochen war, zerriß er die erhaltene Urkunde zum Zeichen und zur Bekräftigung dieser seiner Meinung, daß die Zeiten vorüber seien, in denen die Maurerei noch anerkannt werden könne. Um auch vor seinem Gewissen das Recht zu haben zu solcher Ablehnung, hatte er die Pflicht, der Berührung mit ihr nicht aus dem Wege zu gehen. Und wie kurz ist diese Berührung gewesen - alsbald abgewiesen, als sie sich in ihrer Hohlheit entpuppte. Es sollen mit solchen Aussprüchen nicht die in den Reihen befindlichen schätzenswerten Mitglieder betroffen werden, die - - - [hier bricht der Text ab].
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Erschienen in «Anthroposophie. Zeitschrift für freies Geistesleben», 16. Jg. Buch 3, AprilJuni 1934, Stuttgart, herausgegeben von C.S.Picht. ↩
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Jedem in die freimaurerische Literatur Eindringenden, dem es um Wahrheit zu tun ist, müßte doch auffallen, daß Rudolf Steiner überhaupt nie darin herangezogen wird (von direkten Ablehnungen ganz abgesehen), wie auch seine Schriften in der großen «Bibliographie der freimaurerischen Literatur» von Wolfstieg, 4 Bde. 1911-1926, welche mit 54 320 Nummern die gesamten Bestände der freimaurerischen Logen-Bibliotheken erfaßt hat, nur mit drei Zufallsexemplaren vertreten sind (von über 200 seiner buchförmigen Publikationen!) - Ebenso sollte ein «Sachverständiger» Kenntnis davon haben, wie sehr solche Benennungen wie Misraim, Memphis, O.T.O (Orientalischer Templer-Orden) [vgl. «Einzeine Hinweise» unter «ägyptische Maurerei»] u. dgl., die das erwähnte Dokument aufzählt und die für Rudolf Steiner ihres Wesens beraubte Hüllen waren, längst zu bloßen Namen geworden sind. ↩
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Worte des Großmeisters in Rudolf Steiners zweitem Mysteriendrama «Die Prüfung der Seele» (1911). ↩
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Engelbert Huber «Freimaurerei. Weltmacht hinter den Kulissen», Stuttgart 1934. ↩
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Siehe Rudolf Steiners drittes Mysteriendrama «Der Hüter der Schwelle», 10. Bild (1912). ↩